Das Buch des Propheten Jeremia

Kapitel 12

Ich habe den Liebling meiner Seele dahingegeben

Die Verzweiflung Jeremias

„Du bist gerecht, HERR, wenn ich mit dir hadere; doch über deine Urteile möchte ich mit dir reden: Warum ist der Weg der Gottlosen glücklich, sind sicher alle, die Treulosigkeit üben? Du hast sie gepflanzt, sie haben auch Wurzel geschlagen; sie kommen vorwärts, tragen auch Frucht. Du bist nahe in ihrem Mund, doch fern von ihren Nieren. Du aber, HERR, du kennst mich, du siehst mich und prüfst mein Herz gegen dich. Reiße sie weg wie Schafe zur Schlachtung, und weihe sie für den Tag des Würgens!“ (Jer 12,1–3)

Jeremia erkennt das göttliche Gericht demütig an: „Du bist gerecht“ (V.1). Aber er hat ein starkes Bedürfnis sein Herz vor Gott auszuschütten. Wie Asaph (Ps 73) und Habakuk (Hab 1,13) stellt er sich schmerzliche Fragen und sein Geist ist aufgewühlt angesichts dieses Geheimnisses, welches uns sicher auch schon oft gelähmt hat. „Warum“, fragt er sich, „ja, warum müssen die Gerechten leiden, während es den Bösen wohl geht?“ Jeremia empört sich darüber, dass die Bösen voranschreiten und Frucht von ihren bösen Werken sehen. Und trotzdem sagt er, wenn „du nahe in ihrem Mund bist“ (sie haben ein religiöses Auftreten), bist du „doch fern von ihren Nieren“ (V. 2) 3, wie der Herr in Jes 29,13 sagt: dieses Volk ehrt mich mit den Lippen, „aber ihr Herz ist fern von mir“.

Jeremia bittet Gott gegen seine Verfolger einzuschreiten: „Reiße sie weg wie Schafe zur Schlachtung“ (V.3; siehe auch Jer 17,18; Jer 18,21–23; Jer 20,12). Einige der Psalmen enthalten solche Rufe nach Rache, die das Gebet des jüdischen Überrestes vorbilden, der errettet werden wird, während seine Feinde zerstört werden.

Neue Prüfungen stehen Jeremia kurz bevor

„Wie lange soll das Land trauern und das Kraut des ganzen Feldes welken? Wegen der Bosheit seiner Bewohner sind Vieh und Vögel dahin; denn sie sprechen: Er wird unser Ende nicht sehen. Wenn du mit Fußgängern läufst und sie dich ermüden, wie willst du denn mit Pferden wetteifern? Und wenn du auf ein Land des Friedens dein Vertrauen setzt, wie willst du es denn machen in der Pracht des Jordan? Denn auch deine Brüder und das Haus deines Vaters, auch sie sind treulos gegen dich, auch sie rufen dir nach aus voller Kehle. Glaube ihnen nicht, wenn sie freundlich mit dir reden.“ (Jer 12,4–6)

Der Prophet stellt sich immer noch Fragen. Warum muss auch die Schöpfung leiden „wegen der Bosheit seiner Bewohner“ (V. 4; Röm 8,20–22)? Er muss Geduld lernen und wir mit ihm (Heb 10,36). In seiner Antwort sagt ihm Gott sinngemäß: was du bisher erduldet hast (vonseiten der Fußgänger, die dich ermüdet haben), ist gering angesichts der schweren Prüfungen, die dich erwarten. Wie willst du sie ertragen, wenn du jetzt schon am Ende deiner Kräfte bist?

Die Mitglieder seiner Familie waren ihm bereits hinterhältig begegnet. Sie hatten aus voller Kehle hinter ihm hergerufen und so sollte er ihnen jetzt nicht glauben, selbst wenn sie freundlich mit ihm redeten (V. 6).

Das Erbteil des Herrn ist der Plünderung ausgeliefert

„Ich habe mein Haus verlassen, mein Erbteil verstoßen, ich habe den Liebling meiner Seele in die Hand seiner Feinde gegeben. Mein Erbteil ist mir geworden wie ein Löwe im Wald; es hat seine Stimme gegen mich erhoben, darum habe ich es gehasst. Ist mir mein Erbteil ein bunter Raubvogel, dass Raubvögel rings um es her sind? Auf, versammelt alle Tiere des Feldes, bringt sie zum Fraß herbei! Viele Hirten haben meinen Weinberg verdorben, mein Feldstück zertreten; sie haben mein kostbares Feldstück zur öden Wüste gemacht. Man hat es zur Öde gemacht: Verwüstet trauert es um mich her. Das ganze Land ist verwüstet, weil niemand es zu Herzen nahm. Über alle kahlen Höhen in der Wüste sind Verwüster gekommen; denn ein Schwert von dem HERRN frisst von einem Ende des Landes bis zum anderen Ende des Landes: Kein Friede allem Fleisch! Sie haben Weizen gesät und Dornen geerntet; sie haben sich erschöpft und nichts ausgerichtet. So werdet zuschanden an euren Erträgen vor der Zornglut des HERRN!“ (Jer 12,7–13)

Gott versteht die Verzweiflung seines Dieners, aber wie später Baruch (Jer 45,4.5), zeigt er Jeremia, dass er selbst jetzt sein Haus aufgeben und sein Erbe abtreten muss. Er muss sagen: „Ich habe den Liebling meiner Seele in die Hand seiner Feinde gegeben“ (V. 7). Es handelt sich hier um das schuldige Volk, aber dieser Ausdruck tiefen Schmerzes lässt sich in seiner ganzen Stärke auf den Augenblick anwenden, als Gott seinen vielgeliebten Sohn hingeben musste, damit er all unsere Sünden auf sich nähme (Röm 8,32). Zerstörer sind gekommen, aber sie sind „ein Schwert von dem Herrn“, welches von einem Ende des Landes bis zum anderen frisst (V. 12).

Sicherlich betrübt er die Seinen nicht gerne. Seht mit welchem Nachdruck er von „meinem Erbteil … meinem Weinberg … meinem kostbaren Feldstück“ spricht (V. 9.10).

Die bösen Nachbarn werden bestraft

„So spricht der HERR über alle meine bösen Nachbarn, die das Erbteil antasten, das ich mein Volk Israel habe erben lassen: Siehe, ich werde sie aus ihrem Land herausreißen, und das Haus Juda werde ich aus ihrer Mitte reißen. Und es soll geschehen, nachdem ich sie herausgerissen habe, werde ich mich wieder über sie erbarmen und sie zurückbringen, jeden in sein Erbteil und jeden in sein Land. Und es soll geschehen, wenn sie die Wege meines Volkes wirklich lernen, so dass sie bei meinem Namen schwören: So wahr der HERR lebt! – so wie sie mein Volk gelehrt haben, beim Baal zu schwören –, so sollen sie inmitten meines Volkes aufgebaut werden. Wenn sie aber nicht hören, so werde ich jene Nation ausreißen, ausreißen und vertilgen, spricht der HERR.“ (Jer 12,14–17)

Der Herr ist auch empört, wenn er an die bösen Nachbarn Israels denkt, die sich eifrig bemühen „zum Unglück zu helfen“ (Sach 1,15) und die Freiheit, die Gott ihnen gewährt hat, zu benutzen, um das Erbteil Israels zu plündern. Er wird Gericht gegen sie ausüben, wie es auch mit Juda geschehen ist, als er sie aus ihrem Land ausriss. Gott hat verheißen seinem Volk erneut Barmherzigkeit zu erweisen und unter der herrlichen Regierung des Messias jeden in sein Erbteil zurückzubringen. Wenn diejenigen, die früher Israel zum Götzendienst verführten, sich zu Gott umkehren, um ihm zu gehorchen, dann werden sie den Segen mit dem Volk Gottes teilen und jeder in seinem Land wohnen.

Fußnoten

  • 3 In der Schrift sind „die Nieren“ häufig ein Bild, um das innere Wesen anzuzeigen, welches den Augen der Menschen verborgen ist, aber von Gott erkannt wird. Dort befinden sich die tiefen Beweggründe des Lebens eines Menschen und die Quelle seiner Kraft (Hiob 38,36; Ps 7,9; Ps 16,7; Ps 26,2; Ps 73,21; Jer 17,10; Off 2,23). Im Gegensatz dazu ist der Prophet glücklich zu wissen, dass Gott seine geheimsten Gedanken kennt (siehe auch Ps 139).
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