Der Prophet Jeremia

Kapitel 3: Verfolgung

Der Prophet Jeremia

Zu Josias Lebzeiten genoss Jeremia ein gewisses Maß an Schutz. Selbst wenn das Volk nicht auf sein Predigen hörte, scheint es doch so gewesen zu sein, dass es keinen öffentlichen Widerstand gegen ihn gab. Doch nach Josias Tod änderten sich die Dinge.

Seine Familie (Jer 11,18.19.21; 12,7–11)

Zuerst war sich Jeremia der Feindseligkeit seiner Familie gar nicht bewusst. Doch dann warnt Gott ihn: „Denn auch deine Brüder und das Haus deines Vaters, auch sie sind treulos gegen dich, auch sie rufen dir nach aus voller Kehle. Glaube ihnen nicht, wenn sie freundlich mit dir reden“ (Jer 12,6). Zusammen mit den Bewohnern Anatots trachteten sie nach dem Leben des Propheten und wollten seinem Predigen ein Ende setzen (Jer 11,21). Jeremia wusste nichts von diesen Verschwörungen (Jer 11,19), bis Gott es ihm mitteilte.

Wie schmerzlich ist es, in einer entzweiten Familie leben zu müssen. Der Herr Jesus warnte seine Jünger davor: „Denn ich bin gekommen, den Menschen zu entzweien mit seinem Vater und die Tochter mit ihrer Mutter und die Schwiegertochter mit ihrer Schwiegermutter; und des Menschen Feinde werden seine Hausgenossen sein“ (Mt 10,35.36).

Wie viele Spannungen treten auf, wenn sich ein Familienmitglied zum Herrn wendet und die anderen sich dagegenstellen: fehlendes Verständnis der un gläu bigen Familienmitglieder bis hin zu Feindseligkeiten und in einigen Ländern – je nach vorherrschender Staats religion – sogar Verfolgung. Wie dankbar können wir sein, wenn uns die Gnade zuteilwurde, in einer harmonischen Familie zu leben, in der jeder den Herrn liebt und Ihm dienen möchte. Ein schönes Beispiel wird uns durch „das Haus des Stephanas“ gegeben, „dem Erstling von Achaja“. Von seiner Familie heißt es, „dass sie sich selbst den Heiligen zum Dienst verordnet haben“ (1. Kor 16,15). Sie alle gehörten dem Herrn an, und jeder hatte den Wunsch, ihm zu dienen.

Nachdem Jeremias Verwandte mit der Ausführung ihrer Mordpläne gescheitert sind, zerstören sie sein Erbe und seinen Weinberg. Er wird gezwungen, sein Haus und das kleine Stück Land abzugeben, das er wohl von seinem Vater erhalten hatte. Voller Traurigkeit denkt Jeremia darüber nach, dass sein Weinberg zerstört und sein Anteil zertreten ist (Jer 12,7–11).1 Wir fragen uns vielleicht, ob die Person, auf die angespielt wird, wenn Jeremia von dem „Liebling meiner Seele“ spricht (Jer 12,7), eine verlobte Braut ist, die er aufgeben musste, weil seine ihm feindlich gesinnte Familie sie auf ihre Seite ziehen konnte. Jedenfalls war das Wort des HERRN sehr eindeutig, das ihn ein wenig später erreichte: „Du sollst dir keine Frau nehmen und weder Söhne noch Töchter haben an diesem Ort“ (Jer 16,2).

Einsam geht der Prophet fort, verlässt sein Erbe und seine Hoffnungen und hält trotz allem standhaft daran fest, auch weiterhin die Worte des HERRN zu verkündigen.

Das Volk

Entrüstet über Jeremias Predigt über die Gefäße, die vom Töpfer neu hergestellt werden, heckt das Volk etwas gegen Jeremia aus. Sie beschließen, ihn „mit der Zunge zu schlagen“ und falsche Gerüchte über ihn zu verbreiten. Sie denken, dass niemand mehr auch nur eines von Jeremias Worten ernst nehmen wird, dass sie ihn unschädlich machen können, wenn sie ihn herabsetzen und verleumden. Als David ähnliche Erfahrungen machte, betete er zu Gott: „Verbirg mich vor dem geheimen Rat der Übeltäter, vor der Rotte derer, die Frevel tun, die ihre Zunge geschärft haben wie ein Schwert, ihren Pfeil angelegt, bitteres Wort, um im Versteck auf den Unsträflichen zu schießen“ (Ps 64,4.5). Auch in Hiob 5,21 wird die „Geißel der Zunge“ erwähnt.

Das erinnert an die Worte des Apostels Petrus: Bevor er die Heiligen ermahnt, ihre heilige Priesterschaft auszuüben, indem sie sich nahe beim Herrn aufhalten und geistliche Opfer bringen, spornt er sie an, „alles üble Nachreden“ abzulegen (1. Pet 2,1). Wie viel Schaden wurde unter dem Volk Gottes schon durch das Verbreiten von Gerüchten angerichtet, die vielleicht Wahrheit enthielten, aber andere herabsetzten und verächtlich machten, bloß um zu verbergen, dass man selbst besser dastehen wollte. Und was sollen wir über Verleumdungen sagen, die sich gegen Diener Gottes richten und ihren Dienst am Evangelium oder zur Auferbauung der Gläubigen stören sowie ihre Botschaft in Verruf bringen? Sogar Paulus machte diese traurige Erfahrung, besonders in Korinth und in Galatien. Und wurde nicht der Herr Jesus selbst von falschen Zeugen und durch die Pharisäer beschuldigt, die behaupteten, dass Er die Dämonen nur durch den Obersten der Dämonen austreibe? Was für eine schmerzliche Erfahrung für Diener Gottes, die auf solche Art angegriffen werden; aber auch was für eine schwere Verantwortung für solche, die „mit der Zunge schlagen“!

Jeremia trat vor Gott, um Gutes über sein Volk zu reden und so den Grimm des HERRN von ihnen abzuwenden (Jer 18,20). Mit Verleumdung und übler Nach rede konfrontiert, fleht der Prophet zu Gott: „Höre du, HERR, auf mich, und höre die Stimme meiner Gegner!“ (Jer 18,19).

Paschchur (Jer 20,1–3)

Auf dem Rückweg vom Tal des Sohnes Hinnoms, wo er vor den Augen der Ältesten und Priester den irdenen Krug zerbrochen hatte, steht Jeremia wieder im Vorhof des Tempels und warnt das Volk vor dem kommenden Gericht. Als Paschchur, ein Priester und Oberaufseher im Haus des HERRN, ihn diese Dinge vorhersagen hört, schlägt er Jeremia und legt ihn in den Stock im oberen Tor Benjamins. Der Stock war ein Folterinstrument – und Jeremia musste ihn den Rest des Tages und die folgende Nacht erdulden. Dies waren Stunden körperlicher und psychischer Leiden. Ihre Auswirkung auf seine Seele finden wir in Kapitel 20,10–18 ausgedrückt.

Wie viele Gläubige wurden durch die Jahrhunderte hindurch der Folter ausgesetzt! Stephanus wurde in Jerusalem gesteinigt, Paulus und Silas wurden in Philippi geschlagen und ins Gefängnis geworfen. In den ersten Jahrhunderten der Kirche gab es viele Märtyrer. Denken wir auch an die Hugenotten und andere zur Zeit der Reformation. Und wie viele Kinder Gottes werden heute in verschiedenen Ländern verfolgt! Wie wir in Hebräer 11,33–38 lesen, wurden einige befreit und entgingen der Schärfe des Schwertes, andere wurden gefoltert, standen vor Gericht, wurden geschlachtet oder irrten umher. Die Vorsehung Gottes erlaubt es, dass Johannes der Täufer im Gefängnis umkommt, wohingegen Petrus gerettet wird. Zu Smyrna wird gesagt: „Sei getreu bis zum Tod, und ich werde dir die Krone des Lebens geben.“ Und Philadelphia vernimmt die Worte: „Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird“ (Off 2,10; 3,10).

Es ist auffällig, das das Neue Testament nichts über gewaltsame Tode von Dienern Gottes berichtet, mit Ausnahme von Stephanus in Apostelgeschichte 7 und mehr beiläufig über Jakobus (Apg 12,2). Dadurch ragen der Tod, die Leiden und das Verlassensein des Herrn Jesus besonders hervor, damit Er die Aufmerksamkeit unserer Herzen empfängt.

Priester und Fürsten (Jer 26,7–16.24)

Die Jahre sind vergangen, Josia ist tot, die kurze Regie rungszeit Joahas ist vorbei und Jojakim hat soeben den Thron bestiegen. Wieder einmal prophezeit Jeremia „im Vorhof des Hauses des HERRN“. Als die Priester, die Propheten und das Volk ihm dort zuhören, hetzen sie die Menge gegen ihn auf, ergreifen ihn und sagen: „Du musst gewiss sterben!“ (Jer 26,8). Durch den Aufruhr ange lockt, nähern sich die Fürsten Judas dem Haus des HERRN und hören die entschlossene Forderung der Priester und Propheten: „Diesem Mann gebührt die Todes strafe!“

Die Fürsten geben Jeremia Gelegenheit, sich zu äußern. Er erinnert sie daran, wie er Gottes ausdrück lichem Befehl gefolgt ist, „gegen dieses Haus und gegen diese Stadt“ zu weissagen. Dann wiederholt er seine Ermahnung: „Und nun macht eure Wege und eure Handlungen gut, und hört auf die Stimme des HERRN, eures Gottes“ (Jer 26,13). Wenn sie zu Ihm umkehrten, würde Er sich bestimmt des Übels gereuen lassen, das Er gegen sie angekündigt hatte. „Ich aber, siehe, ich bin in eurer Hand; tut mir, wie es gut und wie es recht ist in euren Augen. Doch wisst bestimmt, dass ihr, wenn ihr mich tötet, unschuldiges Blut auf euch … bringen werdet „ (Jer 26,14.15).

Die Fürsten hören Jeremia zu und erklären den Pries tern: „Diesem Mann gebührt nicht die Todesstrafe“ (Jer 26,16). Einige der Ältesten des Landes erinnern sich an Michas Prophezeiung zur Zeit Hiskias. Damals hatte der König erfahren, dass das Gericht ausgesetzt wurde. Achikam, der Sohn Schaphans (des Schreibers, der zusammen mit Hilkija das Buch des Gesetzes entdeckte), tritt für Jeremia ein, damit der Prophet nicht in die Hand des Volkes gegeben wird, um getötet zu werden (Jer 26,24). Dieses Mal wird Jeremia gerettet.

Befehlshaber und Fürsten (Jer 37,11–21)

Einige Jahre später, während einer kurzen Unter brechung der Belagerung Jerusalems, nutzt Jeremia die Gelegenheit, die Stadt zu verlassen, um sich Verpflegung im Land Benjamin zu besorgen. Als er das Stadttor passiert, nimmt ihn ein Befehlshaber der Wache fest und beschuldigt ihn, er wolle zu den Chaldäern überlaufen. Jeremia protestiert umsonst gegen diese falsche Anschuldigung; Jerija bringt ihn zu den Fürsten. Diese werden sehr zornig, sie schlagen den Propheten und werfen ihn in den Kerker, wo er viele Tage festgehalten wird. Dieses Mal befreit ihn keiner.

Wir wissen nicht, wie lange Jeremia im Kerker bleiben muss, bevor König Zedekia ihn holen lässt, um ihn heimlich zu fragen, ob es ein Wort des HERRN für ihn gibt. Der ängstliche König hofft, ein Wort der Erleichterung zu hören. Jeremia weiß genau: Ein einziges Wort des Königs kann ihn, der so sehr leiden muss, befreien – oder ihn im Gegenteil wieder zurück in den Kerker bringen. Was soll er antworten? Er sagt: „Es ist eins da“ (Jer 37,17). Wieder tritt eine kurze Pause ein, und man kann erahnen, mit welchem Blick voller Mitgefühl Jeremia den jungen König ansieht. Doch zugleich ist der Prophet sich seines Auftrags bewusst, die Botschaft des HERRN treu zu verkünden, so dass er spricht: „Du wirst in die Hand des Königs von Babel gegeben werden!“

Trotz dieser Nachricht entspricht Zedekia der Bitte Jeremias und schickt ihn nicht wieder zurück in den Kerker, sondern ordnet an, dass er in den Gefängnishof gebracht wird: „Und man gab ihm täglich einen Laib Brot aus der Bäckerstraße, bis alles Brot in der Stadt aufgezehrt war“ (Jer 37,21).

Verantwortliche Männer – Fürsten (Jer 38,1–6)

Trotz allem verkündet Jeremia weiterhin das Wort des HERRN. Doch er drängt das Volk nicht länger dazu, ihre Wege gut zu machen und ihre Schuld zu bekennen, damit das Gericht vorübergehe. Denn nun ist die Zeit der Züchtigung gekommen. Nebukadnezar belagert bereits die Stadt. Darum lautet die Botschaft Gottes, das Gericht aus seiner Hand anzunehmen und sich den Chaldäern zu ergeben. Einige Männer, deren Namen in Kapitel 38,1 aufgeführt werden, hören die Worte Jeremias und treten in Übereinstimmung mit den Fürsten vor den König mit den Worten: „Möge doch dieser Mann getötet werden“ (Jer 38,4). In ihren Augen ist Jeremia nichts anderes als ein Verräter – ein Verbündeter Nebu kadnezars. Der charakter schwache Zedekia über liefert den Propheten in ihre Hände, obwohl er weiß, dass er vor ihnen machtlos ist. Die Männer packen Jeremia und werfen ihn in die Grube des Gefängnishofes. „Und in der Grube war kein Wasser, sondern Schlamm, und Jeremia sank in den Schlamm“ (Jer 38,6).

In den Klageliedern beschreibt der Prophet die Leiden seiner Seele in dieser schrecklichen Situation: „Sie haben mein Leben in die Grube hinein vernichtet und Steine auf mich geworfen. Wasser strömten über mein Haupt; ich sprach: Ich bin abgeschnitten!“ (Klgl 3,53.54).

Er fühlt, dass er umkommt und schreit zu Gott: „HERR, ich habe deinen Namen angerufen aus der tiefsten Grube. Du hast meine Stimme gehört; verbirg dein Ohr nicht vor meinem Seufzen, meinem Schreien! Du hast dich genaht an dem Tag, als ich dich anrief; du sprachst: Fürchte dich nicht! Herr, du hast die Rechtssachen meiner Seele geführt, hast mein Leben erlöst“ (V. 55–58). Als Antwort auf das brennende Flehen seines Dieners beauftragt Gott Ebedmelech, einen äthiopischen Eunuchen aus dem Königshaus, Jeremia aus seiner misslichen Lage zu befreien. Dieser Mann nimmt es auf sich, zum König zu gehen, um sich für Jeremia zu verwenden. Tatsächlich bekommt er die Erlaubnis, den Propheten zu retten. Der König stellt Ebedmelech dreißig Männer zur Verfügung, die ihm helfen sollen. Er nimmt voller Achtsamkeit zer rissene Lappen und abgetragene Lumpen mit und fordert Jeremia auf, diese als Polsterung unter die Stricke zu legen. „Und sie zogen Jeremia an den Stricken empor und holten ihn aus der Grube herauf“ (Jer 38,13).

Ein weiteres Mal rettet Gott seinen Diener. Vor dem Ende der Belagerung, während Jeremia noch im Gefängnishof eingesperrt ist, empfängt er ein beson deres Wort Gottes für Ebedmelech. Der Äthiopier wird an dem Tag, an dem die Stadt eingenommen wird, errettet werden; er wird nicht in die Hand der Männer überliefert werden, vor denen er sich fürchtet; er wird seine „Seele zur Beute haben“, weil er auf den HERRN vertraut hat (Jer 39,15–18). – Gott versäumt es nicht, auch die Werkzeuge zu belohnen, die Er zugunsten seiner Diener gebraucht (Mt 25,34–40).

Zum Nachdenken

1

  • Beschreibe kurz die Verfolgung, die Jeremia von seiner eigenen Familie zu erleiden hatte.
  • Wie reagierte er darauf?
  • Wie sollten wir reagieren, wenn uns die, die uns sehr nahe stehen, des Herrn wegen ablehnen?

2

  • Auf welcherlei Arten hatte Jeremia durch die Hand des Volkes, der Priester, der Fürsten und anderer zu leiden? Zähle auf!
  • Wie weisen diese Leiden auf die Leiden des Christus hin?

3

  • Wer erwies Jeremia Freundlichkeit und half ihm in all seinem Elend?
  • Denke an einige Leute, die du kennst, und an Situationen, die dir begegnen, in denen du dem guten Beispiel dieser Männer folgen könntest.

Fußnoten

  • 1 Diese Verse haben, wie viele andere auch, eine prophetische Bedeutung in Bezug auf Gottes Gericht an seinem Volk, das sein Erbteil ist
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