Der neue und lebendige Weg in das Heiligtum
Kommentar zum Hebräer-Brief

Kapitel 11

Der neue und lebendige Weg in das Heiligtum

„Der Glaube aber ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht. Denn in diesem haben die Alten Zeugnis erlangt“ (11,1.2).

Wir finden in diesen Versen keine vollständige Definition des Glaubens, sondern einen seiner Wesenszüge: einen Hinweis auf seine Kraft und seine Wirkung, denn er ist wirksam und tatkräftig in der Seele des Gerechten. Er macht die Zukunft gegenwärtig und das Unsichtbare sichtbar. Genau das ist die Kraft des Glaubens. Er ist eine Verwirklichung von Dingen, die man hofft, als wenn man sie schon in Händen hielte. Das gläubige Herz lebt in der Gewissheit ihrer Wirklichkeit. Der Glaube sieht das Verborgene. Er gibt uns bezüglich des Unsichtbaren dieselbe Gewissheit, die wir sonst für die sichtbaren Dinge haben. Der Glaube zeigt uns die Substanz von Dingen, die noch nicht in Erscheinung getreten sind.

Die Aussage, dass „der Gerechte aus Glauben lebt“, wird in diesem Kapitel durch Beispiele untermauert, die aus dem ganzen Zeitabschnitt des Alten Testamentes herausgenommen sind. Das letzte Beispiel ist Christus, der Anfänger und Vollender des Glaubens (Kap. 12).

Die Alten haben also durch Glauben Zeugnis erlangt, dass sie Gottes Wohlgefallen hatten. Die gläubigen Hebräer hatten größte Mühe, sich von den sichtbaren Dingen einer Religion zu lösen, die sich an das Fleisch gerichtet hat. Es war für sie nur schwer zu begreifen, dass sie auf der Erde als Fremdlinge vorangehen sollten, indem sie die Blicke des Glaubens auf himmlische und unsichtbare Dinge und auf die Person Christi in der Herrlichkeit richten. Deshalb wird ihnen in diesem Kapitel gezeigt, dass dieses Leben des Glaubens, zu dem sie berufen worden waren, und das Verhalten, in dem es sich offenbart, keineswegs etwas Neues waren, sondern von Anfang an das Leben und das Verhalten aller Gerechten kennzeichneten.

Am Ende von Römer 3 sagt der Apostel: „Wir urteilen, dass ein Mensch durch Glauben gerechtfertigt wird“, und zeigt dann in Römer 4 an den Beispielen Abrahams und Davids, dass die Rechtfertigung aus Glauben nichts Neues war. Hier im Hebräerbrief sehen wir etwas Ähnliches. Das zehnte Kapitel schließt mit der Erklärung, dass das Leben des Christen ein Leben des Glaubens sei, und das elfte Kapitel beweist anhand von vielen Beispielen, dass dies immer das Leben der Gerechten charakterisiert hatte.

„Durch Glauben verstehen wir, dass die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind, so dass das, was man sieht, nicht aus Erscheinendem geworden ist“ (11,3).

Die ersten sieben Verse gehören zusammen und enthalten mehrere wichtige Wahrheiten. Zuerst wird die Schöpfung erwähnt. Es ist wohl beachtenswert, dass die Schöpfung des Universums die erste Tatsache ist, mit welcher der Glaube verbunden wird. Die Schöpfung ist die erste Kundgebung des unendlichen und allmächtigen Gottes im Bereich des Endlichen, im „Gemachten“. Wie kann man sie denn begreifen? Der gebildete wie auch der ungebildete Mensch werden nie verstehen, dass das Sichtbare nicht aus Erscheinendem, d. h. aus Dingen hervorgegangen ist, die mit den Sinnen wahrgenommen werden können, dass also das Universum aus dem Unsichtbaren hervorgegangen sein soll. In ihren Verstandesüberlegungen schließen sie vom Bestehenden auf die Ursache. Sie gelangen daher nie zur großen Grundursache, sondern kommen zum Schluss, dass die Welt immer bestanden habe. Der Gläubige aber stützt sich auf die Offenbarung Gottes: „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.“ Er erfasst und erkennt an, „dass die Welten“, also das ganze Universum, „durch Gottes Wort bereitet worden sind“. Der Glaube erfasst diese allmächtige Handlung des schöpferischen Wortes. Alles erscheint ihm einfach und leicht, weil er Gott hineinbringt.

In diesem Glauben an den Schöpfer-Gott haben wir gewissermaßen die Grundlage für das, was nun folgt, denn dieses Wunder ist für den Glauben etwas Großes, es überragt alle anderen Wunder. Es ist eine großartige Handlung der Allmacht, die alle Dinge aus dem Nichts hervorbringt. Dieses erste Beispiel ist nicht nur der Glaube an einen Schöpfer-Gott, sondern der Glaube an die Allmacht seines Wortes.

„Durch Glauben brachte Abel Gott ein vorzüglicheres Opfer dar als Kain, durch das er Zeugnis erlangte, dass er gerecht war, wobei Gott Zeugnis gab zu seinen Gaben; und durch diesen redet er noch, obgleich er gestorben ist“ (11,4).

Wir sehen dann im Beispiel Abels eine Seele, die Gott durch den Glauben naht. Die Sünde war dazwischengetreten. Aber wie konnte der Mensch Gott nahen? Auf Grund der Ereignisse im Garten Eden, aus welchem seine Eltern vertrieben worden waren, vielleicht auch durch die Kleider aus Fell, womit Gott sie bekleidet hatte, begriff Abel, dass zwischen ihn und Gott ein Opfer gestellt werden, und dass der Tod, das Gericht über die Sünde, eintreten musste, damit er vor Gott Gnade finden konnte. Durch Glauben an die Wahrheit der göttlichen Notwendigkeit, die Sünde zu richten, nahte er daher Gott mit einem Opfer, das Ihm wohlgefällig war. Und mit dem Opfer nahm Gott auch den an, der geopfert hatte. Durch diesen Glauben empfing Abel das Zeugnis, gerecht zu sein, im Besitz einer Gerechtigkeit, die gottgemäß ist. Gott gab Zeugnis zu seinen Gaben, sie waren Ihm wohlgefällig, und mit dem Opfer war auch Abel als Person angenommen.

So ist es auch mit uns. Das Opfer Abels war ein Vorbild auf das Opfer Christi, des Lammes ohne Fehl und Flecken. Dieses Opfer, die Hingabe Jesu, der sich Gott ohne Flecken geopfert hat, wurde von Gott angenommen. Durch den Glauben an den Herrn Jesus nahen wir Gott und sind von Ihm angenommen, so wie der Herr Jesus selbst es auch ist.

Abel, obwohl er inzwischen gestorben ist, redet noch immer. Sein Glaube redet, sein Opfer redet, sogar sein Tod redet. Das Beispiel seines Glaubens, das in den ersten Seiten der Heiligen Schrift enthalten ist, hat geredet und wird bis zum Ende reden.

„Durch Glauben wurde Henoch entrückt, damit er den Tod nicht sehe, und er wurde nicht gefunden, weil Gott ihn entrückt hatte; denn vor der Entrückung hat er das Zeugnis gehabt, dass er Gott wohlgefallen habe. Ohne Glauben aber ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen; denn wer Gott naht, muss glauben, dass er ist und denen, die ihn suchen, ein Belohner ist“ (11,5.6).

Nach Abel folgt Henoch in der Reihe der Zeugen des Glaubens. Er lebte dreihundert Jahre durch Glauben mit Gott als ein himmlischer Mensch auf der Erde. Er ging durch eine Welt der Gottlosigkeit, der er das Gericht ankündigte (1. Mo 5,22; Jud 14.15). Dieses himmlische Leben, die Frucht des Glaubens, der die Existenz und die Gegenwart Gottes verwirklicht, führt in seiner Kraft und durch die Gnade Gottes Henoch nicht durch den Tod sondern zu einem besonderen Lebensabschluss: Er wird aus dieser Welt hinweggenommen, ohne dass er den Tod sehen muss. Es wird ihm erspart, das über den sündigen Menschen ausgesprochene Todesurteil zu erleiden. Er hat das Leben Gottes gelebt und hat mit Ihm gelebt. Nun geht er zu Gott, in der Kraft des Lebens Gottes, das über den Tod erhaben ist. Die Schrift schreibt seine Entrückung seinem Glauben zu: „Durch Glauben ward Henoch entrückt, damit er den Tod nicht sehen sollte.“ Der Heilige Geist bringt also den Lebenswandel mit Gott durch den Glauben in Zusammenhang mit dem Ausgang eines solchen Lebens. Der Ausgang ist das Ergebnis des Glaubens, der diesen Lebenswandel der innigen Gemeinschaft mit Gott bewirkt hat.

Henoch hat „das Zeugnis gehabt, dass er Gott Wohlgefallen habe“; er lebte in diesem Bewusstsein, also im Genuss seiner Gemeinschaft mit Ihm. Die gottlosen Menschen, in deren Mitte er sich befand, waren zweifellos anderer Meinung. Für Gott war er wohlgefällig, aber den Menschen missfiel er. Aber was hatte dies zu bedeuten? Gott wohlzugefallen ist weit besser! Von Gott abhängig sein, von Herzen und völlig Ihm vertrauen, das ist es, was Ihn ehrt und auf diese Weise ist man Ihm angenehm. Denn „ohne Glauben ist es unmöglich, ihm wohlzugefallen“. Durch Glauben also lebt man in Gemeinschaft mit Gott. Man gefällt Ihm und findet darüber hinaus in Ihm Belohnung.

Um Gott zu nahen, ist es nötig zu glauben, dass Er ist. Damit ist nicht nur eine verstandesmäßige Überzeugung gemeint. Das Herz muss den lebendigen und wahren Gott erfassen, den Gott der Liebe, der sich für uns interessiert und der jedem, der Ihn sucht, Belohnung gibt. Das ist eine Glückseligkeit, die aus seiner Zustimmung hervorgeht.

„Durch Glauben bereitete Noah, als er einen göttlichen Ausspruch über das, was noch nicht zu sehen war, empfangen hatte, von Furcht bewegt, eine Arche zur Rettung seines Hauses, durch die er die Welt verurteilte und Erbe der Gerechtigkeit wurde, die nach dem Glauben ist“ (11,7).

Noah, der dritte vom Heiligen Geist ausgewählte Zeuge vor der Sintflut, wird uns als weiteres Beispiel des Glaubens vorgestellt. Inmitten einer Welt, die sich in Sicherheit wähnt und ihren Geschäften und ihren Vergnügungen nachgeht (Lk 17,26.27), glaubt Noah, „als er einen göttlichen Ausspruch über das, was noch nicht zu sehen war, empfangen hatte“, dem Worte Gottes, welches das Gericht und die Vernichtung der sündigen Menschen ankündigt (1. Mo 6,13). Sein Glaube erfasst, was noch nicht zu sehen war: die Gerichte Gottes, die einen Einfluss auf sein Gewissen haben. Gleichzeitig glaubt er, dass er durch das Mittel, das Gott ihm anbietet, der Vernichtung entgehen werde. Er baut trotz des Spottes die Arche. Aber sein Glaube harrt aus während der 120 Jahre der Langmut Gottes, ohne zu ermatten. Indem er so handelte, errettete er einerseits sich selbst und sein Haus, anderseits aber verurteilte er dadurch die Welt. Er war ein Prediger der Gerechtigkeit (2. Pet 2,5), der Gerechtigkeit Gottes gegen die Welt. Er selbst aber wurde ein Erbe der Gerechtigkeit, die nach dem Glauben ist. Er glaubte Gott, wie Abraham, und dies wurde ihm zur Gerechtigkeit gerechnet (Röm 4,3). Die Gerechtigkeit Gottes machte aus ihm einen Erben der neuen Welt, nachdem er durch Gnade vom Gericht, das der alten Welt ein Ende bereitete, verschont wurde.

Zusammenfassend finden wir also in den sieben ersten Versen als Gegenstände und Ergebnisse des Glaubens: erstens die Schöpfung; dann, nach dem Sündenfall des Menschen, in einem Bild, die Erlösung. Darauf als Frucht dieser Erlösung einen himmlischen Wandel, der zum Himmel führt, und schließlich ein auffallendes Zeugnis gegenüber der Welt, die dem Gericht entgegengeht.

Diese sieben Verse reden auch vom Glauben an das Wort Gottes, vom Glauben an das sühnende Opfer, vom Glauben in der Gemeinschaft mit Gott, der ein Belohner derer ist, die Ihn suchen, und vom Glauben, der zu einem Zeugnis von der Gerechtigkeit Gottes gegen eine schuldige Welt führt.

Man kann auch sagen: Abel ist ein Beispiel des Gläubigen, der durch das Opfer Christi erlöst ist, Henoch, das Bild des Gläubigen, der, in dieser Weise erlöst, das Leben Gottes in der Welt lebt und in die Herrlichkeit entrückt wird, bevor das Gericht eintrifft. In Noah sehen wir dann das Bild des jüdischen Überrestes der letzten Tage, der durch die Gerichte hindurchgehen muss, aber von Gott darin bewahrt wird und so zum Tausendjährigen Reich gelangt.

„Durch Glauben war Abraham, als er gerufen wurde, gehorsam, auszuziehen an den Ort, den er zum Erbteil empfangen sollte; und er zog aus, ohne zu wissen, wohin er komme. Durch Glauben hielt er sich in dem Land der Verheißung auf wie in einem fremden und wohnte in Zelten mit Isaak und Jakob, den Miterben derselben Verheißung; …“ (11,8.9).

Nachdem unser Kapitel bis jetzt den Glauben gezeigt hat, der sowohl die Existenz eines Schöpfer-Gottes erkennt und erfasst, als auch die bleibenden Grundsätze der Beziehungen Gottes zu den Menschen auslebt, werden uns jetzt einige Beispiele vorgestellt, die den Glauben als Grundsatz des Gehorsams, des Vertrauens, der Geduld und der Tatkraft zeigen. Beachten wir, dass der Heilige Geist hier von den Zeugen nichts anderes erwähnt als nur die Handlungen des Glaubens. Er erinnert nicht an ihre Schwachheiten, ihre Fehler oder den Mangel an Glauben, den sie in andren Lebenssituationen möglicherweise gezeigt haben.

Aber während uns der Geist Gottes diese Beispiele des Glaubens vorstellt, erklärt er sie gleichzeitig und zeigt die inneren Beweggründe, über die das Alte Testament schweigt. Er legt nicht nur die Weise dar, in der ihr Glaube instinktiv in die unsichtbaren und kommenden Dinge eindrang, sondern verknüpft damit Gegenstände, die ihnen damals in ihren eigenen Seelen noch wenig klar und verständlich sein mochten.

Als erstes finden wir das Beispiel Abrahams, des Vaters der Gläubigen. Durch Glauben ergriff auch er die unsichtbaren und kommenden Dinge. Er gehorchte dem göttlichen Ruf, ohne dass er etwas über die Lage und die Natur des Landes gewusst hätte. Gott sandte ihn ohne diese Informationen in das Land, um es zu besitzen: „Er zog aus, ohne zu wissen, wohin er komme.“ Beachten wir, dass der Glaube immer Gehorsam, einen unbedingten Gehorsam hervorbringt, und zwar ohne Einwände der Vernunft. Im Land angelangt, das er als Erbteil empfangen sollte, teilte ihm Gott mit, dass Er dieses Land seinen Nachkommen geben werde (1. Mo 12,7). Ihm selbst gab Gott auch nicht einen fußbreit Boden darin (Apg 7,5). Sogar das Grundstück, in dem er Sara begraben wollte, musste er kaufen (1. Mo 23). Das Land war also ein „Land der Verheißung“, und Abraham, der diese Verheißung ergriff, lebte darin wie in einem fremden Land und wohnte als Fremdling und Pilger in Zelten, mit Isaak und Jakob, den Miterben dieser Verheißung, die Gott ihnen erneuerte (1. Mo 26,3; 28,13.14).

„… denn er erwartete die Stadt, die Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“ (11,10).

Abraham erwartete „die Stadt, welche Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist“. Da er auf der Erde, mit Ausnahme der Verheißung für seinen Samen, nichts empfangen hatte, erhob sich der Glaube Abrahams, der unerschütterlich mit Gott rechnete, zu den vorzüglicheren, zu den geistlichen, himmlischen und bleibenden Dingen, die kommen sollten. Dort werden es nicht mehr schwache Pilgerzelte sein, sondern eine Stadt, deren Grundlagen Gott selbst gelegt hat. Er selbst bereitete sie für diese Männer des Glaubens, Er ist der Baumeister, denn Er hat die Pläne nach seinen Ratschlüssen entworfen. Er ist ihr Schöpfer, denn Er selbst hat sie aufgerichtet, damit sie unerschütterlich bestehen bleiben. Was für eine Belohnung des Glaubens! Welche Sicherheit! Wie übersteigt doch das, was Gott für die Seinen bereitet, alle ihre Vorstellung! Der Glaube stützt sich auf Gottes mächtige Gnade und wartet mit Vertrauen auf das, was Er für seine Geliebten im Himmel aufgerichtet hat.

„Durch Glauben empfing auch selbst Sara Kraft, einen Samen zu gründen, und zwar über die geeignete Zeit des Alters hinaus, weil sie den für treu erachtete, der die Verheißung gegeben hatte.  Deshalb sind auch von einem, und zwar Erstorbenen, geboren worden wie die Sterne des Himmels an Menge und wie der Sand am Ufer des Meeres, der unzählig ist“ (11,11.12).

Das Beispiel Saras ist sehr auffallend. Wir wissen aus 1. Mose 18,10–15, dass sie gegenüber der Verheißung zuerst Unglauben zeigte. Nachher aber triumphierte der Glaube in ihr über die Zweifel. Sie erkannte, dass die Verheißung wirklich von Gott kam, und dieser Glaube wurde in ihr, die unfruchtbar war, und auch zu alt, um Kinder zu gebären, die Quelle der Kraft, um einen Samen zu gründen: „Sie achtete den für treu, der die Verheißung gegeben hatte.“ So wird der Glaube an den, der treu ist, auch in uns das Geheimnis der Kraft sein, um das zu überwinden, was für den Menschen unüberwindlich ist. Denn „bei Gott wird kein Ding unmöglich sein“ (Lk 1,37).

Der zwölfte Vers zeigt, welche Folgen sich daraus für Sarah und Abraham ergaben. Aus einem unfruchtbaren Leib, der die geeignete Zeit des Alters überschritten hatte und aus einem durch das Alter abgestorbenen Mann ging ein Geschlecht hervor, das an Zahl den Sternen des Himmels und den Sandkörnern am Ufer des Meeres vergleichbar war. Die Verheißung Gottes, die wir in 1. Mose 13,16 und 1. Mose 15,5 finden, und die nach der Opferung Isaaks, dem höchsten Beweis des Glaubens Abrahams, bestätigt worden ist (1. Mo 22,17), hat sich erfüllt. Gott ist treu (vgl. Röm 4,18–22).

„Diese alle sind im Glauben gestorben und haben die Verheißungen nicht empfangen, sondern sahen sie von fern und begrüßten sie und bekannten, dass sie Fremde und ohne Bürgerrecht auf der Erde seien. Denn die, die solches sagen, zeigen deutlich, dass sie ein Vaterland suchen. Und wenn sie an jenes gedacht hätten, von dem sie ausgegangen waren, so hätten sie Zeit gehabt, zurückzukehren. Jetzt aber trachten sie nach einem besseren, das ist himmlischen. Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott genannt zu werden, denn er hat ihnen eine Stadt bereitet“ (11,13–16).

Diese Verse beschreiben den allgemeinen Wesenszug des Glaubens Abrahams, Saras, Isaaks und Jakobs. Es war ein Glaube, der diejenigen im Land der Verheißung zu Fremdlingen machte, die ohne Bürgerrecht waren. Sie selbst bekannten sich zur Fremdlingschaft (1. Mo 23,4; 47,9). Auch David betrachtete sich als Fremdling (1. Chr 29,15), und wir wissen, dass dies auch der Charakter des Christen ist (1. Pet 2,11).

Diese Patriarchen sind im Glauben an die verheißenen Dinge gestorben, ohne sie gesehen zu haben. „Sie begrüßten sie“, wie Seefahrer, die zum ersehnten Ufer hin segeln, das sie von fern entdecken. Abraham „frohlockte, dass er meinen Tag sehen sollte“, sagt der Herr (Joh 8,56). Losgelöst von den Dingen der Erde und bekennend, hier auf der Erde Fremdlinge und Pilger zu sein, redeten und handelten diese Männer Gottes in einer Weise, die klar zeigte, dass sie Bürger eines anderen Vaterlandes waren. Sie waren nicht in dem Land heimisch, in dem sie ihre Zelte aufrichteten oder von dem sie ausgezogen waren. Sie suchten ein besseres Vaterland, außerhalb dieser Welt, ein himmlisches. Sollte dies nicht auch uns kennzeichnen, die wir ein noch klareres Bewusstsein unserer himmlischen Berufung haben (Heb 3,1; Phil 3,20)?

Und da sie im Glauben an Gott lebten und das vor Augen hatten, was Gott ihnen jenseits des Todes gegeben und was Er außerhalb dieser Erde bereitet hatte, ehrten sie Gott mit höchsten Ehren. Gott schämt sich ihrer nicht und nennt sich sogar ihr Gott: „Ich bin der Gott Abrahams, deines Vaters“, sagt Er zu Isaak, und zu Jakob: „Ich bin der HERR, der Gott Abrahams, deines Vaters, und der Gott Isaaks.“ Er erinnert auch Mose daran: „Also sollst du zu den Kindern Israels sagen: Der HERR, der Gott eurer Väter, der Gott Abrahams, der Gott Isaaks und der Gott Jakobs, hat mich zu euch gesandt“ (1. Mo 26,24; 28,13; 2. Mo 3,6.15). Und da Er ihr Gott ist, hat Er ihnen eine Stadt bereitet, wo Er mit ihnen sein wird als ihr Gott, immer derselbe. Welche Belohnung war doch an ihren Glauben geknüpft! Aus dieser Tatsache hat Jesus den so bemerkenswerten Schluss bezüglich der Auferstehung gezogen. Diese Patriarchen, tot für das Leben in dieser Welt, leben für Gott, ihren Gott, in Erwartung der glückseligen Auferstehung, des Augenblicks, wo sich für sie die Verheißungen völlig erfüllen werden (Lk 20,37.38). Dieser Gott, der Gott des Herrn Jesus Christus, ist auch unser Gott. Denken wir auch daran, was über den Überwinder gesagt wird (Joh 20,17; Off 3,12).

„Durch Glauben hat Abraham, als er geprüft wurde, Isaak geopfert, und der, der die Verheißungen empfangen hatte, brachte den Eingeborenen dar, über den gesagt worden war: ‚In Isaak wird dir eine Nachkommenschaft genannt werden’; wobei er urteilte, dass Gott auch aus den Toten aufzuerwecken vermag, von woher er ihn auch im Gleichnis empfing“ (11,17–19). 

In den Versen 17–22 wird das unbedingte Vertrauen in die Macht und Treue Gottes in der Erfüllung seiner Verheißungen hervorgehoben. Im Fall Abrahams, der seinen einzigen Sohn opferte, kommt dieses Vertrauen auf die bemerkenswerteste Weise zum Ausdruck. Nach 25 Jahren geduldiger Erwartung, in denen er in Kanaan als Fremdling lebte, gab ihm Gott diesen so lange erwarteten Sohn, als jede Hoffnung auf eine Nachkommenschaft geschwunden schien. Isaak war die Freude seines alten Vaters. Gott sagte zu Abraham in Bezug auf Isaak: „der, den du lieb hast“, und man begreift, dass alle Fasern seines Herzens mit diesem geliebten Sohn verknüpft waren. Aber vor allem war er der, auf dem die ausdrückliche Verheißung ruhte: „In Isaak soll dir ein Same genannt werden“ (1. Mo 21,12).

Welche Prüfung war es daher nicht nur für sein Herz, sondern besonders für seinen Glauben, als er die Weisung empfing, diesen seinen Sohn, seinen einzigen, zu opfern! Er war schon durch eine Reihe von Glaubensproben gegangen, aber diese war größer als alle bisherigen. Würde sein Vertrauen wankend werden? Wie würde er die göttliche Verheißung mit dem göttlichen Gebot, seinen Sohn in den Tod zu geben, vereinbaren können? Sein Glaube erhob sich über alles. Er kümmerte sich nicht um die Art und Weise, in der Gott den scheinbaren Widerspruch zwischen seiner Verheißung und seinem Gebot lösen würde. Durch Glauben hatte er die feste Gewissheit, dass Gott dies alles miteinander in Übereinstimmung bringen werde, dass Er es konnte und es auch tun würde, selbst wenn Er zu diesem Zweck Isaak aus den Toten auf erwecken müsste. Und im Bild hat Er es auch getan.

Dies wurde zu einem Bild der Auferstehung aus den Toten, denn vom Augenblick an, wo Abraham das Messer erhob, um seinen Sohn zu schlachten, war es nur die allmächtige Stimme Gottes, die seinen Arm aufzuhalten und Isaak dem Leben wiedergeben konnte. Der Glaube Abrahams ist der Glaube an Gott, der die Toten auferweckt. Er hatte gesagt: „Ich aber und der Knabe wollen bis dorthin gehen und anbeten und dann zu euch zurückkehren“ (1. Mo 22,5). Er hatte also die Gewissheit, dass Gott auf irgendeine Art und Weise handeln würde. Wir haben schon bei der Geburt Isaaks gesehen, dass der Glaube Abrahams der Glaube an Gott war, „der die Toten lebendig macht und das Nichtseiende ruft, wie wenn es da wäre“ (Röm 4,17).

„Durch Glauben segnete Isaak in Bezug auf zukünftige Dinge Jakob und Esau“ (11,20).

Der Glaube Isaaks, der Jakob und Esau segnete, war ein Beweis dafür, dass für ihn die kommenden Dinge, die Gott verheißen hatte, sicher und zuverlässig waren, denn er besaß ja nichts in Kanaan. Der Glaube ergreift die unsichtbaren Dinge, ohne eine andere Grundlage zu haben, als das Wort Gottes. Das ist sein Charakter.

„Durch Glauben segnete Jakob sterbend jeden der Söhne Josephs und betete an über der Spitze seines Stabes“ (11,21).

Das Leben Jakobs war erfüllt von Schwierigkeiten und Züchtigungen aufgrund seiner eigenen Verfehlungen. In Jakob wurde mehr die Energie seines Eigenwillens als die seines Glaubens sichtbar. Ach, wir gleichen ihm nur zu sehr darin! Aber, am Ende seiner langen Laufbahn angelangt, durch die Gnade Gottes unterwiesen und wiederhergestellt, zeigte sich sein Glaube in einem bemerkenswert schönen Charakter. Mit einem Verständnis, das der Geist Gottes ihm gegeben hatte, segnete er einen jeden der Söhne Josephs, seines geliebten Sohnes, den Gott ihm wiedergegeben hatte. Dabei gab er dem jüngeren im Blick auf die kommenden Zeiten den Vorrang. Er tat es als Fremdling und Pilger: Er stützte sich auf den Stab, mit dem er einsam vorangegangen war und betete Gott an, der ihn gemäß seiner Verheißung bewahrt hatte (vgl. 1. Mo 28,10–22; 32,10).

Er zeigte Zuneigung zu dem Land der Verheißung und hatte Vertrauen in Gott bezüglich der Erfüllung der Verheißungen, indem er bat, dort begraben zu werden. Er wollte, dass seine Gebeine bei denen seiner Väter ruhten. Und schließlich drang sein Glaube in seiner wunderbaren Weissagung über Joseph bis zu Christus vor, der wie Joseph von seinen „Brüdern“ verworfen wurde, aber vor ihnen allen mit den erhabensten Segnungen gesegnet war (vgl. 1. Mo 47,31; 48; 49,22–26).

Welch ein schönes Ende, nach einem so bewegten und, man kann es wohl sagen, oft so fleischlichen Leben. Jakob, in sich zerbrochen, wurde zu einem Gefäß, das geeignet war, die Geheimnisse Gottes aufzunehmen, die sein Glaube jetzt voll und ganz ergreifen konnte, ohne Bedingungen daran zu knüpfen (vgl. 1. Mo 28,10).

„Durch Glauben dachte Joseph sterbend an den Auszug der Söhne Israels und gab Befehl wegen seiner Gebeine“ (11,22).

Joseph glaubt an das, was Gott einst bezüglich des Auszugs der Kinder Israel aus Ägypten zu Abraham gesagt hatte, als er auf dem Höhepunkt seiner Ehre und Macht war, in einem Augenblick, wo die Familien Israels in Wohlergehen und vollkommener Ruhe in Ägypten wohnten (1. Mo 15,13.14). Er stützt sich auf die Verheißung, die Gott Abraham, Isaak und Jakob gegeben hatte, dass Er ihrem Samen das Land Kanaan als Erbe austeilen würde. Sein Vertrauen ist groß: „Gott wird euch gewisslich heimsuchen“, sagt er (1. Mo 50,24.25), und er gibt Befehle wegen seiner Gebeine, damit auch sie in dem verheißenen Land ruhen könnten und er an der Befreiung seines Volkes teilhaben könnte. Und Gott trug Sorge dafür, dass dieser „durch Glauben“ erteilte Befehl ausgeführt wurde (2. Mo 13,19; Jos 24,32).

In allen diesen Beispielen sehen wir den Glauben Gehorsam hervorbringen, Absonderung, Kraft, Verzicht auf das, was vom Fleisch ist, und unbedingtes Vertrauen auf Gott, das sich selbst über den Tod hinaus erstreckt.

Im folgenden Abschnitt (Verse 23–31) sehen wir mehr die tätige Energie des Glaubens, um trotz aller Schwierigkeiten, die sich auf dem Weg ergeben mögen, stetig voranzugehen. Er hält an dem Gegenstand des Glaubens fest und handelt trotz allen Widerstandes der Welt. Er nimmt keinerlei Rücksicht auf die Macht der Widersacher. Er tritt die Größe dieser Erde unter die Füße. Der Glaube erfasst, was er von Gott aus zu tun hat, und stellt die Folgen Ihm anheim.

„Durch Glauben wurde Mose, als er geboren war, drei Monate von seinen Eltern verborgen, weil sie sahen, dass das Kind schön war; und sie fürchteten das Gebot des Königs nicht“ (11,23).

Der Glaube von Moses Eltern zeigt, dass sie die Verheißungen Gottes wertschätzten. Dieser Glaube erhebt sich über alle Furcht. Während ihres Aufenthaltes in Ägypten hatten die Israeliten trotz ihrer harten Knechtschaft ihre Augen auf die Götzen ihres Landes gerichtet und dabei den Herrn, den Gott ihrer Väter, vergessen (Hes 20,5–8). 1

Der Götzendienst war immer die Sünde gewesen, die das Volk beherrscht hatte. Sie seufzten zwar unter der grausamen Bedrückung, die sie zu erdulden hatten, aber sie verloren und vergaßen durch den Götzendienst alle Tröstungen, die ihnen der Glaube an die göttlichen Verheißungen durch die Hoffnung auf die Befreiung hätte geben können.

Aber Gott hatte damals, wie zu allen Zeiten, einen treuen Überrest. Es gab Söhne Israels, die den Glauben an Gott, der die Verheißungen gegeben hat, sorgfältig bewahrt hatten und mit Gewissheit den Verheißungen glaubten. Auch die Eltern von Mose gehörten zu diesen Treuen. „Durch Glauben“ verbargen trotz des grausamen Gebots des Königs sie ihr Kind drei Monate lang.

Sie empfingen ihr Kind als eine besondere Gabe Gottes. Seine bemerkenswerte Schönheit, „schön für Gott“, sagt Stephanus (vgl. Apg 7,20), hat für sie göttlichen Charakter. Ihr Glaube lässt sie in ihm den künftigen Befreier ihres Volkes erkennen, und sie spüren ihre Verantwortung, ihn zu beschützen, indem sie mit der Macht Gottes rechnen. Sie haben Vertrauen zu Ihm und fürchten die Wut des Königs nicht. Ihr Glaube wurde, wie wir wissen, belohnt. Gott erhielt das Kind am Leben, durch Mittel, die nur Ihm zu Gebote stehen: Mose, der durch die Tochter Pharaos selbst aus dem Wasser gerettet worden war, wurde im Haus des Königs durch sie auferzogen.

„Durch Glauben weigerte sich Mose, als er groß geworden war, ein Sohn der Tochter des Pharaos zu heißen, und wählte lieber, mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als den zeitlichen Genuss der Sünde zu haben, indem er die Schmach des Christus für größeren Reichtum hielt als die Schätze Ägyptens; denn er schaute auf die Belohnung“ (11,24–26).

Nachdem sich Mose fast vierzig Jahre lang im Haus des Pharao aufgehalten hatte (Verse 24–26), wo er in aller Weisheit der Ägypter unterwiesen worden war, erkannte er durch Glauben, dass wenn er sich mit dem Volk Gottes einsmachen wollte, er diese hohe Stellung verlassen musste, auch wenn ihn die Vorsehung Gottes in diese gebracht hatte. Der Glaube bewirkte in seinem Herzen Zuneigungen zu diesem leidenden Volk, zu dem er gehörte, die mit den Zuneigungen Gottes übereinstimmten. Aber um dem Volk zu Hilfe zu kommen, musste er wählen zwischen dem Titel eines Prinzen, „eines Sohnes der Tochter Pharaos“, und der Bedrückung, die auf Israel lastete, zwischen der Ergötzung der Sünde und der Schmach Christi, zwischen den Schätzen Ägyptens und der Belohnung, die Gott dem Glauben gewährt (Vers 6). In Verbindung damit werden uns über Mose drei Dinge gesagt, welche die Energie seines Glaubens bezeugen:

  1. Er weigerte sich, die Ehre anzunehmen, Sohn der Tochter Pharaos zu heißen, ja, er verzichtete darauf, denn nach 2. Mose 2,10 „wurde er ihr [eigentlich] zum Sohn“.
  2. Er wählte, lieber mit dem Volk Gottes Ungemach zu leiden, als für eine Zeit die Ergötzung der Sünde zu haben. Beachten wir hier, dass der Glaube erkennt, dass dieses Sklavenvolk, das seines Gottes vergessen hat, nichtsdestoweniger sein Volk ist, und dass für Mose der Genuss alles dessen, was ihm seine Stellung am Hof des Pharao an Ehren und materiellen Vorteilen einbrachte, „Ergötzung der Sünde“ war. Es ist Sünde, außerhalb des Platzes zu sein, wo Gott die Seinen haben will, denn dann wären wir nicht in Gemeinschaft mit Ihm.
  3. Er „hielt für“ oder „schätzte ein“. Er hatte alle Dinge eingeschätzt und wusste, was er von ihnen zu halten hatte. Eine ähnliche Haltung hatte der Apostel Paulus (Phil 3,7–11). Er hielt die Schmach des Christus für größeren Reichtum, als die Schätze Ägyptens. Die Schmach, in der sich das Volk Gottes in Ägypten befand, war auch damals schon die Schmach Christi, denn der Herr hat sich immer mit den Seinen eins gemacht. Viele Stellen bezeugen das, und der Glaube Moses hatte das erfasst. Auch heute ist es so: Der Christ, der seinen Platz mit dem Volk Gottes einnimmt, teilt ihn mit dem verachteten Christus und hält so das Kreuz für wertvoller als den Besitz des ganzen Universums (Lk 9,23–25). Paulus hatte das getan, wie wir das in der soeben angeführten Stelle aus dem Philipperbrief entnehmen können. Wie sollte dies zu uns reden! Die Schmach des Christus, diese Schmach, welche die Welt immer auf die werfen wird, die dem Herrn treu sein wollen, ist ein Schatz, denn sie besiegelt, dass wir Ihm angehören. Und was sind die Schätze der Welt im Vergleich zu diesem Vorrecht? Mose schaute auf die Belohnung. Sie bestand nicht im irdischen Kanaan. Er hat es nie besessen. Er kannte nur die Mühen und Leiden der Wüste. Sie bestand für ihn, wie für die Patriarchen, in dem „Besseren“, das sich außerhalb dieser Welt befand. Sein Glaube erfasste das Unsichtbare, das Himmlische, das jenseits dieser Erde lag. Wurde er in seiner Erwartung getäuscht? Nein, denn schon auf dem Berg der Verklärung erschien Er in Herrlichkeit (Lk 9,30.31). Und wie wird ihm erst sein, wenn das Reich, wovon jene Szene nur ein Muster war, aufgerichtet sein wird! Ja, Gott ist für die, welche Ihn suchen, ein Belohner! Wenn man sich auf seinem Weg mit Ihm einsmacht, steht man auf der Seite des Gewinners.

Die Belohnung soll zwar der Beweggrund sein, doch sollen wir nicht aus Berechnung Gott wohlgefällig leben. Die Beweggründe für ein heiliges Leben sind die reinen Zuneigungen in einem Herzen, das durch Christus für Christus gewonnen ist, aber die zugesicherte Belohnung ist eine Ermunterung für den Glauben. Von dem Herrn Jesus selbst wird gesagt: „Welcher für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete“ (Heb 12,2). Und Paulus frohlockt inmitten seiner Leiden für Christus: „Fortan liegt mir bereit die Krone der Gerechtigkeit, welche der Herr, der gerechte Richter, mir zur Vergeltung geben wird an jenem Tage“ (2. Tim 4,8).

„Durch Glauben verließ er Ägypten und fürchtete die Wut des Königs nicht; denn er hielt standhaft aus, als sähe er den Unsichtbaren“ (11,27).

Vierzig Jahre später sandte der HERR Mose aus Midian aus, wo er in der Schule Gottes gewesen war, nach Ägypten. Es sollte der Befreier seines Volkes werden. In Ägypten hatte er es mit dem Pharao und seiner Macht zu tun gehabt. Mose sollte das Volk aus Ägypten herausführen, und wir wissen, welch einen hartnäckigen Willen der Pharao dem Verlangen Moses entgegenstellte, bis der aufgebrachte König ihm nach erneuter Weigerung sagte: „Gehe hinweg von mir; hüte dich, sieh mein Angesicht nicht wieder! Denn an dem Tage, da du mein Angesicht siehst, wirst du sterben“ (2. Mo 10,28).

Durch Glauben aber blieb Mose fest und ließ sich nicht einschüchtern. Mit den Augen der Seele sah er den, der dem Fleisch nach unsichtbar ist, aber der mit ihm war und ihn mit seiner Macht umgab. Das ist es, was den Treuen im kritischen Augenblick zum Sieg verhilft. Paulus konnte vor dem grausamen römischen Tribunal sagen: „Alle verließen mich... der Herr aber stand mir bei und stärkte mich“ (2. Tim 4,16.17). Auch er sah den Unsichtbaren. Dieses ungeheure Vorrecht des Glaubens ist aber nicht nur etwas für einen Paulus oder einen Mose, sondern für einen jeden von uns. Das macht uns in allem zu „mehr als Überwindern“

Mose verließ also Ägypten an der Spitze seines Volkes, ohne sich um die Wut des Königs zu kümmern, denn er war in seinem Glauben gestärkt. Das Verlassen Ägyptens wird hier im allgemeinen Sinne erwähnt. Die beiden folgenden Verse hingegen weisen auf zwei besondere Punkte hin, die den Glauben Moses deutlich machen.

Durch Glauben hat er das Passah gefeiert und die Besprengung des Blutes, damit der Verderber der Erstgeburt sie nicht antaste“ (11,28).

Der Glaube Moses trat in bemerkenswerter Weise hervor, als er das Passah und die Besprengung des Blutes feierte. Er nahm damit die Tatsache der Schuldhaftigkeit des Volkes an, das ebenso wie die Ägypter dem Gericht verfallen war. Er erkannte an, dass, das Blut eines Opfers nötig war, um verschont zu werden, und vor allem glaubte er gestützt auf das Wort des Herrn, dass dieses Mittel, das Blut an den Häusern der Israeliten, das Schwert des Zerstörers abwenden werde. Dieses Blut mochte den natürlichen Augen als wertlos erscheinen. Wie konnte das Blut eines Lammes gegenüber dem Gericht Gottes wirksam sein? Aber der Glaube basiert nicht auf menschlichen Überlegungen und beurteilt den Wert des Mittels nicht nach solchen Maßstäben. Der Herr hatte dieses Mittel gewählt. Er hatte gesagt: „Sehe ich das Blut, so werde ich an euch vorübergehen“. Das genügt dem Glauben völlig.

So ist es auch für uns „durch Glauben“. Das Blut Jesu, das für uns geopferte Passah, genügt vollkommen, um unsere Sünden hinweg zu nehmen, um Gericht und Tod abzuwenden und allen unseren Zweifeln und unserer Angst ein Ende zu setzen. „Wenn du glaubst“, sagt der Herr daher.

„Durch Glauben gingen sie durch das Rote Meer wie durch trockenes Land, was die Ägypter versuchten und verschlungen wurden“ (11,29).

Nun stellte sich eine neue Schwierigkeit vor die vom Gericht befreiten Israeliten. Die Fluten des Roten Meeres, durch das sie durch die Armee Pharaos gedrängt wurden, widerstehen ihnen, so dass sie Ägypten, das Land ihrer Knechtschaft, nicht verlassen können. Das ist ihr Tod, wenn Gott nicht einschreitet. Aber durch Glauben an das Wort des Herrn (2. Mo 14,15.16) wird für die Israeliten, die schon durch das Blut erkauft waren, der Weg des Todes ausgetrocknet. Die Ägypter, die weder das Wort Gottes noch Glauben haben und in menschlicher Kühnheit versuchen wollen, sie einzuholen, werden verschlungen. Sie besitzen nicht, wie die Israeliten, das auf den Tod eines Opfers gegründete Heil. Hier ist vor allem die Energie des Glaubens zu beachten, der bewirkte, dass das Volk ohne Zögern selbst sozusagen in den Tod eintrat, um darin Befreiung zu finden. Wir aber haben durch den Glauben Anteil am Tod und an der Auferstehung des Herrn Jesus.

„Durch Glauben fielen die Mauern Jerichos, nachdem sie sieben Tage umzogen worden waren“ (11,30).

Es ging jetzt darum, das Land in Besitz zu nehmen, aber Jericho mit seinen hohen Mauern und seinen starken geschlossenen Toren erhob sich vor dem Volk wie ein unüberwindliches Hindernis. Wie konnten sie dieses Hindernis niederreißen? Durch den Glauben an das Wort Gottes, so seltsam auch der Weg schien, den es ihnen wies. Der Sieg hing von Gott selbst ab, es galt, sich auf Ihn zu stützen, einzig und allein auf seine Macht und nicht auf menschliche Mittel. Die Mauern fielen durch die Wirksamkeit dieser unsichtbaren Macht, auf die sich Josua und die ihm folgenden Israeliten stützten.

Die Verse 28–30 bringen also drei große Tatsachen in Erinnerung:

  1. den Glauben an die Besprengung des Blutes, um vor dem Gericht verschont zu werden.
  2. den Glauben, um das Rote Meer zu durchschreiten und so von Ägypten befreit zu werden.
  3. den Glauben an die Inbesitznahme des verheißenen Landes, trotz der vor ihnen aufgerichteten Hindernisse.

Es ist leicht ersichtlich, was für eine Anwendung wir von diesen drei Tatsachen auf uns machen können.

„Durch Glauben kam Rahab, die Hure, nicht mit den Ungläubigen um, da sie die Kundschafter in Frieden aufgenommen hatte“ (11,31).

Auch Rahab, die Prostituierte Jerichos, findet einen Ehrenplatz unter den Zeugen des Glaubens. Und in der Tat, ihr Glaube strahlt mit hellem Glanz hervor. Er gleicht dem Glauben Moses: Rahab hat sich mit dem Volk Israel einsgemacht, in dem sie Israel als „das Volk Gottes“ anerkannte, als sie von den Wundern hörte, die der HERR zu dessen Gunsten gewirkt hatte (Jos 2,8–11). Bei der Kunde vom Herannahen der Israeliten, bevor diese im Land auch nur einen einzigen Sieg erfochten hatten, also in dem Augenblick, als die Kanaaniter und besonders Jericho noch in ihrer ganzen Kraft dastanden, stellte sie sich auf die Seite Israels, weil sie durch Glauben wusste, dass Gott mit ihnen war: „Ich weiß, dass der HERR euch das Land gegeben hat“ (Jos 2,9). Sie handelte ihrem Glauben entsprechend und nahm die Kundschafter in Frieden auf. Sie empfing die Belohnung ihres Glaubens: Sie entging dem Gericht, das ihre ungläubigen Mitbürger hinwegraffte, fand in der Mitte des Volkes einen Platz (Jos 6,25) und wurde sogar, nachdem sie Salmon vom Stamm Juda geheiratet hatte, mit ihren Nachkommen Boas und David unter die Vorfahren des Herrn eingereiht (Rt 4,20–22; Mt 1,5). Beachten wir, dass ihr Glaube in einen Gegensatz zum Unglauben ihrer Mitbürger gestellt wird, die genauso gut wie sie gehört hatten, was Gott für Israel getan hatte. Auch sie hätten glauben sollen und so gerettet werden können.

„Und was soll ich noch sagen? Denn die Zeit würde mir fehlen, wenn ich erzählen wollte von Gideon, Barak, Simson, Jephta, David und Samuel und den Propheten, die durch Glauben Königreiche bezwangen, Gerechtigkeit wirkten, Verheißungen erlangten, der Löwen Rachen verschlossen, des Feuers Kraft auslöschten, des Schwertes Schärfe entgingen, aus der Schwachheit Kraft gewannen, im Kampf stark wurden, der Fremden Heere zurücktrieben“ (11,32–34).

Der Schreiber geht bei den nun folgenden Glaubenshelden des Alten Testamentes nicht mehr auf die Einzelheiten ein. Er gibt nur noch einen Überblick, in dem er zuerst an die erinnert, die ihren Glauben durch große Taten bewiesen haben (Verse 32–35). Dann spricht er von solchen, die in großen Prüfungen durch den Glauben gestützt worden sind (Verse 36–38). Darin sehen wir die Energie und das Ausharren des Glaubens. Wenn der Verfasser nicht mehr in die Einzelheiten eingeht, so ist es nicht nur, weil ihm die Zeit dazu fehlte, sondern auch, weil das in das verheißene Land eingeführte Volk weniger Beispiele darbot, in denen sich die Grundsätze des Glaubens zeigen. Gott erkannte jedoch auch dort den Glauben der einzelnen an, wo er sich auch immer fand, selbst bei denen, die nicht genannt sind.

Gideon wird unter den Richtern, den Befreiern des Volkes, als erster genannt, als einer, der dem Wort des Herrn vertraute. David als erster unter den Königen und Samuel als erster unter den Propheten. Es macht uns keine Mühe, diese sittliche Ordnung zu erfassen.

„Frauen erhielten ihre Toten wieder durch Auferstehung; andere aber wurden gefoltert, da sie die Befreiung nicht annahmen, damit sie eine bessere Auferstehung erlangten. Andere aber wurden durch Verhöhnung und Geißelung versucht und dazu durch Fesseln und Gefängnis. Sie wurden gesteinigt, zersägt, [versucht,] starben durch den Tod des Schwertes, gingen umher in Schafpelzen, in Ziegenfellen, hatten Mangel, Drangsal, Ungemach; sie, deren die Welt nicht wert war, irrten umher in Wüsten und Gebirgen und Höhlen und den Klüften der Erde“ (11,35–38).

„Frauen erhielten ihre Toten wieder durch Auferstehung.“ Wir finden in der Geschichte Elias und Elisas zwei entsprechende Beispiele. Der Glaube dieser Männer Gottes an die Macht des Herrn führte zu diesem Ergebnis, aber Gott handelte auch aufgrund des Glaubens, der in diesen Frauen war. Der Schrei, den die Witwe von Zarpat ausstieß, und die Beharrlichkeit der Sunamitin bei Elisa machen das deutlich. Beachten wir im Vorbeigehen, dass die in unserem Kapitel als Beispiele des Glaubens vorgestellten und genannten Frauen nicht erwähnt werden, um ihren Glauben in einem öffentlichen Dienst zu zeigen, sondern daheim: Sara ist in ihrem Zelt, Rahab in ihrem Haus. Die Prophetin Mirjam, die Schwester Aarons, wird nicht erwähnt, auch nicht Debora, jene andere Prophetin, in deren Schatten Barak gelebt hat. Nein, er wird als Beispiel genannt.

Was in den Versen 35 – 38 berührt wird, bezieht sich ohne Zweifel auf die Epoche der schrecklichen Verfolgungen, denen die treuen Juden in den Zeiten der Makkabäer ausgesetzt waren. Wie wir wissen, gehören die Bücher der Makkabäer nicht zum Kanon der Heiligen Schrift, aber sie berichten durchaus von wahren historischen Begebenheiten.

„Andere aber wurden gefoltert, da sie die Befreiung nicht annahmen, damit sie eine bessere Auferstehung erlangten.“ Das ist wahrscheinlich eine Anspielung auf die sieben Brüder, die mit ihrer Mutter in qualvollster Weise getötet wurden, da sie sich weigerten, ihren Glauben zu verleugnen, indem sie eine Auferstehung erwarteten, die besser war als eine zeitliche Befreiung. Einer von ihnen sagte zum König, der sie mordete: „Du beraubst uns zwar des gegenwärtigen Lebens; aber der Herrscher der Welt wird uns, wenn wir für seine Gebote gestorben sind, zu einem neuen, ewigen Leben auferwecken.“

Wie schön ist das Zeugnis des 38. Verses! Es zeigt uns, wie Gott seine Zeugen inmitten einer Welt, die sich von Ihm entfernt hat, wertschätzt. In Vers 2 wurde gesagt: „Durch Glauben haben die Alten Zeugnis erlangt“, und in Vers 16: „Darum schämt sich Gott ihrer nicht, ihr Gott genannt zu werden.“ Hier nun wird bezeugt, dass diese verworfenen, verachteten und verjagten Menschen, die von einer hochmütigen, ungläubigen und von sich eingenommenen Welt als Auskehricht der Erde betrachtet werden, in den Augen Gottes einen solchen Wert haben, dass Er erklärt, die Welt sei ihrer nicht wert.

„Und diese alle, die durch den Glauben Zeugnis erlangten, haben die Verheißung nicht empfangen, da Gott für uns etwas Besseres vorgesehen hat, damit sie nicht ohne uns vollkommen gemacht würden“ (11,39.40).

Die beiden letzten Verse waren für die gläubigen Hebräer, die Empfänger des Briefes, sehr treffend. „Diese alle erlangten durch den Glauben ein Zeugnis“, wird hier gesagt. Der Glaube machte sie Gott wohlgefällig und fähig, große Taten zu vollbringen und schwere Prüfungen zu ertragen. Aber „sie haben die Verheißung nicht empfangen“. Sie alle mussten diese Welt verlassen, ohne die Erfüllung der Verheißung gesehen zu haben. Sie haben also allein durch Glauben gelebt. Ihr Beispiel sollte daher die Hebräer ermuntern. Besonders deshalb, weil sie weit vorzüglichere Vorrechte besaßen als die hier genannten Glaubenszeugen. Aber weder diese noch die lebenden Gläubigen waren „vollkommen gemacht“, d. h. dazu gelangt, ihr gemeinsames Teil, die himmlische Herrlichkeit, schon zu besitzen.

Der Verfasser stellt sich hier, wie an anderen Stellen des Briefes, mitten unter die gläubigen Hebräer, die Genossen der himmlischen Berufung. Er erwartet mit ihnen das Bessere, das Gott „für uns“ vorgesehen hat. Dieses Bessere, das wir sogar schon besitzen, sind die durch den Herrn gebrachten himmlischen Dinge: der durch sein Opfer geöffnete Zugang in die Gegenwart Gottes, das himmlische Bürgertum, unsere Vereinigung mit dem Herrn Jesus, der als unser Vorläufer droben eingegangen ist. Wir alle erwarten die Vollendung in Herrlichkeit. Auch die Alten werden mit uns dort ankommen, wenn auch der Versammlung darüber hinaus noch ein besonderes Teil gegeben ist.

Alle entschlafenen Gläubigen des Alten und Neuen Testamentes gehören zu den Toten in Christus, die beim gebietenden Zuruf, bei der Stimme des Erzengels, bei dem Erklingen der Posaune Gottes auferstehen werden. Dann werden auch die lebenden Gläubigen verwandelt (1. Kor 15,51.52), und alle zusammen, anfangend vom ersten Gläubigen des Alten Testaments bis zum letzten Gläubigen der Versammlung werden in den Himmel entrückt werden und so zur Vollkommenheit gelangen. Dann wird Christus wiederkommen, „um an jenem Tag bewundert zu werden in seinen Heiligen“.

Im Blick auf jene Ereignisse ist es also vorzuziehen, den Ausdruck „Entrückung der Heiligen“ zu gebrauchen und nicht „die Entrückung der Versammlung“ zu sagen. Das könnte den Eindruck erwecken, die Gläubigen des Alten Testamentes seien davon ausgeschlossen. Auch diejenigen, die „nicht ohne uns vollkommen gemacht werden sollten“, werden mit uns entrückt werden.

Das Kommen des Herrn umschließt zwei Handlungen: Erstens werden die Heiligen Christus entgegengerückt werden, und dann kommen sie wieder mit Ihm zurück auf die Erde, um mit Ihm über die Erde zu herrschen.

Fußnoten

  • 1 Man kann diese Tatsache des Götzendienstes Israels in Ägypten auch aus anderen Stellen schließen (Hes 23,8.19; Jos 24,14), ferner aus der Aufrichtung des goldenen Kalbes, in Erinnerung an eine der Hauptgottheiten Ägyptens. Dass sie Gottes vergessen hatten, beweist auch die Frage Moses (2. Mo 3,13-16).
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