Der neue und lebendige Weg in das Heiligtum
Kommentar zum Hebräer-Brief

Kapitel 8

Der neue und lebendige Weg in das Heiligtum

„Die Summe dessen aber, was wir sagen, ist: Wir haben einen solchen Hohenpriester, der sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones der Majestät in den Himmeln, ein Diener des Heiligtums und der wahrhaftigen Hütte, die der Herr errichtet hat, nicht der Mensch“ (8,1.2).

Diese beiden Verse sind die Zusammenfassung alles dessen, was der Schreiber des Briefes über den wunderbaren Gegenstand des Hohenpriestertums Christi im Himmel schon gesagt hat. Dieses Thema, das am Ende des zweiten Kapitels begann, setzt sich bis in unser Kapitel fort, mit einzelnen Zwischenabschnitten, in denen dazugehörende Dinge behandelt werden, wie z. B. die „Ruhe“ im vierten Kapitel und der Abfall vom christlichen Bekenntnis im sechsten Kapitel usw.

Um zu wissen, was dieser Ausdruck „die Summe dessen aber, was wir sagen“ bedeutet, brauchen wir nur Hebräer 2,17.18; 3,1–6; 4,14–16; 5,1–11; 6,20 und Hebräer 7 aufzuschlagen. Es betrifft die herrliche Tatsache des Hohepriestertums Christi im Heiligtum des Himmels, wo Er sich, erhaben über alles, zur Rechten des Thrones der Majestät gesetzt hat. Diese Heiligtümer, diese wahre Hütte, die der Herr errichtet hat, und nicht der Mensch, steht im Gegensatz zu der irdischen Hütte, die in der Wüste aufgerichtet wurde, und in der die Priester nach dem Gesetz den Dienst ausübten. In der wahren himmlischen Hütte verwendet sich Der für uns, der, nachdem Er sich selbst als Opfer hingegeben hat, in den Himmel eingetreten und als „Hoherpriester in Ewigkeit“ begrüßt worden ist. Diese große Tatsache führt einen neuen Zeitabschnitt ein, der dem alten ein Ende setzt, nicht mehr nur hinsichtlich der levitischen Verordnungen, sondern auch im Blick auf den Bund, der damit in Verbindung stand und der beiseite gesetzt worden ist, um einem neuen und besseren Bund Platz zu machen. Das ist der Gegenstand des Kapitels, das uns beschäftigt.

„Denn jeder Hohepriester wird dazu bestellt, sowohl Gaben als auch Schlachtopfer darzubringen; daher ist es notwendig, dass auch dieser etwas hat, was er darbringt (8,3).

Der Dienst des Hohenpriesters bestand darin, Gott Gaben und Schlachtopfer für das Volk darzubringen. „Dieser“, gemeint ist Jesus, musste also auch etwas darzubringen haben. Er hat sich selbst auf dem Kreuz geopfert, und, nachdem dieses Opfer vollbracht ist, verwendet Er sich jetzt im Himmel für uns vor Gott (vgl. Heb 7,25.27).

„Wenn er nun auf der Erde wäre, so wäre er nicht einmal Priester, weil solche da sind, die nach dem Gesetz die Gaben darbringen …“ (8,4).

Der Verfasser beharrt auf der Tatsache, dass dies nicht auf der Erde geschieht. Da gab es Priester, die nach dem Gesetz für ein irdisches Volk Gaben darbrachten. Der Heilige Geist will die Hebräer immer mehr von der Erde loslösen und sie in die vorzüglicheren Dinge des Himmels einführen.

„… (die dem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge dienen, wie Mose eine göttliche Weisung empfing, als er im Begriff war, die Hütte aufzurichten; denn ‚sieh zu', spricht er, ‚dass du alles nach dem Muster machst, das dir auf dem Berg gezeigt worden ist')“ (8,5).

Das ist es, was dieser Vers uns deutlich zeigt. Der ganze Dienst der Priester nach dem Gesetz stand in Verbindung mit „dem Abbild und Schatten der himmlischen Dinge“. Diese waren von Gott vorgeschrieben und mussten, um seinen Gedanken zu entsprechen, genau nach seinen Anordnungen gemacht werden, nach dem Muster, das der HERR Mose gezeigt hatte (2. Mo 25,9.40; 26,30; 27,8). Aber das alles waren nur Abbilder der himmlischen Dinge, „des Heiligtums und der wahrhaftigen Hütte“, deren Diener Christus ist. Was sollten die Hebräer nun vorziehen, die Schatten oder die Wirklichkeit?

„Jetzt aber hat er einen vortrefflicheren Dienst erlangt, insofern er auch Mittler eines besseren Bundes ist, der aufgrund besserer Verheißungen gestiftet ist (8,6).

Diese himmlische Wirklichkeit gibt es in Christus, „dem Mittler eines besseren Bundes“, als der, auf den sich das levitische Priestertum und dessen Verordnungen bezogen. Der Schreiber hat schon in Kapitel 7,22 diesen Gegenstand des Bundes mit den Worten berührt: „Insofern ist Jesus eines besseren Bundes Bürge geworden.“ Hier nimmt er den Gegenstand wieder auf, den er nun bis ins 9. Kapitel hinein ausführlich behandeln wird. Aber so, wie in allen Dingen die Herrlichkeit Christi hervorstrahlt, so löscht sie alle Herrlichkeiten der vorherigen Haushaltung aus, welche die Hebräer hätten geltend machen können.

Das aaronitische Priestertum war also beiseite getan und durch das himmlische Priestertum Christi ersetzt worden. Und was sollte jetzt aus dem Bund werden, der durch Moses Vermittlung mit den Vätern zustande gekommen war? Auch er ist weggetan worden, um einem besseren Bund Platz zu machen, dessen Mittler weit größer ist als Mose, und der „auf Grund besserer Verheißungen gestiftet ist“. Die Verheißungen des Alten Bundes waren auf den Gehorsam gegenüber dem Gesetz gegründet. Die Verheißungen des Neuen Bundes aber sind bedingungslos; sie haben allein die Gnade Gottes zum Ausgangspunkt und sind, wie das 9. Kapitel zeigen wird, betreffs ihrer Erfüllung auf das Opfer Christi gegründet.

„Denn wenn jener erste Bund untadelig wäre, so wäre kein Raum gesucht worden für einen zweiten“ (8,7).

Die Tatsache, dass in den Schriften ein neuer Bund angekündigt worden ist (siehe Vers 10), lässt erkennen, dass der erste nicht tadellos war. „Das Gesetz hat nichts zur Vollendung gebracht“ (7,19); es war nur provisorisch, in Verbindung mit einem irdischen Volk, das unter die Verpflichtung des Gehorsams gestellt war. Alles, was Gott gesagt, verordnet und aufgerichtet hatte, war ohne Zweifel tadellos; aber das alte System war nur ein Schatten; und das Volk, dem das Gesetz gegeben worden und mit dem der Bund geschlossen worden war, war ein fleischliches Volk, mit widerspenstigem Nacken, unfähig, das Gesetz zu halten und diesen Bund zu beobachten. Er musste also durch einen anderen ersetzt werden, und in diesem Sinn war er nicht tadellos. Das Volk war gehalten, ihn zu bewahren, und schuldig, wenn es dies nicht tat. Wenn daher Gott in seiner erhabenen Gnade einen anderen Bund ankündigt, so tut Er es, indem Er das Volk tadelt und ihm berechtigte Vorwürfe macht, den ersten gebrochen zu haben.

„Denn tadelnd spricht er zu ihnen: ‚Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, da werde ich in Bezug auf das Haus Israel und in Bezug auf das Haus Juda einen neuen Bund vollziehen; nicht nach dem Bund, den ich mit ihren Vätern machte an dem Tag, als ich ihre Hand ergriff, um sie aus dem Land Ägypten herauszuführen; denn sie blieben nicht in meinem Bund, und ich kümmerte mich nicht um sie, spricht der Herr. Denn dies ist der Bund, den ich dem Haus Israel errichten werde nach jenen Tagen, spricht der Herr: Indem ich meine Gesetze in ihren Sinn gebe, werde ich sie auch auf ihre Herzen schreiben; und ich werde ihnen zum Gott und sie werden mir zum Volk sein. Und sie werden nicht jeder seinen Mitbürger und jeder seinen Bruder lehren und sagen: Erkenne den Herrn! Denn alle werden mich erkennen vom Kleinen bis zum Großen unter ihnen. Denn ich werde ihren Ungerechtigkeiten gnädig sein, und ihrer Sünden [und ihrer Gesetzlosigkeiten] werde ich nie mehr gedenken'“ (8,8-12).  

Der Heilige Geist führt die wunderbaren Verheißungen an, die sich auf diesen neuen Bund beziehen und die der Prophet Jeremia an einem Tag größten Verfalls mitteilte (Jer 31,31–34). Statt aber in die Entfaltung der Segnungen dieses zweiten Bundes einzugehen, bleibt der Verfasser hier bei der Schlussfolgerung stehen, dass, weil es einen neuen Bund gibt, der alte verschwinden wird. Die gläubigen Hebräer waren somit vom alten Bund losgelöst, so wie sie auch von allen anderen Dingen befreit waren, die sich auf das Judentum bezogen. Sie wurden gleichzeitig davor bewahrt, sich an das zu binden, was auf den neuen Bund Bezug hat, der erst in einer kommenden Zeit in Erscheinung treten wird.

„Indem er sagt: ‚einen neuen', hat er den ersten alt gemacht; was aber alt wird und veraltet, ist dem Verschwinden nahe“ (8,13).

Wir können hier die zarte Fürsorge Gottes darin bewundern, wie der Heilige Geist die gläubigen Hebräer mit Schonung nach und nach dahin führen möchte, das Judentum und alles, was sich darauf bezieht, aufzugeben. So hat Er im vierten Vers die Priester in einer Weise erwähnt, als ob sie noch auf der Erde den Dienst ausübten, und dabei hat doch das Kreuz Christi für die Gläubigen damit ein Ende gemacht. Ferner sagt dieser letzte Vers unseres Kapitels auch nicht, dass der alte Bund abgetan, sondern nur, dass er alt geworden und dem Verschwinden nahe sei. Es ist wie bei einer sehr betagten Person: Sie ist noch da, aber sie steht im Begriff, die Szene dieser Welt zu verlassen.

Beachten wir noch im achten Vers, dass, wenn der Heilige Geist Jeremia 31 anführt, Er daran erinnert, wie der HERR den neuen Bund „tadelnd“ angekündigt hat. Welch ein Gott der Gnade! Wie viele Male sehen wir in den Propheten, wie die Warnungen und Androhungen des Gerichtes gegen das ungehorsame und widerspenstige Israel mit Verheißungen von Segnungen begleitet sind, die sich in den Zeiten des Tausendjährigen Reiches erfüllen werden! (vgl. Jes 2,2–5; 4,2–6; 11,6–16; 12, …).

Fügen wir noch bezüglich des neuen Bundes einige Worte hinzu, die für uns Christen nötig sind. Nach dem Ausspruch in Jeremia 31, der in unserem Kapitel angeführt wird, ist sowohl der neue als auch der alte Bund mit Israel, dem irdischen Volk, aufgerichtet worden, nicht aber mit uns Christen. Die Bündnisse beziehen sich auf die Wege und auf die Regierung Gottes im Zusammenhang mit den Menschen, die auf dem Boden einer irdischen Beziehung zu Ihm stehen. Im Himmel gibt es keine Bündnisse.

Die Stellung und die Segnungen der Christen sind im Himmel (Eph 1,3). Der Charakter unserer Beziehungen zu Gott und zu Christus erfordert keinen Bund. Die Beziehungen eines Kindes zum Vater stellen kein Bündnis dar. Durch den Heiligen Geist mit dem Mittler des neuen Bundes in der Herrlichkeit vereinigt zu sein, ist ein Zustand, der von einem Bund weit entfernt ist. Aber wir sind durch das Blut des Bundes errettet. Wir sind schon vor dem kommenden Überrest Israels Nutznießer der hauptsächlichen Vorrechte des neuen Bundes, dessen Grundlage Gott durch das Blut Christi gelegt hat, aber wir sind es im Geist und nicht nach dem Buchstaben.

Beachten wir ferner den Unterschied zwischen Mose, dem Mittler des alten, und Christus, dem Mittler des neuen Bundes. Mose war Mittler zwischen Gott und dem Volk, um diesem den Wortlaut des Vertrages zu überbringen, den es, als mit Gott eingegangen, annehmen sollte, und er kündigte die mit der Übertretung des Gesetzes verbundenen Strafen an. Christus aber starb für die Nation (Joh 11,50–52), und, wie wir es in Kapitel 9,15 sehen werden, bildet sein Tod die Erlösung von den Übertretungen, die unter dem ersten Bund geschahen. So ist also die Grundlage für jede Segnung des neuen Bundes gelegt; diese Grundlage ist nicht der Gehorsam sündiger Menschen, sondern der Tod Christi für die Sünder.

Ein anderer Unterschied zwischen dem alten und dem neuen Bund ist der, dass der erste mit dem Volk (Vers 9: „mit ihren Vätern“) aufgerichtet wurde; dort gab es zwei Vertragsparteien. Der neue wird im Gegensatz dazu nicht mit ihnen, sondern für sie errichtet werden (Vers 8 und 10: „den ich dem Hause Israel errichten werde“, usw.). Für den neuen Bund garantiert Gott allein, und Er kann auf der Grundlage der durch Christum vollbrachten Erlösung segnen.

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