Der neue und lebendige Weg in das Heiligtum
Kommentar zum Hebräer-Brief

Kapitel 12

Der neue und lebendige Weg in das Heiligtum

„Deshalb nun, da wir eine so große Wolke von Zeugen um uns haben, lasst auch uns, indem wir jede Bürde und die leicht umstrickende Sünde ablegen, mit Ausharren laufen den vor uns liegenden Wettlauf, …“ (12,1).

Hier finden wir wieder das Wort „deshalb“, das der Verfasser des Briefes oft gebraucht. Es zeigt, dass das Folgende aus dem Vorangegangenen resultiert. Der Verfasser wird nun in Verbindung mit seinen Belehrungen praktische Ermahnungen erteilen, besonders im Blick auf den Zustand der gläubigen Hebräer und auf die Gefahren, die ihnen drohten. Er ist bemüht, ihren Eifer anzufachen und sie zu ermuntern.

Die Reihe der in Kapitel 11 erwähnten Gerechten, die mit einer Wolke verglichen werden können, setzt sich aus Zeugen zusammen, die durch ihr Leben den Grundsatz bestätigen, dass „der Gerechte aus Glauben leben wird“. Die Hebräer sollten in den Fußstapfen dieser Männer vorangehen.

Aber noch fehlt die Hauptperson auf dem „Photo“ dieser Glaubenszeugen. Der Schreiber stellt nun den vor, der an der Spitze dieser Zeugen steht und vor dem das Zeugnis aller anderen verblasst, so schön und kostbar es auch für Gott gewesen war. Dieser Zeuge ist Jesus Christus. Er ist der Anfänger und Vollender des Glaubens, der alle diese Gerechten kennzeichnet. Er allein hat darin das vollkommene Beispiel gegeben. Er ist daher der Anführer. Er hat die ganze Laufbahn im Glauben in seiner ganzen Vollkommenheit durchlaufen. Er ist daher auch der Vollender des Glaubens. Die Gerechten vor Ihm waren geprüft worden, die einen auf diese, andere auf jene Weise. Jeder hatte entsprechend seiner Stellung einen Teil des Weges des Glaubens durchlaufen und davon Zeugnis abgelegt. Aber der Herr Jesus hat die Laufbahn von einem Ende bis zum anderen durchschritten und wurde dabei in allem erprobt, worin die menschliche Natur geprüft werden konnte.

In allen diesen Prüfungen, ob sie durch Menschen, durch Satan oder sogar durch das Verlassensein von Gott über Ihn kamen, hat Er ununterbrochen im Gehorsam, im Ausharren, im Vertrauen verharrt. Zugleich bekundete Er dabei vollkommene Energie in der Liebe, die der Glaube hervorbringt, indem Er sich der äußeren Herrlichkeit entäußerte und das Kreuz erduldete. In Ihm ist der Glaube vollendet, vollkommen gemacht worden.

Aber nicht nur in diesem Punkt ist zwischen seinem Beispiel und dem der Zeugen des 11. Kapitels ein großer Unterschied. Es gibt noch andere Verschiedenheiten: Jene sind gestorben und noch nicht zur Vollkommenheit gelangt, während Er, der Anführer und Vollender des Glaubens, auferweckt worden ist und sich zur Rechten des Thrones Gottes gesetzt hat. Er ist also auch persönlich zur Vollkommenheit gelangt. Er ist mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt. Er hat das Ziel erreicht, nachdem Er auf seinem Weg auf der Erde Gott in unübertrefflicher Weise verherrlicht hat. Wir werden hier also ermahnt, unsere Blicke auf Ihn zu richten, dahin, wo Er sich jetzt befindet, indem wir uns an den Weg erinnern, den Er gegangen ist. Sein gegenwärtiges Sitzen zur Rechten Gottes, nicht nur als der Eine, der durch sich selbst die Reinigung der Sünden bewirkt hat, sondern als Vollender des Glaubens, zeigt uns den herrlichen Ausgang eines solchen Weges. Es sagt uns: „Dahin also führt der Weg des Glaubens; auch ihr sollt deshalb mutig voran auf diesem Weg laufen.“ Dieser Ausgang wird vor uns hingestellt, um uns zu ermuntern, damit wir den vor uns liegenden Wettlauf mit Geduld und Ausharren laufen, ohne zu ermatten. So wird zu unserem Ansporn einerseits das hinter uns liegende Beispiel aller vorangegangenen Zeugen gezeigt. Andererseits aber wird uns zum gleichen Zweck der herrliche Platz als Ziel und Leitstern vorgestellt, den der Anführer und Vollender des Glaubens erreicht hat.

Hier ist vom Wettlauf die Rede. In Vers 4 hingegen handelt es sich um den Kampf. Der Wettlauf ist nicht dasselbe wie die Laufbahn, die jeder Mensch auf der Erde zu durchlaufen hat. Auch das Ende des Wettlaufs ist nicht unbedingt gleichbedeutend mit dem Ende dieser Laufbahn, denn es ist leider möglich, dass man den Wettlauf in der Mitte abbrechen kann. Paulus drückt in Apostelgeschichte 20,24 den Wunsch aus, den Lauf in Hingabe zu vollenden, und in 2. Timotheus 4,7 sagt er: „Ich habe den Lauf vollendet.“ Diese Wettläufe und Wettkämpfe, die bei den Griechen in den öffentlichen Gärten stattfanden, wobei die Wettkämpfer alles daran setzten, um den Preis zu erlangen, braucht Paulus als Bild für das christliche Leben (vgl. 1. Kor 9,24.25; Phil 3,14).

Zwei Dinge sind erforderlich, um den vorgezeichneten Wettlauf zu bestehen: Der Läufer darf keine Bürden tragen, und es darf ihn nichts umstricken oder aufhalten. Mit einer Last kann man nicht mit Ausharren laufen. Auch, wenn uns fremde Dinge umstricken, ist das Laufen nicht möglich. Bürden sind Schwierigkeiten und Sorgen aller Art, die der Weg dieses Lebens mit sich bringt, alles, was den Geist in Verlegenheit bringt oder das Herz beschwert. Sie sollen abgelegt, abgewiesen werden.

Aber da ist noch etwas anderes, vor dem man sich unbedingt hüten muss: die Sünde. Sie umstrickt uns so leicht, denn das Fleisch ist in uns. Das, was die Welt uns vorstellt, wirkt auf das Fleisch, weckt und erregt die Begierden des Herzens. Wenn man sich nicht davor in Acht nimmt, wird man von den Banden der Sünde leicht umstrickt und so im Wettlauf aufgehalten. Man muss sie entschieden und einfältig zurückweisen, so wie die Bürden. Aber wie kann dies geschehen? Indem wir auf den Herrn Jesus schauen, bekommt das Herz einen göttlichen Gegenstand vor sich gestellt und ist so gelöst und befreit von allem, was es vorher beschwerte und wodurch es in seinem Lauf abgelenkt und aufgehalten wurde. In der Tat, in Christus findet sich nicht nur, was den Zuneigungen des Lebens und der neuen Natur, die wir besitzen, entspricht, sondern auch die Kraft, um das zu meiden, was nicht damit in Übereinstimmung, sondern vom Fleisch ist.

Wer so jede Bürde und die Sünde abgelegt hat, ist in seinem Lauf unbeschwert. Er kann und muss immer mit Ausdauer laufen. Er hat Ausharren nötig, um diesen Wettlauf zu bestehen, auf dem ihm unzählige Schwierigkeiten begegnen und auf dem es zahlreiche Hindernisse gibt. Aber er hat das herrliche Ziel vor Augen, das, je mehr er vorwärts eilt, der treuen Seele immer näher kommt und köstlicher wird.

„… hinschauend auf Jesus, den Anfänger und Vollender des Glaubens, der, die Schande nicht achtend, für die vor ihm liegende Freude das Kreuz erduldete und sich gesetzt hat zur Rechten des Thrones Gottes. Denn betrachtet den, der so großen Widerspruch von den Sündern gegen sich erduldet hat, damit ihr nicht ermüdet, indem ihr in euren Seelen ermattet“ (12,2.3).

Der zweite Vers sagt uns, dass der Herr Jesus, unser vollkommenes Vorbild, auf seinem Weg der Prüfungen eine Freude vor sich sah. Aus Gnade hatte Er einen solchen Weg eingeschlagen, auf dem Er als Mensch der Ermunterung bedurfte, durch den Hinblick auf das Ziel, das Ihm am Ende seiner Leiden und seiner Erniedrigung in Aussicht stand. Er sah, dass Ihn sein Weg bis zum Tod und zum Grab führte (Ps 16,10). Aber Er wusste auch, dass Gott Ihm durch die Auferstehung den Weg des Lebens kundtun und Er so vor Seinem Angesicht erscheinen würde, da, wo es Fülle von Freuden und Lieblichkeiten auf immerdar geben wird (Ps 16,11). Ohne Zweifel hatte der Herr auch die Freude vor seinen Blicken, als Frucht seiner Leiden und seines Sieges über Tod und Satan uns zu besitzen. Aber hier handelt es sich um seinen persönlichen Weg als Anfänger und Vollender des Glaubens und als unser vollkommenes Vorbild auf diesem Weg.

Im Blick auf diese Freude in der Herrlichkeit Gottes hat Er also „das Kreuz erduldet“, unter Missachtung „der Schande“, die mit dieser Hinrichtungsstätte und -art verbunden war. Dies bedeutet nicht, dass Er die Schmach, die seiner heiligen Person angetan wurde, nicht auch tief empfand. Er hat „den Widerspruch“ der Sünder gegen sich „erduldet“. Alles in dieser Welt widersprach der in seiner Person offenbarten Liebe, Würde und Heiligkeit. Seine Gnade begegnete dem Hass, seine Autorität der Empörung und seine Heiligkeit der Sünde. Der Hass der Menschen verfolgte Ihn bis zum Kreuz. Auf sein erhabenes Haupt wurde eine Dornenkrone gesetzt, auf Ihn, der doch als der König der Könige und der Herr der Herren die Krone der Herrlichkeit tragen sollte. Er wurde wie einer der schlimmsten Übeltäter gebunden und zur Hinrichtung geführt. Er, vor dem die Engel sich niederwarfen. Er wurde zum Tod verurteilt, Er, der erhabene Richter der Lebendigen und der Toten. Man verwarf seine Worte der Gnade, man schrieb seine Werke Satan zu. Bei jedem Schritt seines Lebens fand Er nur Widerspruch und Auflehnung vonseiten des sündigen Menschen. Und alles endete mit der Schmach des Kreuzes. Aber Er hatte die Freude, in die Er nach der vollkommenen Erfüllung des Willens Gottes eintreten würde. Er hat alles das erduldet, indem Er die Schande nicht achtete, und sein Ziel ist erreicht. Er hat sich gesetzt zur Rechten des Thrones Gottes, wo Er nun mit Ehre und Herrlichkeit gekrönt ist. Richten wir also unsere Blicke auf Ihn, damit wir in unserem Lauf nicht ermatten und beim Durchhalten im Kampf in unseren Seelen nicht entmutigt werden. Unser göttlicher Anführer ist vorangegangen. Er hat gekämpft und gesiegt. Kämpfen daher auch wir! Wenn wir „mitleiden“, so werden „wir auch mitverherrlicht werden“ (Röm 8,17).

„Ihr habt noch nicht, gegen die Sünde ankämpfend, bis aufs Blut widerstanden …“ (12,4).

Nun kommen wir zum Kampf gegen die Sünde. Der  erste Vers redet von der Sünde, die uns so leicht umstrickt. Dort handelt es sich um das, was von innen kommt. Im vierten Vers aber geht es um den Kampf gegen die Sünde, die von außen kommt. In diesem und nur in diesem Sinn hat auch Christus gegen die Sünde gekämpft, als Er den Widerspruch der Sünder gegen sich erduldet hat.

„Ihr habt noch nicht, wider die Sünde ankämpfend, bis aufs Blut widerstanden.“ Die hebräischen Christen hatten große Leiden ertragen (vgl. Heb 10,32–34), aber sie mussten bis dahin noch nicht ihr Leben darlegen und ihr Zeugnis für die Wahrheit mit ihrem Blut besiegeln. Christus hatte es getan, wie auch verschiedene der Zeugen, von denen im 11. Kapitel die Rede ist. Warum sollte man sich entmutigen lassen und ermatten? Wir sind die Zeugen Gottes in dieser Welt der Sünde. Wir sind die  Zeugen des Guten inmitten des Bösen. Alle Arten von Leiden sind mit diesem Zeugnis verbunden. Die Welt, die „im Argen liegt“, umgibt uns und bedrängt uns von allen Seiten. Wenn man ihr widersteht, gibt es Leiden. Da ist Schmach, Verachtung, eine böse Gesinnung zu ertragen, man erleidet in äußeren Dingen Verluste. Aber es gilt zu widerstehen und festzuhalten, selbst dann, wenn dies zum Tod führen sollte. So ist Christus vorangegangen. Er wollte lieber sterben, als Gott nicht in allen Dingen verherrlichen! Die Hebräer hatten sich im Gegensatz zu Ihm von diesen Leiden, die mit dem Kampf zwischen dem Guten und dem Bösen verbunden sind, entmutigen lassen. Leider erschlaffen auch wir sehr oft! Aber dann kommt uns Gott zu Hilfe. Er züchtigt uns. Er erzieht uns. Er zügelt unseren Willen, um unsere Seelen zu segnen und uns fähig zu machen, für Ihn wirklich gegen das Böse zu kämpfen.

„… und habt die Ermahnung vergessen, die zu euch als zu Söhnen spricht: ‚Mein Sohn, achte nicht gering des Herrn Züchtigung, noch ermatte, wenn du von ihm gestraft wirst. Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er; er geißelt aber jeden Sohn, den er aufnimmt'“ (12,5.6).

Der Apostel entwickelt jetzt den so wichtigen Gegenstand der Zucht Gottes gegenüber seinen Kindern. Man hat die Neigung, unter Züchtigung nur Strafen zu verstehen. Aber die Zucht umfasst alles, was zur Erziehung beiträgt, nicht nur die Rute. Die Züchtigung umfasst alles, was in dieser wunderbaren Erklärung enthalten ist: „Er zieht seine Augen nicht ab von dem Gerechten“ (Hiob 36,7).

In den Versen 5 und 6 (Zitate aus Spr 3,11.12) wie auch in den folgenden Versen, wird zunächst die Tatsache erwähnt, dass die Züchtigung eine Folge des Kindschaftverhältnisses zu Gott ist, in dem sich der befindet, der durch sie geübt wird. Die Leiden, die er erduldet, haben also nicht den Charakter einer Strafe, sondern sind das Zeichen zärtlichster Liebe vonseiten Gottes. Wie die Anmerkung sagt, geht das, was Leiden verursacht, „nicht aus Zorn von Seiten Gottes hervor“, daher der Ausdruck „Züchtigung“ oder „Zurechtbringung“. Er ist ein weiser Vater, der sein Kind erzieht, indem Er es liebt und sogar weil Er es liebt. Dann werden wir ermahnt, uns vor zwei Gefahren zu hüten:

Die eine ist die, über die uns auferlegten Prüfungen in oberflächlicher Weise hinwegzugehen und nicht zu beachten, dass Gott uns durch diese etwas sagen, uns tadeln und uns bilden will. Wir können die Züchtigung des Herrn aber auch dadurch gering achten, dass wir versuchen, die Trübsale in unerschütterlichem Gleichmut hinzunehmen.

Die andere Gefahr besteht darin, uns entmutigen und vom Gewicht der Prüfungen erdrücken zu lassen, als ob das, was mit uns geschieht, nicht aus der vollkommenen Liebe unseres Vaters zu uns hervorgekommen wäre: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alle Dinge zum Guten mitwirken“ (Röm 8,28). Beachten wir im Vorbeigehen, dass der sechste Vers einen Unterschied hervorhebt zwischen der Züchtigung, die Erziehung bezweckt, und der Rute, die den, der einen Fehler begangen hat, dadurch zurecht bringt, dass sie ihn geißelt: „Wen der Herr liebt, den züchtigt er; er geißelt aber jeden Sohn, den er aufnimmt.“

„Was ihr erduldet, ist zur Züchtigung: Gott handelt mit euch als mit Söhnen; denn wer ist ein Sohn, den der Vater nicht züchtigt? Wenn ihr aber ohne Züchtigung seid, deren alle teilhaftig geworden sind, so seid ihr denn Bastarde und nicht Söhne“ (12,7.8).

Unter der väterlichen Regierung Gottes erduldet man Leiden, aber nicht vonseiten eines zornigen Vaters. Die Schrift kennt den Ausdruck „der Zorn des Vaters“ nicht. Wir sind der Pflege der väterlichen Liebe unseres Gottes teilhaftig und stehen nicht unter der Rute seines Zorns. Die Züchtigung, der wir unterstehen, ist ein Beweis unserer Sohnesbeziehung. Ein Bastard hat im väterlichen Haus keinen Platz und keinen Anteil an der väterlichen Pflege, die zu diesem Haus gehört, sondern nur wir, welche die Familie Gottes bilden.

„Zudem hatten wir auch unsere Väter nach dem Fleisch als Züchtiger und scheuten sie; sollen wir uns nicht viel mehr dem Vater der Geister unterwerfen und leben“ (12,9)?

Die Väter nach dem Fleisch, denen wir unser natürliches Leben verdanken, haben uns gezüchtigt, und wir scheuten sie. Während der kurzen Zeit unserer Kindheit und unserer ersten Jugend waren sie unsere Erzieher, und sie züchtigten uns nach ihrem Gutdünken. Ihre Fürsorge konnte nachlassen und war nicht gleichmäßig. Die Erziehung, die sie uns gaben, war durch mancherlei Unvollkommenheiten gekennzeichnet: Ihre Absichten konnten irrig sein. Sie konnten sich täuschen in der Wegweisung, die sie uns gaben. Bei Gott, dem „Vater der Geister“, ist es ganz anders. Dieser Ausdruck steht im Gegensatz zu: „die Väter nach dem Fleisch“ (oder: „die Väter unseres Fleisches“). Diese haben uns gezeugt. Aber unseren Geist, der unser Leben ausmacht und durch den wir mit Gott in Verbindung sind, haben wir von Gott. „Der Geist kehrt zu Gott zurück, der ihn gegeben hat“ (Pred 12,7). Er ist der „Gott der Geister alles Fleisches“ (4. Mo 16,22; 27,16). In diesem Sinn ist es, dass Er „Vater der Geister“ genannt wird. In Ihm haben sie ihren Ursprung, so wie unsere Leiber unsere Väter nach dem Fleisch zum Ursprung haben. Wenn wir also jene gescheut haben, „sollen wir nicht vielmehr dem Vater der Geister unterwürfig sein“, um uns unter seine Züchtigung zu beugen? So unterworfen, „werden wir leben“.

Diese letzten Worte können zweierlei Sinn haben. Einerseits entwickelt die Züchtigung praktischerweise das geistliche Leben in der Seele, die durch sie geübt ist und die sich ihr mit Vertrauen in den unterwirft, der sie mit Weisheit und Liebe gebraucht (vgl. Röm 5,3–5). Man lebt durch diese Dinge, wie Hiskia sagt: „Ich will sachte wallen alle meine Jahre wegen der Betrübnis meiner Seele. O Herr! durch dieses lebt man, und in jeder Hinsicht ist darin das Leben meines Geistes“ (Jes 38,15.16). Anderseits kann die Züchtigung bis zum Tod des Leibes führen. Hiob 36,7–12 redet von der Züchtigung Gottes gegenüber dem Gerechten. Nachdem er gesagt hat: „Er zieht seine Augen nicht ab von dem Gerechten“, fährt er fort: „Und wenn sie mit Fesseln gebunden sind, in Stricken des Elends gefangen werden, dann macht er ihnen kund ihr Tun und ihre Übertretungen, dass sie sich trotzig gebärdeten; und er öffnet ihr Ohr der Zucht und spricht, dass sie umkehren sollen vom Frevel. Wenn sie hören und sich unterwerfen, so werden sie ihre Tage in Wohlfahrt verbringen“. Wenn sie aber nicht hören, so rennen sie ins Geschoss und verscheiden ohne Erkenntnis.“ Die Unterwerfung unter die Zucht verhütet also dieses schlimme Ende: „Wir leben“, um die gesegnete Frucht dieser Prüfung zu genießen, durch die uns ein liebender Vater nach seiner vollkommenen Einsicht gehen lässt.

„Denn jene zwar züchtigten uns für wenige Tage nach ihrem Gutdünken, er aber zum Nutzen, damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden“ (12,10).

Diese Frucht wird uns in den Versen 10 und 11 gezeigt. Unsere Väter nach dem Fleisch, die uns für wenige Tage züchtigten, taten es nach ihrem Gutdünken. Das Ziel ihrer begrenzten Ansichten entsprach nicht immer dem, was für uns wahrhaft gut gewesen wäre, oder sie erreichten das Ziel nicht, da sie nicht die richtigen Mittel anzuwenden wussten. Unser Gott, der Vater der Geister, sucht unser wahres Wohl, will uns zu einer Glückseligkeit führen, die außerhalb und über allem steht, was die Erde anbieten kann. Er züchtigt uns „zum Nutzen“, mit einer vollkommenen Weisheit, indem Er die geeigneten Mittel kennt und wählt, um uns an das Ziel zu bringen, das Er sich im Blick auf uns gesetzt hat. Es wird Ihm nicht zu viel, sie immer wieder anzuwenden und so alle Dinge zum Guten mitwirken zu lassen. Die Prüfungen sind für jeden verschieden, aber sie sollen jeden zu dem großen Ziel der Züchtigung führen: „Damit wir seiner Heiligkeit teilhaftig werden.“

Wir sollen an dem sittlichen Zustand der Heiligkeit Gottes teilhaben, die in der Absonderung von allem Bösen besteht, denn Gott ist in absoluter Weise gut. Seine unveränderliche Reinheit kann von keinem Schmutz angetastet werden und sein Licht durch keine Finsternis verdunkelt werden. Er züchtigt uns, um uns von allem zu befreien, was ein Hindernis für die Gemeinschaft mit Gott und deren Genuss ist. Ist dies nicht ein Beweis seiner liebenden Fürsorge für uns? In Christus besitzen wir vor Gott eine Stellung vollkommener Heiligkeit: „heilig und tadellos vor ihm in Liebe“ (Eph 1). Aber Er will auch, dass wir Ihm praktisch gleichen, dass unser sittlicher Zustand dem entspricht, was Er ist,. Darin liegt für uns die Glückseligkeit. Wir finden sie nur in seiner Heiligkeit, in der Nähe des heiligen und seligen Gottes. Welche Gnade, dass seine Wege der Zucht ein solches Ziel für uns verfolgen! Dass wir uns ihnen doch allezeit in demütigem Vertrauen unterzögen!

„Alle Züchtigung aber scheint für die Gegenwart nicht ein Gegenstand der Freude, sondern der Traurigkeit zu sein; danach aber gibt sie die friedsame Frucht der Gerechtigkeit denen, die durch sie geübt worden sind“ (12,11).

Unser Gott weiß, dass diese schmerzlichen Übungen seiner väterlichen Zucht für uns kein Gegenstand der Freude sein können. Aber diese Gefühle der Traurigkeit sind nötig, damit Früchte hervorkommen können. Der Christ ist kein Stoiker, der sich in hochmütigem, unerschütterlichem Gleichmut über den Schmerz hinwegsetzt. Er fühlt die Schläge, aber er kennt die Hand, die sie austeilt. Während er sie erduldet, blickt er auf das gesegnete Ergebnis dieser Übungen. Wenn unser Eigenwille einmal gebrochen ist und wir erfasst haben, dass alle Dinge zu unserem Guten mitwirken, dann wird die friedsame Frucht der praktischen Gerechtigkeit, die Verwirklichung dieser Heiligkeit, deren wir teilhaftig gemacht sind, in dem Leben hervorgebracht.

Die Frucht der Züchtigung ist für die, die durch sie geübt sind, ein friedsamer Zustand der Seele in der Unterwerfung unter den Willen Gottes und in praktischer Absonderung für Ihn. Das Böse wühlt auf und macht unglücklich: „Kein Friede den Gesetzlosen! spricht mein Gott!“ (Jes 57,21). Aber das Gute, die Ausübung der Gerechtigkeit macht friedsam und glücklich: „Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit Ruhe und Sicherheit ewiglich“ (Jes 32,17). Gebe der Herr, dass, wenn wir durch Prüfungen gehen, wir nie das gesegnete Ziel, das Er für uns verfolgt, aus den Augen verlieren: Er will uns befreien, uns von allem reinigen, was ein Hindernis für den vollen Genuss seiner Gegenwart und seiner Gemeinschaft sein könnte!

„Darum ‚richtet auf die erschlafften Hände und die gelähmten Knie', …“ (12,12).

Hier finden wir wiederum ein „darum“. Der Verfasser, der soeben die großen Wahrheiten bezüglich des gesegneten Zwecks der Prüfung vorgestellt hat, zieht daraus die folgende Ermunterung: Alles, was uns auferlegt ist, kommt aus der liebenden Hand des Vaters, und deshalb können wir Mut fassen. „Darum richtet auf die erschlafften Hände und die gelähmten Knie.“ Das war die Ermahnung, die der Heilige Geist durch den Mund Jesajas an Israel richtete, indem Er ihnen gleichzeitig den Segen ankündigte, der kommen würde, wenn Gott sie retten wird. Wie konnte dieses Zitat den Geist der Hebräer, welche die Schriften kannten, beleben! Sie konnten unter der gegenwärtigen Züchtigung des Vaters auf den Segen blicken, der darauf folgen würde.

Die erschlafften Hände haben vielleicht Bezug auf das Gebet, in Verbindung mit dem Wort aus 1. Timotheus 2,8: „Ich will nun, dass die Männer an jedem Orte beten, indem sie heilige Hände aufheben.“ Es ist eine Erfahrungstatsache, dass man unter einer Zucht, deren Zweck man nicht begreift, im Gebet nachlassen kann, und dass dann die Knie gelähmt werden und das christliche Leben kraftlos und schwankend wird. Die erschlafften Hände und die gelähmten Knie sind für den Körper das Symptom einer Entkräftung, einer Schwächung des Systems. Als Bild auf die Seele geistlicherweise angewandt bezeichnen diese Ausdrücke ebenfalls Schwachheit und Erschlaffung, hervorgebracht durch Zweifel, durch Mangel an Glauben und an Vertrauen zu Gott. Dies ist ein krankhafter Seelenzustand, der gefährlich werden kann, wenn nicht ein durchgreifendes Mittel angewandt wird.

„… und ‚macht gerade Bahn für eure Füße', damit nicht das Lahme vom Weg abkomme, sondern vielmehr geheilt werde“ (12,13).

Unser Brief zeigt uns dieses Mittel. Es besteht nicht darin, in passiver Weise auf eine Veränderung der Dinge zu warten, sondern sich mit Bestimmtheit auf das zu stützen, was vorher bezüglich der liebenden Fürsorge Gottes gesagt worden ist. Nur so wird man fähig, die erschlafften Hände und gelähmten Knie aufzurichten. Ein neues Leben durchfließt die Seele, wenn sie Gott und seine Wege uns gegenüber durch den Glauben ergreift. Sie findet die Stärke wieder, die „gerade Bahn macht für unsere Füße“, in welcher man mit festem Schritt, ohne zu wanken, vorangeht. Die „gerade Bahn“ findet sich in den Wegen, durch die uns das Wort Gottes führt, getrennt von der Sünde, von der Welt und dem Haschen nach den Vorteilen, welche die Erde bieten kann. Es sind Wege, in denen man geradeaus blickt auf die göttlichen und himmlischen Dinge, ohne Zögern und Ablenkung, ohne die Neigung, die Erde mit dem Himmel und die Welt mit Christus zu verbinden. Das sind die Wege des Glaubens. In Sprüche 4,25.26 lesen wir: „Lass deine Augen geradeaus blicken und deine Wimpern stracks vor dich hinschauen. Ebne die Bahn deines Fußes, und alle deine Wege seien gerade; biege nicht aus zur Rechten noch zur Linken, wende deinen Fuß ab vom Bösen.“

Wer so durch alle Schwierigkeiten mutig hindurchgeht und sich durch alles hindurch ein fröhliches Herz bewahrt, beweist dadurch, wirklich Gemeinschaft mit Gott zu haben. So jemand ist eine Ermunterung für die Schwachen, so dass die, welche hinkend nachfolgen, sich nicht abwenden, sondern geheilt werden. Sie werden erkennen, dass es auch ihr Vorrecht ist, auf der „geraden Bahn“ voranzugehen, indem das Herz in weitem Raum ist und die Segnungen überfließen. Ein gutes Beispiel spornt oft mehr zu einem guten Verhalten an als der Tadel.

„Jagt dem Frieden nach mit allen und der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn schauen wird; …“ (12,14).

Wir werden hier ermahnt, zwei Dingen nachzujagen: dem Frieden mit allen und der Heiligkeit, ohne die niemand den Herrn schauen wird. Das erste betrifft unsere Beziehungen untereinander, das zweite aber unsere Beziehungen zu Gott. Dem Frieden nachzujagen bedeutet, sich anzustrengen, Uneinigkeiten zwischen Christen zu vermeiden, die für die Entfaltung des geistlichen Lebens schädlich sind. Wir sollen daher in allem einen Geist der Demut und der Sanftmut zeigen, der Verärgerung verhindert, Reibungsflächen mildert und den Streit besänftigt. Es ist leicht verständlich, dass dazu vor allem ein Zustand des Friedens in der Seele nötig ist, der sich aus einem Leben mit Gott und in seiner Abhängigkeit ergibt. Wenn der Friede Gottes meine Seele in der Freude im Herrn bewahrt (Phil 4,6.7), wenn der Friede des Christus in meinem Herzen regiert (Kol 3,15), so wird es mir leicht fallen, mit allen dem Frieden nachzujagen. Ich werde ihn, überall wohin ich gehe, mitnehmen. Meine Füße werden beschuht sein mit der Bereitschaft des Evangeliums des Friedens (Eph 6,15), und anstatt den Unfrieden zu schüren, werde ich Frieden stiften, wie es einem Kind, das dem Gott des Friedens angehört, geziemt (Mt 5,9). Jemand hat gesagt, ein glücklicher Mensch sei auch verträglich. Wenn ich in meiner Seele die Gemeinschaft mit dem Gott des Friedens genieße, bin ich glücklich, und diese Glückseligkeit macht es mir leicht, gegenüber den anderen nachgiebig und wohlwollend zu sein sowie Nachsicht zu üben.

Aber dieser Friede mit allen darf nicht auf Kosten der Heiligkeit, auf Kosten dessen, was unsere Beziehungen zu Gott berührt, zustande gebracht werden. Wir haben gleichzeitig diesen beiden Dingen nachzustreben. Wir wissen, was wir unter der praktischen Heiligkeit, von der hier die Rede ist, zu verstehen haben. Es ist die Absonderung von aller Verunreinigung, von allem, was böse ist (2. Kor 6,17.18; 7,1), zu Gott hin, und gleichzeitig ein Leben, das Gott gemäß ist. Überall werden wir dazu ermahnt (1. Pet 1,15.16), und Gott selbst wird uns als Beispiel und Vorbild sowie als Beweggrund zur Heiligkeit vorgestellt. Ohne diese ist keine Gemeinschaft mit Gott möglich; wir haben schon hier auf der Erde das Vorrecht, Ihn zu sehen, Ihn zu betrachten, Ihn durch den Glauben zu genießen und in der Kraft des Geistes, aber nie außerhalb der praktischen Heiligkeit. Wenn wir in einer Sache nachgeben, die gegen die Heiligkeit verstößt, verdunkelt sich unsere geistliche Einsicht, und unser Genuss der Dinge Gottes schwindet. Man begreift also, dass die praktische Heiligkeit, der wir auf der Erde nachzustreben haben, nicht von einer anderen Natur ist, als die in jeder Beziehung vollkommene, unveränderliche Heiligkeit (Off 4,6), die wir im Himmel genießen werden, die es uns allein ermöglichen wird, den Herrn zu schauen. Wir haben ihr also nachzujagen, ihr nachzustreben, darin zu verharren, bis wir vor seiner Herrlichkeit tadellos, mit Frohlocken dargestellt werden (Judas 1,24). „Glückselig, die reinen Herzens sind, denn sie werden Gott schauen“ (Mt 5,8). „Und jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat, reinigt sich selbst, gleich wie er rein ist“ (1. Joh 3,3); das Leben in praktischer Heiligkeit mündet in das ewige Leben in der Herrlichkeit (vgl. Röm 6,22).

Wie wichtig ist es doch in unserer Zeit der Erschlaffung, uns mit Ernst auf diese Ermahnung zu besinnen: „Jaget der Heiligkeit nach!“ Ist es wirklich das Ziel, dem ich nachjage? Ist es mir wirklich ein Anliegen, in allem für meinen Gott abgesondert zu bleiben?

„… und achtet darauf, dass nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide, dass nicht irgendeine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse und euch beunruhige und viele durch sie verunreinigt werden; dass nicht jemand ein Hurer sei oder ein Ungöttlicher wie Esau, der für eine Speise sein Erstgeburtsrecht verkaufte; denn ihr wisst, dass er auch nachher, als er den Segen erben wollte, verworfen wurde (denn er fand keinen Raum zur Buße), obgleich er ihn mit Tränen eifrig suchte“ (12,15–17).

„Darauf achten“: Dieses Wort der Warnung ist im Blick auf die drei hier erwähnten Gefahren, in welche wir bei einem Mangel an Wachsamkeit so leicht fallen und dadurch vom Wege der Heiligkeit abirren können, sicher angebracht.

„Dass nicht jemand an der Gnade Gottes Mangel leide.“ Das ist die erste Gefahr, auf die hier aufmerksam gemacht wird. Nur die Gnade Gottes, die uns auf einen Weg des Segens gebracht hat, befähigt uns, mit Ausharren zu laufen. Nur sie vermag uns vor dem Bösen zu bewahren. Darum wünschen die Apostel in ihren Briefen den Heiligen, an die sie schrieben, die Gnade. Sie ermahnten sie, in der Gnade Gottes zu verharren. Sie wurden dieser Gnade anbefohlen und ermahnt, in der Gnade, die in dem Herrn Jesus ist, zu wachsen. Friede, Freude, Sicherheit, Kraft, alles das hängt von dieser Gnade ab, von dieser Bereitschaft des Herzens Gottes, sich zu uns herabzuneigen.

Wir finden darin alles, was für das christliche Leben in Heiligkeit notwendig ist. Aber wenn ein Herz beginnt, diese Gnade zu vergessen, wenn es sich nicht mehr darauf stützt, sie nicht mehr genießt, mit einem Wort, wenn ihm Gnade mangelt, dann ist es offen für das Böse. Nicht dass Gott seine Gnade zurückgezogen hätte, denn Er bleibt ja immer derselbe. Aber wir können diesen kostbaren Schatz vernachlässigen und uns dessen Genuss rauben.

Die zweite Gefahr ist, „dass nicht irgendeine Wurzel der Bitterkeit aufsprosse und euch beunruhige, und viele durch diese verunreinigt werden.“ Das hier erwähnte Böse kommt aus dem ersten hervor, denn eine Wurzel der Bitterkeit könnte nie keimen, Knospen treiben und in das Gebiet der Gnade eindringen, wenn das Herz von dieser erfüllt ist. Hier haben wir zweifellos eine Anspielung auf 5. Mose 29,17.18, wo die Untreue des Herzens und der Götzendienst, die sich in das Volk Gottes einschleichen können, mit einer bitteren Wurzel verglichen werden, „die Gift und Wermut trägt“. Mose sagt: „Dass kein Mann oder keine Frau oder keine Familie oder kein Stamm unter euch sei, dessen Herz sich heute von dem HERRN, unserem Gott, abwende, um hinzugehen, den Göttern jener Nationen zu dienen; dass nicht eine Wurzel unter euch sei, die Gift und Wermut trage, und es geschehe, wenn er die Worte dieses Eidschwurs hört, dass er sich in seinem Herzen segne und spreche: Ich werde Frieden haben, wenn ich auch in der Verhärtung meines Herzens wandle! 'damit zugrunde gehe das Getränkte mit dem Durstigen'“.

So ist es auch bei den Christen. Der Gedanke, sich vom Christentum abzuwenden, konnte im Herzen der Hebräer aufkommen wegen der Schwierigkeiten, die sie auf ihrem Weg erlebten. Wenn sie an der Gnade Gottes Mangel litten und diesen Gedanken nicht verurteilten, konnte dieser zu einer Wurzel der Bitterkeit werden, die zuerst verborgen Knospen treiben und dann sichtbar die Seelen beunruhigen und viele verunreinigen würde. Nichts wirkt so schnell und ist so ansteckend wie das Böse. Die Ermahnung hat allgemeinen Charakter und betrifft uns alle. Wenn irgendetwas Böses, irgendeine Sünde im Herzen geduldet und nicht gerichtet wird, wird sie zu einer Wurzel, die, wenn sie nicht bekannt wird, nach außen hin zu knospen beginnt. Die schlechte Pflanze wird an die Oberfläche kommen, das Böse wird nach außen hin erscheinen, die Seelen beunruhigen und sich ausbreiten, so dass viele verunreinigt werden. Dieses Fortschreiten des Bösen ist besonders wahrzunehmen, wenn es sich um Böses in der Lehre handelt.

Der Ausdruck „Wurzel der Bitterkeit“ ist sehr auffallend. Die Wurzel hat die Eigenschaften, die sich in den Früchten, die sie hervorbringt, vorfinden. Gift und Bitterkeit sind die traurigen und üblen Folgen, die aus ihr hervorkommen.

Die dritte Gefahr ist, „dass nicht jemand ein Hurer sei oder ein Ungöttlicher wie Esau.“ Bis zu diesem Punkt kann also der Mangel an der Gnade Gottes, das Fehlen des Selbstgerichtes und die Vernachlässigung im Ausrotten der Wurzel der Bitterkeit führen. Es mag sich um heidnische Sittenverderbnisse handeln, wenn hier von einem „Hurer“ gesprochen wird. Aber es geht noch weiter. Im Alten Testament wird der Götzendienst, in den die Israeliten oft gefallen sind, Ehebruch gegenüber Gott und Hurerei genannt. Es gibt also für die Seele eine geistliche Hurerei, die dann eintritt, wenn sich die Seele von der vollständigen Treue, die sie dem Herrn schuldet, abwendet (vgl. Hos 4,12). Deshalb ermahnt der Apostel die Gläubigen in dieser Hinsicht (1. Kor 10,8; vgl Off 2,14.20).

Aber es gibt auch „Ungöttliche wie Esau“, und es handelt sich dabei um das, wovon der Apostel im 6. und im 10. Kapitel geredet hat: um das Aufgeben des Christentums durch solche, die aus dem Judentum hervorgekommen waren und es äußerlich angenommen hatten. Die ungöttliche Handlung besteht darin, eine heilige Sache, nämlich die Gabe Gottes, zu verachten und zu verwerfen. Die Folgen davon sind schrecklich. Esau verachtete und verkaufte sein Erstgeburtsrecht, an das alle dem Abraham verheißenen Segnungen geknüpft waren. Und dies geschah aus einem ganz materiellen und fleischlichen Beweggrund, der seinen Mangel an Glauben und die Geringschätzung verriet, die er für die Gabe und die Verheißungen Gottes übrig hatte. „Siehe, ich gehe hin zu sterben, und wozu dient mir da das Erstgeburtsrecht?“ sagte er. Konnte er nicht auf Gott vertrauen? Nein, „Esau verachtete das Erstgeburtsrecht“ (1. Mo 25,29–34). Die Hebräer waren einer ähnlichen Gefahr ausgesetzt. Um den Trübsalen zu entgehen und die irdischen Dinge zu genießen, standen sie in der Gefahr umzukehren. Aber dies wäre ungöttlich gewesen. Damit hätten sie Christus, die Gabe Gottes, verachtet. Die Ermahnung, die ihnen der Verfasser gab, war also ganz auf sie zugeschnitten und besaß eine große Kraft.

Aber hat dies nicht auch uns etwas zu sagen? Ist es noch nie vorgekommen, dass wir irdische Vorteile, irgendeine Befriedigung des Fleisches der Person Christus und den himmlischen Dingen vorgezogen haben?

Was die Warnung noch ernster macht, ist die Folge des ungöttlichen Verhaltens, die in der Geschichte Esaus sichtbar wird. Er, der den Segen verachtet hatte, wurde verworfen, als er ihn später ererben wollte, obgleich er ihn mit Tränen eifrig suchte. „Hast du nur diesen einen Segen, mein Vater?“, rief er unter Weinen. „Segne mich, auch mich, mein Vater!“ Aber „er fand keinen Raum für die Buße“; sein Vater traf keine andere Anordnung. Es war nun zu spät (1. Mo 27,38). Manche denken, dass sich die Worte, „er fand keinen Raum zur Buße“, auf Esau und nicht auf Isaak beziehen. Dann bedeuten sie, dass Esau, auch wenn er mit Tränen den Segen suchte, keinen Weg zur Buße fand. Aus diesem Grund wurde er zurückgewiesen. Auf wen auch immer man diese Ausdrücke bezieht: Der Gottlose wird verworfen.

Dieses Beispiel wird den bekennenden Hebräern vorgestellt, um ihnen die Gefahr zu zeigen, die denen droht, die das Christentum verwerfen, nachdem sie es äußerlich angenommen hatten. Wir müssen uns daran erinnern, dass die Hebräer immer in Beziehung zu ihrem Bekenntnis betrachtet werden, ohne dass die Frage der Wirklichkeit des göttlichen Lebens in ihnen berührt wird.

„Denn ihr seid nicht gekommen zu dem [Berg], der betastet werden konnte, und zu dem entzündeten Feuer und dem Dunkel und der Finsternis und dem Sturm und dem Posaunenschall und der Stimme der Worte, deren Hörer baten, dass das Wort nicht mehr an sie gerichtet würde (denn sie konnten nicht ertragen, was angeordnet wurde: ‚Und wenn ein Tier den Berg berührt, soll es gesteinigt werden.' Und so furchtbar war die Erscheinung, dass Mose sagte: ‚Ich bin voll Furcht und Zittern.'),  sondern ihr seid gekommen zum Berg Zion und zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem; und zu Myriaden von Engeln, der allgemeinen Versammlung; und zu der Versammlung der Erstgeborenen, die in den Himmeln angeschrieben sind; und zu Gott, dem Richter aller; und zu den Geistern der vollendeten Gerechten; und zu Jesus, dem Mittler eines neuen Bundes; und zu dem Blut der Besprengung, das besser redet als Abel“ (12,18–24).

Hier macht der Verfasser des Briefes einen treffenden Vergleich zwischen dem, was das Gesetz gab, auf der einen Seite und den Segnungen, die Christus eingeführt hat, auf der anderen Seite. Der Gegensatz zwischen den beiden dient ihm als kräftige Begründung. „Denn“, sagt er, um zu zeigen, wie unvernünftig und sträflich es wäre, das wahre Christentum aufzugeben, um zum Judentum zurückzukehren. Es ist, als wenn er zu den Hebräern zur Ermunterung sagen würde: „Wollt ihr wirklich zum Gesetz zurückkehren, das doch nichts als Schatten und Bilder bieten konnte? Wollt ihr euch wirklich unter seine Schrecken stellen, indem ihr dabei auf die Segnungen verzichtet, welche die Gnade euch im Christentum bringt? Seht doch den Gegensatz zwischen eurem alten jüdischen Zustand und eurer christlichen Stellung unter der Gnade!“

„Denn ihr seid nicht gekommen“ zum Feuer des Sinai, zu dieser Furcht einflößenden Herrlichkeit, womit die Majestät Gottes sich umhüllte, die so furchtbar war, dass die Hörer seiner Stimme baten, „dass das Wort nicht mehr an sie gerichtet würde“. Der Berg, der betastet werden konnte, bezeichnete die irdische Haushaltung, aber zu gleicher Zeit sollten sie diesem Berge, auf den Gott herabgestiegen war, unter Todesstrafe nicht nahen und ihn nicht berühren. Das Gesetz hielt den sündigen Menschen in der Entfernung, und wenn er Gott in diesem Zustand nahen wollte, bedeutete dies für ihn und für alles, was mit ihm zusammenhing, der Tod. So furchtbar war die Erscheinung, dass Moses selbst voll Furcht und Zittern war. Das wird im Bericht von 2. Mose 19 und 20 nicht erwähnt. Die Schrift stellt uns dort Mose in der Würde des Mittlers vor. Nachdem das Volk zu Mose gesagt hatte: „Rede du mit uns“. Gott möge nicht mit uns reden, dass wir nicht sterben“, nahte sich Mose allein dem Dunkel, in dem sich Gott verbarg, und empfing seine Worte, um sie dem Volk zu überbringen (2. Mo 20,21.22; 5. Mo 18,16–18). Aber hier enthüllt uns der Heilige Geist, was im Herzen des Mannes vorging, der sich in der Gegenwart der göttlichen Majestät befand, eines Gottes, der sich in der ganzen Herrlichkeit seiner Heiligkeit und seiner Gerechtigkeit offenbarte.

„Sondern ihr seid gekommen zum Berge Zion“. Dieser Berg steht, im Gegensatz zu dem Berg Sinai. Zion ist der Berg der Gnade. Er ist ein Bild davon, dass Gott in seiner erhabenen Gnade gegenüber Israel gehandelt hat, das unter der Verantwortung des Gesetzes völlig versagt hatte. Israel war verderbt. „Ikabod“, d. h. „Nicht-Herrlichkeit“ war über das Volk geschrieben, denn die Lade des Herrn war in die Hände der Feinde gefallen. Als sie zurückkehrte blieb sie bei Abinadab, sozusagen in der Vergessenheit. Der Herr wohnte noch nicht in der Mitte seines Volkes (vgl. 1. Sam 4; 6; 7,1).

In 2. Samuel 5 sehen wir dann, dass David, der auserwählte König, der Mann nach dem Herzen Gottes, gegen die Jebusiter in Jerusalem zieht und die Feste Zions erobert, die dann zur Stadt Davids wurde. Die Lade wurde dorthin gebracht. Der Herr, der in seiner Gnade das Königtum Davids aufgerichtet hatte, stellte auch das Volk in seinen Beziehungen zu Ihm selbst wieder her. Zion wurde zum Sitz der königlichen Macht. Es ist der Ort für die Wohnung des Herrn. An diesem Ort wird der Messias zum König gesalbt. Wenn die Könige der Erde sich eines Tages gegen ihn erheben, wird der Herr sagen: „Habe doch ich meinen König gesalbt auf Zion, meinem heiligen Berge!“ (Ps 2,6).

Das Buch der Psalmen ist voll von Hinweisen auf Zion, auch die Propheten reden davon. Überall wird seine Schönheit, seine Vollkommenheit gerühmt. Überall wird Zion als der Ort bezeichnet, an dem der Herr wohnt und von woher die Segnung kommt (vgl. Ps 48,2.13; 50,2; 110,2; Jes 2,1–4).

Alles, was in Hebräer 12,22–24 beschrieben wird, ist eine Darstellung des 1000jährigen Reiches, zu dem die hebräischen Gläubigen geistlicherweise schon gekommen waren. Es sind zukünftige Dinge, auf die sie hofften und die noch nicht aufgerichtet waren, an denen wir aber heute schon geistlicherweise Anteil haben.

Nach Zion, dem Orte der Wohnung und der Ruhe Gottes auf der Erde, steigen wir im Geist bis zum himmlischen Jerusalem, der Stadt des lebendigen Gottes, empor. Zion ist der Sitz der Macht des Messias auf der Erde. Aber der Herr, der Sohn des Menschen, hat Anspruch auf ein Erbe, dessen Grenzen das ganze Universum umspannen (Ps 8; Heb 2,7.8; Eph 1,10; Phil 2,9–11).

Von diesem ausgedehnten Reich ist das himmlische Jerusalem, die Stadt des lebendigen Gottes, sozusagen die Hauptstadt. Es ist die Stadt, die Grundlagen hat, deren Baumeister und Schöpfer Gott ist. In Offenbarung 21 finden wir diese heilige Stadt, das neue Jerusalem, sowohl für das 1000-jährige Reich, als auch für den ewigen Zustand. Es ist die Versammlung. Sie stellt dort das dar, was wir sein werden, während hier, im Hebräerbrief, das himmlische Jerusalem der Wohnort ist, wo wir sein werden.

Wenn wir den ersten Abhang dieses Berges der Herrlichkeit hinaufsteigen, gelangen wir zum himmlischen Jerusalem. Wir haben also den Himmel erreicht und sind jetzt in der Mitte seiner Bewohner. Zuerst finden wir hier die „Myriaden von Engeln, der allgemeinen Versammlung“, dieser Wesen, welche die ständigen Bewohner des Himmels sind: Sie sind vor dem Fall Satans bewahrt geblieben und sind da in ihrer „natürlichen“ Wohnung. Sie bevölkern die Welt, die unseren Augen unsichtbar ist. Wir finden sie in Offenbarung 5 rings um den Thron her: „Zehntausende mal Zehntausende und Tausende mal Tausende“.

Wenn wir noch weiter hinaufsteigen, stellt uns diese wunderbare Szene einen besonderen Gegenstand vor: „Die Versammlung der Erstgeborenen, die in den Himmeln angeschrieben sind“. 1 Hier handelt es sich um die Versammlung Gottes. Diejenigen, die diese Versammlung bilden, sind nicht dort geboren. Sie sind nicht Eingeborene wie die Engel. Sie sind Gegenstände der Ratschlüsse Gottes. Sie haben nicht nur den Himmel erreicht, sondern sie sind verherrlichte Erben. Sie sind die Erstgeborenen Gottes, nach seinen ewigen Ratschlüssen, welche die Grundlage dafür sind, dass sie in den Himmeln angeschrieben sind. Die Versammlung wird aus erretteten Sündern gebildet, die Gegenstände der Gnade Gottes sind. Diese sind jetzt schon in Christus berufen und gehören durch die Gnade dem Himmel an.

Sie sind nicht wie die Heiligen des Alten Testamentes Gegenstände von Verheißungen, deren Erfüllung sie noch nicht auf der Erde empfangen haben, sondern erst im Himmel. Die Erstgeborenen haben kein anderes Vaterland als den Himmel. Ihr Bürgertum ist in den Himmeln (Phil 3,20). Die Verheißungen richten sich nicht an sie, denn ihr Platz ist nicht auf der Erde. Gott selbst hat ihnen den Himmel bereitet. Da und nirgendwo sonst hat Er ihre Namen angeschrieben. Ihr Platz ist der erhabenste im Himmel und ist erhaben über die Regierung Gottes auf der Erde, die nach seiner Verheißung und nach dem Gesetz ist. Es ist die Versammlung, die den ersten Rang in den Ratschlüssen Gottes einnimmt und die in der Reihenfolge der Offenbarungen zuletzt kommt (vgl. Eph 3).

Welch einen herrlichen Platz nimmt die Versammlung doch ein! Dieses Bild der größten Herrlichkeit, gegründet auf überströmende Gnade, führt uns zu dem Gipfelpunkt, zu Gott selbst, dem „Richter aller“. In diesem Brief sehen wir Ihn in einem anderen Charakter als sonst, denn der Gedanke der Regierung findet sich überall in dem Brief an die Hebräer. Gott wird als derjenige dargestellt, der von oben her alles regiert und das richtet, was sich unten befindet. Das ist ein Wesenszug, in dem Er überall im Alten Testament und besonders auch in den Psalmen dargestellt wird.

Das führt uns sozusagen auf eine andere Stufe. Von Gott, dem Richter aller, gelangen wir zu einer anderen Klasse von glückseligen Bewohnern der himmlischen Herrlichkeit. Es sind „die Geister der vollendeten Gerechten“, die ihren Lauf vollendet und durch ihren Glauben in den Kämpfen überwunden haben. Gott, der Richter aller, hat sie als die seinen anerkannt, bevor die himmlische Versammlung offenbart wurde. Sie waren treu in Bezug auf die Wege Gottes auf der Erde, ohne die Verwirklichung der Verheißungen empfangen zu haben. Und jetzt erwarten sie in der Ruhe des Himmels die Auferstehung und die Herrlichkeit (Heb 11,39.40).

„Und zu Jesus, dem Mittler eines neuen Bundes.“ Israel wird nicht aus dem Auge verloren. Von diesen Geistern der vollendeten Gerechten, die schon im Himmel sind, steigen wir hinab zum irdischen Volk, für das noch Segnungen bereitgehalten werden. Dies geschieht nicht mehr auf dem Grundsatz des Gesetzes und der Verantwortlichkeit des Menschen, sondern auf dem Grundsatz der Gnade Gottes. Gott wird mit Israel einen neuen Bund aufrichten, wie wir in Kapitel 10 gesehen haben. Ihrer Sünden und ihrer Ungerechtigkeiten wird er nie mehr gedenken und Er wird seine Gesetze in ihre Herzen geben und sie auf ihre Sinne schreiben. Es ist ein Bund der Gnade und der Vergebung, in dem alles von Gottes Seite kommt.

Der Herr Jesus ist der Mittler dieses neuen Bundes. Er war schon als solcher erschienen und hatte die Grundlage zu diesem Bund gelegt. Er hatte alles erfüllt, was zu dessen Aufrichtung notwendig war. Die gläubigen Hebräer waren nicht zum neuen Bund gekommen, der noch nicht aufgerichtet ist, sondern zu einer Person, die dessen Mittler ist und in der die kommenden Segnungen für Israel und für die Erde vorbereitet und gesichert sind.

Schließlich waren sie auch „zu dem Blut der Besprengung, das besser redet als Abel“, gekommen. Das Blut Abels, das Kain vergossen hat, schrie von der Erde her zu Gott und verlangte Rache für das vergangene Verbrechen. Die Antwort war das ausgesprochene Urteil über den Mörder: „Wenn du den Erdboden bebaust, soll er dir hinfort seine Kraft nicht geben; unstet und flüchtig sollst du sein auf der Erde“ (1. Mo 4,10–12). Aber das Blut Christi, das nicht nach Rache schreit, redet von Gnade. Es erfleht Vergebung, selbst für die, die es vergossen haben (Lk 23,34). Aufgrund dieses Blutes werden die, die Feinde waren, versöhnt. Eines Tages werden auch alle Dinge, die in den Himmeln und die auf der Erde sind, mit Gott versöhnt werden (Kol 1,20–22). 2

„Seht zu, dass ihr den nicht abweist, der redet! Denn wenn jene nicht entkamen, die den abwiesen, der auf der Erde die göttlichen Aussprüche gab: wie viel mehr wir nicht, wenn wir uns von dem abwenden, der von den Himmeln her redet! -  dessen Stimme damals die Erde erschütterte; jetzt aber hat er verheißen und gesagt: ‚Noch einmal werde ich nicht allein die Erde erbeben lassen, sondern auch den Himmel.' Aber das ‚noch einmal' deutet die Verwandlung der Dinge an, die erschüttert werden als solche, die gemacht sind, damit die, die nicht erschüttert werden, bleiben“ (12,25–27).

Nachdem der Verfasser des Briefes den auffallenden Unterschied zwischen dem Sinai mit seinem Schrecken und der wunderbaren Szene der himmlischen und irdischen Herrlichkeit, zu der die Hebräer gekommen waren, festgestellt hat, ermahnt er sie in eindringlicher Weise, sich nicht von demjenigen abzuwenden, der von den Himmeln her redet, das ist Christus. Er hatte als der HERR des Alten Testamentes in Aussprüchen geredet, als Er auf dem Sinai „lebendige Aussprüche“ gab, damit Mose sie dem Volk geben sollte (Apg 7,38). Das Volk weigerte sich zwar zu hören, konnte aber damit seiner Verantwortung nicht entgehen. Christus hat wohl sein Zeugnis auf der Erde abgelegt. Aber die Hebräer, wie auch wir selbst, haben es jetzt mit dem zu tun, „der von den Himmeln her redet“, mit einem verherrlichten Christus, der zur Rechten der Majestät sitzt. Wir haben mit dem Herrn der Herrlichkeit zu tun. Er hat den Heiligen Geist herabgesandt, der sein Zeugnis bestätigt hat (Heb 2,1–4). Wenn das Volk Israel dem Gericht nicht entgehen konnte, als es den abwies, der damals auf der Erde redete, wie viel weniger wird man jetzt diesem Urteil entfliehen können, wenn man sich von dem abwendet, der von den Himmeln her redet!

Seine Stimme erschütterte damals die Erde, als Er vom Sinai herab redete (2. Mo 19,18). Jetzt aber redet Er mit Gnade und Autorität vom Himmel herab. Und was verkündigt Er uns? Dass Er noch einmal nicht nur die Erde, sondern auch die Himmel bewegen wird (vgl. Hag 2,6). Diese Erschütterung wird also nach dieser Erklärung in der Verwandlung aller geschaffenen Dinge bestehen, so wie wir es in 2. Petrus 3,7.12 sehen. Für die Hebräer stand als erste Erschütterung die Zerstörung Jerusalems und das Verschwinden des Judentums vor der Tür, dieses Systems, das in Beziehung stand zu dem Menschen in seiner Verantwortlichkeit vor Gott. Weitere schwere Erschütterungen werden das 1000-jährige Friedensreich Christi einleiten. Schließlich aber wird die Erde und alles, was auf ihr ist, verunreinigt durch die Sünde und die Verdorbenheit. Die Erde und alles, worin der Mensch seine Ruhe und seine Befriedigung zu finden sucht, wird aufgelöst werden und verschwinden. Sogar der Himmel selbst, der Sitz der Macht des Feindes, der es durch seine Gegenwart verunreinigt hat (Off 12), muss aufgelöst werden. Alles, was der ersten Schöpfung angehört, die veränderlichen Dinge, sollen verschwinden und den unveränderlichen, bleibenden Dingen der neuen Schöpfung Platz machen. „Wir erwarten aber, nach seiner Verheißung, neue Himmel und eine neue Erde, in welchen Gerechtigkeit wohnt“ (2. Pet 3,13).

„Deshalb, da wir ein unerschütterliches Reich empfangen, lasst uns Gnade haben, durch die wir Gott wohlgefällig dienen mögen mit Frömmigkeit und Furcht. ‚Denn auch unser Gott ist ein verzehrendes Feuer'“ (10,28–29).

Der Schreiber zieht jetzt für die Gläubigen den Schluss aus dem, was er soeben gesagt hat. Sie waren durch den Glauben in den Besitz all dieser Herrlichkeiten des 1000-jährigen Reiches und der Ewigkeit gelangt. Sie waren der himmlische Teil dieses Reiches, das nicht erschüttert werden kann und das durch die Erschütterung der veränderlichen Dinge eingeführt wird. Sie waren die Erstlingsfrucht der neuen Schöpfung, und was die Gegenwart anbetrifft, empfingen sie dieses Reich schon in geistlicher Hinsicht. Es ist in der Tat das Vorrecht jedes Gläubigen, durch den Glauben in dieser ganzen, so erhabenen Ordnung der Dinge, der sie angehören, zu leben und sich zu bewegen. Dadurch wurden die Hebräer vom Judentum, dieser vorübergehenden und veränderlichen Sache gelöst. Dadurch werden auch unsere Herzen von den Dingen, die auf der Erde sind und die uns im Dienst, den wir für Gott zu tun haben, ein Hindernis bilden, frei gemacht. Wir besitzen diese Vorrechte durch die Gnade: Vergessen wir es nicht, und halten wir diese Gnade fest!

Das Gesetz vermochte uns nicht dahinzubringen. Und was haben wir jetzt zu tun? „Gott wohlgefällig zu dienen“. Dienen bezieht sich hier, wie überall in diesem Brief, auf den Gottesdienst, den wir Ihm darbringen sollen. Die Zeit des jüdischen Gottesdienstes war vorüber. Das war nun nicht mehr der Gott wohlgefällige Dienst. Jetzt erfüllt die Gnade, die uns in den Genuss der himmlischen Segnungen eingeführt hat, unsere Herzen mit Dankbarkeit gegen Gott und macht uns fähig, Ihm einen Gottesdienst darzubringen, der Ihm wohlgefällig ist. Er ist die Frucht dessen, was seine Gnade in uns hervorgebracht hat.

Immerhin dürfen wir nicht vergessen, dass wenn die Gnade uns zu Gott gebracht hat, so dass wir in seiner Gegenwart in Freiheit sind, Er nichtsdestoweniger Gott, der Allmächtige bleibt, der heilige und gerechte Gott. Wir befinden uns vor seiner erhabenen Majestät. Unser Dienst muss sich daher „mit Frömmigkeit und Furcht“ erfüllen, im Bewusstsein seiner Größe und in der Ehrfurcht, die Ihm gebührt.

Diese Ehrfurcht, verbunden mit dem Bewusstsein der Gnade, wird unserem Gottesdienst einen erhabenen Charakter verleihen. Möchten wir in unserem Leben, das ein täglicher Dienst sein soll, davon durchdrungen sein! So ist also die Gnade der Beweggrund unseres Dienstes, und „Frömmigkeit und Furcht“ sollen sein Wesen sein und die Weise seiner Erfüllung kennzeichnen.

Dies wird mit der ernsten Tatsache begründet:

„Denn auch unser Gott ist ein verzehrendes Feuer.“ „Unser Gott“, beachte es, und nicht Gott, außerhalb von Christus. Es ist der Gott, der Nadab und Abihu verzehrte, weil sie dem HERRN fremdes Feuer dargebracht hatten (3. Mo 10,1.2). Es ist der Gott, der die Israeliten vor dem Götzendienst warnte und erklärte, dass Er „ein verzehrendes Feuer, ein eifernder Gott“ ist (5. Mo 4,24). So ist auch unser Gott, der Gott der Christen. Sein Wesen der Heiligkeit, in dem Er das Böse richten muss, ändert sich nicht. Er kann bei denen, die sich Ihm nahen, keinerlei Verunreinigung dulden, nichts, was im geistlichen Sinn an fremdes Feuer oder an Götzendienst erinnert. Er will uns ganz für sich haben.

Fußnoten

  • 1 Bei dem Ausdruck „allgemeine Versammlung“ ist das Wort im Grundtext nicht dasselbe wie beim Ausdruck „die Versammlung der Erstgeborenen“. Der erste wurde z.B. benutzt, um alle Staaten Griechenlands zu bezeichnen; der zweite Ausdruck wurde für die Versammlung der Bürger eines besonderen Staates verwendet.
  • 2 Als die Juden das Blut Christi vergossen hatten, riefen sie aus: „Sein Blut komme über uns und unsere Kinder“ (Mt 27,25). Das Blut des Christus schrie nicht um Rache gegen sie, sondern sie selbst haben freiwillig die Verantwortung ihrer Tat auf sich genommen, und auf ihre schuldigen Häupter ist die Rache herabgekommen. Wie Kain sind sie nun unstet und flüchtig auf der Erde.
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