Der neue und lebendige Weg in das Heiligtum
Kommentar zum Hebräer-Brief

Kapitel 10

Der neue und lebendige Weg in das Heiligtum

Im ersten Teil dieses Kapitels (Verse 1–18) wird uns Christus hauptsächlich als das heilige und vollkommene Opfer vorgestellt. Alle unter dem Gesetz dargebrachten Opfer waren davon nur Bilder. Sie konnten keineswegs Sünden hinwegnehmen und folglich auch nicht das Gewissen reinigen. Christus als Opfer ohne Fehl und Flecken war der Gegenstand des neunten Kapitels. Im  zehnten Kapitel finden wir darauf aufbauend vor allem die großen Ergebnisse dieses einen Opfers Christi. Beim Lesen dieser Kapitel ist es gut, die Augen auf das gerichtet zu halten, was sich am Sühnungstag in Israel zutrug. Wir haben nämlich hier die inspirierte Erklärung dafür, was die Zeremonien jenes Tages bedeuteten.

„Jetzt aber ist er einmal in der Vollendung der Zeitalter offenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer“, wird am Ende des neunten Kapitels gesagt. Was waren das nun für Opfer, die unter dem Gesetz dargebracht wurden? Genau das wird nun in unserem Kapitel gezeigt.

„Denn da das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat, so kann es niemals mit denselben Schlachtopfern, die sie alljährlich ununterbrochen darbringen, die Hinzunahenden vollkommen machen“ (10,1).

„Denn da das Gesetz einen Schatten der zukünftigen Güter, nicht der Dinge Ebenbild selbst hat.“ Die „zukünftigen Güter“ umfassen alle Segnungen, die Christus bringen sollte. Das Gesetz konnte diese Segnungen nicht in ihrer herrlichen Wirklichkeit darstellen, sie finden sich nur in Christus. Das Ebenbild der Dinge ist das, was diese in Wirklichkeit sind, im Gegensatz zu dem Schatten, der wohl deren Existenz anzeigt, aber sozusagen nur die Umrisse andeutet. Nach dem Gesetz sollten die Opfer „alljährlich“ dargebracht werden, was unsere Gedanken zum großen Sühnungstag zurückführt, aber sie konnten die Hinzunahenden nicht vollkommen machen. Vollkommen machen ist dasselbe Wort wie „vollendet werden“, das wir in Kapitel 5,9 finden. Es hat die Bedeutung: für eine Sache völlig geeignet sein. Wer Gott naht, muss in einem Zustand sein, der es ihm erlaubt, dies zu tun. Es darf keinerlei Frage bezüglich seines Zustandes, das heißt seiner Stellung vor Gott, erhoben werden. Er muss „vollendet“ und „vollkommen gemacht“ worden sein, um völlig geeignet in der heiligen Gegenwart Gottes zu sein. Das aber konnten die unter dem Gesetz dargebrachten Opfer für die sündigen Menschen nicht zustande bringen. Dies wird in den folgenden Versen begründet.

„Denn würde sonst nicht ihre Darbringung aufgehört haben, weil die den Gottesdienst Ausübenden, einmal gereinigt, kein Gewissen von Sünden mehr gehabt hätten? Doch in jenen Opfern ist alljährlich ein Erinnern an die Sünden; denn unmöglich kann Blut von Stieren und Böcken Sünden wegnehmen“ (10,2–4). 

Hätten diese Opfer bewirkt, dass die Hinzunahenden gereinigt und ihre Sünden für immer ausgelöscht würden, so dass sie kein „Gewissen mehr von Sünden“ mehr gehabt hätten, so wäre die Darbringung weiterer Opfer nicht mehr nötig gewesen. Aus diesen Ausdrücken „gereinigt“, „kein Gewissen mehr von Sünden haben“, ersehen wir, was es bedeutet, „vollkommen gemacht“ zu sein. Der Mensch ist durch seine Sünden verunreinigt. Um Gott zu nahen, muss er davon gereinigt werden. Gott darf keine Sünde mehr auf ihm sehen können. Noch mehr, es ist auch nötig, dass der Mensch in der Gegenwart Gottes weiß – wenn er sich dort wohl fühlen soll – dass seine Sünden getilgt sind. Es ist nötig, dass er „kein Gewissen von Sünden“ mehr hat und ihn nichts mehr anklagt. Genau das ist die Bedeutung von „vollkommen sein“. Ein glücklicher Zustand! Aber das Gesetz konnte nicht zu diesem Ergebnis führen. Im Gegenteil, die Tatsache, dass die Opfer alljährlich dargebracht werden mussten, erinnerte daran, dass die Sünde immer noch da war: So waren die Opfer letztlich nur „ein Erinnern an die Sünden“. Denn, sagt der Apostel, „unmöglich kann Blut von Stieren und Böcken Sünden hinweg nehmen“. Der fromme Israelit mochte am Abend des großen Sühnungstages in seinem Gewissen Erleichterung empfinden. Aber am folgenden Tag begann sein Schuldkonto von Neuem zu wachsen. Das Gewissen war nicht für immer gereinigt. Die Wirksamkeit der Opfer dauerte nicht an: Sie waren ja nur Schatten der zukünftigen Güter. Diese Güter werden nun mit dem fünften Vers vorgestellt, der uns das einzige wahre Opfer zeigt.

„Darum, als er in die Welt kommt, spricht er: 'Schlachtopfer und Speisopfer hast du nicht gewollt, einen Leib aber hast du mir bereitet; an Brandopfern und Opfern für die Sünde hast du kein Wohlgefallen gefunden. Da sprach ich: Siehe, ich komme (in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben), um deinen Willen, o Gott, zu tun.' Während er vorher sagt: 'Schlachtopfer und Speisopfer und Brandopfer und Opfer für die Sünde hast du nicht gewollt noch Wohlgefallen daran gefunden' (die nach dem Gesetz dargebracht werden), sprach er dann: 'Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun.' (Er nimmt das Erste weg, damit er das Zweite aufrichte)“ (10,5–9).

Die nach dem Gesetz dargebrachten Opfer waren in jeder Hinsicht unfähig, die Hinzunahenden vollkommen zu machen. Daraus ergibt sich die Notwendigkeit eines anderen Opfers, das diese Wirksamkeit besitzt. Und gerade ein solches war in den Ratschlüssen Gottes vorgesehen. „Darum, als er in die Welt kommt, spricht er: „Schlachtopfer und Speisopfer hast du nicht gewollt, einen Leib aber hast du mir bereitet.“ Wer ist dieser, der so spricht? Es ist Christus, der geistlicherweise durch den Mund Davids redete. Der Heilige Geist stellte durch diese alttestamentlichen Worte Davids im Voraus fest, was Christus beim Eintritt in diese Welt als Mensch als den Zweck seines Kommens auf diese Erde bezeichnen würde. „Einen Leib hast du mir bereitet“ – das war die erste Notwendigkeit, um den Willen Gottes erfüllen zu können. Es war nötig, dass Er Mensch wurde. Beachten wir, dass seine Fleischwerdung Gott zugeschrieben wird, nicht Ihm selbst, denn in allem ist Er der Knecht, der abhängige Mensch.

In den Psalmen lesen wir: „Ohren hast du mir bereitet“, 1 ein Ausdruck, der die Stellung des gehorsamen Knechtes bezeichnet, die Christus eingenommen hat. Zu diesem Zweck musste Er Mensch werden, und darum sagt der Heilige Geist: „Einen Leib hast du mir bereitet“, indem Er die Übersetzung der Septuaginta anwendet, die den tieferen Sinn dieser Worte Davids wiedergibt.

Christus, der als Mensch auf die Erde gekommen ist, sagte beim Eintritt in die Welt: „Schlachtopfer und Speisopfer hast du nicht gewollt“... „an Brandopfern und Opfern für die Sünde hast du kein Wohlgefallen gefunden. Da sprach ich: Siehe, ich komme (in der Rolle des Buches steht von mir geschrieben), um deinen Willen, o Gott, zu tun“. Wir finden im Alten Testament mehr als eine Stelle, in der Gott erklärt, dass Er kein Wohlgefallen an Schlachtopfern und Brandopfern habe, sondern am gehorsamen Ausführen seines Willens (vgl. Ps 51,16, Jer 6,20; 7,21–23; Micha 6,6–8). Aber welcher Mensch war in der Lage, diesen Willen zu erfüllen, und wer konnte dieses vollkommene Opfer darbringen, das Ihm hätte wohlgefällig sein können? Wer hätte ein Opfer bringen können, das so beschaffen war, dass es auch ein Opfer zur Tilgung der Sünde sein konnte? Christus allein war dazu fähig. Er allein konnte sagen: „Siehe, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun“. Dieser Wille bestand darin, die Frage der Sünde ein für allemal zu lösen, damit Gott in Gerechtigkeit schuldige Menschen erretten konnte. Und nur dieses Ziel war die Erfüllung der Ratschlüsse Gottes.

In der Rolle des Buches stand von Ihm geschrieben. Christus, der Mensch geworden war, um Gott zu verherrlichen, war der große Gegenstand der göttlichen Ratschlüsse. Welch ein Vorrecht ist es, Zeugen dieser Unterredung zu sein und wahrnehmen zu dürfen, wie sich Christus in den Tiefen der Gottheit anbietet, Mensch zu werden und auf die Erde zu kommen, um den Willen Gottes zu tun, in der Dahingabe seiner selbst. Der Heilige Geist beharrt darauf, dass die unter dem Gesetz dargebrachten Opfer den Forderungen Gottes nicht entsprechen.

Er nennt vier Arten von Opfern: Brandopfer und Speisopfer, Friedensopfer und Sündopfer. Diese vier Opfer sind Vorbilder auf Christus. Der Geist Gottes setzt sie alle beiseite, um Den zu zeigen, in dem sie ihre Verwirklichung gefunden haben: „Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun.“ Und so nimmt Er das Erste weg, damit Er das zweite aufrichte. Die erste Ordnung der Opfer führte keineswegs dazu, die Hinzunahenden vollkommen zu machen. Ihr Gewissen war nicht gereinigt. Die zweite Ordnung der Dinge ist in dem einzigen Opfer Christi zusammengefasst, das ein vollkommenes und bleibendes Ergebnis einführte. Und dieses einzige Opfer ist die Frucht des vollkommenen Gehorsams des Herrn!

„Durch diesen Willen sind wir geheiligt durch das ein für alle Mal geschehene Opfer des Leibes Jesu Christi“ (10,10).

Wir sind folglich durch das Opfer des Herrn Jesus geheiligt, für Gott abgesondert und gerettet. In dem Leib, den Gott selbst gebildet hatte, war Er gekommen, um den Willen Gottes zu tun, dessen Höhepunkt das vollkommene Opfer war: der Tod des Herrn am Kreuz.

Beachten wir ferner, dass Er ein für allemal geopfert wurde. Dieses Opfer genügt für alle Zeiten. Es muss, im Gegensatz zu dem nach dem Gesetz dargebrachten Opfer, nicht wiederholt werden. Die Heiligung, die Absonderung, die sich daraus ergibt, ist also immerwährend vollkommen. Was für eine Gnade für die Gläubigen! Es handelt sich hier nicht um eine praktische Heiligung wie in Hebräer 12,14, sondern um eine grundsätzliche Absonderung für Gott, auf Grund des Opfers Jesu Christi.

„Und jeder Priester steht täglich da, verrichtet den Dienst und bringt oft dieselben Schlachtopfer dar, die niemals Sünden wegnehmen können. Er aber, nachdem er ein Schlachtopfer für Sünden dargebracht hat, hat sich auf immerdar gesetzt zur Rechten Gottes, fortan wartend, bis seine Feinde hingelegt sind als Schemel seiner Füße. Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar die vollkommen gemacht, die geheiligt werden“ (10,11–14). 

Der Gegensatz zwischen dem jüdischen und dem christlichen System wird in diesen Versen fortgeführt, aber jetzt hinsichtlich der Wirksamkeit der Priester. Unter dem Gesetz hielten sich die Priester, in Ausübung des ihnen auferlegten Dienstes, täglich vor dem Altar auf, indem sie fortwährend Opfer darbrachten, die aber niemals Sünden hinwegnehmen konnten. Ihr Dienst war unaufhörlich – ein Zeichen dafür, dass noch kein vollkommenes Opfer geschehen war. Christus hat im Gegensatz dazu nur ein einziges Opfer für die Sünden dargebracht. Aber es war ein Opfer, das völlig ausreichend war, um die, welche Gott angehörten, ohne Flecken vor Ihn hinzustellen. Es ist ein Opfer von bleibendem Wert und ewiger Wirkung. Daher hat Er sich gesetzt. Das ist ein Kennzeichen der Ruhe nach vollbrachtem Werk, er hat sich auf immerdar gesetzt. Es ist ein Werk, das nicht wiederholt werden muss, weil es völlig genügend ist. Und Er hat sich zur Rechten Gottes gesetzt, ein Zeichen der vollkommenen Annahme, nachdem Er den Willen Gottes völlig getan hat. Welche Sicherheit für den Gläubigen, seinen großen Hohenpriester droben in dieser Stellung der Herrlichkeit zu sehen!

Christus hat sich im Blick auf sein Werk des Heils auf immerdar gesetzt. Aber es kommt der Zeitpunkt, dass Er sich erheben wird. Das wird sein, wenn Er kommen wird, um an seinen Feinden Gericht zu üben. Seit dem Augenblick, wo Er als Hoherpriester in den Himmel eingegangen ist, wartet Er, „bis seine Feinde gelegt sind zum Schemel seiner Füße“, wie es schon in Psalm 110 angekündigt wurde. Was für ein feierlich ernster Gegensatz! Für die Gläubigen, für seine Freunde, ist das eine vollkommene Befreiung. Aber für die, die Ihn verworfen und sich so zu seinen Feinden gemacht haben, wird ein schreckliches Gericht kommen!

Die treuen Hebräer konnten sich sagen: Der Messias ist gekommen und wir haben geglaubt; weshalb ist es nun so, dass wir verfolgt werden und unsere Feinde triumphieren? Der Heilige Geist zeigt ihnen jetzt, dass durch das vollkommene Opfer Christi und sein Sitzen zur Rechten Gottes ihre Errettung gesichert ist, und auch, dass Christus zusammen mit den Seinen künftig einen endgültigen Sieg über alle Feinde erringen wird (vgl. Psalm 110).

Nachdem der Heilige Geist diese Zusicherung in Bezug auf die Zukunft gegeben hat, gibt Er auch für die Gegenwart den Gläubigen den so kostbaren Grund an, weshalb sich Christus jetzt in der Ruhe droben gesetzt hat: Es ist deshalb, weil Er „mit einem Opfer auf immerdar vollkommen gemacht hat, die geheiligt werden“. Das Opfer, nämlich das des Leibes Jesu Christi, ist vollkommen, es muss nicht wiederholt werden. Daher hat Er sich auf immerdar gesetzt zur Rechten der Majestät in der Höhe. Diejenigen, die geheiligt und für Gott abgesondert sind, bleiben es auf Grund dieses Opfers für immer (Vers 10). Bezüglich ihrer Stellung vor Gott hat das Werk Christi ebenfalls einen dauernden Wert, und weil Er selbst immerdar vor Gott ist, sind auch sie immerdar vollkommen vor Ihm. Das Werk Christi ist vollkommen, seine Annahme ist vollkommen, nichts kann diese verändern. Und auch wir sind vollkommen, weil wir durch Ihn vor Gott vertreten sind. 2

„Das bezeugt uns aber auch der Heilige Geist; denn nachdem er gesagt hat: 'Dies ist der Bund, den ich ihnen errichten werde nach jenen Tagen, spricht der Herr: Indem ich meine Gesetze in ihre Herzen gebe, werde ich sie auch auf ihren Sinn schreiben'; und: 'Ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde ich nie mehr gedenken.' Wo aber eine Vergebung derselben ist, da ist nicht mehr ein Opfer für die Sünde“ (10,15–18).

Nachdem der Verfasser den vollkommenen und bleibenden Wert des Werkes Christi festgestellt hat, zitiert er ein Zeugnis des Heiligen Geistes aus dem Alten Testament bezüglich der Vortrefflichkeit und der ewigen Vollkommenheit dieses Werkes, in seiner Anwendung auf die Gläubigen. Es ist ein Zeugnis aus Jeremia 31, wo der Herr die Vorrechte des neuen Bundes zeigt, den Er mit seinem Volk errichten wird: „Und ihrer Sünden und ihrer Gesetzlosigkeiten werde ich nie mehr gedenken.“

Was für eine kostbare Tatsache, von unendlichem Wert für die Seele ist doch diese Gewissheit der völligen und bedingungslosen Vergebung aller Sünden, einer Gewissheit, die auf den Vorsatz und den Willen Gottes, auf das vollkommene Opfer Christi gegründet ist, verbürgt durch das unfehlbare Zeugnis des Heiligen Geistes! Wir können es mit vollem Glauben ergreifen und haben nichts anderes zu suchen, um unsere Stellung vor Gott zu sichern: „Wo aber eine Vergebung derselben ist“, eine vollkommene und bleibende Vergebung der Sünden und der Ungerechtigkeiten, „da ist nicht mehr ein Opfer für die Sünde“. Da ein Opfer dargebracht worden ist, das die Sünden für immer vor den Augen Gottes wegnimmt (Heb 9,26), besteht keine Veranlassung mehr, ein anderes zu opfern.

Nebenbei gesagt beleuchtet dies den großen und verheerenden Irrtum des unaufhörlich wiederholten Opfers der Messe, der durch eine große Kirche gelehrt wird.

In dem bis jetzt betrachteten Teil dieses zehnten Kapitels finden wir also, kurz zusammengefasst:

  1. Vers 10: Unsere Erlösung hat eine göttliche Quelle. Sie entspringt dem Willen Gottes.
  2. Vers 12: Unsere Erlösung ist durch ein göttliches Werk Tatsache geworden, durch das Opfer Christi.
  3. Vers 15: Über diese Erlösung besteht das göttliche Zeugnis des Heiligen Geistes.

Wir haben hier also den Willen Gottes des Vaters, das Werk des Sohnes und das Zeugnis des Heiligen Geistes.

„Da wir nun, Brüder, Freimütigkeit haben zum Eintritt in das Heiligtum durch das Blut Jesu, auf dem neuen und lebendigen Weg, den er uns eingeweiht hat durch den Vorhang hin, das ist sein Fleisch, und einen großen Priester haben über das Haus Gottes,...“ (10,19–21).

Der große lehrhafte Teil dieses Briefes, dessen großer Gegenstand das Priestertum des Herrn Jesus in der Herrlichkeit ist, findet hier seinen Abschluss. Der Schreiber dieses Briefes zieht nun die praktische Folgerung aus den Belehrungen bezüglich dieses Priestertums und der Vollkommenheit des Opfers des Herrn Jesus, der sich jetzt zur Rechten Gottes gesetzt hat: Nachdem die Sünde zunichte gemacht und das Gewissen gereinigt ist und die Gläubigen auf immerdar vollkommen gemacht sind, ohne Sünde in den Augen Gottes, haben die Gläubigen jetzt volle Freimütigkeit zum Eintritt in das Heiligtum. Es besteht keine Schranke mehr, die ihnen den Zugang verwehrt: Das Blut Jesu, das allen Anforderungen der Gerechtigkeit Gottes entsprach, erlaubt ihnen jetzt, ohne Furcht in die Gegenwart Gottes, die für sie ohne Vorhang ist, einzutreten und darin zu bleiben. Wunderbares Vorrecht für ehemalige Sünder, deren Unreinigkeit sie einst von diesem gesegneten Platz ausgeschlossen hatte! Aber Christus hat durch Sich Selbst die Reinigung der Sünden bewirkt, ist dann Selbst dort eingetreten und hat für uns den Zugang geöffnet, indem Er uns den Weg gezeigt hat.

Dieser Weg ist sein Fleisch. Die Menschheit Christi, seine Erniedrigung, war wie ein Vorhang, der seine göttliche Herrlichkeit vor dem sündigen Menschen verbarg. Nur der Glaube konnte sie erkennen. Aber mit seinem Tod ist der Vorhang zerrissen worden 3, die Sünde wurde weggenommen. In dem auferstandenen und zur Rechten Gottes verherrlichten Christus kann der Mensch jetzt durch den Glauben die Herrlichkeit Gottes betrachten und in seine Gegenwart eintreten.

Das also ist der neue und lebendige Weg. Der Brief hat uns Christus als ein für allemal in das Heiligtum eingegangen, gezeigt (Heb 9,12). Und jetzt werden die Erlösten ermahnt, Ihm zu folgen und den Weg zu betreten, den Er uns selbst geöffnet hat.

Es ist ein neuer Weg, der bis dahin nicht bestanden hatte, da der Zugang zum Allerheiligsten untersagt war. Es ist ein lebendiger Weg, da Christus, nachdem Er durch den Tod hindurchgegangen war, jetzt auferstanden ist und in der Kraft eines unauflöslichen Lebens in die Zeitalter der Zeitalter in der Herrlichkeit lebt. Sein Tod war nötig, um unsere Sünden zu sühnen. Aber wir bedürfen ebenso sehr seines Auferstehungslebens in der Herrlichkeit, um da eingeführt zu werden, wo Er ist. Es heißt: „Indem er immerdar lebt“ (Heb 7,25).

Unter dem Gesetz hatte der Hohepriester nur einmal des Jahres die Möglichkeit, in das Allerheiligste einzutreten, und zwar mit dem Blut von Opfern. Jetzt aber können die Geheiligten, die durch das Blut des Herrn Jesus erkauft sind, allezeit ins Heiligtum eintreten, und zwar mit voller Freimütigkeit, da sie kein Gewissen von Sünden mehr haben. Noch mehr, sie finden dort den großen Hohepriester, der über das Haus Gottes gesetzt ist, Jesus selbst, der uns im Heiligtum vertritt. Alles ist getan, damit wir uns in der Gegenwart Gottes glücklich und wohl fühlen können.

„... so lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und so gereinigt vom bösen Gewissen und den Leib gewaschen mit reinem Wasser“ (10,22).

Nachdem dies festgestellt ist, folgen die auf diese Wahrheit gegründeten Ermahnungen. Die erste lautet: „Lasst uns hinzutreten mit wahrhaftigem Herzen, in voller Gewissheit des Glaubens, die Herzen besprengt und also gereinigt vom bösen Gewissen, und den Leib gewaschen mit reinem Wasser.“ Nachdem alle Schranken, die uns den Zugang zu Gott versperrt haben, hinweggetan sind, werden wir ermahnt, von diesem unermesslichen und kostbaren Vorrecht Gebrauch zu machen.

Dann wird der sittliche Zustand des Hinzunahenden beschrieben. Er soll mit einem wahrhaftigen, aufrichtigen Herzen ohne Trug nahen, das vor Gott, vor Dem es sich auf Grund des Werkes Christi befindet, nichts zu verbergen hat. Dies ist der Zustand dessen, der die Vollkommenheit und die Wirksamkeit dieses Werkes erfasst und wertschätzt. Er kann mit dem Psalmisten sagen: „Glückselig der, dessen Übertretung vergeben, dessen Sünde zugedeckt ist! Glückselig der Mensch, dem der HERR die Ungerechtigkeit nicht zurechnet, und in dessen Geist kein Trug ist!“ (Ps 32,1.2). Zu einem wahrhaftigen Herzen gesellt sich die volle Gewissheit des Glaubens, der sich, ohne irgendwelchem Zweifel Raum zu lassen, die göttlichen Erklärungen aneignet, was den vollkommenen Wert der durch das Opfer Christi vollbrachten Sühnung betrifft. Durch diese beiden Dinge, also durch ein vor Gott wahrhaftiges Herz und durch die volle Gewissheit des Glaubens, wird sowohl Gott selbst als auch Christus und sein Werk verherrlicht.

Der Schluss des Verses zeigt, auf welcher Grundlage man ein wahrhaftiges Herz und eine volle Gewissheit des Glaubens haben kann: Die Herzen sind ein für allemal mit dem Blut Christi besprengt und vom bösen Gewissen und vom Gefühl der Schuldhaftigkeit, das auf die Sünde folgt, gereinigt. Und der Leib ist mit reinem Wasser gewaschen.

Was bedeuten diese letzteren Worte? Sie sind ohne Zweifel eine Anspielung auf die Priester, die anlässlich ihrer Weihe mit Blut besprengt wurden, nachdem sie, um Gott nahen zu können, mit reinem Wasser gewaschen worden waren (2. Mo 29). Auch am großen Sühnungstag wusch Aaron sein Fleisch, bevor er ins Allerheiligste hineinging.

Das reine Wasser ist das Wort Gottes, das durch die Kraft des Heiligen Geistes auf die Seelen angewendet wird. Das geht aus verschiedenen Stellen hervor. In Johannes 13,10.11 sagt der Herr: „Wer gebadet ist, hat nicht nötig, sich zu waschen, als nur die Füße, sondern ist ganz rein; und ihr seid rein, aber nicht alle. Denn er kannte den, der ihn überlieferte; darum sagte er: Ihr seid nicht alle rein.“ Diese Worte werden uns in Johannes 15,3 erklärt: „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe“. So wie das Wasser unsere Körper reinigt, so bringt auch das auf unsere Seelen angewendete Wort ihre Wiedergeburt hervor und reinigt sie, und zwar ein für allemal, ohne dass eine Wiederholung stattfinden muss. Paulus redet in Titus 3,5 von der „Waschung der Wiedergeburt“; Petrus sagt: „Ihr seid nicht wiedergeboren aus verweslichem Samen, sondern aus unverweslichem, durch das lebendige und bleibende Wort Gottes“ (1. Pet 1,23); Jakobus schreibt: „Nach seinem eigenen Willen hat er uns durch das Wort der Wahrheit gezeugt“ (1,18); und der Herr belehrt uns, dass wir aus „Wasser und Geist“ geboren werden müssen (Joh 3,5).

Es ist sehr wichtig zu beachten, dass der Apostel nicht von einer Wiederholung der Besprengung des Blutes spricht, weil es eben auch keine Wiederholung der Waschung der Wiedergeburt durch das Wort gibt. Die Sache ist ein für allemal geschehen. Wir sind nun dauerhaft in dieser neuen Stellung. Daher können wir mit wahrhaftigem Herzen und voller Gewissheit des Glaubens hinzunahen, ohne dass sich eine Frage in Bezug auf unser Vorrecht, in die Gegenwart Gottes eintreten zu können, erheben könnte.

Wir dürfen aber nicht vergessen, dass die Waschung mit Wasser, also die Wirksamkeit des Wortes auf die Seele, sich in der Praxis fortsetzen muss. Diese praktische Wirksamkeit des Wortes wird durch die Fußwaschung in Johannes 13 bildlich dargestellt, und auch in Bezug auf die Versammlung wird in Epheser 5 davon gesprochen: „Damit er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort.“

„Lasst uns das Bekenntnis der Hoffnung unbeweglich festhalten (denn treu ist er, der die Verheißung gegeben hat)“ (10,23).

Der vorangegangene Vers spricht von unserem Vorrecht, dass wir in das himmlische Heiligtum, in die Gegenwart Gottes eintreten können. Der 23. Vers enthält eine Ermahnung, die sich auf unser Bekenntnis vor den Menschen bezieht. Die Hoffnung, von der hier die Rede ist, bezieht sich immer auf das Kommende, das wir zwar noch nicht besitzen, aber dennoch erwarten: Christus und sein Kommen, mit dem alle Segnungen verbunden sind.

Er wird „zum zweiten Mal denen, die ihn erwarten, ohne Sünde erscheinen zur Seligkeit“. Es wird ganz allgemein von dem Kommen des Herrn gesprochen, weil sowohl das Kommen des Herrn für die Gläubigen der Jetztzeit gemeint ist, die glückselige Hoffnung, als auch die zweite Phase seines Kommens, die Befreiung Israels.

Wir glauben daran, dass der Herr Jesus wiederkommt. Das ist die wahre christliche Haltung. Wie viele Christen aber mag es geben, die sich dessen nicht mehr bewusst sind und nötig hätten, die Ermahnung des Apostels auf sich anzuwenden? Wir haben dieses Bekenntnis „unbeweglich“ festzuhalten! Das natürliche Herz ist geneigt, sich entmutigen zu lassen, wenn sich die Erwartung in die Länge zieht. Man neigt dann dazu, zu sagen: „Mein Herr verzieht zu kommen!“ In einem solchen Herzen aber gewinnt die Welt an Einfluss und man verliert das himmlische Ziel aus dem Auge. Daher ist diese Ermahnung so wichtig.

Das Bekenntnis gründet sich übrigens auf die Treue Dessen, der den glückseligen und nahen Ausgang unseres Weges verheißen hat: „Treu ist er, der die Verheißung gegeben hat.“

„... und lasst uns aufeinander Acht haben zur Anreizung zur Liebe und zu guten Werken, indem wir unser Zusammenkommen nicht versäumen, wie es bei einigen Sitte ist, sondern einander ermuntern, und das umso mehr, je mehr ihr den Tag näher kommen seht“ (10,24–25).

Die in den Versen 24 und 25 an uns gerichtete Ermahnung bezieht sich auf die Gemeinschaft und auf die brüderlichen Beziehungen derer, die außerhalb des Judentums gesammelt worden waren. Es genügt nicht, nur für sich selbst das Vertrauen in die Treue Gottes zu bewahren. Wir haben auch an andere zu denken und an deren geistliches Wohl. Wir sollen auf diese Weise einander ermuntern, in dieser Liebe zu leben, die das Kennzeichen des göttlichen Lebens in uns ist, und auch in den guten Werken, die Gott verherrlichen und von der Wirklichkeit unseres Bekenntnisses Zeugnis geben.

Dieses Bekenntnis soll öffentlich sein. Das Zusammenkommen derer, die einen gemeinsamen Glauben hatten, war ein solches öffentliches Bekenntnis. Manche hatten dieses Zusammenkommen aufgegeben. Sie lebten die Zugehörigkeit zu denen, die sich im Namen Christi versammelten, nicht mehr aus. Eine mögliche Ursache waren vielleicht die Leiden und die Schmach, die damit verbunden war. Ein solchen Verhalten war ein schlechtes Zeichen im Blick auf den Zustand ihres Glaubens, besonders wenn sie sich mit dem jüdischen Gottesdienst zufrieden gaben. Das ist der Grund für die ernste und schreckliche Erklärung in den Versen 26–31. Sie sollten sich daher ermuntern, im öffentlichen Bekenntnis des Glaubens treu und fest zu bleiben, „und das um so mehr, je mehr ihr den Tag herannahen sehet“.

Welcher Tag ist hier gemeint? Offenbar der Tag des Gerichtes, an dem der Herr kommen wird (2. Thes 1,10). Dieser Tag wird uns immer dann vorgestellt, wenn es sich darum handelt, auf unser Gewissen einzuwirken, zur Wachsamkeit anzuregen und zu einem heiligen Leben aufzurufen. Auch die Ermahnung, in Absonderung von der Welt zu leben und die Ermunterung, sich nicht vor den Menschen zu fürchten, stehen mit diesem Tag in Verbindung (vgl. 2. Tim 4,7–8; Mt 24,42; 1. Thes 3,13).

Übrigens stand damals ein Tag des Gerichtes, das ein Vorspiel und Bild des Endgerichtes ist, kurz bevor: der Tag der Zerstörung Jerusalems, dessen Herannahen sich durch Zeichen kundgeben würde (vgl. Lk 21,20–24). Gerade angesichts der Zerstörung des Tempels und des jüdischen Gottesdienstes, an dem die Hebräer noch sehr festhielten, war es so nötig, dass sie dieses „Zusammenkommen als Versammlung“ nicht aufgaben. Denn dieses Zusammenkommen bestand außerhalb aller Formen und gründete sich allein auf Christus und sein Werk! Das Aufgeben des christlichen Bekenntnisses beraubte sie jeder Hoffnung. Das sehen wir besonders in den folgenden Versen.

„Denn wenn wir mit Willen sündigen, nachdem wir die Erkenntnis der Wahrheit empfangen haben, so bleibt kein Schlachtopfer für Sünden mehr übrig, sondern ein gewisses furchtvolles Erwarten des Gerichts und der Eifer eines Feuers, das die Widersacher verzehren wird. Jemand, der das Gesetz Moses verworfen hat, stirbt ohne Barmherzigkeit auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen; wie viel schlimmerer Strafe, meint ihr, wird der wert geachtet werden, der den Sohn Gottes mit Füßen getreten und das Blut des Bundes, durch das er geheiligt worden ist, für gemein erachtet und den Geist der Gnade geschmäht hat? Denn wir kennen den, der gesagt hat: 'Mein ist die Rache, ich will vergelten', [spricht der Herr]. Und wiederum: 'Der Herr wird sein Volk richten.'  Es ist furchtbar, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen!“ (10,26–31).

Diese Verse zeigen uns die schrecklichen Folgen, die das Aufgeben des christlichen Bekenntnisses mit sich bringt. Es ist wichtig, dass wir ihre Tragweite gut erfassen.

Vor allem ist es wichtig, Vers 26 richtig zu verstehen. Offensichtlich geht es hier tatsächlich um das Christentum. Natürlich bleibt die Lehre dieses Briefes wahr, wenn es um den Wert des vollkommenen und allgenügsamen Opfers des Herrn Jesus geht, das ein für allemal dargebracht worden ist, um die Sünde hinwegzutun. Es kann nicht wiederholt werden. Wenn aber jemand, nachdem er diese Wahrheit erkannt und bekannt hat, sie wieder aufgibt und freiwillig die Sünde wählt, das heißt ein Leben nach seinem eigenen Willen führt, so gibt es für ihn kein anderes Opfer mehr, zu dem er Zuflucht nehmen kann. Das einzig wirksame Opfer, das Sünden hinwegnimmt, hat er verworfen. Dadurch machte er sich zum Gegner Christi und seiner Gnade und für solche Menschen bleibt nur Gericht übrig, das sie gewisslich erreichen und verzehren wird. 4

Der Apostel, der in dem ganzen Brief die Vortrefflichkeit des Christentums gegenüber dem Judentum betont hat, zeigt auch, dass die Verachtung des Christentums ein schrecklicheres Gericht herbeiführen wird als jenes, das die Verächter des Judentums traf. Wenn man das durch Mose gegebene Gesetz verachtete, dann war das gleichbedeutend mit dessen Verwerfung. Diejenigen, die sich dieser Schandtat schuldig machten, wurden ohne Barmherzigkeit getötet. Nichts konnte ihre Sünde sühnen (vgl. 3. Mo 24,10–16; 4. Mo 15,32–36; 5. Mo 17,2–7). Aber das Verwerfen des Christentums, nachdem man es kennengelernt und sich dazu bekannt hatte, war ein weit schwereres Vergehen.

In der Tat, es gibt zwei große christlichen Vorrechte:

  1. Das alleinige und vollkommene Opfer, das der Sohn Gottes auf dem Kreuz dargebracht hat, indem Er sich selbst dahingab.
  2. Die Gegenwart des Heiligen Geistes, die der göttlichen Gnade, die sich in diesem Opfer offenbart, Zeugnis gibt.

Das Aufgeben dieser beiden Vorrechte, nachdem man sie kennengelernt und bekannt hatte, würde bedeuten, dass man den mit Füßen tritt, den man als Sohn Gottes erkannt hatte. Damit achtete man das Blut des Bundes, durch das man bekannte, abgesondert zu sein, für gemein und man lästerte den Geist der Gnade. Gott selbst, seine Gnade, sein Sohn, sein Opfer und der Heilige Geist, der davon Zeugnis gibt: Alles wurde verachtet und verworfen. Nur das Gereicht vonseiten Dessen, dem die Rache ist und der einem jeden nach seinen Werken vergelten wird, konnte der Endpunkt eines solchen Weges sein. Das Gericht durch den Herrn ist eine unumstößliche Sache: Er Selbst hat es angekündigt. Und wie schrecklich muss es sein, in die Hände des lebendigen Gottes zu fallen und den gerechten Lohn für die größte der Sünden zu empfangen, die durch die freiwillige Verwerfung seiner Gnade für sich selbst die Tür jeder Hoffnung verschließt!

„Erinnert euch aber an die früheren Tage, in denen ihr, nachdem ihr erleuchtet worden wart, viel Kampf der Leiden erduldet habt; indem ihr einerseits sowohl durch Schmähungen als auch Drangsale zur Schau gestellt wurdet, andererseits aber Genossen derer wurdet, die so einhergingen. Denn ihr habt sowohl den Gefangenen Teilnahme bewiesen als auch den Raub eurer Güter mit Freuden aufgenommen, da ihr wisst, dass ihr für euch selbst einen besseren und bleibenden Besitz habt. Werft nun eure Zuversicht nicht weg, die eine große Belohnung hat. Denn ihr habt Ausharren nötig, damit ihr, nachdem ihr den Willen Gottes getan habt, die Verheißung davontragt“ (10,32–36).

Der Schreiber möchte die Empfänger des Briefes durch den Geist vor einem solch schrecklichen Ende warnen und sie zur Geduld und zum Ausharren ermuntern. Deshalb werden die Hebräer daran erinnert, wie viel sie am Anfang ihrer christlichen Laufbahn, „in den vorigen Tagen“ gelitten hatten, nachdem sie durch dieses himmlische Licht der Wahrheit, das in ihre Seelen gedrungen war, „erleuchtet waren“. Eine Sache, für die man viel gelitten hat, wird um so mehr wertgeschätzt. Außerdem ist auch die Erfahrung der Gnade Gottes, die uns in diesen Leiden aufrecht gehalten hat, Grund genug, uns zu ermuntern.

Auf diese Empfindungen stützt sich vorerst die an diese Christen gerichtete Ermahnung. Sie hatten die Echtheit ihres Bekenntnisses dadurch bewiesen, dass sie die Schmach und die Trübsal auf sich genommen hatten, so dass ihr Herz sich mit denen verband, die verfolgt wurden, indem sie den um des Glaubens willen Gefangenen Erleichterung brachten. Außerdem hatten sie den Raub ihrer Güter mit Freuden aufgenommen, weil sie im Himmel eine bessere und bleibende Habe besaßen. Es war also nicht der Augenblick, sich entmutigen zu lassen, jetzt, wo das Ziel so nahe bevorstand. Sie sollten das bewiesene Vertrauen auf Gott und seine Verheißungen, dessen Belohnung die Herrlichkeit ist, nicht von sich wegwerfen. Es ist wahr, dass Ausharren notwendig ist, um bis zum Ende auf dem Weg des Willens Gottes voranzugehen, auf dem man Prüfungen begegnet. Aber das Ziel ist der Genuss der verheißenen Dinge und entschädigt für jeden Verzicht auf der Erde.

Es ist schön zu sehen, wie der Heilige Geist, um die Seelen zu ermuntern, die Belohnung vorstellt, die Gott, der seinen Verheißungen treu ist, ihnen am Ende der Laufbahn geben wird. Was uns erwartet ist die Ruhe Gottes, die bessere und bleibende Habe, also die uns mit dem Erscheinen Christi gebrachte Errettung.

„Denn noch eine ganz kleine Zeit, und 'der Kommende wird kommen und nicht ausbleiben. Der Gerechte aber wird aus Glauben leben'; und: 'Wenn jemand sich zurückzieht, so hat meine Seele kein Wohlgefallen an ihm'“ (10,37–38).

Der Augenblick, wo wir in den Besitz der Verheißung treten werden, ist nahe: Das ist wieder ein neuer und mächtiger Beweggrund, sich aufzuraffen, um sich in Geduld zu fassen und auszuharren. „Noch über ein gar Kleines, und der Kommende wird kommen und nicht verziehen“. Die Erfüllung alles dessen, was diese herrliche Verheißung in sich schließt, ist mit dem Kommen Christi verbunden. „Der Kommende“ ist ein deutlicher Ausdruck. Er drückt gleichsam aus, dass der Herr schon auf dem Weg zu uns ist. Das kennzeichnet Ihn, so wie die dauernde und geduldige Erwartung den Treuen kennzeichnet.

Er wird bald erscheinen, Er wird nicht verziehen. Alles in diesem Vers kündet uns die sehr nahe Ankunft Christi an: „Noch über ein gar Kleines“; der „Kommende“; „Er wird nicht verziehen“. Der Christ soll im Blick auf dieses Kommen leben, gehorchen und ausharren. Nichts wird sein Verhalten so sehr zur Treue beeinflussen, wie der Gedanke: „Er kommt!“

Aber es gibt einen Grundsatz, der die Kraft dieses Lebens in der Erwartung des Kommenden darstellt: Es ist der Glaube des Gerechten. Dieser Glaube kennzeichnet das Leben des Gerechten und nährt es. Er gibt ihm die Kraft, um inmitten der Schwierigkeiten auszuharren.

Wenn der Glaube versagt, wird das Leben schwach. Die Prüfungen erschrecken den Christen, er ist in Gefahr, sich zurückzuziehen und zurückzubleiben. Wenn jemand diesen verhängnisvollen Weg beschreitet, hat Gott kein Wohlgefallen an ihm.

„Wir aber sind nicht von denen, die sich zurückziehen zum Verderben, sondern von denen, die glauben zur Errettung der Seele“ (10,39).

„Wir aber“, sagt der Verfasser, indem er sich in die Mitte der Gläubigen stellt und sich in brüderlicher Weise mit ihnen vereinigt, „sind nicht von denen, die sich zurückziehen zum Verderben“. Das ist der schreckliche Endpunkt, zu dem die Aufgabe des Vertrauens auf Gott bezüglich der Erfüllung seiner Verheißung hinführt. Es heißt weiter: „sondern von denen, die da glauben zur Errettung der Seele“. Die Bekehrung der Seele, der Genuss des ewigen Lebens in Herrlichkeit, das ist der glückselige Abschluss des Weges des Glaubens.

Die Verse 26 – 31 beschreiben das Gericht, das über denjenigen kommt, der das Bekenntnis des Glaubens freiwillig aufgibt. Aber die folgenden Verse ermuntern diejenigen, die den Glauben bewahren, indem sie ihnen zeigen, dass das Endziel des Weges Christus ist, der kommen wird, um die Verheißung der Herrlichkeit zu erfüllen.

Die Stelle: „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben“, ist dem Propheten Habakuk 2,4 entnommen und wird im Neuen Testament dreimal angeführt:

  1. Römer 1,17
  2. Galater 3,11
  3. Hebräer 10,38.

In der ersten Stelle im Römerbrief liegt die Betonung auf dem Wort „der Gerechte“. Im Galaterbrief wird das Wort „Glaube“ betont und hier liegt die Betonung auf dem Wort „leben“. Im ersten Fall steht das Zitat in Beziehung zu der Gerechtigkeit Gottes, die im Evangelium auf dem Grundsatz des Glaubens offenbart wurde: „Der Gerechte aber wird aus Glauben leben.“ Im zweiten Fall ist es der Glaube, der rechtfertigt, und er wird dem Gesetz gegenübergestellt, das verdammt. Und schließlich im dritten Fall steht „aus Glauben leben“ im Gegensatz zu „sich zurückziehen“ und „verderben“.

Fußnoten

  • 1 Dies ist nicht derselbe Ausdruck bzw. Gedanke wie in 2. Mose 21,6: „Das Ohr durchbohren“, ein Zeichen dafür, dass der Sklave an dem Haus seines Herrn hing, um auf immer zu gehorchen. Es ist auch nicht dasselbe Wort wie in Jesaja 50,5: „Du hast mir das Ohr geöffnet“, welches andeutet, dass der Herr sein Ohr offenhielt, um Morgen für Morgen den Willen des Vaters zu erkennen. Gott hatte Ihm „Ohren bereitet“, damit Er diesen Willen erfülle.
  • 2 Alle, die das Christentum angenommen hatten, waren dadurch geheiligt, d. h. vom übrigen Teil des Volkes abgesondert. Die wahren Gläubigen aber waren durch das Werk des Herrn Jesus darüber hinaus vor Gott vollkommen gemacht worden.
  • 3 Im Bild sehen wir dies in Matthäus 27: Der Vorhang des Tempels wurde von oben bis unten, vom Himmel zur Erde, von Gott zum Menschen, zerrissen. Der Riss des Vorhangs begann oben und zeigt, dass Gott nicht mehr verborgen bleibt: Der Tod Christi öffnet für den Sünder den Zugang zu Gott.
  • 4 Es scheint, dass der Heilige Geist immer das Gericht im Blickfeld hat, das im Begriff war, auf die Juden herabzukommen, die Christus verworfen und dem Heiligen Geist widerstanden hatten.
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