Einführende Vorträge zum Hebräerbrief

Kapitel 11

Einführende Vorträge zum Hebräerbrief

Am Anfang von Kapitel 11 wird uns gesagt, was Glaube ist. Er „ist eine Verwirklichung dessen, was man hofft, eine Überzeugung von Dingen, die man nicht sieht.“ (V. 1). Das ist keine Definition [Begriffsbestimmung], was glauben bedeutet, sondern vielmehr eine Beschreibung der Eigenart des Glaubens. „In diesem haben die Alten Zeugnis erlangt.“ (V. 2). Wie könnte irgendein Gläubiger geringschätzig darüber hinweg gehen? „Durch Glauben verstehen wir, daß die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind.“ (V. 3). Das ist eine einfache und doch sehr erhabene Wahrheit - eine Wahrheit, welche der Mensch niemals wirklich von selbst herausfinden kann; dafür sind wir jedenfalls vollständig auf Glauben angewiesen. Die gescheiten Menschen der gegenwärtigen Tage sind schnell dabei, die Wahrheit von einer Schöpfung aufzugeben. Sie glauben nicht, daß Gott alle Dinge ins Dasein gerufen hat. Viele mögen den Ausdruck „Schöpfung“ verwenden; wir dürfen jedoch keineswegs voraussetzen, daß sie das meinen, was sie sagen. Es ist weise sowie auch notwendig, genau zu untersuchen, was sie wirklich meinen. Es gab nie eine Zeit, in der die Menschen Begriffe mit solch einer mehrdeutigen Absicht verwendeten wie heutzutage. So wenden sie einige Ausdrücke auf das Werk Gottes in der Natur an, welche denen gleichen, die sie auch für Sein Werk in Gnade gebrauchen. Der bevorzugte Gedanke spricht von „Entwicklung“; und so vertreten sie die Lehre von einer Entwicklung der Materie und nicht von einer Schöpfung: Die Materie entwickelt sich in ihren verschiedenen Formen immer weiter, bis zuletzt diese gescheiten Menschen unserer Tage entstanden sind. Genau darauf läuft die moderne Forschung hinaus 1. Gott wird beiseite gesetzt und statt dessen der Mensch herausgestellt. Darin erkennen wir die Vorboten des kommenden Abfalls (Apostasie), welcher darauf hinaus laufen wird, daß ein Mensch den Platz Gottes einnimmt und anstelle des wahren Schöpfers zum Gegenstand der Anbetung wird. Nicht allein die Erlösung wird geleugnet, sondern auch die Schöpfung. Daher ist es von großer Bedeutung, die Rechte und die Wahrheit Gottes in der Schöpfung aufrechtzuhalten.

Darum ist es gut, sich von allen menschlichen Systemen und Gedanken frei zu halten, welche sich mehr und mehr in anmaßender Weise erheben, weil sie in der einen oder anderen Form ausschließlich irgendwelche Angriffe auf das Wort Gottes beinhalten. Ein einfaches Wort der Heiligen Schrift beantwortet tausend Fragen. Was die Weisen des Altertums, die Platos und Aristotelesse, nicht wußten, worin die modernen Weisen ohne den geringsten Anlaß irgendwelcher Art herum stümpern, hat das Wort Gottes zum Besitz eines jeden Kindes Gottes gemacht. „Im Anfang schuf Gott die Himmel und die Erde.“ (1. Mose 1,1).

Hier wird der menschlichen Neugierde keine Befriedigung gewährt. Wir kennen die Schritte in Seinem Werk nicht, bevor wir zur Zubereitung einer Wohnstätte für den Menschen gelangen. Nichts könnte bewundernswürdiger sein als diese Zurückhaltung Gottes. Uns werden nicht die Einzelheiten berichtet von dem, was der großen Woche, in welcher Gott Mann und Frau erschuf, vorausging. Ich möchte hier keine Aufzählung der Tatsachen in dieser Hinsicht geben. Es ist indessen keine Wahrheit an ihrem Platz wichtiger als die, mit welcher der Apostel dieses Kapitel beginnt, nämlich: „Durch Glauben verstehen wir, daß die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind.“ Das heißt nicht nur, daß wir es glauben, sondern wir verstehen es auch durch den Glauben. Nichts könnte einfacher sein. Gleichzeitig ist es eine der Fragen, welche Gott beantwortet hat, und zwar so, daß der Verstand vollkommen zufriedengestellt und das Herz mit Lob erfüllt ist. Der Mensch ist nicht in der Lage, diese Frage zu klären ohne das Wort Gottes. Nichts ist hier auf der Erde für den natürlichen Verstand so schwierig - einfach darum, weil der Mensch sich niemals über etwas stellen kann, was verursacht ist. Der Grund dafür ist offensichtlich: Er ist selbst verursacht. Daher weicht der Mensch natürlicherweise auf zweitrangige Ursachen aus, um sich damit zufrieden zu geben. Er ist einfach einer von einer Anzahl existierender Gegenstände; und kann sich infolgedessen in seiner menschlichen Natur nicht über diese erheben. Er kann schlußfolgern, daß etwas  sein muß; aber er kann niemals sagen, daß etwas  ist. Die Vernunft zieht Schlüsse. Gott existiert - und offenbart, was existiert. Natürlich vermag ich zu sehen, was vor meinen Augen liegt, und dementsprechend wahrnehmbare Hinweise von dem, was existiert, empfangen. Es ist indessen ausschließlich Gott, der mir sagen kann, daß Er am Anfang als die Ursache alles erschaffen hat, was jetzt existiert. Gott, der alles ins Dasein gerufen hat, kann auch davon verkünden. Diese Wahrheit nimmt der Gläubige an. Er nährt sich davon und lebt entsprechend.

„Durch Glauben verstehen wir, daß die Welten durch Gottes Wort bereitet worden sind.“ Es ist möglich, daß das Wort „Welten“, welches ein hebraistisches Wort und insbesondere für die alexandrinischen Juden 2 kennzeichnend ist, auch den Begriff „Haushaltungen“ umfaßt. Doch zweifellos ist auch die materielle Welt eingeschlossen. Vielleicht bedeutet es: Die Welten, wie sie von den Haushaltungen regiert werden. Ein sachkundiger Geist kann jedenfalls kaum bestreiten, daß der Begriff das ganze Universum einschließt. „Die Welten (sind) durch Gottes Wort bereitet worden, sodaß das, was man sieht [dieses träfe nicht zu, wenn es sich nur um Haushaltungen handeln würde], nicht aus Erscheinendem geworden ist.“

Nachdem so die erste Anwendung des Glaubens klargestellt ist, folgt die nächste Frage: Wie konnte der Mensch, nachdem er gefallen war, sich Gott nahen? Die Antwort lautet: Durch ein Opfer! Das wird folglich danach vor uns gestellt. „Durch Glauben brachte Abel Gott ein vorzüglicheres Opfer dar als Kain.“ (V. 4).

Der dritte Punkt ist, wie wir mit Gott wandeln können; auch dieses geschieht durch Glauben. So finden wir in allen diesen Fällen den Glauben. Er erkennt eine Schöpfung an. Er versteht, daß ein Opfer das einzige gerechte Mittel ist, um von Gott angenommen zu werden - das einzige Mittel, Ihm in würdiger Weise zu nahen. Der Glaube ist der einzige Grundsatz, um mit Gott zu wandeln, wie er auch der einzige Weg ist, sich das Gericht Gottes zu vergegenwärtigen, welches über alle Dinge um uns herum kommen wird.

Offensichtlich haben wir hier die Hauptlinien der geoffenbarten Wahrheit. Damit soll gesagt sein: Gott wird in Seiner Herrlichkeit als der Schöpfer aller Dinge durch Sein Wort anerkannt. Daran schließt sich als Folge des Sündenfalls die Grundlage für die Annahme des Gläubigen [durch Gott; Übs.], danach der Wandel mit Ihm und die Befreiung vom Gericht über diesen ganzen Schauplatz, auf dem wir uns alle befinden. Der Glaube bringt Gott in alle Umstände hinein. (Verse 1-7).

Danach folgen noch nachdrücklichere Belehrungen und, mit Abraham anfangend, die Einzelheiten des Glaubens. Der „Vater der Gläubigen“ war der Erste, der durch eine Verheißung herausgerufen wurde. Zuerst war es die Verheißung eines Landes. (Vers 8). Doch als er im Land war, erhielt er die Verheißung eines besseren Vaterlandes, das ist, eines himmlischen, welches seine Augen emporhob zur Stadt im Himmel im ausdrücklichen Gegensatz zum irdischen Land. Als er in Mesopotamien wohnte, empfing er die Verheißung, in das Land Kanaan geführt zu werden; und als er dort war, bekam er die Verheißung von etwas Größerem, um sein Herz nach oben zu lenken. Am Ende seines irdischen Laufs wurde er noch schwerer geprüft. War er bereit, den Einen aufzugeben, welcher das Sinnbild des wahren Samens war - der Vorfahre und Kanal des verheißenen Segens, ja, des Segners selbst? Abraham wußte, daß in Isaak sein „Same genannt werden sollte“. Würde er Isaak aufgeben? Eine herzerforschende und praktische Frage, der unsichtbare Bezugspunkt in Hinsicht auf Gott! Darauf beruht nicht nur das Christentum, sondern jegliche Segnung für Himmel und Erde, jedenfalls soweit die gefallene Schöpfung betroffen ist. Denn auf was warteten die Juden in Hoffnung? Auf Christus, in dem alle Verheißungen ihre Grundlage haben! Wovon spricht das Christentum? Von Christus, der dem Tod überliefert worden, auferstanden und aufgefahren ist! In Ihm finden wir alle verheißenen Segnungen, und zwar in einer viel besseren Art. So ist offensichtlich, daß die Einführung der letzten Probe Abrahams von außerordentlicher Bedeutung für einen jeden ist, der die Stellung eines Sohnes Abrahams einnimmt. Die schwerste und letzte Prüfung für Abrahams Glaube war das Aufgeben seines Sohnes, in dem alle Verheißungen eingeschlossen waren, um ihn im Bild auf Auferstehungsboden zurück zu erhalten. Gleichnishaft entspricht dieses Christus selbst. Die Juden wollten nicht, daß Er am Leben blieb. Die Christen empfingen Ihn in einer weit herrlicheren Weise auf dem Weg der Auferstehung, so wie Abraham am Ende Isaak sozusagen aus den Toten zurück erhielt.

Dann werden die anderen Patriarchen vorgestellt - allerdings hauptsächlich unter dem Gesichtspunkt irdischer Hoffnungen, wenn auch nicht ohne die Auferstehung und ihre Beziehung zum Volk Gottes auf der Erde. Dabei brauche ich jetzt nicht weiter zu verweilen. Sie alle sind, von Abraham an, gekennzeichnet durch das Ausharren des Glaubens (Verse 8-22).

Nachdem er diesen Teil des Themas abgeschlossen hat, wendet sich der Apostel einem anderen Kennzeichen in den Gläubigen zu. Er spricht von der starken Kraft des Glaubens, welcher weiß, sich auf Gott zu stützen und durch alle Schwierigkeiten hindurch zu stoßen. Es geht jetzt nicht einfach darum, ruhig auf die Erfüllung der Ratschlüsse Gottes zu warten. Das mußte zunächst unbedingt dargestellt werden, und zwar aus dem einfachen Grund, weil dem Menschen dabei keine Bedeutung zugemessen wird. Wäre die kraftvolle Wirksamkeit des Glaubens zuerst beschrieben worden, hätte der Mensch Bedeutung gewonnen. Aber wenn ein Herz im ruhigen Ausharren und in der demütigen Erwartung aller Dinge von Gott geschult worden ist, kann es mit der Kraft des Heiligen Geistes bekleidet werden. Beide Wahrheiten gelten. Mose ist ein Muster für die letztere, Abraham für die erstere. Folglich finden wir bei Mose, daß alles irgendwie unnormal war - auch seine Taten. Seine Errettung war ungewöhnlich, noch mehr seine Entscheidung und ihre Ergebnisse. Er geht absichtlich und bewußt aus seinem Kreis hinaus, gerade zu der Zeit seines Lebens, in der ein Mensch sehr achtsam auf einen großen Einflußbereich und die Entfaltung seiner Kräfte Wert legt. Außerdem hätte er normalerweise in einer solchen Stellung sehr viel zu Gunsten seines Volkes aufbieten können. Nicht so Mose! Er handelte im Glauben und nicht diplomatisch. Er machte nichts aus sich selbst, weil er wußte, daß es sich um  Gottes Volk handelte. Demgemäß wurde er um so mehr ein Gefäß der göttlichen Macht zur Herrlichkeit Gottes. Er „wählte lieber, mit dem Volke Gottes Ungemach zu leiden, als die zeitliche Ergötzung der Sünde zu haben, indem er die Schmach des Christus für größeren Reichtum hielt als die Schätze Ägyptens; denn er schaute auf die Belohnung.“ (V. 25-26). Und was dann? „Durch Glauben verließ er Ägypten und fürchtete die Wut des Königs nicht.“ (V. 27). Das war in den Wegen Gottes die notwendige sittliche Folge seiner Selbstverleugnung.

„Durch Glauben hat er das Passah gefeiert und die Besprengung des Blutes, auf daß der Zerstörer der Erstgeburt sie nicht antaste. Durch Glauben gingen sie durch das Rote Meer wie durch trockenes Land, welches die Ägypter versuchten und verschlungen wurden.“ (V. 28-29). Diese beiden Verse geben Zeugnis von der Gnade Gottes in der Erlösung. In dem an die Türpfosten Israels gesprengten Blut des Lammes erkennen wir ein Bild des Gerichts Gottes über die Sünden der Israeliten, danach im Zug durch das Rote Meer die Entfaltung Seiner Macht, welche das Volk in auffallendster Weise rettete und seine Feinde für immer vernichtete. Aber sowohl das eine als auch das andere - alles geschah durch Glauben.

Beachte noch ein anderes auffallendes und belehrendes Kennzeichen dieses Kapitels! Dem Marsch durch die Wüste wird nicht die geringste Beachtung geschenkt - und noch weniger dem Niederlassen im Land und dem Königtum. Wir erfahren nur von dem Durchzug durch das Rote Meer - mehr nicht. Genauso lesen wir vom Untergang Jerichos - mehr nicht. Es bestand hier weder die Absicht, bei jenem Schauplatz, der Wüste, zu verweilen, auf dem ihr Ausharren geprüft wurde, noch bei irgendwelchen Umständen, die auf die gesicherte Stellung Israels im Land anspielt. Der Pfad durch die Wüste war schon in Kapitel 4 behandelt worden. Die Gründe, warum Kanaan im Einklang mit dem Brief nicht als gegenwärtiger Besitz herausgestellt werden konnte, sondern ausschließlich als Hoffnung, haben wir schon gesehen.

Dieses außerordentlich aufschlußreiche Kapitel endet mit der Begründung dafür, warum jene, die auf diese Weise nicht allein im Glauben lebten, sondern auch starben, das Verheißene nicht empfingen: „Gott (hat) für uns etwas Besseres vorgesehen, auf daß sie nicht ohne uns vollkommen gemacht würden.“ (V. 40). Was ist dieses „Bessere“? Kann es einen Zweifel geben, daß das Christentum gemeint ist - jenes gute Teil, welches von jenen nicht weggenommen werden kann, die dem Gekreuzigten anhangen, Der jetzt im Himmel erhöht ist? Wir vermögen gut zu verstehen, warum der Apostel seinen Lesern überläßt, allgemein herauszufinden, was das „Bessere“ ist. - Gott hat also für uns etwas Besseres vorgesehen. In der gegenwärtigen Zeit ist die Erlösung durch Ihn schon vollbracht. Gleichzeitig hat Er Raum für eine größere Hoffnung geschenkt, welche auf Sein gewaltiges Werk am Kreuz gegründet ist. Diese hat Christi Herrlichkeit, entsprechend Seinem Platz zur Rechten Gottes, zum Maßstab. Daher ist die Krönung des edlen Heeres der Zeugen Christus Selbst (Kapitel 12, Vers 1).

Fußnoten

  • 1 Anm. d. Übers.: Bedenken wir: Das hat Kelly schon vor mehr als 140 Jahren gesagt – allerdings nach der Veröf­fent­lichung des Werkes (1859) von Charles Darwin „Über die Entstehung der Arten“! Dieses Buch begründete die heu­tigen Evolutionsvorstellungen.
  • 2 Der Philosophie zugeneigte Juden aus dieser ägypti­schen Stadt. Der bekannteste unter ihnen war Philon von Alexandria (13 v. Chr. – 45/50 n. Chr.)(Übs.).
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