Einführende Vorträge zum Hebräerbrief

Kapitel 5

Einführende Vorträge zum Hebräerbrief

Und nun kommen wir mit Kapitel 5 zum Priestertum; denn wir benötigen einen Priester, der schon aufgrund eines angenommenen Opfers vor Gott steht. Nicht ein Priester, sondern ein Opfer ist die Grundlage aller unserer Beziehungen zu Gott. Doch wir benötigen zusätzlich eine lebende Person, die unter beiden Gesichtspunkten - sowohl zusammen mit Gott für uns als auch mit uns für Gott- handeln kann. Einen solchen großen Hohenpriester, der durch die Himmel gegangen ist und trotzdem mit unseren Schwachheiten Mitleid zu haben vermag, besitzen wir in Jesus, dem Sohn Gottes. Wie wenig kannten diese Juden, obwohl sie Erlöste waren, den Schatz der Gnade, welchen Gott in Ihm, welchen die Nation verabscheute, gegeben hat! Wie schon vorher entnimmt der Apostel seine Beweise ihren eigenen Prophetensprüchen. Hier geht es nicht um Neuoffenbarungen, sondern um die richtige Anwendung jenes Wortes, das sie in ihren Händen hielten, durch den Heiligen Geist.

„Denn jeder aus Menschen genommene Hohepriester wird für Menschen bestellt in den Sachen mit Gott, auf daß er sowohl Gaben als auch Schlachtopfer für Sünden darbringe.“ (V. 1). Es mag kaum glaubhaft erscheinen, daß jemand diese Worte auf Christus anwenden könnte. Doch für das Herz des Menschen ist nichts zu schlecht; und solche Gedanken sind Irrtümer des Herzens. Sie erheben sich nicht aus verstandesmäßiger Schwachheit. Es wäre Unsinn, letzteres zum Beispiel bei Grotius 1 vorauszusetzen. Sie entspringen dem Unglauben. Nenne es Unkenntnis über Christus und die heiligen Schriften, wenn du willst! Solche Gedanken werden nicht nur bei den Ungebildeten, wie die Menschen sagen, gefunden. Ich bin sicher, daß wir die größte Nachsicht mit der ehrlichen Unwissenheit einfacher Menschen haben sollten. Aber in den anderen, traurigen Fällen ist der Irrtum häufig mit ausreichender Belehrung in Lehrschulen verbunden, wenn auch mit beklagenswertem Mangel an göttlicher Unterweisung sogar in Grundwahrheiten. Ich leugne nicht, daß Gott sich herablassen mag, in Seinem Dienst alles zu verwenden. Diese Männer vertrauen indessen auf ihre Gelehrsamkeit und ihre allgemeine geistige Kraft, anstatt Narren zu werden, damit sie weise würden. Letzteres ist die echteste Gelehrsamkeit nach den Gedanken Gottes, wenn wir überhaupt von „Gelehrsamkeit“ sprechen in Bezug auf jene Weisheit, welche vom „Vater der Lichter“ herab kommt (Jak 1,17).

Die erwähnten Menschen, welche auf ihre eigenen Hilfsquellen vertrauten, wagten es, obige Beschreibung des Priestertums auf Christus zu beziehen. Dabei waren sie nicht fähig zu erkennen, daß es sich um einen ausdrücklichen Gegensatz zu Christus handelt und in keinster Weise um ein Bild Seines Priestertums. Die Darstellung ist offensichtlich allgemein gehalten und stellt uns einen menschlichen Priester vor - nicht Jesus, Gottes Hohenpriester. Falls es eine gewisse Ähnlichkeit gibt, so ist der Gegensatz doch unvergleichlich größer. Ein gewöhnlicher Priester konnte gegen die Unwissenden und Irrenden nachsichtig sein, weil auch er selbst „mit Schwachheit umgeben“ war. „Und um dieser willen muß er, wie für das Volk, so auch für sich selbst opfern für die Sünden.“ (V. 3). Mußte Christus für Sich selbst - für Sünden - opfern? Diese Lästerung würde folgen, wenn man die vorstehenden Worte auf Christus anwendet. „Und niemand nimmt sich selbst die Ehre, sondern als von Gott berufen, gleichwie auch Aaron. Also hat auch der Christus sich nicht selbst verherrlicht, um Hoherpriester zu werden.“ (V. 4-5). Jetzt lehrt der Apostel eine Gemeinsamkeit und keinen Gegensatz. Aus der Masse der Menschen kann ausschließlich ein Mensch genommen werden, der als Mensch in einer menschlichen Weise für den Menschen empfinden kann. Das gilt aber nicht für den Priester, welchen Gott  uns gegeben hat. Dieser fühlt, obschon Er ein Mensch ist, für uns in göttlicher Weise. So wird uns also mitgeteilt, daß Christus, wenngleich Er Seiner Natur und Seinem Anrecht nach eine solch herrliche Person ist, Sich als Mensch nicht selbst verherrlichte, um Hoherpriester zu werden, „sondern der, welcher zu ihm gesagt hat: „Du bist mein Sohn, heute habe ich dich gezeugt“. Wie er auch an einer anderen Stelle sagt: „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.““

Derselbe Gott, der Ihn als Seinen Sohn, geboren von der Jungfrau, anerkannte, bestätigte Ihn auch als Hoherpriester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks. Das geschah in der folgenden Reihenfolge: Zunächst als Sohn (auf der Erde) 2 und dann als wahrer Melchisedek (im Himmel, wie wir finden werden). Obwohl Er wahrer Gott und der Sohn Gottes ist, offenbarte Er in allen Dingen vollkommene Demut unter den Menschen und unumschränkte Abhängigkeit von Gott. Dadurch war Er auch in sittlicher Hinsicht für jedes Amt und jede Tätigkeit, welche Gott Ihm zur Ausübung gab, vollkommen geeignet. Beachten wir wieder das Geschick, mit dem der Schreiber sich dem Thema nähert!  Wie er unter der Inspiration ihre übertriebene (ausschließlich auf das irdische gerichtete) Anmaßung, die sich auf das aaronitische Priestertum gründete, erschüttert und untergräbt. Darin bestand die große Prahlerei der Juden. Hier erfahren wir aus ihren eigenen Schriften von einer anderen Ordnung des Priestertums, das dem Messias vorbehalten war. Dieses konnte, wie ein Jude genau wußte, nur das gesamte auf Aaron beruhende Priestertum vollkommen in den Schatten stellen. „Du bist Priester in Ewigkeit nach der Ordnung Melchisedeks.“ (V. 6).

Gleichzeitig ist natürlich augenfällig, daß der leidende Gehorsam Christi auf Seinem Weg hienieden nicht vergessen wird. Christus wird jedoch zuerst in dieser Herrlichkeit gezeigt, bevor wir von dem Pfad der Schande hören, der in dieselbe führte. „Der in den Tagen seines Fleisches, da er sowohl Bitten als Flehen dem, der ihn aus dem Tode zu erretten vermochte, mit starkem Geschrei und Tränen dargebracht hat (und um seiner Frömmigkeit willen erhört worden ist), obwohl er Sohn war, an dem, was er litt, den Gehorsam lernte; und, vollendet worden, ist er allen, die ihm gehorchen, der Urheber ewigen Heils geworden, von Gott begrüßt als Hoherpriester nach der Ordnung Melchisedeks.“ (V. 7-10). Dazu hatte der Apostel viel zu sagen, was „schwer auszulegen ist, weil ihr im Hören träge geworden seid.“ (V. 11). Nicht das Wort Gottes in sich selbst ist dunkel, es sind die Menschen, welche ihre Schwierigkeiten einführen. Sein Wort benötigt auch nicht, wie häufig gedacht wird, Licht, welches auf dasselbe fällt; es ist Licht in sich selbst. Durch die Kraft des Heiligen Geistes vertreibt es die Finsternis der Natur. Es gibt viele Hindernisse für das Licht, das durch das Wort kommt. Aber kein Hemmnis ist so entschieden wie die Kraft religiöser Vorurteile; und solche wirkten natürlich am meisten unter den hebräischen Erlösten. Sie hingen zu sehr dem Alten an; sie konnten das Neue nicht annehmen. Ein solches Hemmnis können wir täglich erkennen. Was Paulus über das melchisedeksche Priestertum zu sagen hatte, war ihnen schwer zu erklären. Das lag nicht daran, daß das Thema in sich selbst unverständlich war. Sie waren träge im Hören. „Denn da ihr der Zeit nach Lehrer sein solltet, bedürfet ihr wiederum, daß man euch lehre, welches die Elemente des Anfangs der Aussprüche Gottes sind.“ (V. 12).

Ich wiederhole: Nichts neigt so sehr dazu, in geistlichen Dingen Stumpfheit zu erzeugen, wie religiöse Überlieferung (Tradition). Dieser kommt an toter Last der Philosophie gleich, welche in anderer Hinsicht noch gefährlicher ist. Auf jeden Fall ist bemerkenswert, daß sie die beiden Anlässe für ernsten Tadel von Seiten des Apostels sind. So schrieb er an die Korinther, welche im allgemeinen Redegewandtheit (Rhetorik) bewunderten und, wie andere Griechen, nicht wenig auf ihre eigene Weisheit vertrauten. Sie hielten nicht dafür, daß Paulus in Hinsicht auf seine Ausdrucksweise und sein Thema den Anforderungen der Zeit genügte - auf jeden Fall nicht in ihrer Mitte. Wie beißend war es für sie, „Unmündige“ (Säuglinge) genannt zu werden, die noch keine Nahrung für Erwachsene zu sich nehmen können. Da sie noch fleischlich waren, benötigten sie „Milch“. Der Apostel mußte sie demütigen und ihnen sagen, daß sie mit all ihrer hochfliegenden Weisheit nicht die Richtigen waren, um mit ihnen über die Tiefen Gottes zu reden. Das war zweifellos eine schmerzliche Überraschung für sie. So behandelt hier derselbe Apostel auch die hebräischen Gläubigen als Unmündige (Säuglinge), wenn auch aus einem anderen Grund. Auf diese Weise erfahren wir, daß zwei verschiedene Irrtümer, die sich in ihrem Aussehen vollkommen entgegenstehen, zu derselben Schlußfolgerung führen. Beide machen die Seele unfähig, mit Gott voran zu schreiten; und der Grund, warum sie behindernd wirken, besteht darin, daß der Mensch gerade in solchen Einstellungen gerne lebt. Sowohl der Verstand des Menschen als auch seine natürliche Religion werden für ihn zu Götzen. Daraus folgt Blindheit für die Herrlichkeit Christi.

Darum fühlte der Apostel sich durch ihren Zustand gehemmt. Er zeigte außerdem, daß dieser Zustand nicht nur auf Schwachheit beruhte, sondern sie auch größter Gefahr aussetzte. Das wird in der Darstellung weiter verfolgt, und zwar nicht so sehr auf der philosophischen Seite, sondern der der religiösen Formen. Beides sahen wir schon in Kolossä 3 am Werk; und die Schlinge, welche die Weisheit der Welt für die Korinther darstellte, habe ich gerade aufgezeigt. Die Hebräer wies der Apostel nachdrücklich auf die Gefahr hin, Christus um religiöser Überlieferungen willen zu verlassen. Zuerst einmal behindern letztere das Wachstum. Zum zweiten ziehen sie die Seele von der Gnade und der Wahrheit weg; und falls die mächtige Kraft Gottes nicht eingreift, führen sie zum Verderben. Das war bei einigen der Fall. Die Hebräer sollten besser wachsam sein, daß es ihnen nicht genauso erginge. Paulus beginnt schonend mit ihrem Zustand kindlicher Schwachheit; und danach, am Anfang des nächsten Kapitels, stellt er ihnen das schreckliche Bild des Abfalls vor. „Denn jeder, der noch Milch genießt, ist unerfahren im Worte der Gerechtigkeit, denn er ist ein Unmündiger; die feste Speise aber ist für Erwachsene, welche vermöge der Gewohnheit geübte Sinne haben zur Unterscheidung des Guten sowohl als auch des Bösen.“ (V. 13-14).

Fußnoten

  • 1 Hugo Grotius, eigentlich Huigh de Groot (1583-1645), niederländischer Staatsmann, Rechtsgelehrter und Kir­chen­politiker. (Übs.).
  • 2 Ich sehe überhaupt keinen Grund, das Zitat aus Psalm 2 auf Seine Auferstehung anzuwenden. Apostelgeschichte 13 wird häufig angeführt, um letzteres zu beweisen. Diese Bibelstelle unterscheidet aber in Wirklich­keit die Erweckung Jesu als Messias, dem Sohn Gottes hienieden (V. 33), von Seiner Auferweckung, welche auf Jesaja 55,3 und Psalm 16,10 bezogen wird. Auch stellt Psalm 2 nicht Seine ewige Sohnschaft vor, so außerordentlich wichtig diese Wahrheit auch ist und wie sie vor allem von Johannes eindeutig gelehrt wird. (W. K.).
  • 3 Im Vortrag über den Kolosserbrief (Übs.).
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