Einführung in das Studium der Prophetie

C. Die Versammlung (Kirche)

KAPITEL 1 – Ursprung und Stellung der Versammlung

1. Die Ausdrücke «Kirche» oder «Gemeinde» werden in der Christenheit vielfach angewandt für das, was wir auf Grund einer genaueren Übersetzung aus dem Urtext als «Versammlung» bezeichnen. Wir ziehen diesen Ausdruck vor und werden in der vorliegenden Betrachtung vorwiegend die Bezeichnung «Versammlung» anstelle der Ausdrücke «Kirche» oder «Gemeinde» verwenden.

Der mit «Versammlung» übersetzte griechische Ausdruck bedeutet wörtlich: «Herausgerufene». Die Versammlung besteht tatsächlich aus allen denen, die an den Herrn Jesus glauben und aus der Welt «herausgerufen» wurden, um Glieder am Leibe Christi zu werden durch die Kraft des Heiligen Geistes (1. Kor 12,27). Da gibt es keinen Unterschied mehr zwischen Juden und Nationen, denn Gott hat «ein Volk genommen für seinen Namen» (Apg 15,14) aus den Juden und aus den Nationen. «Denn auch in einem Geiste sind wir alle zu einem Leibe getauft worden, es seien Juden oder Griechen, es seien Sklaven oder Freie» (1. Kor 12,13). Die Taufe des Heiligen Geistes hat ein für allemal am Tage der Pfingsten stattgefunden (Apg 2). Die Geschichte der Versammlung hienieden hat also mit Pfingsten begonnen und wird erst bei der Wiederkunft des Herrn abgeschlossen, wenn Er die Seinen zu sich entrücken wird in die Luft.

Bis dahin gab es Gläubige, deren Namen und Geschichte uns im Alten Testament berichtet werden: Abel, Henoch, Abraham usw. Obwohl diese Menschen zum voraus schon im Genuss des Werkes Christi standen, waren sie doch nicht mit dem einen Leibe verbunden. Es gab wohl ein Volk, das Gott für,ich abgesondert hatte – das Volk Israel – aber die meisten Israeliten waren Gott untreu, so dass Er sie wiederholt züchtigen und schliesslich die Beziehungen mit dem Volke abbrechen musste. Die Versammlung hingegen besteht ausschliesslich aus Erlösten des Herrn, die aus der Welt herausgerufen worden sind, um durch das Kreuz zu einem Leibe vereinigt zu werden Lind «die Behausung Gottes im Geiste» zu bilden (Eph 2,16+22). Aber wenn die Versammlung nur aus solchen zusammengesetzt ist, die wiedergeboren sind, müssen wir festhalten, dass alle Gläubigen, ohne Ausnahme, zur Versammlung Gottes gehören, selbst wenn sie nicht ein Zeugnis von der Einheit des Leibes des Christus am Tische des Herrn ablegen. In der Tat, dieses Teil ist auf Grund des Werkes Christi und des Glaubens –in Ihn für alle Gläubigen bestimmt; es ist nicht abhängig von der Treue in kirchlichen Dingen.1 So sind also alle Seelen, die Gott aus der Welt herausruft, seit ihrer Wiedergeburt durch den Geist miteinander und mit dem verherrlichten Herrn Jesus Verbunden, indem sie so den Leib Christi auf der Erde bilden.

2. Die erste Erwähnung der Versammlung finden wir in Matthäus 16. Der Herr fragte Seine Jünger: «Wer sagen die Menschen, dass ich sei?» Keiner kannte ihn, und keiner hatte in ihm den Sohn Gottes, den verheissenen Messias, erblickt. «Ihr aber», fügte Jesus bei, «wer saget ihr, dass ich sei? Simon Petrus aber antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Und Jesus antwortete und sprach zu ihm: Glückselig bist du, Simon, Bar Jona; denn Fleisch und Blut haben es dir nicht offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist. Aber auch ich sage dir, dass du bist Petrus; und auf diesem Felsen werde ich meine Versammlung bauen, und des Hades Pforten werden sie nicht überwältigen» (Matthäus 16,13–18). Christus selbst, der Sohn des lebendigen Gottes, war dieser Felsen, auf dem Er Seine Versammlung bauen würde. Diese ist gegründet auf Den, der den Tod besiegt und die «Pforten des Hades» zerbrochen hat. Sie hat also nichts zu fürchten vor der Gewalt des Todes.

Beachten wir noch, dass der Herr bezeugt: «Ich werde meine Versammlung bauen.» Zu jenem Zeitpunkt war dies also noch zukünftig, ein Werk, das sich noch erfüllen musste, das Seinen Tod am Kreuze, Seine Auferstehung, Seine Himmelfahrt und das Kommen des Heiligen Geistes auf diese Erde erforderte. Die Versammlung ist also nicht nur auf Christus, sondern auf einen gestorbenen und auferstandenen Christus gebaut: Er hat durch Seinen Tod unsere Sünden gesühnt, durch Seine Auferstehung den Tod zunichte gemacht, und nachdem Er in den Himmel aufgefahren ist, hat Er den Heiligen Geist auf diese Erde gesandt (Joh 16,7). Die Versammlung ist dadurch gebildet worden, dass alle, die an Seinen Namen geglaubt haben, zu einem Leibe zusammengefügt worden sind.

Gott hatte schon in der Ewigkeit den Plan gefasst, in der jetzigen Zeit den Fürstentümern und Gewalten in den himmlischen Örtern Seine Weisheit durch die Versammlung kundzutun. So lesen wir ausdrücklich in Epheser 3,10+11: «Auf dass jetzt den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen Örtern durch die Versammlung kundgetan werde die gar mannigfaltige Weisheit Gottes nach dem ewigen Vorsatz, den er gefasst hat in Christo Jesu.» Aber Er wollte damit auch in den kommenden Zeitaltern gegen alle den überschwänglichen Reichtum Seiner Gnade in Güte erweisen in Christo Jesu (Eph 2,7).

3. Die Versammlung ist also ihrem Wesen nach ausserhalb der Welt und für den Himmel bestimmt. Abgesondert von der Welt, hat sie für ihr Herz keinen Gegenstand auf dieser Erde, sondern dieser Gegenstand ist im Himmel. Schon jetzt werden die, welche das Vorrecht haben, zu der Versammlung Gottes zu gehören, aufgefordert, sich daran zu erinnern, dass ihr Teil himmlisch ist, nämlich:

a) Ihre Segnungen: «Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der uns gesegnet hat mit jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christo» (Eph 1,3).

b) Ihre Stellung: «Gott ... hat uns mitauferweckt und mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christo Jesu» (Eph 2,6).

c) Ihr Erbe: «Gepriesen sei der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus, der nach seiner grossen Barmherzigkeit uns wiedergezeugt hat zu einer lebendigen Hoffnung durch die Auferstehung Jesu Christi aus den Toten, zu einem unverweslichen und unbefleckten und unverwelklichen Erbteil, welches in den Himmeln aufbewahrt ist für euch» (1. Pet 1,3–4).

d) Ihre Namen: «Freuet euch aber, dass eure Namen in den Himmeln angeschrieben sind» (Lk 10,20).

e) Ihr Bürgertum: «Denn unser Bürgertum ist in den Himmeln, von woher wir auch den Herrn Jesus Christus als Heiland erwarten» (Phil 3,20)

f) Der Gegenstand ihrer Gedanken und ihrer Zuneigungen: „Suchet, was droben ist, wo der Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes. Sinnet auf das, was droben ist, nicht auf das, was auf der Erde ist» (Kol 3,1–2).

g) Ihre Hoffnung (Seine Herrlichkeit mit ihm teilen und Ihm gleich sein): «Vater, ich will, dass die, welche du mir gegeben hast, auch bei mir seien, wo ich bin, auf dass sie meine Herrlichkeit schauen, die du mir gegeben hast» (Joh 17,24). «Wir wissen, dass, wenn es offenbar werden wird, wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist» (1. Joh 3,2).

Im Gegensatz zu den irdischen Segnungen Israels sind also die Berufung und die Hoffnung der Versammlung dem Wesen nach ausschliesslich himmlischer Art. Obwohl sie aus Menschen aller Völker, Sprachen und Nationen zusammengesetzt ist, bildet sie ein neues Volk, das nicht von dieser Welt ist, sondern aus der Welt herausgerufen wurde und das Gott hat «mitsitzen lassen in den himmlischen Örtern in Christo Jesu» (Eph 2,6). Inwieweit sind die Christen nicht mehr von dieser Welt? Der Herr selbst antwortet: «Sie sind nicht von dieser Welt, gleichwie ich nicht von dieser Welt bin» (Joh 17,16). So ist also auch der Ursprung der Versammlung ein ganz anderer als der Israels. Dieses war von Gott aus den andern Völkern der Erde als Volk auserwählt worden. Die Erlösten der gegenwärtigen Haushaltung aber werden einzeln berufen, als solche, die mit Christo gestorben und auferweckt sind. Durch Glauben an den Namen Jesu sind wir durch den Heiligen Geist aus Gott geboren und dadurch eine neue Schöpfung und Teilhaber der Natur Dessen geworden, der uns erneuert (wiedergezeugt) hat. «Und wie der Himmlische (Christus), so sind auch die Himmlischen (die Erlösten) » (1. Kor 15,48). Wie Adam das Haupt des sündigen Menschengeschlechtes war, so ist Christus – der letzte Adam – das Haupt des neuen Geschlechtes, das gleich wie Er aus Himmlischen, aus Himmelsbürgern besteht; sie sind «Mitbürger der Heiligen und Hausgenossen Gottes» (Epheser 2,19).

4. So stehen wir denn in einer viel innigeren Beziehung zum Herrn, als Israel es mit Gott war. Die Bilder, die das Neue Testament gebraucht, um diese Beziehung zwischen Christus und Seiner Versammlung auszudrücken, heben diesen Unterschied hervor. Gewiss, auch im Alten Testament bezeugt sich der Herr Seinem Volke Israel gegenüber in Gnade, Treue und Fürsorge. Doch bleibt Er vor allem der König, der Seine Rechte aufrechterhält, die so oft angetastet wurden. Im Neuen Testament dagegen finden wir das Bild eines Leibes, wovon Christus das Haupt ist, und dieses Bild unterstreicht die unauflösbare Verbindung, welche die Erlösten, die Glieder dieses Leibes, mit Christo zusammenhält. Von den stellen, die diese kostbare Wahrheit ausdrücken, führen wir folgende an:

«Gott hat ... ihn als Haupt über alles der Versammlung gegeben, welche sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt» (Eph 1,22–23). (Beachten wir die Kraft dieses Ausdrucks, der die Versammlung als die «Fülle» des Christus, das heisst als Seine Vervollständigung bezeichnet.)

«Und er (der «Sohn seiner Liebe») ist das Haupt des Leibes, der Versammlung, welcher der Anfang ist, der Erstgeborene aus den Toten, auf dass er in allem den Vorrang habe» (Kol 1,18, vergleiche auch Kol 2,10+19).

«Denn gleichwie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich viele, ein Leib sind: Also auch der Christus. Denn auch in einem Geiste sind wir alle zu einem Leibe getauft worden ... Ihr aber seid Christi Leib, und Glieder insonderheit» (1. Kor 12,12–13.27).

Dieses Bild, das der Apostel gebraucht, um die Versammlung, den Leib Christi, zu bezeichnen, hebt in besonders lebendiger Weise die Stärke und die Natur des Bandes hervor, das die Versammlung mit Christus verbindet: Es ist nicht eine blosse Beziehung, sondern mehr noch, eine Lebensverbindung. Ein vom Haupte getrennter Leib ist tot, und nichts vermag dieses wesentliche Element zu ersetzen. Anderseits leitet das Haupt den Leib, das Haupt befiehlt; der Leib ist ihm untergeordnet. Haupt und Leib leben dasselbe Leben, haben an den gleichen Leiden und an den gleichen Freuden teil; mit einem Wort, sie sind unauflöslich miteinander verbunden. So steht es auch mit Christo, dem erhöhten Haupte im Himmel und der Versammlung, Seinem Leib auf dieser Erde. Sie sind durch denselben Geist miteinander vereinigt. «Da ist ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid zu einer Hoffnung eurer Berufung» (Eph 4,4). Das erklärt auch den Zuruf des Herrn an Paulus auf dem Wege nach Damaskus: «Ich bin Jesus, den du verfolgst» (Apg 9,5). In der Tat, Er betrachtete Seine Erlösten, die Saulus verfolgte, als eins mit Ihm.

Ein anderes Bild, dessen das Wort Gottes sich bedient, um das wunderbar innige Verhältnis und die Kraft des Bandes hervorzuheben, das den Herrn mit Seiner Versammlung verbindet, ist das eines Bräutigams und einer Braut. «Der Mann ist das Haupt des Weibes, wie auch der Christus das Haupt der Versammlung ist, er ist des Leibes Heiland ... Ihr Männer, liebet eure Weiber, gleichwie auch der Christus die Versammlung geliebt und sich selbst für sie hingegeben hat, auf dass er sie heiligte, sie reinigend durch die Waschung mit Wasser durch das Wort, auf dass er die Versammlung sich selbst verherrlicht darstellte, die nicht Flecken oder Runzel oder etwas dergleichen habe, sondern dass sie heilig und tadellos sei ... Denn wir sind Glieder seines Leibes (von seinem Fleische und von seinen Gebeinen)» (Eph 5,23–30). Wunderbare Liebe des himmlischen Bräutigams zu Seiner Braut, die Er sich zum Preise Seines vergossenen Blutes am Kreuzesstamm erworben hat! Wie können wir da den Wunsch Seines Herzens verstehen, Seine geliebte Braut bei sich zu haben und sie in Seine eigene Herrlichkeit einzuführen! Könnte Seine Freude vollkommen und Seine Liebe befriedigt sein, wenn Er sie nicht für immer bei sich hätte, die Fleisch von Seinem Fleische und Gebein von Seinen Gebeinen und zugleich auch jene «sehr kostbare Perle» ist, für die Er alles geopfert hat? Gewiss nicht! Aber auch die Braut sehnt sich von ganzem Herzen nach dieser Vereinigung mit ihrem glorreichen und himmlischen Bräutigam, indem sie mit dem Geiste antwortet: «Komm!», wenn sie Ihn sagen hört: «Ich komme bald» (Off 22,17).

Das Wort Gottes gebraucht noch ein anderes Bild, um die Versammlung zu bezeichnen: ein geistliches Haus, das aus lebendigen Steinen besteht. «Zu welchem kommend, als zu einem lebendigen Steine, von Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt, kostbar, werdet auch ihr selbst, als lebendige Steine aufgebaut, ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum, um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlannehmlich durch Jesum Christum» (1. Pet 2,4–5). Die Versammlung ruht auf einem von der Welt verworfenen Christus. Es muss uns daher nicht wundern, wenn auch die Versammlung von der Welt verachtet und verworfen wird und so das Los ihres Hauptes teilt.

Diesen Vergleich der Versammlung mit einem Hause finden wir in mehreren Stellen. Alle Erlösten sind «Hausgenossen Gottes», und Jesus Christus ist der Eckstein dieses Hauses, «in welchem der ganze Bau, wohl zusammengefügt, wächst zu einem heiligen Tempel im Herrn, in welchem auch ihr mitaufgebaut werdet zu einer Behausung Gottes im Geiste» (Eph 2,20–22). Es handelt sich um die auf den unerschütterlichen Felsen gebaute Versammlung, wovon in Matthäus 16,18 Christus selbst spricht. Alle diese Ausdrücke legen Nachdruck auf die Festigkeit und Beständigkeit der Versammlung, welche von «des Hades Pforten» nicht überwältigt werden kann. Aufgebaut durch Christum, den Sieger über den Tod, hat sie nichts zu befürchten, trotz des Hasses Satans und der Welt.

Wenn die Versammlung einsgemacht ist mit der Verwerfung Christi in dieser Welt, so teilt sie durch den Glauben jetzt aber auch Seine Herrlichkeit, bis alles volle Wirklichkeit werden und die Seele vom Glauben zum Schauen gelangen wird. Ihr Titel «Braut» verleiht ihr einen Anteil am Erbe des Bräutigams, das heisst an Seiner Herrlichkeit.2 Welch eine einzigartige und gesegnete Stellung! Sie gibt ihr einen Vorrang über die Heiligen der anderen Haushaltungen und sie ist in ihrem Einssein mit Christo begründet. Aus dieser innigen Verbindung fliessen auch gegenseitige Zuneigungen hervor, eine Gemeinschaft des Herzens und des Geistes, eine gemeinsame Freude, die die Heiligen der anderen Haushaltungen nicht kennen noch empfinden können. Welch wunderbare Gnade für ehemalige Sünder, in eine solche Stellung eingeführt zu sein!

5. Dies führt uns dazu, noch das zu betrachten, was Christus jetzt für Seine Versammlung tut. In der Tat, wenn diese einerseits in ihrer Vollkommenheit in Christo gesehen wird, so wird sie anderseits auf dieser Erde für den glorreichen Tag ihrer Begegnung mit Christo im Himmel zubereitet. Diese Zubereitung ist das Werk des Herrn, der ihr durch den Heiligen Geist zum Wachstum des Leibes die nötige Gnade darreicht und der sie «durch die Waschung mit Wasser durch das Wort» von aller Befleckung reinigt. Die Versammlung ist also nicht ein starrer Organismus, sondern ein lebendiger Leib, der wächst und der «wohl zusammengefügt und verbunden durch jedes Gelenk der Darreichung, nach der Wirksamkeit in dem Masse jedes einzelnen Teiles, für sich das Wachstum des Leibes bewirkt zu seiner Selbstauferbauung in Liebe» (Eph 4,16). Zu diesem Zwecke gibt Christus die erforderlichen Gaben und anvertraut Er die verschiedenen Dienste, um Seine Versammlung aufzuerbauen und zu nähren (Eph 4,7–16; 1. Kor 12). Das Endziel, ihre absolute Vollendung, wird erst im Himmel erreicht sein, wo alle, welche die Versammlung bilden, einen Leib der Herrlichkeit haben werden, der dem des Christus gleichförmig ist. Dann wird sie in ihrer vollen Schönheit erscheinen, als die heilige Stadt, das neue Jerusalem, als die Braut Christi und Behausung Gottes (Off 21). Aber alle diese Vollkommenheiten werden die Frucht der Mühsal und der Liebe des Christus sein.


KAPITEL 2 – Eigenschaften und Funktionen der Versammlung

Im vorhergehenden Kapitel haben wir gesehen, welches der Ursprung und die Stellung der Versammlung ist. Wir wollen jetzt ihre Wesenszüge und ihre Aufgabe auf dieser Erde näher untersuchen. Warum ist die Versammlung hienieden gelassen und welches sind die Merkmale, die sie kennzeichnen sollen? Welches sind ihre Funktionen?

So wie der einzelne Christ berufen ist, Gott zu verherrlichen, indem er Christum verherrlicht, so hat auch die Versammlung keine andere Berufung auf der Erde, und alle ihr verliehenen Vorrechte, alle Charakterzüge, die sie darstellen soll, sollen zu diesem erhabenen Ziel führen.

1. Der erste Wesenszug der Versammlung ist die Heiligkeit. «Denn ihr seid der Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott gesagt hat: «Ich will unter ihnen wohnen und sondert euch ab, spricht der Herr, und rühret Unreines nicht an, und ich werde euch aufnehmen. ... So lasst uns uns selbst reinigen von jeder Befleckung des Fleisches und des Geistes, indem wir die Heiligkeit vollenden in der Furcht Gottes» (2. Kor 6,16–18; 7,1). Eng und unauflöslich mit ihrem Herrn verbunden, weist die Versammlung Seine eigenen Wesenszüge auf, von denen der erste die Heiligkeit ist. Es ist wichtig, dass wir sie in unserem täglichen Wandel darstellen.

2. Ein zweites Merkmal, das der Versammlung Christi eigen ist und praktisch zur Darstellung kommen soll, ist ihre Einheit. «Da ist ein Leib und ein Geist, wie ihr auch berufen worden seid in einer Hoffnung eurer Berufung» (Eph 4,4). «Also sind wir, die vielen, ein Leib in Christo, einzeln aber Glieder voneinander» (Röm 12,5). «Denn gleichwie der Leib einer ist und viele Glieder hat, alle Glieder des Leibes aber, obgleich viele, ein Leib sind. Also auch der Christus. Denn auch in einem Geiste sind wir alle zu einem Leibe getauft worden» (1. Kor 12,12–13). Die Versammlung ist also eins; Christus hat nur eine Braut, zu der alle Seine geliebten Erlösten gehören, welches auch die Art und Weise sein mag, in der sie ihre kirchliche Stellung verwirklichen. Leider hat nur eine kleine Zahl unter ihnen diese Wahrheit verstanden und gibt von dieser Einheit am Tische des Herrn Zeugnis.

3. Ein dritter Wesenszug der Versammlung Christi ist die Gegenwart des Heiligen Geistes in ihrer Mitte. Dies zu beachten, ist besonders wichtig, denn von der Gegenwart des Heiligen Geistes in der Versammlung hängt ihre Heiligkeit und ihre Einheit ab. Schon vor dem Herabkommen des Heiligen Geistes hat es auf dieser Erde Erlöste gegeben, durch den Heiligen Geist erweckte Seelen, in denen sich das Leben und die Frucht des Geistes kundgab. Sie waren also aus dem Geiste geboren, wie die Erlösten der gegenwärtigen Haushaltung. Aber erst durch das Herabkommen des Heiligen Geistes am Pfingsttage, als Person der göttlichen Dreieinheit, wurde die Versammlung gebildet. Vor dieser Zeit waren die Gläubigen zerstreut, und es bedurfte des Todes und der Auferstehung Christi und dann der Pfingsten, damit sie in «eins versammelt» würden (Joh 11,52). Gesandt vom verherrlichten Haupte der Versammlung, konnte der göttliche Tröster die Glieder der Familie Gottes nun beleben, regieren, heiligen und vereinen, wie Er es heute noch tut. «Der Geist der Wahrheit … bleibt bei euch und wird in euch sein» … «Der Sachwalter aber, der Heilige Geist, welchen der Vater senden wird in meinem Namen, jener wird euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe» (Joh 14,17.26). «Wenn aber der Sachwalter gekommen ist, den ich euch von dem Vater senden werde, den Geist der Wahrheit, der von dem Vater ausgeht, so wird er von mir zeugen» (Joh 15,26). «Wenn aber jener, der Geist der Wahrheit, gekommen ist, wird er euch in die ganze Wahrheit leiten; denn er wird nicht aus sich selbst reden, sondern was irgend er hören wird, wird er reden, und das Kommende wird er euch verkündigen. Er wird mich verherrlichen, denn von dem Meinen wird er empfangen und euch verkündigen» (Joh 16,13–14).

Um die Erlösten in einem Leibe zu vereinigen, bedurfte es also der Wirksamkeit des Heiligen Geistes, des göttlichen Trösters, der aber nicht kommen konnte, bevor Christus verherrlicht war. Im zweiten Kapitel der Apostelgeschichte finden wir den Bericht über das Herabkommen des Heiligen Geistes und der Vereinigung der ersten Christen zu einem Leibe, welcher die Versammlung ist. Dieser Leib mochte zwar als unbedeutend erschienen sein, da er am Anfang ja nur etwa hundertzwanzig jünger zählte (Apg 1,15). Aber der Geist offenbarte dann alsbald Seine Macht durch die Predigt des Petrus; bei dreitausend Seelen wurden auf den Namen Jesu getauft (Apg 2,41). Das Kapitel endet zudem mit den folgenden Worten: «Der Herr aber tat täglich zu der Versammlung hinzu, die gerettet werden sollten» (V. 47).

Auf diese Weise also wurde die Versammlung durch den Geist gebildet, der im Lauf der Jahrhunderte fortfuhr und auch heute noch damit beschäftigt ist, diesen Leib Christi auf zu erbauen, bis zu dem Tage, an welchem der Letzte der Auserwählten hinzugefügt und Christus wiederkommen wird, um Seine geliebte Braut zu holen und sie einzuführen in Seine eigene Herrlichkeit.

4. Die Versammlung ist auf dieser Erde die Verwahrerin der Wahrheit, wie wir in 1. Timotheus 3,15 lesen, wo sie «die Versammlung des lebendigen Gottes, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit» genannt wird. Da die Versammlung das Wort Gottes und den Heiligen Geist besitzt, hat sie die Wahrheit empfangen; sie zeugt öffentlich von ihr und bewahrt sie unversehrt, trotz den Bemühungen des Feindes, sie zu ändern oder sie in die Vergessenheit zu versenken. In diesem Zusammenhang ist es wichtig hervorzuheben, dass die Versammlung nur der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit ist, nicht die Wahrheit selbst. Die Wahrheit geht nicht aus der Versammlung hervor, sondern von Christo: «Ich bin der Weg und die Wahrheit und das Leben» (Joh 14,6), vom Worte: «heilige sie durch die Wahrheit: dein Wort ist Wahrheit» (Joh 17,17), vom Heiligen Geiste: «der Geist ist es, der da zeugt, weil der Geist die Wahrheit ist» (1. Joh 5,6).

Nirgendwo wird gesagt, dass die Kirche oder die Versammlung die Wahrheit sei, aber sie verteidigt und bezeugt sie, so dass die Wahrheit in ihr gesehen wird.

5. Unter den Wesenszügen der Versammlung möchten wir noch eine fünfte Tatsache erwähnen, nämlich den besonderen Platz, den sie in den Ratschlüssen Gottes einnimmt. Obwohl sie in der Ausführung dieser Ratschlüsse als letzte berufen wurde, hat sie in Seinen Gedanken und in Seinem Vorsatz schon von Ewigkeit her bestanden. «Wie er uns auserwählt hat in ihm (das heisst in Christo) vor Grundlegung der Welt» (Eph 1,4). Dieses Geheimnis wird das Geheimnis genannt, «das von den Zeitaltern her verborgen war in Gott» (Eph 3,9). Aber es wurde uns offenbart, und das dazu auserwählte Werkzeug war der Apostel Paulus (Eph 3,3–5). Bis dahin war es «den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden». In der Tat, man findet im Alten Testament keine Offenbarung hinsichtlich der Versammlung, wohl aber die Ratschlüsse Gottes bezüglich des Kommens Christi auf diese Erde, Seiner Leiden, Seiner Verwerfung, Seiner Herrschaft und der Segnungen des Tausendjährigen Reiches. Diese Ratschlüsse sind im Alten Testament deutlich offenbart worden. Aber wir finden nichts dergleichen im Blick auf die Versammlung, deren Geheimnis «in Gott verborgen» blieb und erst den Aposteln und Propheten des Neuen Testamentes enthüllt wurde. Dieses Geheimnis bestand darin, «dass die aus den Nationen Miterben seien und Miteinverleibte und Mitteilhaber seiner Verheissung in Christo Jesu durch das Evangelium» (Eph 3,6). Es ist das Geheimnis der besonderen Berufung und Herrlichkeit der Versammlung, und zwar ihre lebendige Einheit in Christo durch den Heiligen Geist und ihr herrliches Teil als Braut Christi. Schon jetzt ist die Versammlung gesegnet mit «jeder geistlichen Segnung in den himmlischen Örtern in Christo» (Eph 1,3), während Israel, wie wir gesehen haben, zeitliche Segnungen empfing (5. Mose 28,1–14). Desgleichen stellen die Verheissungen, die diesem Volk in Verbindung mit dem Tausendjährigen Reich gegeben wurden, eine aussergewöhnliche materielle Wohlfahrt in Aussicht (Hes 34,23–31). Die Segnungen der Versammlung sind ganz anderer Natur, denn sie fliessen aus ihrer Verbindung mit einem auferstandenen und verherrlichten Christus hervor. Diese Segnungen, die das Teil eines jeden Erlösten sind, können nicht alle aufgezählt werden, und, obwohl alle kostbar sind, wollen wir uns darauf beschränken, die wichtigsten zu erwähnen:

– Die Erlösung. Wir sind erlöst worden, «nicht mit verweslichen Dingen, mit Silber oder Gold..., sondern mit dem kostbaren Blute Christi» (1. Pet 1, 18–19). «in welchem wir die Erlösung haben durch sein Blut» (Eph 1,7)

– Die Vergebung der Sünden. «In welchem wir haben die Vergebung der Vergehungen, nach dem Reichtum seiner Gnade» (Eph 1,7). «Und euch, als ihr tot waret in den Vergehungen und in der Vorhaut eures Fleisches, hat er mitlebendig gemacht mit ihm, indem er uns alle Vergehungen vergeben hat» (Kol 2,13).

– Die Annahme. Er hat «uns angenehm gemacht in dem Geliebten» (Eph 1,6, siehe Fussnote). «Denn mit einem Opfer hat er auf immerdar vollkommen gemacht, die geheiligt werden» (Heb 10,14).

– Die Sohnschaft. «Und uns zuvorbestimmt hat zur Sohnschaft durch Jesum Christum für sich selbst nach dem Wohlgefallen seines Willens» (Eph 1,5). «Sondern einen Geist der Sohnschaft habt ihr empfangen, in welchem wir rufen: Abba, Vater!» (Röm 8,15). «Also bist du nicht mehr Knecht, sondern Sohn; wenn aber Sohn, so auch Erbe durch Gott» (Gal 4,7).

– Ein Erbteil mit Christo. «In welchem wir auch ein Erbteil erlangt haben» (Eph 1,11). «Wenn aber Kinder, so auch Erben – Erben Gottes und Miterben Christi» (Röm 8,1–7). «Also bist du nicht mehr Knecht, sondern Sohn; wenn aber Sohn, so auch Erbe durch Gott» (Gal 4,7).

– Das Siegel des Heiligen Geistes. «In welchem ihr auch, nachdem ihr geglaubt habt, versiegelt worden seid mit dem Heiligen Geiste der Verheissung, welcher das Unterpfand unseres Erbes ist» (Eph 1,13). «Der uns aber mit euch befestigt in Christum und uns gesalbt hat, ist Gott, der uns auch versiegelt hat und hat das Unterpfand des Geistes in unsere Herzen gegeben» (2. Kor 1,21–22).

– Einsicht in die Gedanken und den Willen Gottes. «In aller Weisheit und Einsicht, indem er uns kundgetan hat das Geheimnis seines Willens, nach seinem Wohlgefallen, das er sich vorgesetzt hat in sich selbst» (Eph 1,8–9).

Alle diese Segnungen findet die Versammlung «in den himmlischen Örtern», in die Christus jetzt eingegangen ist, und nicht auf der Erde, wo Er verworfen und getötet wurde.

6. Wir haben schon im vorhergehenden Kapitel gesehen, dass die Versammlung als «ein geistliches Haus, ein heiliges Priestertum» betrachtet wird, «um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlannehmlich durch Jesum Christum» (1. Pet 2,5). Wenn wir dort die Versammlung mit einem festen und unerschütterlichen Haus verglichen haben, so wollen wir jetzt den Nachdruck auf ihre Stellung als «heiliges Priestertum» legen, das den Dienst des Lobgesanges und der Anbetung in sich schliesst. Welch ein hohes und kostbares Vorrecht!: «Höre, Tochter, und sieh, und neige dein Ohr; und vergiss deines Volkes und deines Vaters Hauses! Und der König wird deine Schönheit begehren, denn er ist dein Herr: so huldige ihm!» (Ps 45,10–11). Christus, Beweggrund und Gegenstand dieser Anbetung, wie der Vater, ist in der Mitte der Versammlung gegenwärtig und wäre sie auch nur durch «zwei oder drei» vertreten, die in Seinem Namen versammelt sind. «Ihm sei die Herrlichkeit in der Versammlung in Christo Jesu auf alle Geschlechter des Zeitalters der Zeitalter hin! Amen» (Eph 3,21)Die Versammlung bringt Gott dem Vater Anbetung durch Jesum, der selber in der Mitte Seiner Erlösten, die um Seinen Tisch versammelt sind, das Lob anstimmt.

In der Tat, in der Versammlung befindet sich der Tisch des Herrn, und an diesem Tische feiert die Versammlung das Abendmahl, dieses kostbare Gedächtnismahl der Leiden und des Todes des Christus (1. Kor 10,16–17; 11,23–29).

7. Ein siebentes Merkmal der Versammlung besteht darin, dass unter denen, die sie bilden, keine irdischen Unterschiede mehr vorhanden sind. Früher bestand ein bedeutender Unterschied zwischen Juden und Nationen, und diesen Unterschied hatte Gott selbst festgelegt, weil Er Israel zu Seinem besonderen Volk machen wollte. Die Juden waren also «das Volk Gottes», während die Nationen «ohne Gott in dieser Welt» waren. Seit der Gründung der Versammlung ist dieser Unterschied, der mit den Regierungswegen Gottes bezüglich der Erde verbunden war, gänzlich verschwunden: «Gott hat alle zusammen in den Unglauben eingeschlossen, auf dass er alle begnadige» (Röm 11,32). Die Gnade wendet sich jetzt sowohl zu den Sündern aus den Nationen als auch zu den Angehörigen Israels. Wenn sich die Versammlung am Anfang ihres Bestehens auch aus jüdischen Christen zusammensetzte, so hat sie nichtsdestoweniger den Unterschied zwischen Juden und Nationen, der bis dahin bestand, vollständig abgeschafft. Darum konnte der Apostel den Ephesern schreiben: «Jetzt aber, in Christo Jesu, seid ihr, die ihr einst ferne waret, durch das Blut des Christus nahe geworden. Denn er ist unser Friede, der aus beiden (d. h. aus den Juden und den Nationen) eines gemacht und abgebrochen hat die Zwischenwand der Umzäunung ... auf dass er die zwei, Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe, und die beiden in einem Leibe mit Gott versöhnte durch das Kreuz ... Denn durch ihn haben wir beide den Zugang durch einen Geist zu dem Vater» (Eph 2,13–18). Dieser «neue Mensch» ist der «Leib des Christus», von welchem die Erlösten aus den Juden und aus den Nationen, ohne irgendwelchen Unterschied der Stellung, Glieder sind. Sie haben nur einen und denselben Anspruch, auf den sie sich berufen können: Das, was geretteten und durch das Blut Jesu erlösten Sündern geschenkt ist, die jetzt «Glieder des Christus» geworden sind.

Wenn alle Gläubigen diese ihre Stellung, ihre völlige Einheit in Christo verwirklichten, könnten sie die Unterschiede, die sie unter sich aufgerichtet haben und die sich in den unzähligen Benennungen zeigen, nicht bestehen lassen. Wenn das Kreuz Christi die Zwischenwand der Umzäunung abgebrochen hat, welche die Juden von den Nationen trennte, so haben die Menschen Umzäunungen aller Art aufgerichtet und verleugnen dadurch den grundlegenden Wesenszug der Versammlung, nämlich ihre Einheit in Christo. Aber trotz der Untreue des Menschen bleibt diese Einheit bestehen, denn sie ruht auf dem Werke Christi am Kreuze, dank welchem der Geist der Wahrheit auf diese Erde gesandt werden konnte, um alle Erlösten zu einem Leibe zu taufen. Auch hat, wie schon erwähnt, die Fürsorge des Christus für Seine Versammlung nicht aufgehört: Er reinigt sie durch die Waschung mit Wasser durch das Wort damit sie vollkommen sei an jenem bald kommenden Tage, wo Er sie sich selbst, ohne Flecken oder Runzeln oder etwas dergleichen, sondern heilig und tadellos, verherrlicht darstellen wird (Eph 5,26–27).


KAPITEL 3 – Die Hoffnung der Versammlung

Als der Herr im Begriffe war, von den Seinen wegzugehen, sagte Er ihnen: «Euer Herz werde nicht bestürzt. Ihr glaubet an Gott, glaubet auch an mich. In dem Hause meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn es nicht so wäre, würde ich es euch gesagt haben; denn ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe, und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, auf dass, wo ich bin, auch ihr seiet» (Joh 14,1–3). Der Herr hat den Seinen auf diese Weise eine herrliche Hoffnung gegeben: den Ausblick auf Seine baldige Wiederkunft. Das ist die Hoffnung der Versammlung. Der Apostel Paulus hebt gegenüber den Thessalonichern hervor, dass sie sich von den Götzenbildern zu Gott bekehrt hätten, «dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten, den er aus den Toten auferweckt hat – Jesum, der uns errettet von dem kommenden Zorn» (1. Thes 1,9–10).3 Der Erlöste hat hienieden also eine doppelte Aufgabe zu erfüllen: Gott dienen und das Kommen des Herrn erwarten. Das Festhalten dieser Hoffnung hat für das Kind Gottes verschiedene Auswirkungen.

Die Gewissheit, befreit von den Prüfungen dieser Erde, bald beim Herrn zu sein, in die Freude Seiner Gegenwart und in die Herrlichkeit des Vaterhauses eingeführt zu werden, erfüllt uns mit Freude. Aber die Erwartung Seiner Wiederkunft hat einen heiligenden Einfluss auf unser Leben: «Geliebte, jetzt sind wir Kinder Gottes, und es ist noch nicht offenbar geworden, was wir sein werden; wir wissen, dass, wenn es offenbar werden wird, wir ihm gleich sein werden, denn wir werden ihn sehen, wie er ist. Und jeder, der diese Hoffnung zu ihm hat, reinigt sich selbst, gleichwie er rein ist» (1. Joh 3,2–3). Wir finden im Neuen Testament zahlreiche und ernste Ermahnungen, wie wir den Herrn erwarten sollen: nicht nur die Theorie festhalten, sondern in praktischer und lebendiger Weise Ihm entgegengehen. Was die Versammlung erwartet, ist nicht nur ein Ereignis, sondern auch eine Person, den Herrn Jesus, so wie das Wort Ihn uns vorstellt und wie Ihn jeder von uns kennen lernt in der täglichen Gemeinschaft mit Ihm.

Der Christ, der sich nahe bei seinem Herrn aufhält, geniesst Ihn immer mehr und wird von Tag zu Tag besser verwirklichen, dass Christus sein Leben, sein Friede, seine Freude, ja, sein alles ist. Er hat Ihn zwar noch nie gesehen, und er kennt und geniesst Ihn nur durch Glauben. Darum ist es verständlich und normal, dass, je inniger und kostbarer seine Erfahrungen mit Ihm sind, er desto mehr den Wunsch hat, Ihn zu sehen. «Welchen ihr, obgleich ihr ihn nicht gesehen habt, liebet; an welchen glaubend, obgleich ihr ihn jetzt nicht sehet, ihr mit unaussprechlicher und verherrlichter Freude frohlocket, indem ihr das Ende eures Glaubens, die Errettung der Seelen, davontraget» (1. Pet 1,8–9). Diese unaussprechliche und verherrlichte Freude ist schon jetzt das Teil des Gläubigen. Aber Christum sehen, Ihm gleich sein, Seine Herrlichkeit beim Vater schauen, mit Ihm in Herrlichkeit erscheinen, wenn Er wiederkommt, um Seine Herrschaft anzutreten, mit Ihm herrschen, teilhaben an Ihm, wenn Ihm alle Verehrung darbringen und ihre Knie vor Ihm beugen werden – das ist unsere Hoffnung, das ist die Hoffnung der Versammlung. Darum vereinigt sich in Offenbarung 22,17 die Stimme der Braut mit der des Geistes, um den brennenden Wunsch auszudrücken, ihren Herrn zu sehen. «Und der Geist und die Braut sagen: Komm!» Und wenn der Herr wiederholt: «Ja, ich komme bald», antwortet die Versammlung aufs Neue: «Amen; komm, Herr Jesus!» (V. 20). – Ein ergreifendes Zwiegespräch, das die heilige Erwartung der Braut wiedergibt, endlich mit ihrem Geliebten in der Herrlichkeit vereinigt zu werden. Aber vergessen wir nicht, dass diese kostbare Hoffnung im Herzen der Gläubigen fortwährend unterhalten werden soll. Daher lesen wir hier: «Wer es hört, spreche: komm!» Die Hoffnung der Versammlung ist gleicherweise auch die des einzelnen Erlösten. Die Verwirklichung der persönlichen Hoffnung des Gläubigen wird ihm alles bringen, was er erwartet hat; aber sie wird auch der Versammlung die Glückseligkeit und die Herrlichkeit bringen, die ihr als Braut Christi verheissen ist. In der Tat, sie erwartet den Herrn als ihren geliebten Bräutigam, der sie bei Seiner Wiederkunft zu sich nehmen und sie in die Herrlichkeit des Himmels zur Hochzeit des Lammes führen wird, und nicht als den Sohn des Menschen, der kommen wird, um über Seine Feinde die Gerichte auszuführen. Sie hat also die Gewissheit, dass der Herr Jesus für sie nicht als Richter kommen wird, sondern dass, wenn Er in Herrlichkeit als solcher erscheint, sie an Seinem Triumphe über Seine Feinde teilnehmen und Seine Herrlichkeiten teilen wird. Sie wird Seine Pracht wider strahlen, «wenn er kommen wird, um an jenem Tage verherrlicht zu werden. in seinen Heiligen und bewundert in allen denen, die geglaubt haben» (2. Thes 1,10). Sie erwartet auch die Erscheinung des Christus in Herrlichkeit, denn sie weiss, dass dieser Tag die Befreiung der Schöpfung von der Knechtschaft des Verderbnisses und auf Erden die Herrschaft der Gerechtigkeit und des Friedens herbeiführen wird. «Denn das sehnsüchtige Harren der Schöpfung wartet auf die Offenbarung der Söhne Gottes …, dass auch selbst die Schöpfung freigemacht werden wird von der Knechtschaft des Verderbnisses zu der Freiheit der Herrlichkeit der Kinder Gottes» (Röm 8,19–21).

Aber die Erwartung der Versammlung geht noch weiter, denn sie weiss, dass Satan in den Abgrund geworfen und tausend Jahre gebunden sein wird, und dass die Welt dann bekehrt, Israel wiederhergestellt und die Oberhoheit des Christus überall anerkannt sein wird, woraus für die Menschheit gewaltige Segensströme hervor fliessen werden. Diese wird endlich Gerechtigkeit, Frieden und Freude geniessen, die sie selbst nicht herbeiführen konnte. Christus allein wird hiezu imstande sein, wenn Er Seine Herrschaft aufrichtet, an der die Versammlung als Braut des Königs der Herrlichkeit teilhaben wird. Einsgemacht mit Christo in der Ausübung der Macht, werden wir die grosse Ehre haben, die Werkzeuge zu sein, durch die Er Seine Herrlichkeit entfalten, Seine königliche Freigebigkeit beweisen, Seine Gerechtigkeit ausüben und Seine Segnungen austeilen wird. Aber was das Herz der Braut noch mehr erfreuen wird, ist die unmittelbare Gegenwart ihres Bräutigams, denn Er ist unsere Hoffnung (1. Tim 1,1). Ohne ihn wäre der Himmel kein Himmel, hat man schon gesagt. ja, was der Christ, was die Versammlung erwartet, ist der Herr selbst. Dass doch unsere Herzen von dieser Erwartung wirklich erfüllt wären, so dass die irdischen Dinge ihre ganze Anziehungskraft für uns verlören! Dass doch die Freude, die diese Hoffnung hervorbringt, auch alle Sorgen hinwegwischte, die vielfach auf unseren irdischen Pfad gesät sind, und wir den vor uns liegenden Wettlauf mit Ausharren liefen, hinschauend auf Jesum, den Anfänger und Vollender des Glaubens! Er ist es, der uns, bevor Er Sein heiliges Buch abschliesst, jene Worte der Ermunterung zuruft: «Der diese Dinge bezeugt, spricht: ja, ich komme bald.» Wie sollte doch jeder Erlöste mit dem Geiste und mit der Versammlung voller Inbrunst in den Ruf einstimmen. «Amen; komm, Herr Jesus! »


KAPITEL 4 – Die Geschichte der bekennenden Kirche in ihrer Verantwortung auf Erden

In diesem Kapitel wollen wir die Geschichte der Kirche, die alle die umschliesst, welche sich zum Christentum bekennen, in ihrer Verantwortung auf Erden näher betrachten. Unter diesen Bekennern gibt es wahre Christen und solche, die sich nur so nennen, aber nicht wirkliche Jünger Christi sind.

Kapitel 2 und 3 der Offenbarung geben uns einen überblick über diese Geschichte, die mit der Verwerfung der bekennenden Kirche nach dem Kommen des Herrn endet. Diese bekennende Kirche wird noch einige Zeit nach der Entrückung der wahren Gläubigen weiter bestehen, schliesslich aber durch das Tier, das heisst, durch das Haupt des wiedererstandenen Römischen Reiches zerstört werden (Off 17,16–17). Diese Ereignisse, die nach der Wiederkunft des Herrn stattfinden, werden jedoch im dritten Teil dieser Studie Gegenstand unserer Betrachtung sein. Vorläufig werden wir uns nur damit beschäftigen, wie sich die bekennende Kirche in ihrer Verantwortung auf Erden entwickelt hat und was bis zur Wiederkunft Christi aus ihr werden wird.

Ach, die Kirche oder die Versammlung Gottes hat gar bald ihre erste Liebe verlassen und angefangen, Zeichen des Niedergangs zu zeigen. Dieser Niedergang wird in den Sendschreiben an die sieben Versammlungen in Kleinasien beschrieben (Off 2 und 3). Diese sieben Versammlungen, die tatsächlich bestanden haben, wurden vom Herrn ausgewählt, weil ihre geistlichen [98] Zustände aneinandergereiht ein vollständiges Bild der Geschichte der Versammlung auf dieser Erde bis zu Seinem Kommen ergeben. Wenn wir sie näher betrachten, werden wir also feststellen, was das Wort Gottes über die Entwicklung der Versammlung oder der kirchlichen Systeme, die sich diesen Namen aneignen, mitteilt.

1. Die erste Versammlung, an die sich der Herr richtet, ist die von Ephesus, welche den Zustand der Kirche am Ende des Dienstes der Apostel darstellt. Der Niedergang, der sich schon zur Zeit der Apostel bemerkbar machte, hat nach ihrem Abscheiden zugenommen, wiewohl noch Treue und Wirksamkeit für den Herrn vorhanden war. Gerne nimmt Er Kenntnis davon: «Ich kenne deine Werke und deine Arbeit und dein Ausharren, und dass du Böse nicht ertragen kannst» (Off 2,2). Er vergisst auch nicht, die Hingebung und das Ausharren zu erwähnen, die diese Versammlung bewiesen hatte und die auch die Versammlung im Allgemeinen während des Zeitabschnittes am Ende des Dienstes der Apostel noch kennzeichnete. «Und du hast Ausharren und hast getragen um meines Namens willen, und bist nicht müde geworden.» Doch muss der Herr auch Dinge hervorheben, die Ihn verunehren und die verborgene Ursache des Niedergangs darstellen: «Aber ich habe wider dich, dass du deine erste Liebe verlassen hast.» Das war die eigentliche Ursache, die dem allmählichen Verfall der Kirche zugrunde lag. Christus hatte nicht mehr den Platz in den Herzen, der Ihm zukommt, und dieses Verlassen der ersten Liebe öffnete die Türe für alle Abweichungen, die sich dann später im Schosse der Kirche zeigten.

2. Um diesen Niedergang aufzuhalten, musste der Herr über Seine Versammlung Verfolgungen kommen lassen. Das ist es, was Er Smyrna ankündigt, welche ein Bild des Zustandes der Kirche während der Periode der Verfolgungen ist, die von den römischen Kaisern gegen sie erweckt wurden. Aber der Herr ermutigt Seine Erlösten: «Fürchte nichts von dem, was du leiden wirst. Siehe, der Teufel wird etliche von euch ins Gefängnis werfen, auf dass ihr geprüft werdet, und ihr werdet Drangsal haben zehn Tage. Sei getreu bis zum Tode, und ich werde dir die Krone des Lebens geben» (Off 2,10).

3. Pergamus stellt den darauf folgenden Zeitabschnitt der Geschichte der Versammlung dar, wo der «Thron des Satans» inmitten der Christenheit aufgerichtet wurde. Dieser «Thron des Satans» ist der kaiserliche Thron, der unter Konstantin I. (274–337) die Rolle des Beschützers der christlichen Religion übernahm, die dann zur offiziellen Religion des Kaiserreiches erhoben wurde (Edikt von Mailand im Jahre 313). Trotz dieser Feststellung des Herrn, dass die Versammlung dort «wohnte», wo der Thron des Satans ist –dass sie sich also unter den Schutz einer menschlichen Macht gestellt hatte – erkennt Er doch die Treue der Seinen während dieser Zeitperiode an. «Du hältst fest an meinem Namen und hast meinen Glauben nicht verleugnet» (V. 13). In der Tat, während dieses Zeitabschnittes hat das Konzil in Nicäa (325), das sich auf Befehl des Kaisers versammelte, das Dogma der Dreieinheit festgelegt und das «Symbol von Nicäa» veröffentlicht, das die Göttlichkeit Christi bestätigte. Gewiss, die Gläubigen hatten damals und haben auch heute solche menschlichen Bestätigungen von Wahrheiten, die im Worte Gottes verankert sind, in keiner Weise nötig. Doch können wir Gott danken, dass Er in Seiner Barmherzigkeit durch dieses Mittel die grundlegende Wahrheit über die Göttlichkeit Christi gegenüber den Angriffen Satans bewahrt hat. Aber ach! daneben drangen immer mehr die Welt, die falschen Lehren und der Unglaube in die Mitte der Versammlung ein, wo der Dienst zu einer sicheren Einnahmequelle einer Gruppe von Menschen – der Geistlichkeit – wurde, die daraus Nutzen zogen. Dabei wurden in der Mitte der Kirche die treuen Zeugen sogar verfolgt und getötet. Darum richtet der Herr eine ernste Warnung an diese Versammlung: «Tue nun Busse; wenn aber nicht, so komme ich dir bald und werde Krieg mit ihnen führen mit dem Schwerte meines Mundes» (V. 16).

4. Der Zustand der Versammlung im Mittelalter wird uns unter den Wesenszügen beschrieben, welche Thyatira kennzeichneten, an die der Herr folgende Worte richtet: «Ich kenne deine Werke und deine Liebe und deinen Glauben und deinen Dienst und dein Ausharren und weiss, dass deiner letzten Werke mehr sind, als der ersten» (V. 19). Obwohl während des Mittelalters in Bezug auf wichtige Wahrheiten des Christentums finstere Unwissenheit herrschte, findet man darin zahlreiche Zeugnisse der Liebe und der Hingebung dem Herrn gegenüber. «Aber ich habe wider dich, dass du das Weib Jesabel duldest, welche sich eine Prophetin nennt, und sie lehrt und verführt meine Knechte, Hurerei zu treiben und Götzenopfer zu essen» (V. 20). Es handelt sich hier um das Wesen der römischen Kirche, in welcher sich die Geistlichkeit das Recht anmasst, im Namen Gottes zu reden (Jesabel, welche sich eine Prophetin nennt) und vorgibt, eine Autorität zu besitzen, die sie ermächtigt, Dogmen aufzustellen, die der Heiligen Schrift Abbruch tun. Das ist das, was die katholische Kirche getan hat und was sie immer noch tut. Der Herr spricht über eine solche Irrlehre ein unerbittliches Gericht aus (V. 21–23). Aber selbst inmitten eines solchen Zustandes der Dinge ist noch ein Zeugnis für den Herrn vorhanden, bestehend aus Seelen, die sich mit dem Bösen nicht einsgemacht haben – es ist ein Überrest, der dem Namen Christi treu geblieben ist. Besonders an diesen Überrest wendet sich der Herr mit folgenden Worten der Gnade: «Euch aber sage ich, den übrigen, die in Thyatira sind, so viele diese Lehre nicht haben, welche die Tiefen des Satans, wie sie sagen, nicht erkannt haben: Ich werfe keine andere Last auf euch; doch was ihr habt, haltet fest, bis ich komme» (V. 24–25). Es folgen dann kostbare Verheissungen, die dem gegeben werden, der überwindet und bis ans Ende treu ist.

Diese vier ersten Versammlungen von Kleinasien, an die sich der Herr durch den Apostel Johannes wandte, geben uns somit ein vollständiges Bild der Christenheit bis zum Kommen des Herrn. Es begann mit der Beschreibung des allgemeinen Zustandes der Versammlung am Anfang ihres Niederganges; dann folgt der Zeitabschnitt der Verfolgungen, die vom heidnischen Rom in Szene gesetzt wurden; sodann die Versammlung, die den Schutz der politischen Macht sucht und sich mit der Welt verbindet; und endlich der römische Katholizismus, der bis zum Ende bleiben wird.

5. Die drei letzten der sieben Versammlungen, deren Zustand uns im 3. Kapitel der Offenbarung beschrieben wird, zeigen uns ebenfalls nacheinander folgende Erscheinungsformen der Versammlung, die aber, zusammen mit Thyatira, bis zum Ende bleiben werden.

Die erste ist Sardes, an die sich der Herr mit folgenden Worten richtet: «Ich kenne deine Werke, dass du den Namen hast, dass du lebest, und bist tot. Sei wachsam und stärke das übrige, das sterben will; denn ich habe deine Werke nicht völlig erfunden vor meinem Gott» (Off 3,1–2). Wir haben hier eine genaue Beschreibung des gegenwärtigen Protestantismus, der den Namen hat, dass er lebe, aber tot ist. Es handelt sich hier keineswegs um die Reformation, die, trotz der Schwachheiten der Menschen, die Gott zu ihrer Durchführung gebraucht hat, das Wort Gottes auf den Leuchter stellte, das während des Mittelalters in Vergessenheit geraten war. Darum fordert der Herr die gegenwärtigen Vertreter des Protestantismus auf, zu den Anfängen zurückzukehren: «Gedenke nun, wie du empfangen und gehört hast, und bewahre es und tue Busse» (V. 3). Auch gefällt es dem Herrn, die treuen Seelen anzuerkennen, die sich noch inmitten dieses Zustandes der Dinge befinden: «Aber du hast einige wenige Namen in Sardes, die ihre Kleider nicht besudelt haben; und sie werden mit mir einhergehen in weissen Kleidern, denn sie sind es wert» (V. 4).

6. Philadelphia ist das Bild der Erlösten, die ausserhalb der kirchlichen Systeme (vertreten durch Thyatira und Sardes), in der Bruderliebe vorangehen 4, das Wort des Wahrhaftigen bewahren und den Namen des Heiligen nicht verleugnen, und dies trotz der Schwachheit, die sie kennzeichnet. Aber der Herr gibt, was ihnen fehlt: «Ich habe eine geöffnete Tür vor dir gegeben, die niemand zu schliessen vermag» (V. 8). Im Unterschied zu Sardes, die einst grosse Werke vollbracht hatte, ist bei Philadelphia nichts vorhanden, was die Aufmerksamkeit der Welt und die Bewunderung der Menschen auf sich zöge. Gleichwohl anerkennt der Herr, was sie tut: «Ich kenne deine Werke …, du hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet.» Das sind anscheinend keine grossen Dinge, und doch gibt es für das Herz des Herrn nichts Kostbareres, als zu sehen, wie Seine Erlösten Sein Wort bewahren und Seinen Namen nicht verleugnen. Das erwartet Er von einem jeden von uns. Die der Treue Philadelphias verheissene Belohnung ist dazu angetan, ihren Eifer anzufachen: «Weil du das Wort meines Ausharrens bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, welche auf der Erde wohnen» (V. 10). Die Versammlung, bestehend aus allen Erlösten des Herrn, wird also vor der Stunde der Versuchung bewahrt werden, und nicht durch die Versuchung hindurch. Die Stunde der Versuchung ist die der apokalyptischen Gerichte, welche die Menschen nach der Wiederkunft des Herrn treffen werden. Sie können diesen Gerichten nicht entrinnen: Diese Stunde wird sie da treffen, wo sie sich befinden. Nur die Erlösten Christi, die Er bei Seiner Wiederkunft entrückt, werden davor bewahrt. Sie begleiten Ihn, wenn Er in Herrlichkeit erscheinen wird, ein Beweis dafür, dass Er sie vorher zu sich genommen hat.

Das bedeutet aber nicht, dass die Heiligen nicht berufen seien, vor dem Kommen des Herrn auf dieser Erde zu leiden. Die Geschichte der Kirche belehrt uns, dass viele Gläubige den Märtyrertod erleiden mussten, und wir wissen auch, dass gegenwärtig in mehreren Ländern Verfolgungen wüten. Sie könnten auch über unsere Länder kommen, wenn der Herr es erlaubte, ohne zu reden von den Prüfungen, welche die Folge von vorlaufenden Gerichten sind, die schon jetzt verschiedene Länder treffen, Prüfungen, die auch das Teil der Christen sind. Aber all diese Umstände, so schmerzlich sie sein mögen, haben nichts mit der «Stunde der Versuchung» zu tun, von der hier gesprochen wird und vor welcher die Versammlung bewahrt wird.

Der Herr verbindet diese Verheissung mit der Seines baldigen Kommens: «Ich komme bald; halte fest, was du hast, auf dass niemand deine Krone nehme» (V. 11). Er möchte auf diese Weise die herrliche Hoffnung Seines Kommens in den Herzen Seiner Erlösten neu beleben, was in besonderer Weise dazu angetan ist, ihren Glauben zu stärken und ihre Herzen mit Seiner Person zu verbinden.

7. Wir kommen jetzt zu der letzten der sieben Versammlungen, zu Laodicäa, die den moralischen Zustand der Christenheit der Endzeit darstellt: Verherrlichung des Menschen, religiöse Tätigkeit zur Befriedigung des Fleisches, keine wahre Zuneigung zu Christo, Missachtung Seines Wortes, das über ihre Herzen keine Autorität mehr hat, ein Haschen nach dem Beifall dieser Welt und ihrer Gunst. «Ich kenne deine Werke, dass du weder kalt noch warm bist. Ach, dass du kalt oder warm wärest! Also, weil du lau bist ... so werde ich dich ausspeien aus meinem Munde» (V. 15–16), Dass doch jeder von uns wachte, damit er bewahrt bliebe vor einem solchen Zustand des Geistes, der von Gleichgültigkeit und religiösem Formalismus ohne Leben zeugt! Zu dieser Lauheit gesellt sich geistlicher Hochmut: «Weil du sagst: Ich bin reich und bin reich geworden und bedarf nichts, und weisst nicht, dass du der Elende und der jämmerliche und arm und blind und bloss bist. Ich rate dir, Gold von mir zu kaufen, geläutert im Feuer, auf dass du reich werdest und weisse Kleider, auf dass du bekleidet werdest, und die Schande deiner Blösse nicht offenbar werde; und Augensalbe, deine Augen zu salben, auf dass du sehen mögest» (V. 17–18). Die Laodicäer meinten reich zu sein, und waren doch arm, blind und bloss. Als Arme bedurften sie des Goldes, ein Symbol der göttlichen Gerechtigkeit in Christo. ihnen, den Nackten, fehlten «die weissen Kleider» – ein Bild der Gerechtigkeiten der Heiligen. Als Blinde hatten sie nötig, Augensalbe zu kaufen, die es ihnen ermöglichen würde, für ihren moralischen Zustand vor Gott und für die Forderungen Seiner Heiligkeit wieder einen klaren Blick zu bekommen.

Trotz allem richtet der Herr auch hier Worte der Ermahnung voller Gnade an die, welche sich inmitten dieses gänzlichen Verfalls befinden: «Ich überführe und züchtige, so viele ich liebe. Sei nun eifrig und tue Busse! Siehe, ich stehe an der Tür und klopfe an; wenn jemand meine Stimme hört und die Tür auftut, zu dem werde ich eingehen und das Abendbrot mit ihm essen, und er mit mir» (V. 19–20). Der Herr bleibt treu, trotz des allgemeinen Verfalls der bekennenden Christenheit, und Er ermuntert den persönlichen Glauben Einzelner, den Er in ihr wahrnimmt. Aber das ändert in keiner Weise Seinen Urteilsspruch, den Er über diese Körperschaft ohne Leben ausgesprochen hat: Er wird sie aus Seinem Munde ausspeien.

Das ist in Kürze die Geschichte der Versammlung, gesehen in ihrer Verantwortlichkeit auf Erden. Wenn die ersten drei Zustände, die an Hand der Charakterzüge von Ephesus, Smyrna und Pergamus beschrieben sind, für uns eine geschichtliche und moralische Belehrung enthalten, so haben die vier letzten Thyatira, Sardes, Philadelphia und Laodicäa – überdies eine prophetische Bedeutung, denn sie werden bis zur Ankunft des Herrn bestehen bleiben.

Trotz der demütigenden Geschichte der Kirche in ihrer Verantwortung auf der Erde, werden sich die Pläne Gottes Seiner wahren Versammlung gegenüber ganz erfüllen. Sogar bevor der Herr die falsche Kirche aus Seinem Munde ausspeit, wird Er die wahre Kirche, die Braut Christi, zu sich selbst, ihrem Bräutigam, heimführen. Welch ein herrliches Teil für die, welche zu dieser wahren Kirche gehören, und wie sollte dies alles sie veranlassen, dem Herrn Lob und Dank darzubringen!

Und anbetend wird dann singen
Deine teur erkaufte Schar,
Dir, dem Lamme, Ehre bringen,
Gott erheben immerdar.
Welch ein Glück, bei Dir zu sein!
Komm, Herr Jesu, führ uns ein!

Fußnoten

  • 1 Indessen geht klar hervor, dass der Erlöste einen Verlust erleidet, wenn er sich vom Tische des Herrn ferne hält.
  • 2 Ausgenommen davon ist Seine persönliche und wesentliche Herrlichkeit als Sohn Gottes, die sie selbstverständlich nicht mit ihm teilen kann.
  • 3 Siehe auch Phil. 3,20; 1.Kor. 1,7; Tit. 2,13; Jud. 21.
  • 4 Philadelphia bedeutet «Bruderliebe».
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