Der Segen Jakobs

Benjamin

2.11. Benjamin, ein Wolf

„Benjamin ist ein Wolf, der zerreißt; am Morgen verzehrt er Raub, und am Abend verteilt er Beute“ (1. Mo 49,27).

2.11.1. Ein raubender Wolf

Mit dem Bild des zerreißenden Wolfes wird die Kampfeslust und auch die Schnelligkeit vorgebildet, womit Benjamin seine Feinde zu besiegen wußte. An anderen Stellen im Alten Testament wird nicht so positiv über den Wolf gesprochen (vgl. Jer 5,6; Hes 22,27; Hab 1,8; Zeph 3,3). Die Tatsache, dass hier sowohl vom Morgen als auch vom Abend die Rede ist, weist darauf hin, dass er zu jeder Zeit im Kampf erfolgreich ist. Von der Tapferkeit des Stammes Benjamin gibt es viele Beispiele zu nennen. Bekannte Benjaminiter waren der Richter Ehud (Ri 3,15), König Saul (1. Sam 9,1.2) und dessen Sohn Jonathan, Simei und Scheba, die sich gegen David erhoben (2. Sam 16,5; 20,1), Mordokai (Est 2,5) und Paulus (Phil 3,5). Sie alle waren kämpferische Männer. Vor seiner Bekehrung verfolgte der Apostel Paulus die Versammlung Gottes, nach seiner Bekehrung hat er wie kein anderer für sie gekämpft. Mordokai und Esther haben für die Sache des Volkes Gottes gekämpft, und sie haben die Beute Hamans und seiner Mitstreiter verteilt.

Beim „Verteilen der Beute“ können wir auch daran denken, was Saul durch seine Siege für Israel bewirkt hat, sodass er die Töchter Israels mit Karmesin und goldenem Schmuck bekleiden konnte (2. Sam 1,24). Jonathan führte den Kampf des Glaubens und errang einen großen Sieg in Israel (1. Sam 14,1-45). Unter dem Stamm Benjamin gab es viele fähige Schleuderer und Bogenschützen (Ri 20,16; 1. Chr 8,40; 12,2; 2. Chr 14,7; 17,17). Es gibt also genügend Beispiele, die zeigen, dass dieser Spruch sehr anwendbar ist.

Der Segen Moses ist völlig anderer Art und beschreibt Benjamin als den Liebling des Herrn, der in Sicherheit bei Ihm wohnte und von Ihm beschirmt wurde (5. Mo 33,12). Das Thema ist hier jedoch nicht der Charakter Benjamins, sondern sein Erbteil im verheißenen Land und die besondere Gunst, die ihm dadurch erwiesen wurde, dass Gott sein Heiligtum in seinem Gebiet hatte.

2.11.2. Das Verteilen der Beute

In prophetischer Hinsicht haben wir in Benjamin ein Bild des wiederkommenden Christus, der alle seine Feinde vernichtet, wenn Er in Herrlichkeit erscheint. Joseph und Benjamin sind zusammen ein Bild von Christus, wie Er am Ende der Tage offenbart werden wird. In der Geschichte Josephs in 1. Mose wird sein Bruder Benjamin zwölfmal erwähnt; dort hängen die beiden aneinander. Diese Verbundenheit gilt auch in vorbildlicher Hinsicht: Joseph ist ein Bild von dem erniedrigten und verherrlichten Christus, dem alle Gunst Gottes gilt, und Benjamin von dem wiederkommenden Herrn, der hier auf der Erde im Namen Gottes regieren wird. Es gibt noch mehr solche Doppelbilder von Christus in der Schrift: Mose und Aaron, David und Salomo, Josua und Serubbabel.

Die Bedeutung des Namens Benjamin ist in dieser Hinsicht ebenfalls wichtig (1. Mo 35,18). Rahel nannte ihn Ben-Oni (d.h. Sohn meiner Not oder Sohn meines Schmerzes), aber sein Vater nannte ihn Ben-Jamin (d.h. Sohn der Rechten oder Sohn des Glücks). Israel wird durch die große Drangsal gehen müssen, bevor der Messias erscheint, der sich dann als der Mann erweist, der zur Rechten Gottes sitzt und auf den Wolken des Himmels kommt (Dan 7,13.14; Mt 26,64).

Dieser himmlische Machthaber wird alle seine Feinde schlagen, wenn der Morgen des Friedensreiches anbricht und Er als die Sonne der Gerechtigkeit aufgeht (2. Sam 23,3.4; Mal 4,1.2). Für den gläubigen Überrest Israels wird Er Segen bereiten; er wird die Folgen seines Sieges teilen. Doch den gottlosen Teil des Volkes, der dem Antichrist nachgefolgt ist, wird Er richten. Er wird in flammendem Feuer Vergeltung üben und die gesetzlosen und abtrünnigen Könige der Endzeit vernichten (2. Thes 1,7.8; 2,8). Er wird die Nationen mit dem Schwert seines Mundes schlagen, wenn Er als der Sieger aus dem Himmel herniederkommt (Off 19,11-21). Dann bricht ein neuer Tag für diese Welt an und wird Christus als der Friedefürst regieren.

1. Korinther 15 sagt uns, dass Er herrschen muss, bis Er alle Feinde unter seine Füße gelegt hat; und als letzten Feind wird Er den Tod vernichten (V. 25.26). Durch einen Vergleich mit Offenbarung 20 wird ersichtlich, dass dies am Ende der Regierung Christi stattfinden wird, nach dem Gericht vor dem großen weißen Thron, wenn Christus das Reich Gott dem Vater übergibt und der ewige Zustand anbricht und Gott alles in allem sein wird. Der Tod und der Hades werden dann nämlich in den Feuersee geworfen sein werden, sodass es in der neuen Schöpfung keinen einzigen Platz mehr für die Macht des Todes geben wird (Off 20,14; 21,4).

Ich denke, dass dies die prophetische Bedeutung von „Morgen“ und „Abend“ in dieser Prophezeiung ist (1. Mo 49,27). Der Spruch über Benjamin umfasst den ganzen Tag des Friedensreiches. Und die, die Christus angehören, sind mit Ihm als dem großen Sieger verbunden und genießen die Folgen des Sieges, den Er errungen hat (Benjamin verteilt die Beute).

Währenddessen gibt es auch eine geistliche Anwendung, die bereits jetzt gilt. Wenn wir in diesen Sprüchen das geistliche Wachstum gesehen haben, das ein Gläubiger durchmacht, so ist der Höhepunkt, dass Christus selbst in seiner Herrlichkeit gesehen wird und Er in unserem Leben Gestalt bekommt. Nach dem großen Wendepunkt in Vers 18, dem Gebet um die Offenbarung der Rettung Gottes, sahen wir die Überwindungskraft (Gad), die Fruchtbarkeit (Aser) und die Freiheit, in der der Christ stehen kann und Gott als Vater anrufen kann (Naphtali). Doch die Krone unseres Glücks ist nicht die eigene Rettung, sondern der Heiland selbst, dem wir angehören und der in unserem Leben groß gemacht werden will. Wir dürfen unser Auge auf Ihn richten, auf Ihn, als den Herrn der Herrlichkeit, der der Mittelpunkt und der Kanal alles Segens ist (Joseph), und auf den Mann zur Rechten Gottes, der uns bereits nun in unserem irdischen Kampf zu Überwindern macht (Benjamin).

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