Der Segen Jakobs

Sebulon

2.4. Sebulon, ein Kaufmann

„Sebulon, am Gestade der Meere wird er wohnen, und am Gestade der Schiffe wird er sein, und seine Seite gegen Sidon hin“ (1. Mo 49,13).

2.4.1. Die Zerstreuung

Der Spruch über Sebulon stellt die Ausleger vor verschiedene Fragen, worauf sie im Allgemeinen keine abschließenden Antworten geben können, und zwar aus dem einfachen Grund, weil sie keinen Blick für die prophetischen Linien haben, die durch dieses Kapitel laufen. Zuerst einmal besteht das Problem der Reihenfolge, in der Sebulon hier vorkommt. Er wird vor Issaschar gestellt, obwohl er nach ihm als der sechste Sohn Leas geboren wurde (1. Mo 30,20). Zweitens enthält dieser Spruch eigentlich nichts anderes als einen Hinweis auf das zukünftige Erbteil Sebulons im verheißenen Land und keine einzige Bemerkung persönlicher Art in Bezug auf ihn selbst. Sind diese Worte im positiven oder im negativen Sinn zu verstehen? Drittens bestehen Zweifel bezüglich der Erfüllung dieser Prophezeiung, weil wir aus der Geschichte Israels wissen, dass das Erbteil Sebulons nicht direkt ans Mittelmeer angrenzte - wie dies hier suggeriert wird -, sondern eingeklemmt war zwischen das Gebiet Asers und Naphtalis im Norden des Landes.

Auf all diese Fragen bekommt man erst eine befriedigende Antwort, wenn man sieht, dass dieses Kapitel eine prophetische Übersicht der gesamten Geschichte des Volkes Gottes enthält. Nach dem Versagen der ersten drei Söhne Jakobs erreichten wir mit der Prophezeiung über Juda und Schilo einen deutlichen Höhepunkt. Das entsprechende Thema war: Das Kommen des Messias zu seinem Volk und die Herrschaft, die Ihm gegeben werden würde. Doch was ist geschehen? Der Messias wurde verworfen und Israel wurde unter die Völker zerstreut; und das ist nun gerade das Thema, dem wir in diesem Spruch über Sebulons begegnen.

Es wäre schön gewesen, wenn Jakobs letzte Worte an seine Söhne mit dem Spruch über Juda hätte enden können. Es sollte leider nicht so sein, und das Kommen der vollständigen Rettung in der Person des Messias wurde bis zur Endzeit aufgeschoben. Der verheißene Segen kommt allerdings, wie aus den letzten Segensprüchen über Joseph und Benjamin ersichtlich ist. Christus wird wiederkommen, und alle seine Feinde werden als Schemel zu seinen Füßen gelegt werden, wobei seine Brüder Ihm huldigen werden. Doch vorläufig ist Israel beiseite gesetzt und wohnt es sozusagen bei den Völkern. Dies kommt zum Ausdruck in dem Namen Sebulon (d.h. Wohnung) und im Bild des weiten Meeres, d.i. des „Völkermeeres“, das immer in Bewegung ist und nie zur Ruhe kommt (Jes 17,12.13). Sebulon wohnte am Strand des weiten Meeres und an der Küste der Schiffe. Das Wort „am“ ist richtungsweisend (darum ist es auch keine Grenzbeschreibung des Erbteils Sebulons!). Es gibt an, wohin Sebulon sich orientiert hat, nämlich auf das Meer und auf die Schifffahrt hin. Offensichtlich hat er Handel mit den Völkern getrieben, was auch durch die letzte Zeile dieses Spruchs bestätigt wird: „(...) und seine Seite gegen Sidon hin“ (V. 13). Sidon steht hier stellvertretend für die Phönizier, das bekannte Handelsvolk des Altertums. Der Prophet Jesaja sprach über die sidonischen Kaufleute, die das Meer befuhren (Jes 23,2).

Dies alles gibt uns ein treffendes Bild von der Zeit der Zerstreuung Israels unter die Nationen, den „Zeiten der Nationen“ (Lk 21,24), die bis zum Wiederkommen Christi andauern. Israel wohnt unter den Nationen, orientiert sich zu ihnen hin und treibt Handel mit ihnen. Im Spruch über Issaschar werden wir sehen, dass dies zur Unterwerfung gegenüber den Nationen führt, indem sie zu fronpflichtigen Knechten werden. Noch ernster ist die Einführung des Götzendienstes, der aus dieser Angleichung an die Nationen hervorfließt. Wir werden dies bei der Prophezeiung über Dan sehen. Einen ersten Hinweis dafür haben wir in der Erwähnung des Ortes Sidon, einem Zentrum des Baalsdienstes (1. Kön 16,31). Wenn man wie Sebulon seine Seite nach Sidon wendet, können die entsprechenden negativen Folgen nicht ausbleiben.

2.4.2. Liebe nicht die Welt

Doch auch für uns gilt, dass Weltförmigkeit und Götzendienst Hand in Hand gehen. Offenbarung 2 zeigt uns, dass die Kirche sich mit der Welt vermischt hat und dass dies zum Götzendienst geführt hat. Die Versammlung in Pergamus hatte ihre Wohnung (!) dort gefunden, wo der Thron Satans ist, und in der Versammlung in Thyatira ist Isebel als eine Prophetin Satans aktiv. Beide Versammlungen bekommen den Tadel zu hören, dass in ihrer Mitte Götzendienst und Hurerei (d. h. Ehebruch mit der Welt) getrieben werden.

Es ist wichtig, dass wir Isebel hier im Neuen Testament wiederfinden. Die Geschichte hat sich wiederholt, und die Christenheit hat es nicht besser gemacht als das Volk Israel. Der Baalsdienst, der zur Zeit des Königs Ahab in Israel eingeführt und von Isebel gefördert wurde (die Propheten des Baal aßen an ihrem Tisch), findet sein Gegenbild in den Praktiken des Papsttums. In der Endzeit wird sowohl die Geschichte der abgefallenen Kirche als auch die des abgefallenen Judentums auf einen schrecklichen Satansdienst hinauslaufen (2. Thes 2,3.4; 1. Joh 2,18-22; Off 13; 17; 18).

Das ist die Gefahr, die wir laufen, wenn wir uns Sidon, zur Welt, hinwenden. Wenn wir die Welt lieben, verlieren wir Christus aus dem Auge. Dann gerät die Größe Judas und Schilos in den Hintergrund. Übrigens gibt es außer dieser prophetischen und geistlichen Anwendung auch die bereits erwähnte historische Auslegung in Verbindung mit der Zeit der Könige. Nach der Blütezeit unter der Regierung Davids und Salomos ist das Volk Israel allmählich in die Einflusssphäre der umliegenden Völker gekommen, mit allen entsprechenden bösen Folgen. Dass Jakobs Worte in Bezug auf Sebulon - die in der Tat nicht mehr sind als eine Ortsbestimmung seines zukünftigen Erbteils - tatsächlich negativ verstanden werden können, ist aus einem Vergleich mit Richter 5,17 ersichtlich. Dort bekommt Dan den Tadel zu hören, dass es auf Schiffen weilte, und Aser, dass es am Gestade des Meeres blieb.

2.4.3. Freue dich, Sebulon

Im Segen Moses finden wir Sebulon auch in Verbindung mit den Nationen und mit dem Meer, aber diesmal nicht im negativen Sinn: „Und von Sebulon sprach er: Freue dich, Sebulon, deines Auszugs, und du, Issaschar, deiner Zelte! Sie werden Völker zum Berg laden; dort werden sie Opfer der Gerechtigkeit opfern; denn sie werden saugen die Fülle der Meere und die verborgenen Schätze des Sandes“ (5. Mo 33,18.19).

Sebulon und Issaschar werden hier in einem Atemzug genannt, und in 1. Mose 49 besteht ebenfalls ein deutlicher Zusammenhang zwischen den Sprüchen über diese beiden Stämme. Die Hinwendung zu den Völkern führt zum Verlust der eigenen Selbständigkeit und zur Knechtschaft. Doch wie bereits bemerkt, spricht Mose nicht in tadelndem Sinn über Sebulons Hinwendung zu den Völkern, und es ist gut, mit diesem Gedanken zu enden. In den letzten Tagen wird es beim Los Israels eine Wende zum Guten geben und wird es der Mittelpunkt des Segens für die ganze Erde sein. Dann ist von einer Angleichung und Unterwerfung gegenüber den Völkern keine Rede mehr, sondern werden diese sich nach dem Gesetz, das von Zion ausgehen wird, richten. In Übereinstimmung mit der Prophezeiung Jesajas (Jes 2,1-5) werden die Völker im Friedensreich zum Berg des HERRN und zum Tempel hinaufziehen. Über diese zukünftige Heilszeit spricht Mose in seinem Spruch über Sebulon und Issaschar. Sie werden die Völker dazu aufrufen, mit Geschenken nach Jerusalem zu kommen; gemeinsam werden sie ihre Schätze dem Friedefürsten darbringen.

Es ist auch bemerkenswert, dass das Erbteil Sebulons zum Gebiet von Galiläa gehörte, das Jesaja den Kreis der Nationen nennt. Gerade in diesem abgelegenen und verschmähten Teil des Landes würde der Messias einst wohnen und wirken: „Land Sebulon (...) Kreis [Galiläa] der Nationen. Das Volk, das im Finsternis wandelt, hat ein großes Licht gesehen; die da wohnen im Land des Todesschattens, Licht hat über ihnen geleuchtet“ (Jes 8,23-9,1; Mt 4,15.16).

Es war ein Teil des Planes der Gnade Gottes, dass Christus zum Licht der Nationen gesetzt werden sollte (vgl. Jes 49,6). Die Rettung, die in Ihm zu uns gekommen ist und unser finsteres Herz erleuchtet hat, ist die Garantie für den Segen, der den Nationen bald im Friedensreich zufallen wird. Dann wird Christus als die Sonne der Gerechtigkeit erscheinen und werden die Nationen sich zusammen mit Israel unter seine segensreiche Herrschaft stellen. Das ist die Aussicht, die uns das Nachdenken über Sebulon bietet, diesen Stamm, den wir also in der Schrift immer in Verbindung mit den Nationen finden, sowohl in negativer als schließlich auch in positiver Hinsicht.

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