Der Segen Jakobs

Joseph

2.10. Joseph, ein junger Fruchtbaum

„Sohn eines Fruchtbaumes ist Joseph, Sohn eines Fruchtbaumes am Quell; die Schösslinge treiben über die Mauer. Und es reizen ihn und schießen, und es bekämpfen ihn die Bogenschützen; aber sein Bogen bleibt fest, und gelenkig sind die Arme seiner Hände durch die Hände des Mächtigen Jakobs. Von dort ist der Hirte, der Stein Israels: Von dem Gott deines Vaters, und er wird dir helfen, und dem Allmächtigen, und er wird dich segnen mit Segnungen des Himmels droben, mit Segnungen der Tiefe, die unten liegt, mit Segnungen der Brüste und des Mutterleibes. Die Segnungen deines Vaters überragen die Segnungen meiner Voreltern bis zur Grenze der ewigen Hügel. Sie werden sein auf dem Haupt Josephs und auf dem Scheitel des Abgesonderten unter seinen Brüdern“ (1. Mo 49,22-26).

2.10.1. Ein Fruchtbaum

Joseph war der geliebte Sohn seines Vaters Jakob: „Israel liebte Joseph mehr als all seine Söhne“ (1. Mo 37,3). Das wird durch die Länge und den reichen Inhalt dieses Segenspruches bestätigt. Beim Lesen dieses Spruches muss man unwillkürlich daran denken, was über Isaak, den Lieblingssohn Abrahams gesagt wird: „(...) er [Abraham] hat ihm alles gegeben, was er hat“ (1. Mo 24,36). Und eigentlich umfassen diese Segnungen, die Joseph hier zugesprochen werden, viel mehr als das, was Jakob besaß und seinem Sohn schenken konnte. Jakob spricht über all das, was Gott für Joseph und seine Nachkommen vorgesehen hatte. Als Prophet darf er diesen göttlichen Segen ankündigen, den wir hauptsächlich in den letzten beiden Versen finden (V. 25.26).

Dieser Ankündigung gehen einige Vergleiche voraus. Zuerst ist Joseph ein fruchtbarer Baum oder Weinstock, dessen Schösslinge über die Mauer wachsen (V. 22). Danach folgt ein völlig anderes Bild, nicht eines Baumes, sondern das eines Bogenschützen. Joseph ist zweitens auch ein guter Bogenschütze, der - weil Gott ihm die Kraft gibt - den Angriffen seiner Feinde nicht erliegt (V. 23.24).

Dieser Spruch ist so aufgebaut, dass er aus drei Teilen besteht. Im dritten Teil wird Joseph als der „Auserwählte“ oder der „Abgesonderte“ unter seinen Brüdern beschrieben (wie auch im Segen Moses, 5. Mo 33,16). Hier finden wir zum ersten Mal in der Schrift den Begriff „Nasiräer“. In diesen drei Bildern - als Fruchtbaum, Bogenschütze und Nasiräer - ist Joseph ein treffendes Bild von Christus.

Wir können wohl sagen, dass Joseph sowohl in seiner Erniedrigung als auch in seiner Erhöhung eins der schönsten Vorbilder von Christus im Alten Testamentes ist. Das Neue Testament bestätigt dies auch deutlich, denn in der Rede des Stephanus in Apostelgeschichte 7 werden die Leiden des Messias seitens seiner Volksgenossen durch zwei Geschichten illustriert: durch die von Joseph und von Mose. So wie Joseph von seinen Brüdern gehasst und nach Ägypten verkauft wurde, ist auch der Herr Jesus von „den Seinen“ verworfen (Joh 1,11) und den Nationen überliefert worden. So wurde auch Mose von seinen Verwandten verleugnet und verworfen, als er zum ersten Mal zu ihnen kam. Doch in seiner Erhöhung ist Joseph ebenfalls ein Bild von Christus. So wie Gott mit Joseph war und ihn aus all seinen Bedrängnissen erlöste und zum Herrn über das Land Ägypten machte, ist auch Christus von seinen Leiden erlöst und zur Rechten Gottes erhöht worden. Er ist der Erhalter des Lebens, der Retter der Welt (vgl. den neuen Namen Josephs in 1. Mo 41,45). Jeder muss jetzt zu Christus kommen, um „Brot“ zu empfangen und am Leben bleiben zu können.

Im Bild des jungen Fruchtbaums oder Weinstocks (wörtl. „Sohn eines Fruchttragenden“) sehen wir zwei Kennzeichen des Lebens Christi in seiner Erniedrigung auf der Erde. Er lebte in völliger Abhängigkeit von Gott und trug reichlich Frucht für Ihn. Der Baum ist hier an einem Quell gepflanzt (V. 22a). Dies ist das bekannte Bild eines Baumes, gepflanzt an Wasserbächen, das öfter in der Schrift vorkommt (Ps 1,3; Jer 17,8). So fand Christus als abhängiger Mensch alle seine Quellen in Gott, seinem Vater. Dadurch konnte Er überreich Frucht tragen, nicht nur unter Israel, sondern auch darüber hinaus. Dies wird in der zweiten Hälfte dieses Verses angedeutet: die Schösslinge, die sogar über die Mauer klettern (V. 22b). Christus sah auch Früchte seines Dienstes außerhalb der Umzäunung, in die Er gesetzt war, d.i. das Volk Israel, umzäunt durch das Gesetz. Denken wir nur an das Gespräch mit der samaritischen Frau und der darauffolgenden Bekehrung der Samariter (Joh 4). Dieses Fruchttragen ist jedoch nicht nur auf das Leben Christi auf der Erde beschränkt. Er setzt das von der Herrlichkeit aus fort und trägt durch das Wirken des Heiligen Geistes noch immer Frucht außerhalb des Weinbergs Israel. Die Gnade Gottes in Christus kommt zu allen Menschen und bewirkt überall Frucht für Gott.

Was das Leben Josephs betrifft, so bringt man die hier erwähnte Fruchtbarkeit meistens mit der Geburt Ephraims in Verbindung. Gott hatte Joseph im Land Ägypten fruchtbar gemacht und ihn mit Söhnen gesegnet (1. Mo 41,52).

2.10.2. Ein Bogenschütze

In den folgenden Versen finden wir das offensivere Bild des Bogenschützen, der von seinen Feinden bedrängt wird. Die Bogenschützen (wörtl. „Meister der Pfeile“) haben ihm das Leben sauer gemacht. Ihre Feindschaft war so intensiv, dass dafür in Vers 23 sogar drei verschiedene Tätigkeitswörter gebraucht werden („reizen“, „schießen“ und „bekämpfen“). Was Joseph persönlich betrifft, kann man dabei an die Feindschaft seiner Brüder oder an das denken, was er im Haus Potiphars ertragen musste.

Was Christus betrifft, so ist die Auslegung auch nicht schwierig. Wie viele Pfeile wurden nicht auf Ihn abgeschossen! Die Führer des jüdischen Volkes waren Ihm feindlich gesinnt und haben Ihn beständig belagert. Der Prophet Jeremia vergleicht eine Zunge des Truges mit einem mörderischen Pfeil (Jer 9,8). Hinterhältige Fragen wurden auf Christus abgefeuert, doch hat Er alle diese „Pfeile“ abwehren können (vgl. Mt 22,15-46). Wir können auch an die Versuchung in der Wüste denken, wo Satan seine schärfsten Pfeile auf Christus abgeschossen hat. Doch es war vergeblich, dieser „Meister der Pfeile“ musste in Christus den Größeren erkennen und wich von Ihm. Christus konnte alle seine Angriffe abwehren, indem Er jedes Mal einen anderen treffsicheren Pfeil aus dem Köcher der Schrift nahm. Gegen das stets wiederholte „Es steht geschrieben“ konnte Satan nicht bestehen.

Das ist das Geheimnis der Kraft im geistlichen Kampf, wodurch Christus als abhängiger Mensch auf der Erde den Sieg über den Widersacher erringen konnte. Und dieser Grundsatz gilt auch für uns: Wir können den Listen des Feindes allein standhalten, wenn wir aus der Kraft schöpfen, die Gott uns in seinem Wort verleiht. So wurde auch Joseph geleitet und durch das Wort des HERRN geläutert (Ps 105,19).

Dieser Grundsatz der völligen Abhängigkeit von Gott im Kampf wird in Vers 24 näher erklärt: „(...) aber sein Bogen bleibt fest, und gelenkig sind die Arme seiner Hände durch die Hände des Mächtigen Jakobs.“ Es wird uns hier so vorgestellt, als würde Gott gleichsam seine starken Hände auf die Arme des Bogenschützen legen, um ihn zu unterstützen und alle seine Bewegungen kräftig und gelenkig zu machen. Gott ist ein vollkommener Helfer für den Kämpfer, denn Er ist der „Mächtige Jakobs.“ Jakob wusste aus eigener Erfahrung, dass Gott mächtig ist zu helfen und in den schwierigsten Situationen Rettung zu geben. Siehe zu diesem Ausdruck auch Jesaja 1,24; 49,26; 60,16 und Psalm 132,2-5.

Jakob hatte am Ende seines Lebens eine reiche Erkenntnis Gottes, was man an den verschiedenen Bezeichnungen sehen kann, die er für Gott gebraucht. Gott ist auch der „Hirte, der Stein Israels“ (V. 24b) und zugleich der „Gott deines Vaters“ und der „Allmächtige“ (V. 25a). Als der Stein ist Gott das feste Fundament, worauf der Glaube bauen kann (vgl. 5. Mo 32,4.18; Ps 18,32; 31,3.4; 62,3.7.8). Und Christus ist sowohl der Eckstein als auch der Hauptstein, von Menschen zwar verworfen, aber bei Gott auserwählt und kostbar (Jes 28,16; Ps 118,22; Sach 4,7; Mt 21,42; Eph 2,20; 1. Pet 2,4-7). Die Belehrung der Schrift über Gott als den Hirten seines Volkes ist ebenfalls besonders reichhaltig. Im vorhergehenden Kapitel sagt Jakob, dass Gott ihn sein Leben lang als Hirte geweidet hat (1. Mo 48,15). Wir dürfen es ganz persönlich wie David sagen: „Der HERR ist mein Hirte“ (Ps 23,1). Israel wird in Zukunft von dem einen Hirten geweidet werden (Hes 34,23; 37,24). Christus ist der gute Hirte (Joh 10,11.14), der große Hirte (Heb 13,20) und der Erzhirte (1. Pet 5,4).

Es ist also ein langer Satz, den V. 23-25 enthält und worin die verschiedenen Charaktere Gottes beschrieben werden, der den Bogenschützen stärkt und unterstützt. Abgesehen davon, dass er ihn Hirte, Stein und den Mächtigen Jakobs nennt, kannte der Erzvater Ihn sehr persönlich als seinen Gott und als den Allmächtigen. Und Jakob wünschte seinem Sohn, dass der Gott seines Vaters ihm helfe und der Allmächtige ihn segne. Als der Allmächtige hatte Gott sich in besonderer Weise Abraham, Isaak und Jakob offenbart (1. Mo 17,1; 28,3; 2. Mo 6,2), und als solcher ist Er der Quell aller Fürsorge und Segens für die Seinen.

2.10.3. Ein dreifacher Segen

Jakob kommt nun auf den eigentlichen Segen zu sprechen, der Joseph zufallen sollte, nachdem er Gott den Allmächtigen genannt hat: „(...) und dem Allmächtigen, und er wird dich segnen mit Segnungen des Himmels droben, mit Segnungen der Tiefe, die unten liegt, mit Segnungen der Brüste und des Mutterleibes“ (V. 25).

Der Segen ist dreifacher Art:

  1. Er umfasst die guten Gaben, die von oben kommen wie Regen, Tau und Sonnenschein.
  2. Er umfasst Dinge, die sich unterhalb der Erde befinden wie unterirdische Wasserreservoire, denen Bäche und Flüsse entspringen (5. Mo 8,7; 33,13).
  3. Er umfasst die Dinge, die dem Menschen auf der Erde geschenkt werden wie Fruchtbarkeit von Menschen und Tieren.

Joseph wurde also in jeder Hinsicht reich gesegnet. Die historische Erfüllung dieser Prophezeiung sehen wir in dem geräumigen und fruchtbaren Erbteil, das Ephraim und Manasse im Land Kanaan empfingen. So empfing Joseph - in seinen beiden Söhnen - das doppelte Erbteil, das dem Erstgeborenen zustand. Juda sollte jedoch der Königsstamm werden (siehe dazu die Bemerkungen unter 2.1.).

Der Segen, der für Joseph vorgesehen war, war so reich, dass Jakob sagen konnte: „Die Segnungen deines Vaters [d. h. die Segnungen, die dein Vater dir gibt] überragen die Segnungen meiner Voreltern“ (V. 26a). Dieser Segen übertraf also alle früheren Segnungen, die Gott den Erzvätern verheißen hatte. Einige lesen hier nicht „Voreltern“, sondern „uralte Höhen“ (z. B. Zwingli). Davon ist jedenfalls im Folgenden die Rede: „(...) bis zur Grenze [andere lesen: zum Köstlichsten] der ewigen Hügel.“ Das Beste, was das Land hervorbringen würde, seine köstlichsten Früchte (1. Mo 27.28; 5. Mo 33,15.16), all das würde sozusagen auf dem Haupt Josephs aufgehäuft werden. So lesen wir in Vers 26b: „Sie werden sein auf dem Haupt Josephs und auf dem Scheitel des Abgesonderten unter seinen Brüdern.“ Vielleicht müssen wir dabei an das Handauflegen denken. Jakob legte seine Hände segnend auf das Haupt Josephs; als Prophet war er der Kanal des göttlichen Segens, der für Joseph bereitet war.

Der letzte Teil des Segenspruches (V. 25.26) hat viel Ähnlichkeit mit dem Segen Moses für Joseph (5. Mo 33,13-16). Mose erwähnt noch einen weiteren Charakter Gottes, wenn er über das Wohlgefallen dessen spricht, der im Dornbusch war. So hatte Mose Gott kennen gelernt: als den, der in seiner Gnade inmitten eines sündigen Volkes wohnen konnte, obwohl Er ein verzehrendes Feuer war. Neben allen anderen Segnungen würde auch dieses göttliche Wohlgefallen auf dem Haupt Josephs ruhen, der hier erneut der Abgesonderte unter seinen Brüdern genannt wird. Wörtlich steht hier „Nasiräer“, ein Begriff, den wir auch aus dem Leben Simsons und dem Gesetz der Nasiräerschaft in 4. Mose 6 kennen.

Joseph nahm einen abgesonderten, einen geweihten, einen einzigartigen Platz unter seinen Brüdern ein. In dieser Hinsicht ist er natürlich wieder ein prächtiges Bild von Christus, dem Gottgeweihten und Erstgeborenen unter vielen Brüdern. Bereits während seines Lebens auf der Erde war Christus vollkommen Gott geweiht, und jetzt, nachdem Er die Frage der Sünde gelöst hat, lebt Er vor Gott in der Heiligkeit des Himmels (Röm 6,10; Joh 17,19). Er ist der wahre Nasiräer, der wahre Joseph, dem ein Segen nach der anderen zugefügt wird (Joseph bedeutet: „Er füge hinzu“). Gott der Vater hat Ihm, seinem vielgeliebten Sohn, tatsächlich alle Dinge in die Hände gegeben (Joh 3,35). Gott ist Ihm mit reichen Segnungen entgegengekommen und hat Ihn für immer gesegnet (Ps 21,4; 45,4 ).

So dürfen wir Ihn nun durch den Glauben als den Gesegneten des Vaters kennen, als den Erben aller Dinge im Himmel und auf der Erde. Und wenn wir unsere Blick so auf Ihn richten, wissen wir, dass wir auch in und mit diesem himmlischen Herrn gesegnet sind. Als seine Brüder sind wir eng mit Ihm verbunden und teilen wir den Segen, der auf dem Haupt dessen ruht, der sich zur Rechten der Majestät in der Höhe gesetzt hat. Bald wird Er kommen, um uns zu holen und uns in die Herrlichkeit einzuführen, die Er für seine Brüder, seine Genossen bereitet hat. Dann empfangen wir die volle Rettung, die wir noch erwarten (vgl. 1. Mo 49,18). Doch auch jetzt schon will Er in unserem Leben verherrlicht werden, damit wir Ihm gleichförmig werden. Das Ziel alles geistlichen Wachstums ist ja, dass Er, der der Erste unter vielen Brüdern ist, auch in seinen Brüdern Gestalt bekommt (Röm 8,29).

Doch auch sein irdisches Volk wird Ihn bald als den Herrn aus dem Himmel kennen lernen, der von Gott mit Segnungen beladen ist. So wie Josephs Brüder sich vor ihm niederbeugten, den sie einst verworfen und den Nationen überliefert hatten, so wird Israel sich reuevoll vor dem erhöhten Christus niederbeugen. Sie werden Ihn anschauen, den sie durchstochen haben (Sach 12,10). Bei seiner Erscheinung wird Er jedoch nicht nur den Überrest seines Volkes segnen, sondern auch alle seine Feinde vernichten, und damit wird die Weltgeschichte zu ihrer Vollendung geführt. Dies werden wir vorbildlich nun in der Prophezeiung über Benjamin sehen.

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