Betrachtung über die Psalmen (Synopsis)

Psalm 85-87

Betrachtung über die Psalmen (Synopsis)

Der nächste Psalm spricht wieder von der Segnung des Landes und des erretteten Volkes. In den dann weiter folgenden Psalmen werden wir Christum Selbst finden, soweit Er mit dem Volke in Verbindung steht, jedoch mit einem Blick auf die Bundesbeziehung, die es zwischen Jehova und Seinem irdischen Volke gibt.

Psalm 85

Beim Lesen von Psalm 85 habe ich lange gezweifelt, ob der erste Teil Bezug habe auf eine äußere Befreiung und die dadurch dem Volke erwiesene Gnade, so dass das Folgende dazu diene, das Volk durch die Wiederherstellung der einzelnen Seelen in den Genuss dieser Befreiung eintreten zu lassen, oder ob, wie wir das so oft gefunden haben, zuerst das ganze Ergebnis als Thema des Psalmes dargestellt wird, und dann die Leiden des Überrestes und die Wirksamkeit Gottes, die zu jenem Ergebnis geführt haben, beschrieben werden. Jedenfalls wird auf die äußere Rettung ein Werk der Wiederherstellung in den Seelen des Volkes folgen. Ich möchte mich auch heute über diesen Punkt nicht bestimmt aussprechen. Im allgemeinen bin ich jedoch geneigt zu denken, dass die gläubigen Israeliten in diesem Psalm den Genuss der Gunst Gottes erwarten, die zwischen ihnen und Gott bestehen soll, wenn sie von allen ihren Feinden erlöst sind und ihnen gerade dadurch das Bewusstsein der Vergebung zuteil geworden ist. Die drei ersten Verse stellen also als Grundlage hin, dass Gott Seinem Lande Gunst erzeigt und die Gefangenschaft Jakobs gewendet hat. Das ist die große, allgemein bekannte Wahrheit. In Vers 4 jedoch bedarf das wiederhergestellte Volk einer anderen Segnung in der Wirklichkeit Seines eigenen Verhältnisses zu Gott. „Führe uns zurück, Gott unseres Heils.“ Jehova ist der Gott ihres Heils; aber sie bedürfen Seiner Segnung inmitten des Landes. Sie wollen, dass Sein Volk sich in Ihm erfreue. Wie wahr ist das oft betreffs einer Seele, die weiß, dass ihr vergeben ist! Sie wartet auf die Güte und das Heil Jehovas, indem sie so in Seiner Gunst wiederhergestellt ist, und horcht, was Gott-Jehova reden wird; denn die Treuen rechnen auf Seine Güte. Er wird Frieden reden zu seinem Volke (das ist ihr öffentlicher Charakter) und zu Seinen Frommen, dem Überrest, der den Frieden genießen soll. Der Glaube hat dann auf alle Weise die Gewissheit, dass Gottes Heil nahe ist denen, die ihn fürchten, dass die Herrlichkeit Jehovas im Lande wohnen kann.

Die letzten Verse besingen in bemerkenswerten Ausdrücken die göttlichen Grundsätze, auf denen die Segnungen Israels dereinst errichtet sein werden. Gottes Güte und Wahrheit sind sich begegnet. Seine Verheißungen, die stets wahr sind, sind nun durch Gnade erfüllt worden. Es ist beachtenswert, dass in den Psalmen die Güte und Gnade stets der Gerechtigkeit und Wahrheit vorangehen. Denn Israel hat, indem es den Herrn verwarf, jedes Anrecht auf die Verheißung verwirkt, ist völlig in Verschuldung gekommen, besitzt keine Gerechtigkeit, auf die es sich stützen könnte, und ist in den Unglauben eingeschlossen, damit es auch ein Gegenstand unvermischter Gnade werde. Nun aber sind diese Verheißungen durch das Werk Christi in Erfüllung gegangen, und Güte und Wahrheit sind sich begegnet. Doch das ist noch nicht alles. Jehova ist ihre Gerechtigkeit durch Gnade; und daher ist die Gerechtigkeit Friede für sie geworden; das was im Gericht ihr Verderben gewesen wäre, ist unter der Gnade ihr Friede – Gerechtigkeit und Friede haben sich geküsst. Ich brauche wohl kaum zu sagen, wie wahr diese Grundsätze für jeden Sünder im Blick auf noch bessere und himmlische Segnungen sind; hier werden sie auf irdische angewandt. „Wahrheit wird sprossen aus der Erde“, das heißt, die volle Frucht und Wirkung der Wahrheit und Treue Gottes werden sich in Segnungen, in vollen Segnungen auf der Erde offenbaren. Doch das hat nicht seinen Grund in einer Gerechtigkeit, die der Mensch auf einem gesetzlichen Wege hienieden zustande gebracht hat. Die Gerechtigkeit schaut vom Himmel hernieder. Es ist Gottes Gerechtigkeit; Jehova ist ihre Gerechtigkeit. Aber gerade das macht sie fest und sicher. Jehova gibt das Gute, und das Land ist gesegnet. Gerechtigkeit bezeichnet den Pfad des Segens für Jehova, ja, Ihn Selbst im Lande, das natürlich Sein Land ist. Doch wird Seine Herrschaft so gekennzeichnet sein. „Ein König wird regieren in Gerechtigkeit“ – es wird keine Bedrückung mehr geben. Nicht mehr wird das Recht zurückgedrängt sein und die Wahrheit auf dem Markte straucheln, wie es in Jes 59, 14  heißt; nein, das Gericht ist zu ihr zurückgekehrt, und die Regierung trägt diesen Charakter: „Das Werk der Gerechtigkeit wird Friede sein, und der Ertrag der Gerechtigkeit Ruhe und Sicherheit ewiglich“ (Jes 32, 17). Dies letztere wird sicher praktisch so sein, doch ist es die Folge davon, dass die Gerechtigkeit vom Himmel hernieder geschaut hat, ja, dass sie auf der Erde errichtet ist (vgl. Ps 72, 1–7, wo dieser Zustand beschrieben wird).

Psalm 86

Psalm 86 enthält das demütige und doch vertrauensvolle und zuversichtliche Gebet einer Seele, die sich ihrer frommen Gefühle gegen Jehova bewusst ist und auf die Ergebnisse der Verbindung mit Ihm wartet. Von Psalm 84  an finden wir immer wieder „Jehova“, was darin seinen Grund hat, dass der Überrest fühlt, dass er in diesen Bundesbeziehungen steht, obwohl der volle Segen im Lande noch nicht gekommen ist. Er befindet sich noch in Trübsal, denn das Volk ist weder erwacht, noch in seine Bundessegnungen im Lande eingeführt.

Unser Psalm enthält drei Bitten. In Vers 1 lesen wir: „Neige, Jehova, dein Ohr und erhöre mich!“ Der Bittende wendet sich an Jehova, damit Er dem Gebet in Gnaden Sein Ohr leihen möge. Dann in Vers 6, dass Er horchen möge auf die Stimme seines Flehens; das heißt, der Bittende erwartet, dass seine Bitte gewährt werde. Und drittens fleht er in Vers 11 zu Jehova, dass Er ihn den Weg der Wahrheit lehren möge. Sodann erkennt der Überrest die Erbarmungen Gottes in dem schrecklichen Kampf, in dem er sich befindet, an: aber er, der so schreit, wartet noch auf Gottes Eingreifen zu seinen Gunsten, damit seine Hasser beschämt werden, weil Jehova ihm geholfen und ihn getröstet hat. Wie lässt die Lage des Überrestes, gleich der Geschichte Hiobs, den großen Kampf zwischen der Macht Satans und der göttlichen Rettung hervortreten! Aber in diesem Kampf erkennt die gottesfürchtige Seele, so tief sie auch geführt werden mag, an, dass Jehova die Quelle von allem ist, obwohl ihre Füße beim Anblick der Wohlfahrt der Gesetzlosen nahe daran sein mögen, auszugleiten. Dieser Psalm ist nicht der Ausdruck der Klage oder der bitteren Herzensbetrübnis, sondern das Flehen einer Seele, die zwar arm und bedürftig ist, aber den Trost der Güte Jehovas geschmeckt hat.

Man beachte den Unterschied zwischen den Namen Gottes: Herr (Adonai) und Jehova. Jehova ist, wie schon wiederholt bemerkt, der Bundesname, den Gott in unveränderlicher Treue Israel gegenüber angenommen hat; Adonai dagegen bezeichnet jemanden, der Macht an sich genommen hat und der gegenüber denen, die Ihn anrufen, als Herr dasteht. Darum erkennen wir tatsächlich Christum in dieser Stellung uns gegenüber an: Er ist „unser Herr Jesus Christus“. So wird es auch bei den Juden sein; indes wird es nicht eher völlig geschehen, als bis sie Ihn sehen werden. Dieser Adonai ist Elohim (Gott). Tod und menschliche Gewalt stehen vor den Augen der Gottesfürchtigen; doch haben sie zugleich den Trost eines von ihnen gekannten Jehova als Stütze. Sie hatten Rettung gefunden; aber sie war noch nicht vollständig hinsichtlich der Segnung. Der Psalm ist seinem wesentlichen Inhalt nach die fromme Berufung des ins Land zurückgekehrten treuen Überrestes auf Jehova; und im allgemeinen kann man sagen, dass er Gefühlen und einer Stellung Ausdruck gibt, in die Christus völlig eingetreten ist, wenngleich er nicht unmittelbar auf Ihn angewandt werden kann.

Psalm 87

Psalm 87 betrachtet Zion als von Gott gegründet, als eine Stadt, die Grundlagen hat. Die Menschen besitzen Städte und rühmen sich ihrer; aber Gott hat eine Stadt, die Er auf den heiligen Bergen gegründet hat. Selbst hier handelt es sich nicht um Joseph oder um die Reichtümer der Natur. Gott war der Reichtum Zions, ihre Stätte waren die heiligen Berge, das was Gott geweiht war. In der Kraft des Geistes schämt sich der Gottesfürchtige ihrer nicht (Herrliches ist von ihr geredet), nein, auch nicht angesichts aller ruhmreichen Orte der Erde. Ägypten und Babel rühmten sich vergebens, ebenso Philistäa, Tyrus und Äthiopien, die alle ihren Tag gehabt hatten. Die Gottesfürchtigen konnten von diesen Orten reden, ohne den Vergleich zu fürchten. Zion wurde für den Geburtsort des Mannes Gottes gehalten, für den Geburtsort der Geliebten Jehovas. Der Höchste befestigte es. Wenn Jehova die Völker verzeichnet, wird Er sagen: „Dieser ist daselbst geboren.“ Freude und Lobgesänge werden dort sein und alle frischen Quellen Jehovas. Es erscheint mir nicht ganz gewiss, dass das Wörtchen „dieser“ (V. 6) sich auf Christum bezieht. Zion rühmt sich seiner Helden. Der mit „der und der“ übersetzte Ausdruck bezieht sich auf große Männer, nicht auf die Armen und Elenden. Es sind die Kinder der einst Verlassenen (vgl. Jes 49, 21. 22).

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