Betrachtung über den Propheten Jeremia (Synopsis)

Kapitel 30-38

Betrachtung über den Propheten Jeremia (Synopsis)

Kapitel 30. Einige nähere Umstände, welche die Ausübung dieser Gnade begleiten, erfordern noch unsere Aufmerksamkeit, ebenso der Charakter, den Gott darin offenbart, sowie endlich die Ausdehnung ihrer Wirkungen. Im 30. Kapitel befiehlt Gott Jeremia, alle Worte des Gerichts, die er gehört hatte, in ein Buch zu schreiben, denn Gott wollte das Volk wiederherstellen. Diese Befreiung nun fand Israel auf der höchsten Stufe des Elends. Das ist das erste, was dem Propheten vorgestellt wird. Kein Tag konnte mit diesem Tage der Drangsal Jakobs verglichen werden. Es ist der Tag, von dem in Matthäus 24 und Markus 13  gesprochen wird. Aber in dieser höchsten Not kommt Gott Seinem Volke zu Hilfe, um es zu befreien. Und nun, da Gott Sein Gericht ausgeführt und nach Seinen eigenen Gnadenratschlüssen gehandelt hat, soll diese Befreiung vollständig und vollkommen sein. Israel wird Jehova, seinem Gott, und David, seinem König, dienen. Der Verfall (V. 12) war vollständig, unheilbar; kein Mittel konnte ihn mehr heilen. Es war Gott, der Sein Volk um der Menge seiner Sünden willen geschlagen hatte. Dessenungeachtet war Er mit ihm, um es zu retten; und deshalb sollten alle Völker, die sich Gottes Zorn zunutze gemacht hatten, um Israel zu verschlingen, selbst verschlungen werden. Zion soll auf seiner eigenen Grundlage wieder aufgebaut werden, Freude und Friede sollen in seinen Wohnungen herrschen und die Leiter des Volkes aus seinen Kindern hervorgehen. Israel wird wieder das Volk Jehovas, und Jehova wird ihr Gott sein. Schließlich wird hier noch ein Grundsatz angekündigt, den wir schon früher deutlich ausgedrückt sahen, nämlich daß das Gericht über die Gesetzlosen hereinbrechen würde. Zunächst sollte es das Volk Gottes treffen, weil dieses gesetzlos war und die Folgen davon tragen mußte; dann aber sollte es die Gesetzlosen erreichen, wo immer sie auch sein mochten. Wo irgend das Aas ist, werden sich die Adler versammeln.

Kapitel 31. Aber nicht Juda allein, an welches die Weissagungen Jeremias gerichtet waren, sollte wiederhergestellt werden: alle Geschlechter Israels sollten diesen Segen genießen (Kap. 31). Jehova sollte ihr Gott, und sie sollten Sein Volk sein. Einige Worte werden genügen, um die Aufmerksamkeit des Lesers auf die Hauptzüge dieser schönen Prophezeiung zu lenken. Alle Stämme sind da, aber alle in einem erneuerten Verhältnis zu Zion. Es ist eine durch den Herrn bewirkte Befreiung, daher ist sie auch vollkommen. Der Genuß derselben wird nicht durch Schwachheit gehindert. Es ist eine Befreiung, die das Herz zerfließen und Tränen und Flehen hervorströmen läßt, die aber alle Ursache zum Weinen, die Gnade ausgenommen, wegnimmt. Sie werden nicht mehr trauern; ihre Seele wird wie ein bewässerter Garten sein, sie werden mit Gütern von Jehova gesättigt werden. Ephraim hat Reue empfunden, und Gott wird es fühlen lassen, daß Er es niemals vergessen hat. Der Herr hat stets Seines irrenden Kindes gedacht. Juda soll die Wohnung der Gerechtigkeit und ein heiliger Berg sein. Dies wird durch einen neuen Bund geschehen - nicht durch den, der bei dem Auszuge aus Ägypten gemacht wurde. Das Gesetz wird auf ihr Herz geschrieben werden, sie werden alle Jehova erkennen, und ihrer Sünden wird nie mehr gedacht werden. Wenn ich die Ordnungen der Schöpfung umstoße, sagt Gott, dann wird auch Israel verworfen werden wegen alles dessen, was es getan hat. Schließlich gibt der Herr ins einzelne gehende Versicherungen von der Wiederherstellung Jerusalems.

Ich möchte noch hinzufügen, daß ich in dem 22. Verse nur den Ausdruck der Schwachheit sehe. Israel, schwach wie ein Weib, soll alle Stärke besitzen und überwinden, indem es erkennt, daß sich die Stärke gerade in der Schwachheit offenbart.

Kapitel 32. Die Kapitel 30 und 31 enthalten im allgemeinen das prophetische Zeugnis von der Wiederherstellung Israels. Kapitel 32 wendet diese auf die Umstände der in Jerusalem belagerten Juden an, indem es aus der Verwüstung, mit der sie augenscheinlich durch den vor den Toren stehenden König Nehukadnezar bedroht waren, Anlaß nimmt, die unfehlbaren Ratschlüsse Gottes in Gnade gegen sie zu verkünden. Jeremia hatte erklärt, daß die Stadt eingenommen und Zedekia gefangen weggeführt werden würde. Aber Jehova hatte ihn ein Feld kaufen lassen zum Beweis dafür, daß das Volk sicherlich zurückkehren würde. Er weist auf die Ungerechtigkeit des Volkes und der Stadt von Anfang an hin, aber da Israel jetzt infolge seiner Sünde verzweifelt und ihm sein Verderben unvermeidlich erscheint, so versichert es Jehova nicht nur einer Rückkehr aus der Gefangenschaft, sondern auch der vollen Wirksamkeit Seiner Gnade. Er will dem Volke ein einiges Herz geben, damit es Ihm fortan beständig diene. Seine Beziehungen zu Jehova als Sein Volk sollen aufs völligste kraft eines ewigen Bundes hergestellt werden. Jehova will Seine Freude daran finden, ihnen wohlzutun. Er will sie in dem Lande pflanzen mit Seinem ganzen Herzen und mit Seiner ganzen Seele. Er war es, der all jenes Unglück als Gericht herbeigeführt hatte, und Er war es, der all das Gute bringen wollte, das Er verheißen hatte.

Kapitel 33 wiederholt in reichlicher und überströmender Weise die Bezeugung dieser Segnungen und verweilt besonders bei dem Messias, der dann anwesend sein wird; es kündigt an, daß dem David ein Sproß der Gerechtigkeit hervorsprossen, und daß dieser Recht und Gerechtigkeit üben werde im Lande. Juda wird gerettet werden und Jerusalem in Sicherheit wohnen. Der Name der Stadt wird sein: Jehova, unsere Gerechtigkeit.“ Nie soll es dem David an einem Manne fehlen, der auf dem Throne des Hauses Israel (nicht bloß Juda) sitzt, noch dem Stamme Levi an einem Priester. Eher würde der Bund des Herrn mit dem Himmel und der Erde aufhören, als dieser Bund mit David gebrochen werden. Wie tief auch immer das Volk in Verzweiflung versunken sein mochte, der Herr würde nie Jakob noch David, Seinen Knecht, verwerfen, sondern würde ihre Gefangenschaft wenden und Sich ihrer erbarmen. Der Leser wird bemerken, wie vollständig diese Offenbarung der Befreiung in ihren Gegenständen ist: zuerst Juda, um das es sich damals vornehmlich handelte, dann ganz Israel, dann das Land, dann der Messias und die Priesterschaft. Obgleich als Trost und Ermutigung für die in Babel gefangenen Juden diesen eine sichere Hoffnung auf ihre Buße hin vorgestellt wird (Jer 29), so sind doch im allgemeinen Juda und Israel in derselben Befreiung verbunden. Sie werden als ein Ganzes betrachtet. Tatsächlich wird nach Kapitel 29 (außer in Jer 31, 23. 24 , wo Ephraim schon besonders erwähnt worden war, und Jer 33, 7. 10. 16, wo es sich im Blick auf die Belagerung Jerusalems um gegenwärtige Gnade handelt) Israel immer vor Juda gesetzt, wenn beide genannt werden, und Gott findet Seine Freude an dem Namen des Gottes Israels. Bei Jeremia begegnen wir nicht der Verwerfung des Messias. Er hat die damaligen Sünden zu seinem Gegenstande sowie die Absichten der Gnade für die Zukunft, in denen der Messias Seinen Platz findet. Mit diesem Kapitel schließt der zweite Teil des Buches, d. h. die Offenbarung der vollen Wirkung der Gnade Gottes gegen das in Elend und Verfall geratene Israel, deren Ergebnis in Übereinstimmung mit Gottes Liebesabsichten stehen und, Seinen Ratschlüssen gemäß, vollkommen sein soll.

Kapitel 34. Bei Gelegenheit erneuter Ungerechtigkeit kündigt der Prophet im 34. Kapitel das sichere Verderben des Volkes an. Nichtsdestoweniger sollte Zedekia, obgleich er als Gefangener nach Babel gebracht werden sollte, in Frieden dort sterben 1. In den folgenden Kapiteln finden wir einige Einzelheiten bezüglich der hartnäckigen Empörung, welche zu der Verwüstung Jerusalems und ganz Judas führte.

In Kapitel 35 wird auf den Gehorsam der Rekabiter aufmerksam gemacht, um die Sünde Judas, welches trotz der Ermahnung und der Geduld Gottes nicht hören wollte, noch deutlicher hervorzuheben. Gott vergißt des Gehorsams nicht, der Seinen Namen verherrlicht. Das Geschlecht der Rekabiter soll nie aufhören.

Kapitel 36 liefert uns ein weiteres Beispiel von der Hartnäckigkeit, mit der die Könige von Juda den Mahnruf und das Zeugnis Gottes verachteten. Jeremia war seiner Freiheit beraubt; aber Gott kann es nie an Mitteln fehlen, wenn Er Sein Zeugnis an die Menschen richten will, was für Anstrengungen sie auch machen mögen, um demselben zu entgehen. Baruk wird dazu gebraucht, die Weissagungen Jeremias aufzuschreiben und sie zuerst dem Volke, dann den Fürsten und schließlich dem König Jojakim selbst vorzulesen. Doch der letztere, verhärtet in seinen bösen Wegen, vernichtet die Rolle. Jeremia läßt unter Gottes Leitung dieselben Worte nochmals niederschreiben und fügt noch andere hinzu; denn er läßt kein Mittel unversucht, um das Gewissen des Volkes zu erreichen und aufzuwecken. Doch alles war umsonst.

Kapitel 37 zeigt uns Zedekia in demselben Zustand des Ungehorsams. Ein äußerer Schein von Religion wird aufrechterhalten, und da ein Augenblick der Ruhe eintritt, der die Hoffnung wieder etwas belebt, sucht der König durch den Propheten eine Antwort vom Herrn. Aber die günstigen Umstände, infolge deren es scheinen mochte, als ob die Gottlosen dem Gericht entgehen könnten, ändern nichts an der Gewißheit des Wortes. Jeremia sucht die Gelegenheit zu benutzen, um dem Gericht, das über die widerspenstige Stadt kommen sollte, aus dem Wege zu gehen. Aber dies dient nur dazu, den Haß der Herzen gegen das Zeugnis Gottes zu offenbaren, und die Fürsten des Volkes beschuldigen Jeremia, daß er die Feinde begünstige (weil er das Gericht ankündigte, welches durch jene über das Volk kommen sollte), und setzten ihn ins Gefängnis. Bei Zedekia zeigt sich noch etwas Gewissen, indem er den Propheten befreit 1. Im allgemeinen entdecken wir bei Zedekia persönlich mehr Gewissen, als bei manchem anderen der letzten Könige von Juda (siehe V. 21 und Jer 10; auch Jer 28, 10. 14. 16). Aus diesem Grunde wurden vielleicht auch jene wenigen huldvollen und gnädigen Worte in Jer 34, 5 an ihn gerichtet. Aber er war zu schwach, um sich von seinem Gewissen auf den Pfad des Gehorsams leiten zu lassen (vgl. Jer 38, 5 - 12). Das letztgenannte Kapitel erzählt uns die Geschichte seiner Schwachheit. Indessen finden wir inmitten dieses Schauspiels von Elend und Ungerechtigkeit einige seltene Beispiele von gerechten Männern, und wie schrecklich auch das Gericht Gottes sein mag, so gedenkt Er doch an diese; denn Sein Gericht ist eben darum so schrecklich, weil Er gerecht ist. Ebedmelech, der Jeremia befreite, wird verschont. Baruk wird ebenfalls am Leben erhalten, und selbst Zedekia wird, wie wir gesehen haben, durch einige ermunternde Worte getröstet, obgleich er die Folgen seiner Fehler tragen muß. Die Wege Gottes sind immer vollkommen, und wenn Seine Gerichte im Blick auf den Menschen auch wie ein überflutender Strom sind, so wird doch alles, selbst die kleinste Einzelheit, durch Seine Hand regiert, und die Gerechten werden verschont. Selbst das Gefängnis wird für Jeremia ein Platz der Sicherheit, und Gott läßt Sich herab, Ebedmelech nicht nur zu verschonen, sondern ihm auch ein unmittelbares Zeugnis Seines Wohlwollens durch den Mund Jeremias zu senden, damit er die Güte Gottes, auf den er vertraut hatte, verstehen möchte.

Fußnoten

  • 1 Gottes Wege in dieser Sache sind bemerkenswert. Zedekia hatte den Eid Jehovas gebrochen und wird deshalb als ein Unreiner gerichtet. Indessen hatte er hauptsächlich dem Einfluß anderer nachgegeben (denn er war geneigt, auf Jeremia zu hören), und darum erstreckt sich die Gnade auch auf ihn.
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