Botschafter des Heils in Christo 1871

Gedanken über 1. Samuel 30

In einer bewundernswürdigen Weise wird uns in der Schrift die Liebe Gottes in den Äußerungen seiner Sorgfalt gegenüber seiner auf Irrwege geratenen Kinder dargestellt. Die Geschichte Israels, von der Berufung Abrahams an bis zu Christus hin, liefert uns hiervon die zahlreichsten Beispiele. Es scheint mir sehr köstlich und wichtig, in dem Zustand des Verfalls, sowie angesichts unserer eigenen Fehltritte das Licht für den Wandel des Glaubens zu erlangen.

In den Tagen der durch Samuel dargestellten Regierung Gottes verlangte das Volk Israel einen König. Dieses war eine Verwerfung Gottes (1. Sam 8,7). das Volk wollte mittelst des Schauens und nicht mittelst des Glaubens wandeln und ward auch, indem Saut zur Königswürde erhoben wurde, deshalb gezüchtigt. Aber nichtsdestoweniger verfolgt Gott die Absichten seiner Liebe gegen sein Volk, welches sich stets undankbarer und widerspenstiger zeigt. Er bereitet ihnen in der Wahl Davids, des Sohnes Isais, einen König nach seinem Herzen. Über einen der Umstände aus dem Leben dieses Königs möchte ich nun gern, um den Wandel des Glaubens auf dem Pfad des Christen zu beleuchten, einige Gedanken darstellen.

David war vor Saul, der ihm nach dem Leben trachtete, geflohen. Dieses war eine Handlung der Schwachheit, aber auch der Errettung. In der Lage, in welcher er sich damals befand, konnte und sollte er nicht anders handeln. Auch zeigt uns sein Verkehr mit Jonatan, wie sehr seine Flucht gerechtfertigt war. Allein wenn er den Rat Gottes erforscht hätte, so würde er sicher sofort in die Wüste und nicht zu Achisch, dem König von Gat, geführt worden sein. In einem Zustand des Verfalls, wie derjenige damals in Israel und jetzt in der Kirche, in einem Zustand der Schwachheit und der Furcht angesichts unserer Feinde entflieht man nicht leicht den Fehltritten dieser Art; allein dieses sind nicht die größten Fehler der Kinder des Glaubens unter denen, welche in 1. Korinther 3,1–2 als fleischlich bezeichnet werden.

Wir sehen in unserem Kapitel die Folgen eines Falles, der bedeutender ist, als der vorhergehende, wodurch David und seine Leute in eine so schwierige Lage gebracht worden waren. Gott hatte David vor Saul, seinem Feind, der ihm in der Wüste nachjagte, wunderbar bewahrt und beschirmt. David machte in dieser Stellung die Erfahrung der Macht Gottes in seiner steten Sorge, um ihn zu bewahren und ihn aus der Hand seines Feindes zu befreien. David verherrlichte Gott während seines Wandelns durch die Wüste durch sein Vertrauen und unterwarf sich auch der Prüfung, die im Blick auf seine Erhöhung auf den für ihn bestimmten Thron am wichtigsten und nützlichsten für ihn war.1 Aber er vermochte nicht bis ans Ende zu gehen; er ermüdete in der Wüste, gab seinem trügerischen Herzen Gehör und vergaß zu gleicher Zeit, den Rat Jehovas zu erfragen. Er machte Rückschritte in seinem Lauf und ging zu Achisch, dem König von Gat; (Kap 27,1–2) und durch diesen Fall, der einen anderen im Gefolge hatte, bereitete er sich viele Prüfungen, die als Züchtigungen dienen mussten, um ihn wieder auf den Weg des Gehorsams zurück zu führen, d. h. auf den Weg, wo man den Rat des himmlischen Vaters erforscht, bevor man handelt. Und merken wir es uns, dass von Jesu nimmer gesagt wird, dass Er nach dem Rat seines Herzens gehandelt habe; und doch war Er der Heilige! Aber Gott war mit David in– seinem Fall und in seinen Schwachheiten, um ihn zu unterweisen, zu bewahren und zu befreien; und es ist gesegnet für uns, in dieser Hinsicht den Wegen Gottes bezüglich seiner Kinder folgen zu können.

Die Befreiung Israels durch die gerichtliche Beseitigung des von Gott verworfenen Sauls stand nahe bevor; und somit war auch die Prüfung Davids ihrem Ende nahe. Hätte sein Ausharren ein wenig weitergereicht, so wäre er vielem Elend ausgewichen; und viele Kümmernisse hätte er sich erspart. Wir fallen oft in der Prüfung, wenn diese sich bereits ihrem Ende zuneigt. Wie beschämend ist dieses für uns; und wie vielen Kummer bereiten mir uns dadurch! David vergaß so sehr das, was seine Pflichten waren, dass er dem König von Gat seine Dienste anbot, um wider Israel zu streiten, dessen wahrer König nach der Wahl Gottes er selbst war, – er, der seine Hand nicht an den Gesalbten Jehovas legen wollte, als Gott ihm in der Wüste seinen Feind Saul überlieferte. Ach, wie schnell entweicht das Licht, wenn man den Pfad des Gehorsams des Glaubens verlässt! Gott bewahrte David vor einem solch schrecklichen Fall durch den Widerstand, den die Fürsten der Philister seinem Vorhaben entgegenstellten. Beachten wir hier die große Güte Gottes in der Sorge um seine Kinder; Er tritt dazwischen, damit sie ihre Pläne nicht ausführen können, wenn er urteilt, dass diese oder jene Lage, die ihre Torheit gewählt hat, keine Gelegenheit zur Unterweisung oder zur Offenbarung seiner Macht und Liebe bietet. Gott, der in seiner Weisheit alle Dinge bemessen kann, versperrt unseren Weg ganz und gar, wenn auf demselben nichts Gutes und Nützliches für uns zu lernen ist. Dieses kann Er tun, und Er tut es für seine Kinder; und hierin offenbart sich wieder seine große und unveränderliche Liebe.

Als David nach Ziklag zurückkehrte, war alles durch die Feinde verbrannt und geplündert. Dieses waren die Folgen seines Abweichens von dem Weg Gottes. Ein Fall folgt dem anderen; und wenn ein solcher von jemanden ausgeht, der an der Spitze steht, so wird seine ganze Umgebung dadurch bloßgestellt. David befand sich in Gefahr, gesteinigt zu werden. Er hatte gefürchtet, in die Hände Sauls zu fallen, der fern von ihm war, und hatte deshalb die Wüste verlassen, und jetzt würde er von denen, die ihm in seiner Verwerfung gefolgt waren, in Stücke gerissen worden sein, wenn ihm Gott nicht Schutz und Sicherheit gewährt hätte. Welch eine Lehre liegt für uns darin; David kann jetzt nicht mehr den Eingebungen seines eigenen Herzens folgen, sondern ist gezwungen, sich in dieser äußersten Not in Jehova zu stärken; es gibt für ihn kein anderes Rettungsmittel, und das ist für ihn und für uns alle ein großes Glück; – seine Errettung ist in Gott. Jehova, der über ihn und über sein Volk wachte, hatte es erlaubt, dass er in diese verzweifelte Lage kam, um ihn von neuem auf den Pfad des Gehorsams zu bringen. David bittet Abjatar, den Priester, ihm das Brustkleid zu bringen; er fragt Jehova, was er tun soll, und jetzt wird er von Gott und nicht durch sein eigenes Herz belehrt und geleitet. Ein armer, sterbender Knabe ward zum Werkzeug, um die Feinde ausfindig zu machen, die Gott zu ihrer Vernichtung in Davids Hände gegeben hatte. Dieses soll uns lehren, auf alles, was Gott auf unseren Pfad stellt, aufmerksam zu sein. Alles ist zu unserem Nutzen, wenn Gott mit uns ist und Er zum Gelingen unserer Rettung alles vorbereitet hat. Die Dinge, welche dem Anschein nach die schwächsten sind, können die notwendigsten werden. Lasst uns Sorge tragen, deren keines gering zu schätzen. Es ist wichtig, unserem Gedächtnis die Belehrung einzuprägen, welche wir in Bezug auf David bei dieser Gelegenheit finden, wo ihn ein armer, von seinem Herrn verlassener Knabe an die Stätte führt, an welcher seine Feinde sich befanden. Das Erbarmen, welches seine Leute diesem armen Knaben erweisen, ist eine Frucht der Demütigung, zu der sie Gott gebracht hatte – sie, die ehedem denen, welche sie plünderten, kein Mitleid und keine Barmherzigkeit erwiesen (Kap 27).

Wie unser Kapitel es zeigt, bleibt ein Teil der Kriegsleute vor Müdigkeit zurück; und auch hierin liegt eine. Belehrung, die von uns beachtet zu werden verdient. Die, welche die Beute nicht mit den zurückgebliebenen teilen wollten und als böse und lose Leute bezeichnet werden, stellen, wie mir scheint, den Grundsatz der Gesetzlichkeit des Fleisches vor unsere Augen. Wenn dieser Grundsatz tätig ist, so sehen mir nichts als Selbstsucht und mithin einen vollständigen Widerspruch mit dem Grundsatz der Gnade. Wenn wir eine solche Gesinnung offenbaren, so ermangeln wir alles wahren Lichtes. David offenbart hier die Gesinnung Christi. Durch die Gnade – und nicht durch äußere Macht – bahnt er den Weg zur Freude und zur Segnung, die allein für Gott und sein Volk passt – nämlich zu jener gemeinsamen Segnung, die der Gnade gemäß ist. Wenn etliche stärker gewesen sind und länger die Last und Hitze des Tages zu ertragen vermochten, wem haben sie es zu verdanken? So sollen nun die, denen Gott diese Gnade verliehen hat, sich vielmehr freuen, ein Werkzeug zu sein, wodurch auch andere einen Anteil an der Freude der Streiter erlangen, wenn auch etliche bei dieser oder jener Gelegenheit müde geworden sind, was übrigens bei jedem von uns der Fall sein kann. Und wie groß ist die Gnade gegen die, welche sich bewährt haben und zu denen der Herr sagen kann: „Wohl, du guter und treuer Knecht! Gehe ein in die Freude deines Herrn!“ Dieser Anteil an der Freude Jesu, dass wir anderen zum Besitz dieser unvergänglichen Schätze mitgeholfen haben, wird auch das reiche Teil der treuen Diener sein. Wie groß aber wird die Freude sein, welche alle gemeinsam genießen und welche in allen strahlen wird, die diesen Reichtum der Gnade unseres Gottes und Vaters und unseres Herrn Jesus Christus, dem wir dieses alles verdanken, teilhaftig gemacht sind – es seien die Streiter, welche die Feinde geschlagen, oder diejenigen, welche bei dem Gerät geblieben sind – alle die erlösten Glieder, diese ganze glückliche Familie insgesamt!

Am Schluss unserer Erzählung sehen wir noch, dass David Geschenke an die Orte sendet, wo er mit den Seinen gewirkt hatte. So werden auch die, welche beim Eintritt Jesu in sein Reich seine Herrlichkeit Heilen, seine Boten zur Mitteilung seiner Segnungen an jene sein, die Er nach seinem Wohlgefallen segnen und seines Glücks teilhaftig machen will.

Wenn mir die Dinge betrachten, die zu unserer Belehrung geschrieben sind, so werden wir immer mehr Schätze für den Wandel des Glaubens finden, welche in unserem Zustand der Schwachheit und des Verfalls zu unserem Nutzen sind. Wir werden auch immer mehr erfahren, dass der Herr unsere Kraft, unsere Errettung, unsere Freude und unser Loblied für die Ewigkeit ist!

Fußnoten

  • 1 Es scheint mir, dass die Fehltritte Davids vor seiner Thronbesteigung ihre Quelle in dem Mangel an Ausharren hatten, wodurch er veranlasst wurde einem Teil der Prüfung und somit auch der Erfahrung auszuweichen, welche Gott für ihn in der Wüste bereitet hatte. Ähnlich verhält es sich mit einem der Prüfung sich entziehenden Christen, der, weil ihm das Ausharren mangelt, auf dem Weg ermattet. Ein solcher Christ wird im Glück schwach sein und nicht wie Paulus sagen können: „Ich weiß niedrig zu sein; ich weiß auch Überfluss zu haben; in jedem und allem bin ich unterwiesen, sowohl gesättigt zu sein, als auch Hunger zu leiden, sowohl Überfluss als Mangel zu haben; alles vermag ich in dem, der mich kräftigt“ (Phil 4,12–13). Auch für uns haben diese Dinge Folgen, welche mit der Regierung unseres Herrn Jesus Christus in Verbindung stehen. In den Dingen, wo unsere Verantwortlichkeit in Betracht kommt, schien wir mannigfaltig; aber nimmer fehlt Gott in dem, was Er nach seinem ewigen Ratschluss in seinen Kindern erfüllen wird.
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