Botschafter des Heils in Christo 1877

Eine Betrachtung über Sacharja 12,10-13

Er, welcher hier sagt: „Ich werde ausgießen usw.“, ist, wie wir im ersten Verse des zwölften Kapitels finden, Jehova selbst, – „Er, der den Himmel ausspannt und die Erde gründet und des Menschen Geist in seinem Innern bildet.“ Jehova nimmt, gegenüber dem Wüten des Antichristen (Kap 11,16–17), Partei für Juda, macht Jerusalem zu einem „Laststein allen Völkern“, verfolgt die Nationen, welche sich wider diese Stadt erheben und gießt über das Haus Davids und über die Bewohner Jerusalems den Geist der Gnade und des Flehens aus, wodurch sie zur Einsicht und Neue über ihre gräuliche Sünde gelangen, die ihren Gipfelpunkt in der Verwerfung und Kreuzigung ihres Messias hat.

„Sie werden mich anschauen, den sie durchstochen haben“, sagt Jehova. Wie entsetzlich wird dieses Anschauen sein! Wohl haben die Bewohner zu Jerusalem zurzeit, als sie den Herrn kreuzigten, gewusst, dass sie Jesus von Nazareth ans Holz nagelten: doch sie wussten nicht, „was sie taten“ (Lk 23,34). Sie verstanden nicht, dass Er, den sie an das Fluchholz hingen, Jehova selbst und zwar in Knechtsgestalt war, und sie werden es nicht verstehen, bis sie zur Erfüllung der den Vätern gegebenen Verheißungen gelangt sind. Hätten sie es erkannt, so würden sie „den Herrn der Herrlichkeit nicht gekreuzigt haben.“ Doch nun ward Er ihnen ein Ärgernis. Sie glichen den Brüdern Josephs, die, als sie ohne Erbarmen den geliebten Sohn ihres Vaters für zwanzig Silberlinge verkauften, nicht vermuteten, dass sie den zukünftigen Beherrscher Ägyptens und den Erhalter eines „großen Volkes“ den Nationen überlieferten. Wie überraschend und niederschmetternd aber war der Eindruck, als sie in diesem hochgeehrten Beherrscher Ägyptens denselben Joseph erkannten, der ehemals als einer von ihnen unter ihnen gewandelt hatte und der ein Opfer ihres Neides und Hasses geworden war. Diese Offenbarung seiner Person konnte jedoch Joseph nicht eher geschehen lassen, bis sie Beweise geliefert hatten, dass sie sich unter der Wirkung eines anderen Geistes befanden. Juda – derselbe, der in jenen Tagen den Rat gegeben, den Geliebten des Vaters an die Ismaeliten zu verkaufen – war später derjenige, der sein eigenes Leben darbot, um den Geliebten des Vaters – den Benjamin – aus drohender Sklaverei loszukaufen. Das war in der Tat ein klarer Beweis, dass eine andere Gesinnung sie beherrschte, wie in früheren Tagen. Die Noch und die Mühsale, durch welche sie gegangen waren, hatten die Wirkung gehabt, dass sie zur Einsicht und zur Erkenntnis ihrer Bosheit gekommen waren (1. Mo 42,21); und kaum war diese Umkehr ihres Herzens ans Licht getreten, so stillte Joseph auch schon ihre Unruhe und überschüttete sie mit Segnungen, während die Brüder fast außer Stand waren, der Überzeugung Raum zu geben, dass ihr schnödes Vergehen, dessen sie sich schuldig gemacht, bedingungslos vergeben sei.

So wird es einmal mit den Juden geschehen. Die Drangsal, welcher sie unter dem Antichristen bloßgestellt sein werden, wird ihr Herz brechen. Viele Tätigkeiten und Hebungen der Seele werden bei dem Überrest zum Vorschein gerufen werden. Die gegen Jerusalem sich erhebenden Völker werden vertilgt werden; doch über das Haus Davids und über die Bewohner Jerusalems wird Jehova den Geist der Gnade und des Flehens ausgießen, und – sie werden Ihn anschauen, welchen sie durchstochen haben. Ja, welch ein Anblick wird das sein! in der Gegenwart dessen, den sie gekreuzigt haben, und unter der Wirkung des Geistes der Gnade und des Flehens, werden sie dann es tief fühlen, was es gewesen ist, dass sie „den Herrn der Herrlichkeit“ ans Fluchholz genagelt haben. Unter dem Einfluss der das Herz zerschmelzenden Gnade und des Anschauens dessen, der vergebens auf „Mitleiden wartete“ (Ps 69,20; 1. Mo 42,21), und dessen Füße und Hände sie durchgraben haben, wird ein tiefes Weh ihre Seele ergreifen, welches sich durch lautes Klagen und Jammern Luft machen wird, wie gegenüber dem Erstgeborenen, den der Tod hinweggerissen hat. Das Kennzeichen ihrer wahren Neue über ihre Sünde wird mit darin bestehen, dass nicht nur ein allgemeines und dadurch oft ein unbestimmtes Wehklagen stattfinden wird, sondern im Gegenteil werden „jegliches Geschlecht besonders und ihre Weiber besonders“ ihre Wehklage laut werden lassen (Kap 12,12–14). Ein jeglicher wird seinen Anteil an der Sünde vor Augen haben und tiefe Reue fühlen. Dann wird erfüllt werden, was der Herr selbst zum Voraus gesagt hat, dass „alle Stämme des Landes wehklagen“ (Mt 24,30) und auch die Weiber von Jerusalem weinen werden (Lk 23,29).

Wie herrlich und Zugleich wie lehrreich ist es, diese Gnadenwirkung wahrzunehmen! Wie treffend wird uns hier vor Augen gestellt, was in jeder Seele vorgeht, die sich unter der Wirkung der Gnade Gottes befindet! Jeder Mensch, dem Gott Gnade erweisen, und den Er, damit er nicht in die Grube hinabfahre, Versöhnung finden lassen will, wird erfahren müssen, dass „das Fleisch abzehrt, dass man es nicht mehr sieht, und dass seine Knochen, die nicht gesehen wurden, entblößt sind“ (Hiob 33,21). Ja, Gott scheut keine Mühe, den Menschen oft die schmerzlichsten Wege gehen zu lassen, damit derselbe unter der Erleuchtung seines Geistes zur wahren Anerkennung seines Zustandes und zu dem Bekenntnis: „Ich habe gesündigt“, und dann zu dem Freudenruf gebracht werde: „Aber Gott hat meine Seele erlöst.“ Das wahre Kennzeichen einer Seele, die unter der Wirkung des Heiligen Geistes zum Schuldbekenntnis gebracht ist, besteht darin, dass eine solche Seele nicht mehr die unbestimmte Erklärung: „Wir alle sind Sünder!“ abgibt, sondern dass sie sich mit ihrem eigenen Zustand und mit ihrem besonderen Anteil an der Sünde beschäftigt.

„An selbigem Tag wird eine Quelle geöffnet sein dem Haus Davids und den Bewohnern Jerusalems für Sünde und für Unreinigkeit“ (Kap 13,1). In demselben Augenblicke also, wo die Juden ihre Sünde beweinen, ist für sie eine Quelle für die Sünde geöffnet. Und – o Wunder der Gnade! – die Quelle entspringt aus der Seite dessen, der sich von ihnen anschauen lässt als der, welchen sie durchstochen haben. „Alsbald kam Blut und Wasser hervor“, sagt Johannes, der zugegen war, als sie Ihn durchstachen. Das Blut zur Versöhnung der Sünde und das Wasser zur Wegnahme der Unreinigkeit entsprang aus der Seite des durchstochenen Christus. Welch eine Entdeckung wird das für die Juden sein! Sicher war es ihre Bosheit und Sünde, die sie zu beweinen gelernt haben; aber dennoch haben sie selbst die Quelle geöffnet, aus welcher gerade das hervorsprudelt, was ihre Sünde versöhnt und ihre Unreinigkeit wegnimmt. Und wie wunderbar ist die Gnade Gottes! Wie Joseph zu seinen Brüdern, so kann Jesus zu den Juden sagen: „Ihr zwar, ihr gedachtet Böses wider mich, Gott aber gedachte es zum Guten, auf dass Er täte, wie es an diesem Tag ist, um ein großes Volk am Leben zu erhalten“ (1. Mo 50,20).

Die Bosheit der Menschen macht Gott dienstbar für die Ausführung der Absichten seiner Gnade. Was sie gegen Ihn unternommen, lässt Er für sie zum Guten wirksam sein. Das ist Gottes würdig. Darin liegt seine Herrlichkeit. Welch ein Herz hat Gott! Welch eine erhabene Gesinnung, dass Er, nachdem die Sünde ihren Höhepunkt erreicht, ein Wohlgefallen daran hat, seine Gnade über diesen Höhepunkt hinaus emporsteigen zu lassen! ... Und wie groß ist das Glück derer, die einen solchen Gott als ihren Gott und Vater kennen!

Dann sehen wir weiter, dass Jehova den Namen der Götzen, der falschen Propheten und der unreinen Geister aus dem Land hinwegschaffen wird (Kap 13,2). Was die Juden selbst in das Land eingeführt haben, führt Er wieder aus. Wie der Herr einst die Wechsler und Käufer aus dem Tempel trieb, weil dieser Tempel das Haus seines Vaters war, so wird Jehova die Götzen, die falschen Propheten und die unreinen Geister aus dem Land austreiben, weil es sein Land, seine Besitzung, sein Erbe ist (5. Mo 32,9). Wird Jehova in seinem Land Einzug halten (Kap 14,5), dann muss es ein gereinigtes Land sein, sowie auch das Volk gereinigt sein muss, in dessen Mitte Er verweilt. Es wird ein williges Volk sein. Wenn jemand, nachdem Jehova die falschen Propheten aus dem Land getrieben hat, dennoch vermessen genug sein sollte, zu weissagen, so wird ein solcher von seinem eigenen Vater und von seiner eigenen Mutter durchstochen werden. Kein falscher Prophet wird ungestraft auftreten können, um das Volk hinter dem Herrn hinweg zu locken. Und wenn es dennoch jemand wagen sollte, zu weissagen, so werden selbst die, von denen er eine schonende Behandlung hätte erwarten können, wider ihn auftreten und ihm sagen: „Du darfst nicht leben“ (V 3). Niemand wird dann „einen härenen Mantel anlegen, um zu betrügen“ (V 4). Wie herrlich ist die Umwandlung bei dem Volk, sobald es seine Sünde mit einem gebrochenen Herzen beweint hat! Früher hatten sie Ihn durchstochen, den sie nun als den Herrn der Herrlichkeit anschauen; jetzt aber weinen sie darüber und durchstechen ihre eigenen Kinder, wenn dieselben wider diesen Herrn aufzutreten wagen. Damals töteten sie den wahren, jetzt den falschen Propheten. Wie der Herr die falschen Propheten ausrottet, so tun sie es gleicherweise, selbst wenn der falsche Prophet ihr eigenes Kind wäre. Gott hat früher seinen eigenen Sohn durchstechen lassen, ja Er hat selbst sein Schwert wider Ihn zu Gunsten seines Volkes erhoben (V 7), jetzt durchstechen sie ihren eigenen Sohn zu Gunsten seiner Ehre und seiner Herrlichkeit.

Wie mächtig ist doch die Wirkung der Gnade auf das Herz des verstockten Bösewichts! Nicht nur, dass sie ihn dahin bringt, von seinen bisherigen Taten abzulassen, sondern er beweint und beklagt auch das, woran er früher seine Freude fand, und er tut gerade das Gegenteil. Wer früher ein Dieb war und das Gut des Anderen raubte, stiehlt jetzt nicht mehr, sondern arbeitet vielmehr und wirkt mit den Händen, was gut ist, damit er dem Dürftigen mitzuteilen habe (Eph 4,28). Und das ist in der Tat ein sprechender Beweis, dass eine andere Gesinnung, ein anderer Wille, ein anderes Leben da ist. Etwas aufzugeben, was man früher tat, das vermochte auch wohl ein nicht wiedergeborener Mensch auszuführen. Ein Dieb kann aufhören zu stehlen, ein Mörder aufhören zu morden: doch der Mörder, der einem anderen das Leben nahm, kann nicht sein eigenes Leben für andere hingeben; der Dieb, der das Gut des Anderen raubte, kann nicht sein eigenes Gut an andere verschenken, es sei denn, dass beide eines neuen Lebens teilhaftig geworden sind, welches Neigungen hat, die dem eigenen Leben gegenübergestellt sind. Es ist daher unmöglich, dass jemand, der wiedergeboren ist, „in der Sünde verharre, damit die Gnade überströme“ (Röm 6). Er ist eines neuen Lebens teilhaftig geworden, auf dass er auch in der Neuheit des Lebens wandeln kann. Tut er es nicht, so fühlt er sich unglücklich, weil er den Bedürfnissen des neuen Lebens, welches sein Leben geworden, nicht entspricht. Er ist gleich einem Vogel, der wiewohl geschaffen, um sich in der Luft zu bewegen, gegen seine Natur im Wasser leben sollte.

Wie ganz anders würde in mancher Beziehung unser Wandel sein, wenn wir dieses allezeit verwirklichten! Üben wir uns daher, „allezeit ein gutes Gewissen ohne Anstoß zu haben vor Gott und den Menschen“, gleich dem Apostel Paulus (Apg 24,16), der den Besitz eines neuen Lebens so herrlich dadurch offenbarte, dass er sich für dieselbe Versammlung, die er ehemals bis zum Äußersten verfolgte, aufzuopfern bereit war, und es sogar als eine Ursache der Freude betrachtete, als „ein Trankopfer gesprengt zu werden“ (Phil 2; 2. Tim 4).

Nachdem uns nun in einer so herrlichen Weise die Folgen der Ausgießung des Geistes der Gnade und des Flehens über das Haus Davids und über die Bewohner Jerusalems vor Augen gestellt sind, wollen wir noch etliche Augenblicke bei den Versen 5–7 verweilen, worin uns die Grundlage aller Handlungen Gottes in Gnade gegen die seinigen, nämlich das Werk Christi gezeigt wird. Wir finden hier Christus vom Anfang bis zum Ende seiner Laufbahn voller Selbstverleugnung und Aufopferung. Die falschen Propheten traten auf mit der Anmaßung und dem Eigendünkel des Selbstgefallens, während Er, der sich nicht selber gefallen hat (Röm 15,3), ohne Anmaßung kam. Er rühmte sich nicht, ein Prophet zu sein, wiewohl Er es dennoch war. Er hatte das Recht, sich dienen zu lassen; aber Er kam, um zu dienen. Er sprach: „Ich bin ein Ackermann; denn Menschen haben mich besessen von meiner Jugend an“ (V 5). Der Mensch, der sich selbst zu einem Sklaven der Sünde hat anwerben lassen, hat es, wenn Gott die Pläne seiner Liebe ausführen sollte, nötig gemacht, dass der Herr, der Gebieter über alles und über alle, sich zu einem Knecht, zu einem Sklaven auf Erden anwerben ließ. Er, der „in Gestalt Gottes und Gott gleich war, nahm Knechtsgestalt an, indem Er in Gleichheit der Menschen geworden ist, und, in seiner Stellung als Mensch erfunden, erniedrigte Er sich selbst.“ Er ging umher und tat Gutes. Er machte die Blinden sehend, die Lahmen gehend, die Tauben hörend; Er reinigte die Aussätzigen, weckte Tote auf und predigte den Armen das Evangelium. Er lebte und arbeitete für andere; für sich selbst suchte Er nichts. Als müder Pilger saß Er hungrig und durstig am Jakobsbrunnen; aber es war für Ihn Speise und Erquickung, als Er eine arme Samariterin der Gabe Gottes teilhaftig machen konnte. Für Ihn gab es, als Er kam, „keinen Platz“ in der Herberge; aber ein Stall und eine Krippe genügten Ihm schon. In dem Flecken der Samariter fand Er keine Aufnahme, als Er sein Angesicht gerichtet hatte, um nach Jerusalem zu gehen; aber lieber wollte Er als ein Scheusal abgewiesen werden, als – wie Elias es getan – Feuer vom Himmel fallen und seine Verächter verschlingen zu lassen. Als sich die Jünger um den ersten Platz stritten, sagt Er, dass Er nicht gekommen sei, um sich dienen zu lassen, sondern um selbst zu dienen und sein Leben als Lösegeld für viele zu geben. Wie ernst ermahnt uns der Heilige Geist, wenn Er sagt: „Die Gesinnung sei in euch, die auch in Christus Jesus war“ (Phil, 2). Nie verschieden ist die Gesinnung Christi von der Gesinnung der Menschen, wie sie von Natur sind. Der Mensch, der unter den Engeln war, wollte sich über die Engel bis zur Höhe Gottes erheben, während Er, der „bei Gott“ und „Gott“ war, hoch erhaben über den Engeln, sich unter die Engel erniedrigt hat und dahin hinabgestiegen ist, wo wir uns befanden. In dem ersten Menschen, Adam, schauen wir all die moralische Scheußlichkeit der Selbstüberhebung mit ihren traurigen Folgen für sein ganzes Geschlecht. In dem zweiten Menschen, Christus, erblicken wir die moralische Schönheit der Selbsterniedrigung mit ihren gesegneten Folgen für sein ganzes Geschlecht. Dass wir nicht mehr mit Adam, sondern mit Christus verbunden sind, und dass wir nicht mehr das alte Leben, sondern das neue Leben besitzen, können wir nicht besser an den Tag legen, als dadurch, dass wir uns erniedrigen und uns als ein Opfer hingeben. Ein Christ sollte unter einer Menge gewöhnlicher Menschen auf den ersten Blick in seiner Knechtsgestalt erkannt werden; und nichts muss das geistliche Auge deutlicher in ihm wahrnehmen, als die Selbstverleugnung und die Selbstübergabe. So wie der natürliche Mensch zu herrschen trachtet, muss es die Lust des Christen sein, zu dienen. Hierin liegt der Verweis seiner moralischen Gleichförmigkeit mit Christus, seinem Herrn, der, ob Er zwar der Herr des Himmels und der Erde war, herniederkam, um als ein Knecht auf Erden zu dienen.

Was war nun aber das Teil des dienenden Jesus von Seiten derer, um welcher willen Er sich so tief erniedrigte? Welchen Lohn gaben sie Ihm für all die Liebe, die Er unter ihnen offenbart hatte? – Schmach und Schande, Hohn und Spott, Feindschaft in Worten und Werken, – siehe, das war es, wodurch man seine selbstverleugnende und dienende Liebe vergalt. „Und wenn jemand zu Ihm spricht: Was sind das für Wunden in deinen Händen? – so wird Er zu ihm sagen: Es sind die Wunden, womit ich geschlagen worden im Haus derer, die mich lieben“ (V 6). Sie haben Ihn gesehen in seiner moralischen Schönheit: Er hatte Werke unter ihnen verrichtet, die niemand anders zu verrichten vermochte; allein dieses alles hatte keine anderen Folgen, als dass sie sowohl Ihn, als auch den Vater, den Er offenbart hatte, hassten mit einem vollkommenen und unversöhnlichen Hass (Joh 15,24). Von der Höhe der Berge wollten sie Ihn hinunterstürzen; mit Stöcken und Schwertern umringten sie Ihn, um Ihn gefangen zu nehmen. Als Er in Fesseln vor ihnen stand, spien sie Ihm ins Angesicht und schlugen Ihn mit Fäusten. Das Angesicht des Barrabas – und Barrabas war ein Mörder – konnten sie ertragen: aber das Gesicht Jesu, der ihnen Gutes getan hatte, mochten sie nicht anblicken. Sie verurteilten Ihn zum Tod, durchgruben seine Hände und seine Füße, nagelten Ihn ans Fluchholz, und zeigten durch ihren Hohn und ihre Schmähung, wie sehr sie sich seiner Leiden freuten.

Dieses alles war sein Lohn und zwar nicht von Seiten der blinden Nationen, die nichts von Ihm wussten, und denen kein Messias verheißen war, sondern von Seiten der Juden, zu denen Er als die Erfüllung der Verheißung, die den Vätern gegeben, gekommen war, und in deren Mitte Er lebte, als der Sohn Davids, der Nachkomme des großen Königs, und als der Sohn Abrahams, als dessen Kinder sie sich auch selbst betrachteten. Keine wilden, unwissenden Kannibalen hatten Jesus an das Kreuz genagelt, sondern das einzige Volk der Erde, zu welchem Gott je geredet hatte, und welches einen Gottesdienst besaß und einen würdigen Namen trug – ja, dieses Volk hat sich des scheußlichsten Mordes schuldig gemacht, der je begangen worden ist, solange die Welt besteht. „Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen Ihn nicht auf.“ „Er ist geschlagen worden in dem Haus derer, die Ihn liebten.“ Das israelitische Volk hat Ihn, „der allein des Ehrennamens ‚Israel‘ würdig war“, nicht unter sich leben lassen wollen. Er wusste, als Er in ihre Mitte trat, was Er zu erwarten hatte; niemand brauchte Ihm zu sagen, was in dem Menschen war. Er selbst wusste es sehr gut. Mit der völligen Erkenntnis dessen, was seiner harrte und wie sie Ihn empfangen würden, kam Er zu ihnen und wandelte unter ihnen mit keiner anderen Gesinnung, als um ihnen zu dienen und seine Seele als Lösegeld für sie hinzugeben. Sein erstes Wort am Kreuz, an welches seine Hände durch die ihrigen genagelt waren, war das Gebet für sie: „Vater, vergib ihnen; denn sie wissen nicht, was sie tun!“ In dem Maß ihr Hass sich steigerte, vermehrte sich seine Liebe; ja, mit dieser unbegreiflichen Liebe begegnete Er ihrem unbegreiflichen Hasse.

Wie furchtbar und schrecklich ist doch die Bosheit des Menschen! Dem „Mörder“, Satan, gestattete er den Eintritt in das Paradies; den Fürsten des Lebens, der gekommen war, um ihm das Leben zu bringen, trieb er weg von dieser Erde. Dem Ersteren gestattete er, über ihn zu herrschendem Letzteren gestattete er nicht, ihm zu dienen. Gegenüber dem dienenden Jesus hat er, ohne es zu wissen und zu wollen, den wahren Charakter der Sünde, als Feindschaft wider Gott, ins Licht gestellt. Wenn Er nicht gekommen wäre, würde die Sünde nicht in dem ganzen Umfange ihrer Hässlichkeit an den Tag getreten sein. In der Verwerfung des Messias aber hat der Mensch gezeigt, dass Er ein Feind des Gottes ist, der in der Hingabe seines geliebten Sohnes die vollkommenste Liebe an den Tag gelegt hat; und wir ersehen daraus, von welcher Art die Sünde des Menschen ist. Nur in dem Licht des Geistes Gottes und auf dem sicheren, unerschütterlichen Standpunkt der Gnade sind wir fähig, die Sünde in ihrer außerordentlichen Hässlichkeit kennen zu lernen und über sie zu trauern und zu weinen. Wir können zwar in Betreff unserer selbst die Überzeugung in uns tragen, dass es im Blick auf unsere Sünden und Vergehungen einmal kein gutes Ende nehmen wird, und dass es, um dem Gericht und dem zukünftigen Zorn zu entfliehen, durchaus kein anderes Rettungsmittel gibt, als dass wir zu Jesu unsere Zuflucht nehmen; ja, wir können auch wirklich zu Ihm geeilt sein und mithin Rettung gefunden haben; allein dieses alles ist etwas ganz anderes, als die Sünde zu sehen und zu beurteilen, wie Gott sie sieht und beurteilt. Um dieses zu können, müssen wir uns in der Nähe Gottes befinden. Es ist ein großer Unterschied, ob das menschliche, oder das göttliche Urteil sein Licht über die Sünde ausstrahlen lässt.

Und wenn wir in diesem Licht unsere ganze Aufmerksamkeit auf das richten, was Gott am Kreuz tat, wo der Hass der Juden gegen Jesus ihren Höhepunkt erreichte, so sehen wir die Größe der Liebe Gottes mit der Größe der Sünde des Menschen in einem Punkt zusammentreffen. In dem Kapitel 13,7 unserer Betrachtung lesen wir die Worte: „Schwert, erwache wider meinen Hirten und wider den Mann, der mein Genosse ist! spricht Jehova der Heerscharen. Schlage den Hirten, und die Herde wird zerstreut werden! Und ich werde meine Hand zu den Kleinen wenden.“

Hier redet, hier handelt also Gott selbst. Er ist es, der seinem Schwert gebietet, sich zu erheben; und Er ist es, der sein Schwert niederfallen lässt auf das Haupt Jesu. Wollte Er sich in Gnade offenbaren und Sünde vergeben, wie es die Lust und die Freude seines Herzens war, dann war Er vorher gezwungen, die Sünde zu strafen und die Sünde zu richten, dann musste Ec die Früchte und den ganzen Stamm samt der Wurzel des bösen Baumes, der „keine guten Früchte zu bringen“ vermochte, zunichtemachen, damit der gute Baum, der „keine bösen Früchte bringen kann“, seinen Platz einnehmen könne. Nur durch den Weg der Gerechtigkeit hindurch vermochte die Gnade zu herrschen. Gott war es sich selbst schuldig, vorher mit der Sünde nach den unwandelbaren Forderungen seiner eigenen Gerechtigkeit und Heiligkeit zu handeln. Er hätte das Recht gehabt, an uns also zu handeln; denn wir hatten gesündigt, wir waren Sünder; allein es war nicht sein Wille, dieses an uns, die wir es verdient hatten, zu vollziehen, sondern an seinem eigenen Sohn, der Sünde nicht kannte und in dessen Mund kein Betrug gefunden ward, und der vielmehr das Gegenteil verdient hatte. Hätte Er das Gericht über die Sünde an uns vollzogen, so wären wir nicht nur unter seinem Zorn für ewig vernichtet, sondern auch darunter begraben geblieben. Doch in diesem Fall hätte man die Frage erheben können: „Wo ist die Liebe Gottes?“ Hätte Er andererseits die Sünden nicht bestraft und die Sünde nicht gerichtet, aber uns dennoch Gnade zu Teil werden lassen, dann allerdings wäre die Frage am Platz gewesen: „Wo ist die Wahrheit, die Majestät, die Gerechtigkeit Gottes?“ Da nimmt Gott seinen eigenen Sohn, der seinerseits sich freiwillig und ohne Zwang dazu hingab, und macht „Ihn, der Sünde nicht kannte, für uns zur Sünde.“ Selbstredend in diesem Fall mühte nun auch der Sohn die Strafe tragen und sich dem Gericht unterwerfen, das wir verdient hatten. Denn sobald Er unseren Platz einnahm, mühte Er auch unser Teil werden. Die Schläge, die uns hätten treffen müssen, mussten dann unausbleiblich auf Ihn niederfallen. Das brachte sein? Stellung, in welche Er um unsertwillen eingetreten war, mit sich. Und da die Sünde ein „großes Unrecht“ gegen Gott war, so musste die Majestät Gottes selbst das Urteil fällen, und die Gerechtigkeit Gottes mühte es ausführen. Die Größe und Schwere der Strafe über die Sünde konnte allein Gott bestimmen; denn um die Tiefe dessen ermessen zu können, was der Mensch getan, da er die Majestät Gottes verhöhnt, die Ehre Gottes geschändet hat, müsste man Gott sein. Weder die Menschen, noch die Engel würden zu fühlen und zu beurteilen fähig sein, was es heißt, wenn Gott entehrt ist; denn da sie nicht Gott selbst sind, so vermögen sie sich unmöglich in das zu versetzen, was Gott fühlen mochte, als der Mensch, sein Geschöpf, das Haupt wider Ihn erhob. Ein Mensch kann fühlen, was es ist, wenn ein Mensch gekränkt und beleidigt wird; ein Engel kann beurteilen, was es ist, wenn man die Ehre eines Engels antastet. Darum kann es auch nur Gott allein wissen, was es ist, wenn man Ihn verachtet. Und nach der Vollkommenheit der Kenntnis Gottes in Betreff der Sünde war es seine Sache, die Größe der Strafe und die Schwere des Gerichts über die Sünde zu bestimmen.

Dieses Gericht nun – das vollkommene Gericht über die Sünde – vollstreckte Gott selbst: und Er vollstreckte es an seinem eigenen Sohn, den Er liebte; an seinem Eingeborenen, an dem Er sein ganzes Wohlgefallen hatte. 1 Was aber dort auf dem Kreuz in jenem schrecklichen Augenblicke zwischen Gott und seinem Sohn vorging, darauf vermögen wir zwar hinzuweisen, aber wir sind außer Stand, es zu fühlen und zu beschreiben. Die Tiefe jener unbeschreiblichen Leiden zu ergründen, die der Sohn Gottes fühlen mühte, als – nachdem die Bosheit der Menschen nicht weitergehen konnte – die Gerechtigkeit Gottes sich gegen Ihn erhob und der Zorn Gottes, der vollkommene Zorn über die Sünde, über seinem Haupt entbrannte, – dazu ist kein Geschöpf weder im Himmel noch auf der Erde fähig.

Wer würde im Stande sein, sich eine Vorstellung zu machen von dem, was in der Seele des am Kreuz hängenden Sohnes Gottes vorging, als das Angesicht Gottes, welches stets mit Wohlgefallen auf Ihn gerichtet war, sich nun im Zorn von Ihm abwandte? Wer würde es beurteilen können, was es für den geliebten Sohn war, geschlagen zu werden mit dem Schwert Gottes selbst? Und wer würde andererseits sich eine Vorstellung zu machen vermögen von dem, was in dem Herzen Gottes vorging, als Er seinen eigenen Sohn nicht behandelte nach der Liebe, welche Er stets zu Christus als seinem Sohn in sich trug, und auch nicht nach der Liebe, welche Er gerade hier zu Ihm fühlen musste, wo Christus Ihn im höchsten Gerade verherrlichte, als Er Ihn behandeln musste nach dem ganzen Abscheu und Widerwillen, den Er, der Heilige und Gerechte, gegen die Sünde fühlte nachdem verzehrenden Eifer, den Er gegen das Böse in sich trug? – Alles was wir zu tun im Stande, sind, ist, dass wir im Geist, voll Bewunderung und Anbetung, dabeistehen und zuschauen; aber es ist durchaus unmöglich, dass wir uns ein klares Bild machen können von dem, was dort am Kreuz, und zwar um unsertwillen, zwischen Gott und Christus stattgefunden hat. Die Frage, in Betreff unserer Sünde und Zugleich unserer Versöhnung war es, die dort am Kreuz, ohne uns zu Rat zu ziehen, allein zwischen Gott und Christus gelöst und behandelt worden ist.

Es ist höchst beachtenswert, dass in demselben Augenblick, wo Christus der Gegenstand des allgemeinen Hasses und der Verachtung des ganzen Volkes war, ja, in dem Augenblick, wo Er das Bild der äußersten Schwachheit und des tiefsten Elends zur Schau trug, Gott selbst in der soeben angeführten Schriftstelle die Ehre seines Sohnes aufrechterhält, indem Er Ihn nennt: „den Mann, der mein Genosse ist.“ Wenn Gott auf der einen Seite um des Platzes willen, den Christus einnahm, gezwungen war, Ihm gegenüber das Schwert zu entblößen, so gab es auf der anderen Seite doch keinen Augenblick, wo Ihm Christus hätte teurer sein können, als gerade jetzt, wo derselbe Ihn vollkommen verherrlichte. Dadurch, dass Er an diesem Platz und in diesem Augenblick Christus als den Mann, der sein Genosse ist, bezeichnet, sorgt Er hinreichend dafür, dass man es nimmer vergessen kann, wer jene Person war, die das tiefste Elend und die schmählichste Verhöhnung zur Schau stellte. Gott richtet auf diese Weise an den Menschen die ernsten Worte: „Hältst du Ihn nicht für würdig, dein Genosse zu sein, so erkläre ich dir hiermit, dass Er mein Genosse ist. Verleugnest und verwirfst du Ihn, so bekenne ich mich zu Mm und verherrliche Ihn.“ O es ist erquickend für das Herz, hier dieses Zeugnis zu vernehmen und zu sehen, wie Gott die Person dessen hochstellt, „der um unserer Übertretungen willen verwundet, um unserer Ungerechtigkeit willen zerschlagen ist“, und der um unsertwillen als „der Unwürdigste unter den Menschen“ geachtet wurde.

Doch wie unaussprechlich groß erscheint hier die Liebe Gottes, der „den Mann, der sein Genosse ist“, für unsere Sünde büßen lässt! Ja, wahrlich, „Gott erweist seine Liebe gegen uns, indem Christus, da wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist“ (Röm 5,8). Das Sterben des Christus wird uns hier als ein Beweis der Liebe Gottes, nicht aber als ein Beweis der Liebe Christi vorgestellt, wie dieses z. B. in Epheser 5 der Fall ist. Auch war es die Gnade Gottes, dass Christus für alle den Tod geschmeckt hat (Heb 2). Die Liebe Gottes gegen uns ist nicht nur durch Worte ausgedrückt und durch die Taten Christi während seines Lebens an den Tag gelegt, sondern auch in einer unaussprechlichen Weise in dem Tod Christi „erwiesen“ worden, weil Gott selbst es war, der Ihn für uns sterben ließ.

Wer aber könnte an diese Liebe Gottes denken, ohne sich – wiewohl hier nicht die Rede davon ist – der unaussprechlich großen Liebe des Christus zu erinnern, der im Voraus wusste, welch schreckliche Dinge seiner von Seiten Gottes am Kreuz harrten, 2 dessen Seele bei dem Gedanken an den schweren Kampf bis „in den Tod bestürzt“, aber der dennoch bereit war, den Kelch zu trinken, den Ihm der Vater geben würde (Joh 18,11). Er allein kannte die volle Bedeutung und die ganze Tragweite der angeführten Worte in Sacharja 13; aber wiewohl Ihm nichts unbekannt war, so vermochte Ihn doch nichts zurück zu schrecken. Das Bedürfnis seiner Seele, um Gott, seinen Vater, zu verherrlichen, war so groß und die Liebe zu armen, verlorenen Sündern so unendlich, dass Er mit völliger Kenntnis dessen, was der Kelch für Ihn enthielt, denselben annahm und bis aus den letzten Tropfen leerte. Ach, wie bewundernswürdig, wie anbetungswürdig ist doch seine Liebe gegen uns! Indem Er die Worte: „Ich werde den Hirten schlagen“, aus dem Kapitel unserer Betrachtung anführt, – Worte, die für Ihn so schreckenerregend sein mussten, so vergisst Er doch in diesem verhängnisvollen Augenblicke nicht, den Nachsatz hinzuzufügen: „Und die Schafe der Herde werden zerstreut werden“ (Mt 26,31); und wie sehr ist Er bemüht, die Schafe, die sobald zerstreut werden sollten, zu ermutigen, zu stärken und zu trösten!

„Und ich werde meine Hand zu den Kleinen wenden“ (V 7). Wie süß sind diese Worte, die Jehova der Heerscharen seinen ernsten, schwerwiegenden Aussprüchen beifügt! Während Er seine Hand gegen den Mann, der sein „Genosse ist“, ausstreckt, wendet Er dieselbe zu den Kleinen, d. h. zu dem schwachen, geprüften, hartbedrängten Überrest der Juden. Während Er seine Genossen die Schärfe seines Schwertes fühlen lässt, gibt Er ihnen die Sanftmut und Zärtlichkeit seines Herzens zu kosten. Ja, nachdem Er das Eine getan hat, kann Er auch das Andere tun. Nachdem Er das Durchstechen seines Gesalbten von Seiten der Hand der Juden durch das Durchstechen mit eigener Hand, und zwar nicht an den mordlustigen Juden, sondern an dem „Mann, der sein Genosse ist“, bestraft hat, kann Er nach der Lust und Freude seines Herzens sich erbarmen über den niedergebeugten, reumütigen und wehklagenden Teil, welcher, unter dem Einfluss seines Geistes, seine Sünde erkannt und bekannt hat.

So wird Gott zu seiner Zeit mit dem wahren Israel der letzten Tage handeln; und so handelt Gott bereits jetzt mit uns, die wir „zuvor“, d. h. vor der Erfüllung dieser dem Volk Israel gegebenen Verheißung, „auf Christus gehofft haben“ (Eph 1,13). Jetzt sind wir vor Ihm die Kleinen, denen Er seine Hand zuwendet, und zwar nicht nur, wie Er sich in Sacharja nennt, als der Jehova der Heerscharen, sondern als „der Gott und Vater unseres Herrn Jesus Christus“, der auch „unser Gott“ und „unser Vater“ ist, wie uns das Zeugnis Jesu selbst, sowie das Zeugnis des Apostels in dem Brief an die Epheser erkennen lässt. Zu uns wendet Er seine Hand und sein Herz. In welchem Zustand wir auch sein mögen, verlassen von den Menschen, ja von unseren eigenen Freunden, verachtet von der Welt, gehasst von den Selbstgerechten und Religionsleuten dieser Erde, – die Hand unseres Gottes und Vaters wendet sich stets zu uns. Mögen wir krank und schwach, elend und vergessen, auf unserem Schmerzenslager ausgestreckt, durch Kummer niedergebeugt oder durch Unglücksfälle betroffen sein, – die Hand unseres Gottes und Vaters wendet sich stets zu uns. Mögen wir unter dem Gefühl unserer namenlosen Schuld als Sünder von früher, oder unserer Schwachheit als Christen von heute niedergebeugt sein; mögen wir das Bewusstsein haben, nicht tüchtig zu sein von uns selbst, etwas zu denken, als aus uns selbst (2. Kor 3,5), noch etwas tun zu können, als durch uns selbst, – die Hand unseres Gottes und Vaters wendet sich stets zu uns. Und „wenn Gott für uns ist, wer wider uns? Er, der doch seines eigenen Sohnes nicht geschont, sondern Ihn für uns alle hingegeben hat: wie wird Er uns mit Ihm nicht auch alles schenken?“ (Röm 8,31–32)

Welch ein Vorrecht, zu der Zahl dieser Kleinen zu gehören, die an Jesus glauben! Und wenn wir dieses als ein Vorrecht betrachten, so lasst uns in dem Bewusstsein unserer Ohnmacht in aller Demut, Sanftmut, Langmut und Niedriggesinntheit unseren Weg fortsetzen und nicht danach trachten, um zu herrschen, sondern bereit sein, alles zu ertragen und zu leiden und selbst die zu segnen, die uns fluchen, und denen wohl zu tun, die uns beleidigen. Bedenken wir, dass, wie Gott seine Hand zu den Kleinen wendet, dieselbe Hand sich gegen die Hochmütigen wendet. Ja, seien wir „mit Demut fest umhüllt; denn Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt Er Gnade“ (1. Pet 5,5).

Fußnoten

  • 1 Wir sprechen hier nicht über den Wert des Werkes Christi selbst, über die Hingabe seiner selbst in den Tod, um die unserseits geschändete Ehre Gottes wiederherzustellen. In diesem Fall würden wir hervorheben, wie allein Christus, weil Er Gott war, die Forderungen dieser verletzten Ehre Gottes erkennen und erfüllen konnte. Wer eine Schuld bezahlen will, muss vorher wissen, wie groß sie ist. Niemand aber – mochte er ein Mensch oder ein Engel sein – konnte wissen, wie groß die Schuld war, die der Mensch bei Gott gemacht hatte, als nur Er, der selbst Gott war. Christus hat nach der göttlichen Kenntnis, die Er in Betreff der Forderungen der geschmähten und verunehrten Majestät Gottes besaß, dieser Forderung vollkommen genügt und auf diesem Weg Gott verherrlicht im Blick auf unsere Sünde. – Dass Er dieses tun konnte und getan hat, darin liegt seine eigene Herrlichkeit. Der Herr Jesus selbst sagt: „Jetzt ist der Sohn des Menschen verherrlicht, und Gott ist verherrlicht in Ihm“ (Joh 13,31). Ernste, köstliche, beachtenswerte Wahrheit!
  • 2 Er führt selbst die Stelle in Sacharja 13,7 in seinen Unterhaltungen mit seinen trauernden Jüngern an (Siehe Mt 26,31; Mk 14,27).
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