Botschafter des Heils in Christo 1868

Die Trennung vom Bösen ist der göttliche Grundsatz der Einheit

Das Bedürfnis nach Einheit macht sich heutzutage bei allen aufrichtigen Christen fühlbar. Alle verspüren die Macht das Bösen, das uns umringt. Sein Reiz tritt zu nahe, seine raschen, ja riesenhaften Fortschritte sind zu offenbar und berühren die Gefühle, durch welche sich die verschiedenen Klassen von Christen charakterisieren, auf zu empfindliche Weise, als dass diese – welches auch immer das Maß ihrer Beurteilung bezüglich der wahren Tragweite und des Charakters dieses Bösen sein mag – länger vor dem, was um sie her vorgeht, das Auge verschließen könnten. Auch wecken im Allgemeinen bessere und heiligere Gefühle das Bewusstsein der Gefahr, wovon die Sache Gottes, insofern diese der Verantwortlichkeit der Menschen anvertraut ist, von Seiten derer bedroht ist, die ihrer nimmer geschont haben. Und allenthalben, wo der Geist Gottes wirkt, um die Heiligen den Wert der Gnade und Wahrheit erkennen zu lassen, da zieht und treibt diese Tätigkeit auch zur Einheit, weil es nur einen Geist, nur eine Wahrheit, nur einen Leib gibt.

Die Gefühle, welche durch das Bewusstsein des Fortschritts des Bösen hervorgebracht werden, können jedoch sehr verschieden sein. Einige Christen mögen vielleicht noch ihr Vertrauen setzen auf die Bollwerke, worauf sie lange Zeit ihren Blick gerichtet haben, deren Stärke aber von einem Respekt abhängig ist, den man heutzutage denselben nicht mehr zollt. Andere mögen auf eine vorausgesetzte Macht der Wahrheit rechnen, die sich jedoch nie anders, als in einer kleinen Herde kundtat, weil Gott und die Wirkung seines Geistes daselbst waren. Noch andere mögen ihr Vertrauen setzen auf eine Verbindung, die noch nie das Werkzeug einer Macht von Seiten des Guten war – auf eine Verbindung, die durch Vertrag oder Übereinkunft ins Leben gerufen ist, während wieder andere sich genötigt sehen, sei es aus Rücksicht gegen bereits eingegangene Verpflichtungen oder aus Vorurteil, sich von einer solchen Verbindung fern zu halten, so dass dieselbe, dadurch die Form einer Partei erhält. Und dennoch ist das Gefühl einer Gefahr allgemein. Man fühlt, dass das, worüber man als Theorie lange spottete, sich jetzt in praktischer Weise zu sehr geltend macht, um länger geleugnet werden zu können, obwohl das Verständnis des Wortes Gottes, durch welches die bisher Verspotteten das Böse voraussahen, jetzt noch verworfen und geringgeschätzt sein mag. Diese Sachlage aber bringt für die Heiligen Schwierigkeiten und Gefahren ganz besonderer Art hervor und fordert sie auf, zu prüfen, welches der Pfad der Getreuen sei, und wo die wahre Verbindung gesucht werden müsse. Und gerade wegen der Vortrefflichkeit und Lieblichkeit der Einheit laufen diejenigen, welche schon längst den Wert derselben und die Notwendigkeit, sie festzuhalten, erkannt haben, nicht selten Gefahr, sich von solchen mit fortreißen zu lassen, welche, als das Wort Gottes diese Wahrheit ankündigte, die Annahme derselben verweigerten; – sie laufen Gefahr, durch Überredung die Grundsätze und selbst die Pfade zu verlassen, die ihnen ihr klares Verständnis des göttlichen Wortes vorgezeichnet hatte. Dieses köstliche Wort hatte sie auf das Herannahen des Sturmes aufmerksam gemacht und ihnen während sie es mit Ruhe erforschten, den Pfad des. Getreuen in solchen und in allen Zeiten gezeigt. Jetzt aber werden sie gedrängt, diesen Pfad zu verlassen und einen solchen zu verfolgen, den der Druck der längst von ihnen vorausgesehenen Befürchtungen dem menschlichen Geist vorschreibt, der aber, obwohl anfangs mit guten Beweggründen betreten, dennoch bei einer ruhigen Erwägung sich nicht, als durch Gottes Wort vorgezeichnet, ausweist. Aber ist das der Pfad der Heiligen? Sollen sie sich abwenden von dem, worüber sie das allgemein verworfene Verständnis belehrt hat, um dem Licht derer zu folgen, die bisher nicht sehen wollten?

Indes ist dies nicht die einzige Gefahr, noch ist es mein Zweck, mich bei den Gefahren aufzuhalten, sondern die Mittel zu bezeichnen, um denselben entrinnen zu können. Der menschliche Geist hat beständig die Neigung, in Sektiererei zu fallen und eine Basis der Vereinigung aufzustellen, welche gerade das Gegenteil hervorbringen wird. Man richtet irgendein System auf, an welches der Geist sich anklammert, und um welches sich die Gläubigen oder andere versammeln, welches aber unter dem Vorgeben, auf das Fundament der Einheit gegründet zu sein, alles das als ein Vereinigungsmittel betrachtet, welches von vorn herein die Zertrennung in ihrem Schoß birgt. In dieser Weise bezeichnet man dasjenige mit dem Namen der Einheit, welches nicht der göttliche Mittelpunkt und Zweck der Einheit ist. Wo aber dieses stattfindet, da wird die Lehre der Einheit missbraucht zur Gutheißung irgendeines moralischen Nebels oder dessen, was dem Wort Gottes zuwider ist; und die Autorität Gottes selbst wird, wo sie mit diesem Einheitsbegriff verknüpft wird, in Folge dieses letzten Gedankens zu einem Mittel, um die Heiligen zum Ausharren im Bösen zu bewegen. Zudem wenn es sich um eine Absonderung von allem handelt, woran das natürliche Herz hängt und welches gewöhnlich der Kreis der Befriedigung irdischer Interessen ist, so bieten gerade die Schwierigkeiten, auf welche der Unglaube stößt, einen Beweggrund, um in diesem Bösen zu verharren. Freilich ist die Einheit eine göttliche Lehre, ein göttlicher Grundsatz; aber da überall das Böse möglich ist und, wo es sich einschleicht, eine entscheidende Herrschaft ausübt, so ist es nötig zu untersuchen, welches die Einheit ist, die von Gott anerkannt wird, und dieses umso mehr, weil das Verlangen nach Einheit an und für sich etwas Gutes ist, und weil viele dahin zielende Bemühungen Elemente der Gottseligkeit in sich tragen, obwohl die angewandten Mittel nicht die Überzeugung gewinnen lassen, dass sie von Gott sind.

Es wird niemand bestreiten, dass Gott selbst der Mittelpunkt und die Quelle der Einheit sein muss, und dass Er allein es der Macht und dem Recht nach sein kann. Nur Er ist der einzige, wirkliche und wahre Mittelpunkt; jeder andere Mittelpunkt außer Gott ist eine Verleugnung seiner Gottheit und Herrlichkeit. Alles was nicht von diesem Mittelpunkt abhängig ist, ist Empörung. Diese so einfache und für den Christen so notwendige Wahrheit erklärt augenblicklich unseren Weg. Der Fall des Menschen bietet hierzu das Gegenstück. Der Mensch war ein untergeordnetes Geschöpf und Zugleich ein Bild dessen, der da kommen sollte; er aber wollte unabhängig sein und ist in Sünde und Empörung der Sklave eines Rebellen geworden, der mächtiger ist, als er selbst. Doch müssen wir einen Schritt weitergehen. Gott muss der Mittelpunkt sowohl des Segens, als auch der Macht sein, wenn Er sich mit Wesen umringt, welche vereinigt sind und geistliches Verständnis haben. Wir wissen, dass Er die Empörer einer ewigen qualvollen Zerstörung fern von seinem Angesicht Preis geben wird; Er selbst aber muss der Mittelpunkt des Segens und der Heiligkeit sein; denn Er ist ein heiliger Gott, und Er ist die Liebe. Die Heiligkeit in uns besteht, weil sie ihrer Natur nach Trennung vom Bösen ist, darin, dass wir Gott, den Heiligen, der auch die Lieds ist, als Gegenstand, als Mittelpunkt und Quelle unserer Liebe besitzen. Er, der seinem Wesen nach getrennt von allem Bösen ist, macht uns seiner Heiligkeit teilhaftig, so dass unsere Neigungen, Gedanken und unser ganzes Benehmen ihren Mittelpunkt in Ihm haben und aus Ihm entspringen, und mir folglich ganz von Ihm abhängig sind. Von der Macht dieser Einheit in dem Sohn und dem Geist werde ich sogleich sprechen. Jetzt möchte ich mit Nachdruck die große und herrliche Wahrheit selbst hervorheben, welche den Gegenstand dieser Zeilen bildet.

Der erhabene Grundsatz der Einheit findet sogar in Bezug auf die Schöpfung seine Anwendung. Sie wurde in Einheit gebildet; und Gott ist ihr einziger, nur möglicher Mittelpunkt. Sie wird Wiederum zur Einheit zurückgeführt werden und Christus, als Haupt, zu ihrem Mittelpunkt haben; „denn alle Dinge sind durch Ihn und für Ihn geschaffen“ (Kol 1,16). Es war die Herrlichkeit des Menschen, zum Mittelpunkt der Schöpfung gemacht zu sein; 1 – „ein Bild dessen, der da kommen sollte“ – aber nachdem er gefallen ist, sucht er diese Stellung in einem Zustand der Empörung nachzuäffen. Ich wage nicht zu behaupten, dass die Engel zum Mittelpunkt irgendeines Systems gemacht worden sind, wohl aber der Mensch. Es war seine Herrlichkeit, der Herr und der Mittelpunkt dieser unteren Welt zu sein und in einer mit ihm verbundenen und von ihm abhängigen Eva eine Gefährtin und Gehilfin zu besitzen. Der Mensch war das Bild und die Herrlichkeit Gottes (1. Kor 2,7). seine Abhängigkeit ließ ihn nach oben schauen; und darin besteht für alle, Gott ausgenommen, die wahre Herrlichkeit und das Glück. Die Abhängigkeit blickt nach oben; die Unabhängigkeit kann nur nach unten blicken. Abhängigkeit ist die wahre Größe in einer Kreatur, wenn der Gegenstand ihrer Abhängigkeit der richtige ist. Der erste Zustand des Menschen war nicht der der Heiligkeit im eigentlichen Sinne des Wortes; denn das Böse war noch nicht erkannt. Es war kein göttlicher, aber dennoch ein gesegneter, glücklicher Zustand; es war der Zustand der Unschuld. Derselbe aber ist verloren gegangen, da der Mensch unabhängig sein wollte. Wenn der Mensch durch die Erkenntnis des Guten und Bösen wie Gott geworden ist, so ist er mit einem bösen Gewissen der Sklave des Bösen geworden, welches er kennen lernte, und befand sich in einer Unabhängigkeit, in der er sich nicht zu behaupten vermochte, weil er Gott, von dem er abhängig war, moralisch verloren hatte.

Indem wir jetzt in die gegenwärtig vorliegende Einheitsfrage eintreten, sehen wir, dass Gott sich mit diesem Zustand, d. h. mit dem Menschen in diesem Zustand beschäftigen muss, wenn anders eine von Ihm anerkannte, wahre und wirkliche Einheit bestehen soll. Er muss stets der Mittelpunkt sein; und zwar nicht nur als schöpfende Kraft; denn das Böse ist vorhanden, die Welt liegt im Argen, und der Gott der Einheit ist der heilige Gott. Die Trennung vom Bösen wird daher zur Notwendigkeit und zum Grundsatz, und bildet die unerschütterliche Grundlage der Einheit. Ich sage nicht: die Kraft der Einheit; denn Gott muss der Mittelpunkt und die Kraft derselben sein; und weil das Böse vorhanden ist, so müssen alle, welche der Einheit Gottes angehören, von der Verdorbenheit getrennt sein; denn Gott kann nicht mit dem Bösen verbunden sein.

Die Trennung vom Bösen ist also der große Fundamental–Grundsatz jeder wahren Einheit; denn ahne dieselbe bringt man mehr oder weniger die Autorität Gottes mit dem Bösen in Verbindung; und das ist, wie jede von Ihm unabhängige Einheit, nichts als Empörung gegen seine Autorität. In ihrer schwächsten Form ist eine solche Vereinigung eine Sekte; in ihrer ausgeprägtesten Form trägt sie – mag sie sich als eine geistliche oder als eine weltliche Macht zeigen – den Abfall in ihrem Schoß. Es ist eine Einheit, gegründet auf die Unterwürfigkeit des Menschen unter das, was wirklich und öffentlich von Gott und seinem Wort unabhängig ist – eine Einheit, welche weder dem Wort gemäß ihren Grund hat in der Unterwürfigkeit unter den heiligen Gott, noch in der Macht des Geistes, der in den Vereinigten wirksam ist, noch endlich in der Gegenwart dessen, welcher die persönliche Kraft der Einheit im Leib ist. Indes ist diese Trennung, von welcher ich jetzt rede, nicht eine Wirkung der richterlichen Macht Christi, welche nicht das Gute vom Bösen und das Kostbare vom Schlechten, sondern umgekehrt das Schlechte vom Kostbaren scheidet und von seinem Angesicht verbannt. Im Gericht wird das Unkraut in Bündeln zusammengebunden und ins Feuer geworfen, indem Er aus seinem Reich jedes Ärgernis entfernt und den Teufel und seine Engel stürzt; und alsdann werden alle Dinge im Himmel und auf Erden in eins in Christus verbunden werden. Ja, alsdann wird nicht das Gewissen, sondern die Welt vom Bösen befreit; und zwar nicht durch die Macht und das Zeugnis des Heiligen Geistes, sondern durch das Gericht, welches das Böse nicht duldet, sondern alle Gottlosen ausrotten wird.

Noch befinden wir uns nicht in den Tagen der gerichtlichen Absonderung des Bösen van dem Guten, wo Christus in der Welt, seinem Acker, den Gottlosen abschneiden und zerstören wird. Dennoch aber ist die Einheit nicht aus den Gedanken Gottes verbannt; und eine Vereinigung mit dem Bösen ist seiner Natur zuwider. Es existiert nur ein Geist und ein Leib; die zerstreut gewesenen Kinder Gottes sind in eins versammelt (Eph 4,4; Joh 11,52). Gott wirkt inmitten des Bösen, um eine Einheit herzustellen, deren Mittelpunkt und Quelle Er ist, und die in Abhängigkeit seine Autorität anerkennt. Er verwirklicht diese Einheit noch nicht durch das gerichtliche Abschneiden der Gottlosen; aber Er kann sich nicht mit ihnen vereinigen, noch eine ihnen genügende Vereinigung anerkennen. In welcher Weise wird denn diese Vereinigung gebildet? Dadurch dass Er die „Berufenen“ von dem Bösen absondert. „Darum geht aus ihrer Mitte und sondert euch ab, spricht der Herr; und rührt nichts Unreines an; und ich werde euch aufnehmen; und ich werde euch zum Vater sein, und ihr werdet mir zu Söhnen und Töchtern sein, spricht der Herr, der Allmächtige, wie geschrieben steht: Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein“ (2. Kor 6,16–18). Der Grundsatz der Vereinigung liegt hier klar am Tag. Gott spricht: „Geht aus ihrer Mitte!“ Ohne dieses hätte Er keine wahrhaftige Einheit um sich her bilden können. Weil das Böse vorhanden und sogar unser natürlicher Zustand ist, so ist eine Vereinigung, deren Mittelpunkt und Macht der heilige Gott ist, nur durch eine völlige Trennung vom Bösen möglich. Diese Trennung ist die erste Bedingung der Einheit oder der Vereinigung.

Wir wollen jetzt etwas näher prüfen, in welcher Weise diese Einheit verwirklicht wird und worauf sie gegründet ist. Zu ihrer Bildung sind zwei Dinge nötig: eine Macht, welche die Vereinigten um einen Mittelpunkt sammelt, und eine Macht, welche sie vom Bösen absondert. Ist dieser Mittelpunkt gefunden, so ist jeder andere dieser Art ausgeschlossen. Christus ist der alleinige Mittelpunkt. Er ist der Gegenstand göttlicher Ratschlüsse, die Offenbarung Gottes selbst und das einzige Gefäß vermittelnder Macht; Er, durch den und für den alle Dinge gemacht worden sind, besitzt das Recht, nicht nur die Schöpfung, sondern auch die Kirche zu vereinigen, deren Erlöser, deren Haupt, deren Herrlichkeit und deren Leben Er ist (vgl. Kol 1). Christus hat einen doppelten Vorrang. Gott hat Ihn, „als Haupt über alles der Versammlung gegeben, welche sein Leib ist, die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt“ (Eph 1,23). Sicher wird dieses zu seiner Zeit in Erfüllung gehen. Vor der Hand beschäftigen wir Ans mit der Zwischenperiode, mit der Einheit der Kirche selbst, und mit ihrer Einheit inmitten des Bösen. Es gibt keine moralische Kraft, die, getrennt vom Bösen, vereinigen kann, außer Christus. Er allein, als die vollkommene Gnade und Wahrheit, bringt alles Böse, welches von Gott getrennt und von welchem Gott abgesondert ist, ans Licht. Er allein kann von Seiten Gottes der Anziehungspunkt sein, welcher alle, auf welche Gott also einwirkt, an sich zieht. Gott wird nimmer einen anderen anerkennen; kein anderer wäre fähig gewesen, alle die Neigungen, welche aus Gott sind, und welche Gott zum Gegenstand haben, in sich zu vereinigen. In Ihm wohnt die ganze Fülle (Kol 1,19). Die Liebe – und Gott ist die Liebe – wird in Ihm erkannt. Er ist die Weisheit und die Macht Gottes und, was noch mehr ist, die absondernde Anziehungskraft, weil Er die Offenbarung alles dessen ist und die Ausführung inmitten des Bösen bewirkt. Und eben dieses bedürfen solch arme, elende Geschöpfe, wie wir sind; und – wenn wir uns so ausdrücken dürfen – dieses bedarf Gott für seine absondernde Herrlichkeit inmitten des Bösen. Christus hat sich selbst geopfert, damit Gott seine absondernde Liebe inmitten des Bösen in Tätigkeit setzen konnte. Freilich hatte das Werk Christi eine weit ausgedehntere Tragweite; allein ich rede hier nur von dem, was für jetzt den Gegenstand unserer Betrachtung bildet.

Also wird Christus, seinem glorreichen Rechte gemäß, nicht nur der Einigungspunkt im Allgemeinen, sondern auch, als der Offenbarer Gottes, derjenige, den der Vater anerkennt und einführt, und der den Menschen anzieht; Er wird der besondere und spezielle Mittelpunkt göttlicher Neigungen in dem Menschen – der einzige göttliche Vereinigungspunkt, um den sich die Seinen versammeln. In der Tat, Christus ist der einzige Mittelpunkt. „Wer nicht mit mir sammelt, der zerstreut.“ Die Einheit zu verwirklichen war der Zweck und die Kraft seines Todes. „Und ich, wenn ich erhöht bin von der Erde, werde alle zu mir Ziehen“ (Joh 12,32). Er hat sich hingegeben, nicht „für das Volk allein, sondern auf dass Er die zerstreuten Kinder Gottes in eins versammelte“ (Joh 11,51–52). „Er hat sich selbst für uns gegeben, auf dass Er uns loskaufte von aller Gesetzlosigkeit und reinigte sich selbst ein Eigentumsvolk, eifrig zu guten Werken“ (Tit 2,14). Er war das Muster des göttlichen Lebens im Menschen, und zwar getrennt von dem Bösen, wovon dieses Leben nach allen Seiten hin umringt war. Er war der Freund der Zöllner und Sünder und lockte in Gnaden die Menschen durch die Klänge der zärtlichsten Liebe zu sich; aber stets blieb Er der abgesonderte Mensch. Und dieses ist Er als der Mittelpunkt und Hohepriester der Kirche. „Ein solcher Hohepriester geziemte uns: heilig, unschuldig, unbefleckt, abgesondert von den Sündern und höher als der Himmel geworden.“ – Wir können hierbei beiläufig bemerken, dass der Mittelpunkt und der Gegenstand dieser Einheit himmlisch sind. Ein auf Erden lebender Christus würde stets ein Mittel zur Aufrechthaltung der Feindschaft geblieben sein, indem Er selbst „dem Gesetz der Gebote in Satzungen“ unterworfen war (Gal 4,4; Eph 2,15). Und obwohl sich die göttliche Herrlichkeit seiner Person notwendiger Weise, gleich einem fruchtbaren Gnadenzweige, über diese Scheidewand hinüber den armen, vorübergehenden Heiden da draußen entgegenstreckte, (wie hätte Er auch da, wo Er Glauben fand, seine Gottheit verleugnen und verbergen können, dass Gott Liebe ist!) so war Er dennoch als Mensch „vom Weib und unter Gesetz geboren“. Durch seinen Tod aber hat Er die Zwischenwand der Umzäunung abgebrochen, „auf dass Er die zwei, Juden (und Heiden) Frieden stiftend, in sich selbst zu einem neuen Menschen schüfe; und versöhnte beide in einem Leib durch das Kreuz“ (Eph 2,14–16). Darum wird Er als der „Erhöhte“ und als der, welcher schließlich höher als der Himmel geworden, der Mittelpunkt und der einzige Gegenstand der Einheit.

Beiläufig möchte ich bemerken, dass die Weltförmigkeit stets die Einheit zerstört. Das Fleisch kann sich weder bis in den Himmel erheben, noch sich in Liebe bis zu allen Bedürfnissen erniedrigen. Das Fleisch kennt nur Selbstsucht und Trennung. „Ich bin des Paulus, ich des Apollos, ich des Kephas und ich Christi“ (1. Kor 1,12). „Seid ihr nicht fleischlich und wandelt nach Menschen weise?“ (1. Kor 3,3) Paulus war nicht für die Korinther gekreuzigt, noch waren diese auf den Namen des Paulus getauft worden; ihre irdischen Gedanken störten die Einheit. Aber der herrliche und himmlische Christus umfasste sie alle in einem Wort. „Warum verfolgst du mich?“ (Apg 9,4) Die Absonderung von allem ging unter den Juden langsamer vor sich, weil sie äußerlich das abgesonderte Volk Gottes gewesen waren; aber nachdem ihnen ihr wahrer Zustand aufgedeckt worden war, mahnten die Jünger: „Lasst uns zu Ihm hinausgehen, außerhalb des Lagers, seine Schmach tragend“ (Heb 13,13). Der Herr, der nur eine Herde und nur einen Hirten wollte, führte seine eigenen Schafe aus und ging vor ihnen her (Joh 10). Wir haben daher nur zu zeigen, dass die Einheit der Gedanke Gottes ist, so wird sich die Trennung vom Bösen als notwendige Folge erweisen. Die Einheit ist der Zweck; und weil nun Gott der einzige rechtmäßige Mittelpunkt ist, so muss die Einheit selbstredend das Resultat einer heiligen Macht sein; die Absonderung vom Bösen aber ist die Natur Gottes selbst. Darum auch, als Er Abraham öffentlich berief, richtete Er an ihn die Worte: „Gehe aus deinem Land, und aus deiner Verwandtschaft und aus deines Vaters Haus“ (1. Mo 12,1).

Doch gehen wir weiter. Aus allem, was wir gesehen, wird es also klar, dass der Herr Jesus in der Höhe der Gegenstand ist, um welchen sich die Kirche in Einheit sammelt. Er ist das Haupt und der Mittelpunkt der Kirche. Das ist der Charakter ihrer Einheit und ihrer Absonderung vom Bösen, von den Sündern. Jedoch sollen die Jünger Christi nicht aus der Welt weggenommen, sondern vor dem Bösen bewahrt und durch die Wahrheit geheiligt werden, da sich Jesus selbst zu diesem Zweck abgesondert hatte (Joh 17). Darum wurde der Heilige Geist auf die Erde gesandt, um nicht nur die Herrlichkeit und die Macht des Menschensohnes zu offenbaren, sondern auch um die Berufenen mit ihrem himmlischen Haupt in eins zu verbinden und sie von der Welt, in der sie zurück bleiben mussten, zu trennen; und also ward der Heilige Geist hienieden der Mittelpunkt und die Macht der Einheit der Kirche im Namen Christi, nachdem Christus die Zwischenwand der Umzäunung abgebrochen und die beiden in einem Leib durch das Kreuz versöhnt hatte. In dieser Weise wurden die in eins versammelten Heiligen die „Behausung Gottes im Geist?“ (Eph 2,22) Der Heilige Geist selbst wurde – jedoch in dem Namen Jesu – die Kraft und der Mittelpunkt eines Volkes, das sowohl von den Juden, als auch von den Heiden abgesondert und aus diesem bösen Zeitlauf gerettet worden war, um mit seinem himmlischen Haupt verbunden zu sein. Durch Petrus hat Gott zuerst die Nationen besucht, um aus ihnen ein Volk für seinen Namen heraus zu holen, während sich unter den Juden ein Überrest nach Gnadenwahl vorfand. Eine Absonderung war unerlässlich. „Wenn wir sagen, dass mir Gemeinschaft haben mit Ihm und in der Finsternis wandeln, so lügen wir und tun nicht die Wahrheit“ (1. Joh 1,6). Die Trennung vom Bösen ist die erste Grundbedingung der Gemeinschaft mit Ihm. Wer dieses in Frage stellt, ist ein Lügner, und, insoweit verbunden mit dem Bösen, verleugnet er den Charakter Gottes. Wenn die Einheit von Gott abhängig ist, so muss die Absonderung vom Bösen notwendig stattfinden. Und ebenso verhält es sich mit unserer Gemeinschaft untereinander. „Wenn wir aber im Lichts wandeln, wie Gott im Licht ist, so haben wir Gemeinschaft untereinander“ (1. Joh 1,7). Und – beachten wir es wohl – hier gibt es keine Grenze denn es heißt: „Wie Gott im Licht ist.“ In dieses Licht hat uns der Herr durch die Erlösung gestellt und daher soll durch dasselbe der ganze Charakter unseres Wandels und unserer Vereinigung gebildet werden. Außer diesem Licht können wir keine Gemeinschaft mit Gott haben.

In Betreff der Gemeinschaft untereinander lesen wir: „Welche Genossenschaft hat Gerechtigkeit und Gesetzlosigkeit? Und welche Gemeinschaft Licht mit Finsternis? Und welche Übereinstimmung Christus mit Belial? Oder welches Teil der Gläubige mit dem Ungläubigen? Und welchen Zusammenhang der Tempel Gottes mit Götzenbildern? Denn ihr seid der Tempel des lebendigen Gottes, wie Gott gesagt hat: „Ich will unter ihnen wohnen und wandeln, und ich werde ihr Gott sein, und sie sollen mein Volk sein. Darum geht aus ihrer Mitte und sondert euch ab“ (2. Kor 6,14–17). – Also völlige Absonderung vom Bösen; und ich möchte noch hinzufügen, dass das Abendmahl des Herrn das Symbol und der Ausdruck der Einheit oder der Gemeinschaft untereinander ist; „denn ein Brot, ein Leib sind wir, die vielen; denn wir alle sind des einen Brotes teilhaftig“ (1. Kor 10,17). Wie einst die Einheit Israels, welches berufen war, sich von den Heiden zu trennen und diese Trennung den umliegenden Völkerschaften gegenüber aufrecht zu erhalten, auf die Befreiung gegründet war, so ruht auch die Einheit der Kirche auf der Macht des vom Himmel herniedergekommenen Heiligen Geistes, welcher für Christus ein Eigentumsvolk, in dessen Mitte Er wohnt, aus der Welt herausgenommen und abgesondert hat, so dass Gott selbst unter ihnen wohnt und wandelt. „Ein Leib, und ein Geist, wie ihr auch berufen seid in einer Hoffnung eurer Berufung“ (Eph 4,4). Und in der Tat, der bloße Name des Heiligen Geistes lehrt uns dasselbe; denn Heiligkeit ist – Trennung vom Bösen. Wie unvollkommen die Verwirklichung dieser Trennung auch sein mag, so Zeigt uns doch jenes Licht, „wie Gott im Licht ist“, das Maß derselben an, weil der Weg zum Allerheiligsten offenbart worden und der Heilige Geist herniedergekommen ist, – um in Kraft einer himmlischen Absonderung, als Mittelpunkt und Macht, in der Kirche zu wohnen wie die Scheschina in Israel. Er stellt die Heiligkeit der Kirche und ihre Einheit in ihrer Absonderung für Gott fest nach seiner eigenen göttlichen Natur und nach der Macht dieser Gegenwart. Das ist die Kirche und ihre wahre Einheit. Wie sehr man sich auch bemühen mag, etwas scheinbar Gutes darzustellen, so kann der geistliche Jünger des Herrn dennoch nichts anders anerkennen.

Wir haben also gesehen, dass die Absonderung vom Bösen der göttliche Grundsatz der Einheit ist. Jedoch zeigt sich uns eine Schwierigkeit, die mit dem hier entwickelten Hauptgegenstand zusammenhängt. Angenommen, das Böse schleiche sich in diesen auf Erden also gebildeten Leib, – würde dann dennoch dieser Grundsatz sich behaupten? Und wie könnte dann die Trennung vom Bösen die Einheit aufrechterhalten? Hier berühren wir das „Geheimnis der Gesetzlosigkeit“ (2. Thes 2). allein der von uns ans Licht gestellte Grundsatz, der der Natur des heiligen Gottes selbst entspringt, kann nicht beseitigt werden. Die Trennung vom Bösen ist unter allen Umständen bezüglich des Wandels und der Gemeinschaft die notwendige Folge der Gegenwart des Geistes Gottes. Doch in diesem Fall erleidet die Sache eine kleine Abänderung. Die Gegenwart Gottes übernimmt da, wo sie vorhanden ist, das Amt eines Richters, weil die Macht gegen das Böse mit der Heiligkeit, welche das Böse verwirft, verbunden ist. Auch in Israel übte die Gegenwart Gottes das Gericht aus; seine Regierung, welche das Böse nimmer dulden kann, war vorhanden. In der Kirche findet dasselbe statt, wenn auch in anderer Weise. Die Gegenwart Gottes zeigt sich auch hier in einem richterlichen Gewand. In der Welt ist dieses noch nicht der Fall, es sei denn durch das Zeugnis; denn Gott ist in der Welt noch nicht offenbart; und mithin reißt seine Gegenwart das Unkraut noch nicht aus dem Acker, sondern „richtet die, welche drinnen“ sind. Also soll die Kirche „den Bösen aus ihrer Mitte tun“ (1. Kor 5,13), und in dieser Weise hält sie ihre Trennung vom Bösen aufrecht. Die Einheit wird durch die Macht des Heiligen Geistes und durch ein gutes Gewissen bewahrt; und damit der Heilige Geist nicht betrübt und der praktische Segen nicht geschwächt werde, sind die Heiligen ermahnt. Zuzusehen, dass „niemand von der Gnade Gottes zurückbleibe“ (Heb 12,15). Und wie wohlgefällig und gesegnet ist dieser Garten des Herrn, wenn er in diesem Zustand bleibt, Blüten treibt und den Wohlgeruch der Gnade Christi verbreitet. Aber ach! wir wissen, dass die Weltförmigkeit sich einschleicht und die geistliche Macht abnimmt. Das Verlangen nach einer solchen Segnung ist geschwächt, weil man sie nicht in der Kraft des Heiligen Geistes genießt; die geistliche Gemeinschaft mit Christus, dem himmlischen Haupt, wird immer geringer, und die Macht, welche das „Böse“ aus der Kirche verbannt, ist nicht mehr in lebendiger Tätigkeit. Der Leib ist von dem Heiligen Geist nicht mehr belebt genug, um den Gedanken Gottes zu entsprechen. Dennoch wird Gott nicht ohne Zeugnis bleiben, sondern den Leib auf irgendeine andere Weise, sei es durch das Wort oder durch Gerichte, zum Bewusstsein des Bösen bringen, um ihn zu seiner geistlichen Energie zurück zu rufen und ihn zum Festhalten der Herrlichkeit Gottes und des Platzes dieser Herrlichkeit zu bewegen. Wenn aber der Leib sich weigert, der wahren Natur und dem Charakter Gottes zu entsprechen, so dass er zu einem falschen Zeugnis für Gott herabsinkt, dann tritt allerdings jener erste, unabänderliche Grundsatz der Trennung vom Bösen wieder in den Vordergrund. Die Einheit, die nach einer solchen Trennung fortbesteht, legt Zeugnis ab, dass der Heilige Geist mit dem Bösen verbunden sei und ist folglich, ihrer Natur nach, der „Abfall“. Sie hält an dem Namen und der Autorität in seiner Kirche fest und verbindet sie mit dem Bösen. Es ist nicht der offenbare Abfall des anerkannten Unglaubens; aber es ist, weil man sich des Namens Gottes bedient, die Verleugnung desselben bezüglich der Macht des Heiligen Geistes. Diese Einheit ist jene große Macht des Bösen, von welcher das Neue Testament spricht, und welche mit der bekennenden Kirche und der Form der Gottseligkeit verbunden ist. Von einer solchen Einheit haben wir uns abzuwenden. Diese Macht des Bösen in der Kirche wird geistlich beurteilt; und man geht davon aus, wenn es feststeht, dass man unvermögend sei, ihr zu steuern. Überall, wo der Leib sich weigert, das Böse hinweg zu tun, verleugnet er in seiner Einheit die Herrlichkeit Gottes; und dann ist die Trennung vom Bösen der Weg des treuen Jüngers. Die Vereinigung aber, die er verlassen hat, ist das größte Nebel, welches da existieren kann, wo der Name Christi angerufen wird. „Jeder, der den Namen des Herrn nennt, stehe ab von aller Ungerechtigkeit“ (2. Tim 2,19). Spott und Verachtung mag durch eine solche Trennung hervorgerufen werden; aber das ändert den Grundsatz nicht; es ist eine Sache des Glaubens; und der sich also Trennende befindet sich in der wahren Kraft der Einheit Gottes.

In dieser Weise belehrt uns das Wort Gottes über die wahre Natur, den Zweck und die Kraft der Einheit und gibt uns den Maßstab, mittelst dessen wir das, was sich als eine Einheit kundgibt, beurteilen und ihren Charakter unterscheiden können. Die Natur der Einheit hat ihre Quelle in der Natur Gottes; denn von einer wahren Einheit muss Gott der Mittelpunkt sein; und in diese Einheit führt Gott uns ein, indem Er, der da heilig ist, uns vom Bösen trennt. Der Zweck und Gegenstand dieser Einheit ist Christus; Er allein ist der wahre Mittelpunkt und das Haupt der Kirche. Die Kraft dieser Einheit ist die Kraft des – als Geist der Wahrheit vom Vater durch Jesus hernieder gesandten – Heiligen Geistes (Joh 16). Ihr Maßstab ist ein Wandel im Licht, wie Gott im Licht ist, sowie die Gemeinschaft mit dem Vater und seinem Sohn Jesus Christus. Sie ist gebaut auf die Grundlage der Apostel und Propheten (des Neuen Testaments), wovon Jesus Christus selbst der Eckstein ist. Das Mittel ihrer Aufrechthaltung ist das Wegtun des Bösen, um durch den Geist die Gemeinschaft mit dem Vater und dem Sohn zu erhalten. Wenn das Böse nicht weggetan wird, so wird die Trennung von denen, die es nicht wegtun, Gewissenssache. Man muss, und wäre man auch allein, zur wirklichen Vereinigung mit dem Haupt, und zwar in einer heiligen Natur durch den Geist, zurückkehren. Der Weg der Heiligen wird auf diese Weise klar.

Ich glaube, dass diese Grundprinzipien, welche ich hier ans Licht zu stellen mich beflissen habe, heutzutage für den Gläubigen, welcher treu und ganz mit Gott wandeln will, von der höchsten Wichtigkeit sind. Es mag peinlich sein, sich außerhalb einer freien Vereinigung zu halten, deren Form vielleicht in der religiösen Welt große Achtung genießt, und welche niemandes Gewissen auf die Probe stellt, sondern einen jeden seinen eigenen Weg gehen lässt. Es mag hart, enge und sektiererisch erscheinen, wenn man sich weigert, sich ihr anzuschließen. Wenn aber der Heilige das Licht Gottes besitzt, so muss er entschieden in diesem Licht wandeln. Gott wird zu seiner Zeit seine Wege rechtfertigen. Liebe zu allen Heiligen ist eine Pflicht; aber nicht ein Wandeln mit ihnen; und wer nicht mit Christus sammelt, der zerstreut.

Fußnoten

  • 1 Epheser 1,9–11: „Er hat uns kundgetan das Geheimnis seines Willens nach seinem Wohlgefallen, nämlich alle Dinge unter ein Haupt in dem Christus zusammen zu bringen, in Ihm, in welchem auch wir zu Erben gemacht sind.“
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