Botschafter des Heils in Christo 1866

Das verlorene Paradies des Menschen und das gefundene Paradies Gottes

Es gibt wohl wenige Bezeichnungen, mit denen der größte Teil der Leser so vertraut ist, wie mit denjenigen eines „verlorenen Paradieses“ und eines „wieder erlangten Paradieses.“ Und in der Tat sind die also bezeichneten Gegenstände von der höchsten Wichtigkeit. Für eine unsterbliche Seele gibt es nichts Wichtigeres. Allein die ungefärbte Wahrheit Gottes stellt diese Dings in ein Licht, welches viel klarer und einfacher ist, als alle die geschmückten Darstellungen des Menschen. Die Geschichte des Falles und der Wiederherstellung des Menschen ist höchst einfach. Durch Unglauben an das Wort Gottes und durch Misstrauen gegen seine Güte ging das Paradies des Menschen verloren; durch Glauben an das Wort Gottes und durch Vertrauen zu seiner Güte ward das Paradies Gottes gefunden. Anstatt sich an die Treue Gottes fest zu klammern und seiner unwandelbaren Gunst zu vertrauen, lieh Eva ihr Ohr der Lüge Satans. Anstatt die gottlosen Einflüsterungen des Feindes augenblicklich von sich zu weisen, lauschte sie darauf und nahm sie an. Das war der Beginn alles Unheils.

Satan täuschte Eva so sehr, dass sie sowohl an der Güte als auch an dem Wort Gottes zu zweifeln begann. Sie verließ den Boden der Abhängigkeit, sie riss sich selbst aus den Händen Gottes los. Der Unglaube trennt von dem lebendigen Gott und führt also zum Tod; der Glaube vereinigt mit Ihm und führt dadurch ins ewige Leben. Sobald Eva dem Zweifel des Vaters der Lügen in ihrem Herzen Raum gab, war ihr Weg ein trauriger und abschüssiger. Sie glaubte nicht – sie gehorchte nicht – sie sündigte – sie fiel, und alle ihre Nachkommen mit ihr. Die Blume Edens war für immer vernichtet; und die ganze Schöpfung lag in Trümmern.

Der Verführer suchte vor allem zuerst durch eine niederträchtige Einschmeichelung ihr Vertrauen zu der Güte Gottes zu erschüttern. „Ja, sollte Gott gesagt haben: Ihr sollt nicht essen von allerlei Bäumen im Garten?“ (1. Mo 3,1) Jedenfalls hegt er hier die Absicht, durch diese Frage einen Zweifel anzuregen. Das ist ganz der Schlange ähnlich; und das gleicht ganz den Kunstgriffen, die er auch heutzutage anwendet. Es war, als hätte er gesagt „Kann das Liebe sein? Ist das Güte, euch die Frucht eines Baumes vorzuenthalten, wovon der Schöpfer weiß, dass sie euch wie Götter machen würde? Aber sollte Er auch wirklich so gesprochen haben? Sollte das wohl seine Meinung sein?“ – Und ach! Eva wurde wankend. Es war ein folgenschwerer Moment. Anstatt zu bezeugen, dass Gott das schöne und liebliche Paradies um ihretwegen gemacht habe, ließ sie die Einflüsterungen des Feindes in ihrem Herzen wirken; sie riss sich los von der Wahrheit Gottes und umklammerte die Lüge Satans. Gott hatte gesprochen; sie besaß sein Wort; und das hatte genug für sie sein sollen. Es führte Jesus zum Sieg, als Er in der Wüste versucht ward. „Es steht geschrieben“, sagte Er, und dieses Wort war der feste Boden, auf dem Er den Feind überwand. Aber der Same des Misstrauens gegen Gott und der Nachlässigkeit in Betreff seines Wortes war jetzt in das Herz Evas gestreut; und dieser Same hat in ihren Nachkommen die schrecklichsten Früchte getragen.

Und die Aufmerksamkeit, die Eva dem Feind schenkte, machte ihn kühner. Er widersprach geradezu dem Wort Gottes. „Ihr werdet mit Nichten des Todes sterben“ (V 4). Welch eine freche Lüge! Es ist nicht mehr ein schönes Einflüstern. Wessen hätte sich Eva erinnern sollen? Hatte Gott nicht deutlich gesagt: „Welches Tages du davon isst, wirst du des Todes sterben?“ Aber fragen wir vielmehr: Befinden wir uns nicht oft in derselben traurigen Lage, wenn wir unsere eigenen Meinungen über das klare Wort Gottes setzen? Und haben diese unsere Meinungen nicht denselben Ursprung? Die Einflüsterungen Satans sind mancherlei Art und bewirken nur zu oft eine Vernachlässigung oder praktische Beiseitesetzung der Wahrheit Gottes. – Indes erhebt Satan nicht nur Widerspruch gegen Gott, sondern er erfindet auch eine furchtbare, anlockende Lüge, indem er sagt: „Gott weiß, dass welches Tages ihr davon esst, so werden eure Augen aufgetan, und werdet sein wie Gott, und wissen, was gut und böse ist“ (V 5). Diese Versuchung war zu stark für die arme Eva; der Hochmut schwellte ihren Busen; sie verlangte zu sein wie Gott. „Und das Weib schaute an, dass von dem Baum gut zu essen wäre, und dass er lieblich anzusehen, und dass es ein lustiger Baum wäre, weil er klug machte; und nahm von seiner Frucht und aß, und gab auch ihrem Mann mit ihr, und er aß. Da wurden ihrer Beider Augen aufgetan, und wurden gewahr, dass sie nackend waren; und flochten Feigenblätter zusammen, und machten ihnen Schürzen“ (V 6–7). Die entsetzliche Tat war jetzt geschehen. Adam lauschte auf sein Weib, nachdem diese auf die Schlange gelauscht hatte. Alles, was je eine Kreatur verlieren konnte, war verloren. Die Freundschaft Gottes – die Unschuld – die Herrschaft – die Würde – die Glückseligkeit – alles war mit einem Schlag vernichtet. Das unglückliche Paar hatte ein böses Gewissen; sie flohen aus der Gegenwart Gottes und trachteten eine eigene Gerechtigkeit zusammen zu sticken. Welche traurigen Früchte des Falles der gefallenen Natur in allen Zeitaltern!

Jetzt aber tritt Gott auf den Schauplatz. Adam ist erschrocken und verbirgt sich hinter den Bäumen des Gartens. Die aus Feigen blättern gemachte Schürze ist, anstatt ihn zu bedecken, nur ein Zeugnis seiner Schuld und Schande. „Und Gott der Herr rief Adam, und sprach zu ihm: Wo bist du?“ (V 9) das war Gnade – freie Gnade. Adam war verloren und Gott suchte ihn. Das ist der herrliche Grundsatz der Erlösung. Der Mensch ist ein verlorener Sünder, und Gott sucht ihn in Liebe. „Denn der Sohn des Menschen ist gekommen, zu suchen und zu erretten, was verloren ist“ (Lk 19,10).

Im Garten Eden offenbart jetzt Gott, wenn auch noch in Dunkel gehüllt, den Plan der Erlösung. Des Weibes Samen soll den Kopf der Schlange zertreten. Das Heilmittel Gottes gegen das Verderben der Menschen ist bei der Hand. Wir zweifeln nicht daran, dass das Wort der Gnade die Herzen des schuldigen Paares erreicht hat. Gott geht bei den gefallenen Engeln vorüber; Er erbarmt sich des gefallenen Menschen. Kostbare Gnade! Der Mensch war von einem mächtigen, ränkevollen Feind betrogen worden. Mit einen: Blicke des zärtlichsten Erbarmens schaut Gott auf ihn in seinem gefallenen, verdorbenen, elenden und hilflosen Zustand herab. Aber während sein Auge voll Mitleid auf ihn herab blickt, ist, sein mächtiger Arm zur Rettung ausgestreckt. Er versieht den Nackenden gnädig mit einem Gewand, welches dem Tod eines anderen sein Dasein zu verdanken hat, so dass die Gefallenen nicht langer nackend sind, weder in ihren eigenen Augen, noch in den Augen anderer. Die Bekleidung Gottes ist eine wahrhaftige. Er verfolgt Satan als die Wurzel des Unheils. Er sagt: „Weil du solches getan hast usw“ (V 14). Aber dem Menschen in seinem gefallenen Zustand darf nicht gestattet werden, zu essen von dem Baum des Lebens und dadurch ein Leben voller Elend hienieden zu verewigen. „Und Gott trieb Adam aus und lagerte morgenwärts vor den Garten Eden die Cherubim, mit der Flamme des zuckenden Schwertes, zu bewahren den Weg zu dem Baum des Lebens“ (V 24).

Jetzt befindet sich der Mensch außerhalb Edens. Die Sünde hat ihn über die Grenze des irdischen Paradieses hinausgetrieben. Die Welt ist für ihn eine Wüste geworden, in welcher er für sein tägliches Brot sich abmühen muss. Der Gläubige wird dort nicht zurückgelassen. Gott führt ihn durch dieselbe gerade dem Himmel zu; aber das irdische Paradies kann nimmer wieder erreicht werden. Es ist für den Menschen in seinem gefallenen Zustand unzugänglich. Der Cherubim mit dem flammenden Schwert bewacht den Eingang zu dem Baum des Lebens. Der Mensch kann seine Unschuld nimmer wiedererlangen. Wohl lesen wir in Psalm 26: „Ich wasche in Unschuld meine Hände und umgehe deinen Altar, o Jehova!“ – allein dieses bezieht sich ohne Zweifel auf die geweihten Priester Gottes unter dem Gesetz, welche ihre Hände und Füße in dem Waschbecken der Reinigung wuschen, bevor sie die heilige Stätte betraten. Die einzige Quelle des Lebens und der Segnung für den mit Sünde bedeckten Menschen ist jetzt Christus in Auferstehung. Er ist von Seiten Gottes das einzige Mittel zur Befreiung von der gefallenen menschlichen Natur und all ihren bitteren Früchten.

Jetzt könnte, angesichts dessen, was wir in Eden gesehen haben, die höchst wichtige Frage erhoben werden: Wie konnte der heilige und gerechte Gott in solcher Gnade dem Menschen, einem Sünder, begegnen, der Ihm nicht gehorcht und Ihn verunehrt hatte. Das ist in der Tat eine Frage, die persönlich jedes Kind Adams betrifft. In der Weissagung: „Er soll dir den Kopf zertreten und du wirst Ihn in die Ferse stechen“, liegt die Antwort. In diesen Worten ist, obwohl dunkel, das große Werk der Erlösung, welches auf Golgatha vollbracht wurde, vorbildlich dargestellt. Der Heiland Jesus Christus, Er, der Gerechte für die Ungerechten, litt und starb am Kreuz, damit Er uns zu Gott führe. Das Gewicht des Zornes Gottes fiel an unserer statt auf Ihn – Christus starb für Sünder. Auf Grund des Werkes Christi, welches, wie Gott voraussah, auf Golgatha vollbracht werden sollte, wirkte Er durch seine Gnade in den Herzen des ersten und gefallenen Paares. Er vergab ihnen ihre Sünde und segnete sie mit seinem Heil kraft der zuvor erkannten Blutvergießung Jesu, seines eingeborenen Sohnes.

das Kreuz ist sowohl der Ausdruck der Gerechtigkeit Gottes, als auch, van Adam bis auf uns herab, der Ausdruck der Rechtfertigung all seiner Wege in Betreff der vergebenden Liebe und Barmherzigkeit. „Zur Erweisung seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der früher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes; zur Erweisung seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass Er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesu ist“ (Röm 3,25–26). dieses ist der einzige Boden, auf dem Gott dem Sünder in Frieden, in Gnade und in Liebe begegnen kann. Aber hier kann Er ihm begegnen übereinstimmend mit sich selbst. Christus hat am Kreuz Gott so vollkommen verherrlicht und die Sünde so völlig ausgelöscht, dass es nun eine gerechte Sache ist, wenn Gott dem Sünder, welcher glaubt, in vollkommener Gnade begegnet, und ihm das gewährt, was Er Christus schuldig ist. Fern von dem Garten Eden stellte Gott durch Vorbilder und Schatten das große Werk, welches Er auf Golgatha zu vollbringen beabsichtigte, vor die Seele des Menschen: Alle, welche während jener Periode Gott glaubten, gemäß der von sich selbst gegebenen Offenbarung, wurden gerechtfertigt auf Erden und hatten, kraft des Opfers Christi, Anspruch ans das Paradies Gottes im Himmel.

Aber die förmliche Darstellung dieser herrlichen Wahrheit blieb der feierlichen seine auf Golgatha selbst vorbehalten. Dort finden wir die vollständige Umänderung des in Eden gefällten Urteils, und zwar in den Worten, die der Herr an den bußfertigen Schächer richtete: „Heute wirst du mit mir im Paradies sein.“ Dort finden wir auch den völligen Widerspruch aller falschen Darstellungen Satans. Er flüsterte den Menschen zu, dass Gott sie nicht wirklich liebe und dass Er ihnen eine Frucht ihres eigenen Gartens missgönne; aber die Antwort Gottes lautete vom Kreuz her: „Ich gebe freiwillig meinen geliebten Sohn hin, um für meine Feinde zu sterben.“ – An demselben Platze, wo der Same des Weibes in schrecklichem Kampf dem Verleumder Gottes und dem Verführer des Menschen begegnete, wurde die Verheißung Edens erfüllt und sein, hier gefällter, ernster Urteilsspruch förmlich umgeändert in Betreff derer, welche glauben. Dort wurde das Haupt der Schlange zertreten und seine ganze Macht vollständig und für immer vernichtet. Und dort ward aufgeschlossen ein neuer und lebendiger Weg, auf dem Gott zu dem Menschen mit den reichsten Segnungen herniedersteigen und auf welchem der Mensch zu Gott emporsteigen kann in der Freiheit, Vollkommenheit und Annahme Christi selbst.

Die Bekehrung des Räubers am Kreuz war die Veranlassung einer völligeren Offenbarung dieser herrlichen Wahrheiten. Der Herr bezeugt dem Unglücklichen in den klarsten Ausdrücken, dass er noch an demselben Tage mit Ihm im Paradies sein würde. In demselben Moment, als der Herr Jesus das Gericht Gottes über die Sünde für uns ertrug und den Weg zum Paradies droben öffnete, wurden auch die Augen dieses Mannes erleuchtet, um sich als einen verlorenen Sünder und Jesus als den Erretter zu sehen. Sein Herz war jetzt für Christus aufgeschlossen und seine ganze Seele mit dem Gedanken an den heiligen Dulder neben ihm erfüllt.

Was den Räuber betrifft, so haben wir ein leuchtendes und wahres Beispiel des Gnadenweges Gottes in uns; während wir in der Person Jesu an seiner Seite das große Gnadenwerk Gottes für uns erblicken. Aber obwohl diese Wahrheiten neben einander zur Schau gestellt werden, so sind sie doch völlig voneinander verschieden. Und dennoch sind sie unzertrennlich mit einander verbunden. Das Gnadenwerk in dem Herzen eines Sünders ist gegründet auf das Werk Christi für den Sünder. Der Geist ist es welcher der Seele die Herrlichkeit der Person und die Vollkommenheit des Werkes Christi offenbart. Die Bekehrung des armen Räubers ist ein bewundernswürdiges Beispiel dieser Wahrheit. Kurz bevor der Wechsel stattgefunden, legt er ein kräftiges Zeugnis für Jesus ab, verurteilt sich selbst und seinen Gefährten und straft die ganze Welt Lügen. „Dieser hat nichts Ungeziemendes getan.“ Aber es scheint auf den ersten Blick höchst bemerkenswert, dass, obwohl er ein solches Zeugnis von dem sündlosen Dulder und von sich, den; vornehmsten der Sünder, ablegt, er nicht um Vergebung seiner Sünden bittet. Wie können wir das erwarten? Ohne Zweifel nahm ihn die Fülle und Herrlichkeit der Person Christi gänzlich in Anspruch. Nur für Christus und für nichts Anders hatte er ein Auge. Augenscheinlich war sein Gewissen erwacht und aufrichtig. „Auch du fürchtest Gott nicht“, ruft er seinem unbußfertigen Gefährten zu, „da du in demselben Gericht bist. Und wir zwar mit Recht; denn wir empfangen, was unsere Taten wert sind; dieser aber hat nichts Ungeziemendes getan.“ Er hat jetzt nur einen Gedanken, nur einen Wunsch, nämlich, dass sein Teil möchte mit Christus sein.

O welch eine Szene stellt in diesem Augenblick Golgatha vor unsere Augen! Die Stätte ist umringt von einer Menschenmasse jeglichen Schlages. Die Welt ist dort repräsentiert und wird durch ihren Fürsten angeregt, den sterbenden Heiland zu schmähen und zu lästern. Auch die beiden Missetäter stimmen, als ihr Ohr die Lästerung vernimmt, zu Anfang dieser schrecklichen Szene mit in das Urteil der Menge ein. Aber einer von ihnen wird bekehrt – Ein Herz ist gebrochen – Einer ist jetzt da, der für Jesus eine Träne vergießt. Er zeugt von Ihm und sucht seine Segnung. Welch ein Labsal für das hinsinkende Herz Jesu. Der Himmel hat dieses Labsal gesandt. Die Erwähnung des „Paradieses“ erinnert den von Gott verlassenen Dulder an die Stätte, wo Er bald sein wird. Christus hat seinen angemessenen Platz in dem Herzen des Neubekehrten. Alles muss diesem zum Besten dienen. Die Furcht Gottes, als der Weisheit Anfang, ist vor seinen Augen. Das Licht Gottes strahlt in seine Seele hinein. Jedes Ding wird jetzt in einem ganz neuen Licht geschaut. Die Sünde, die Heiligkeit, die Gerechtigkeit, Gott, er selbst, Christus, sein Mitschuldiger – alles dieses wird in einen: Licht gesehen, welches die Dinge zeigt gerade sowie sie sind. Aber der leidende, sterbende Heiland an seiner Seite ist der eine große Punkt, woran sein Auge hängt, Und – o kostbarer Glaube! – er wirft sich an das Herz Jesu. „Gedenke meiner, Herr, wenn du in deinem Reich kommst.“ – Obwohl in allen Ängsten des Kreuzes, denkt er dennoch nicht an sich; obwohl er durch den Glauben in Jesu den Herrn erkannt, so bittet er dennoch nicht um Milderung seiner körperlichen Leiden. Er bittet Ihn nur, sich seiner in seinem Reich zu erinnern. O welch eine heilige Absonderung in: Herzen von den: Ich, von der Sünde, von den Leiden, ja von allein, nur nicht von Jesu, dem Haupt des kommenden Reiches!

Aus der Bitte, des sterbenden Missetäters geht vollkommen klar hervor, dass er glaubte, der Herr werde wiederkommen, und zwar in Macht und Herrlichkeit. Dieses aber war umso bemerkenswerter, da sich an dem gekreuzigten Jesus nicht die geringste Spur von Macht oder Herrlichkeit kundgab. Doch der Glaube sieht, wie Gott sieht. Seine eigenen Jünger hatten Ihn verlassen und verleugnet; aber der arme Räuber erkannte Ihn an. Er glaubte, dass sein Reich, welches ein Gegenstand des Spottes und der Verachtung gewesen war, wiederkommen werde, obschon gerade in diesem Moment der König verworfen wurde und sterbend zwischen zwei Missetätern hing. Wie bewundernswürdig ist der Glaube! Doch er war von Gott belehrt; und dieses erklärt alles. In wenigen Augenblicken überschreitet er weit das Maß der Erkenntnis; dessen, was die Apostel in Betreff der Wahrheit erkannten. Er glaubt an die Auferstehung; er glaubt, dass Jesus auferstehen und in voller, königlicher Herrlichkeit wiederkommen werde.

In der Antwort des Herrn wird sein Glaube vollkommen gerechtfertigt. Er hatte sich an das Herz des Heilands geworfen; und die Hilfsquellen dieses Herzens wurden ihm dann und für immer geöffnet. Der Herr offenbart sich seinem sterbenden Heiligen mehr, als ein König. Er ist ein König, aber Er ist noch mehr. Er ist ein Heiland; Er ist Jesus, der Erlöser. „Heute wirst du mit nur im Paradies sein.“ Welch ein kostbares Zeugnis für das Ohr eines sterbenden Heiligen! Und welche Gnade für den vornehmsten der Sünder. Er hatte nicht nötig, bis zu dem Augenblick zu warten, wo die Herrlichkeit des Königs offenbart werden, und jedes Auge Ihn sehen sollte, sondern „hellte“ und „mit mir“, – das waren die gnadenreichen Worte des Heilands Jesu. Es war ein gegenwärtiges Heil. Und von diesem schimpflichen Kreuz stieg er in ein weit heiligeres, glückseligeres und glänzenderes Paradies hinab, als dasjenige war, welches unsere ersten Eltern durch Übertretung verloren hatten. –

„Aber“ – könnte jemand fragen – „ist denn die Seele bei jeder Bekehrung so unmittelbar für den Himmel bereitgemacht, wie dieses bei dem bußfertigen Räuber am Kreuz der Fall war?“ Gewiss, ohne Zweifel. Der zu stand des Gläubigen in Christus und sein Rechtsanspruch auf den Himmel sind von Anfang an dieselben. Seine Erfahrungen mögen tief unter seiner Stellung stehen; und er mag nicht zu allen Zeiten fähig sein, seine Rechtsansprüche klar zu erkennen; aber nichtsdestoweniger sind sie stets dieselben. „Wer den Sohn hat, hat das Leben.“ Jeder Gläubige hat Christus; und etwas Höheres gibt es nicht.

In der Predigt des Evangeliums ist der Sünder eingeladen, gerade sowie er ist zu Christus zu kommen. Er ist, wie auch eben der Gemütszustand, wie auch die Geschichte seines vergangenen Lebens sein mag, aufgefordert, wo und wie er ist, dem Zeugnis Gottes bezüglich seines geliebten Sohnes zu glauben – im Glauben auf Christus zu schauen – mit aufrichtigem Herzen zu Ihm zu kommen, der gesagt hat: „Wer zu mir kommt, werde ich nicht hinausstoßen.“ Alle, welche kommen, finden Aufnahme; niemand wird abgewiesen. Sie mögen hernach eine Zeitlang in Gesinnung und Wandel umherirren, so hat dennoch der Herr gesagt: „Ich will niemanden hinausweisen.“

Das Evangelium verrät keinen Gedanken, als ob der Sünder, um für den Heiland geschickt zu sein, etwas tun, etwas fühlen, oder etwas sein müsse. Der Sünder ist als verloren bezeichnet. Geringeres gibt es nicht. In diesen: schrecklichen Zustand wird er eingeladen, aufgefordert, ja dringend gebeten, auf Jesus zu schauen, um gerettet zu sein. „Schaut auf mich, alle Enden der Erde, und ihr werdet gerettet sein; denn ich bin Gott und keiner außer mir.“ – Der Sünder findet Rettung nicht für das Hinaufschauen und nicht nach dem Hinaufschauen, sondern im Hinaufschauen. War es eben der erste, zweite, oder dritte Blick auf die eherne Schlange, wodurch der sterbende Israelit neues Leben empfing? Wir wissen alle, dass es der erste Blick war. Neun er nur aufblickte, so lebte er. Und gerade so ist es in Bezug auf den verlorenen Sünder. Wenn er zu Jesu gläubig emporblickt, so ist er gerettet. Und lasst uns wohl beachten, dass das, was ihm begegnet, das „Heil Gottes“ ist, welches jegliche Segnung einschließt. Hier beginnt der Gläubige seine Ewigkeit mit dem gesegneten Sohn Gottes, obgleich er nicht an demselben Tage ins Paradies gehen mag. Er mag seine hohe Berufung aus dem Auge verlieren und Handlungen begehen, die mit seinem neuen Leben und mit Ihm, der dessen Quelle ist, im Widerspruch stehen; aber nichtsdestoweniger bleibt das Leben unveränderlich dasselbe. Christus ist das Leben des Gläubigen; und nimmer kann das Leben Christi berührt werden. Dieses alles ist von dem Augenblick an völlig wahr, wo der Sünder dem Zeugnis Gottes in Bezug auf Jesus glaubt. Der Gläubige selbst mag es bezweifeln; „aber das Wort des Herrn bleibt in Ewigkeit. Dies ist aber das Wort, das euch verkündigt ist“ (1. Pet 1,25).

Der bußfertige Räuber am Kreuz liefert uns zu diesen kostbaren Wahrheiten ein schlagendes Beispiel. Was war er? War er ein sittlicher Mann? New. Ein religiöser Mann? Nein. Was denn? So viel wir wissen, war er ein Räuber, und erlitt gerade jetzt die letzte Strafe des Gesetzes für seine Verbrechen. Nichtsdestoweniger blickte er, durch die Gnade dazu zubereitet, auf Jesus, indem er rief: „Herr, gedenke mein!“ – und fand Rettung am Fluchholz. Seinem brechenden Auge begegnete ein Blick vollkommener Liebe; und sein Herz fand die Versicherung eines gegenwärtigen Heils. Vor seiner Bekehrung hatte er nichts Gutes getan; und sicher hatte er nachher keine Gelegenheit dazu. Er konnte vor seinem Tod weder getauft werden, noch Teil nehmen an dem Tisch des Herrn. Er war ans Kreuz genagelt. So viel wir wissen, ging er von der Erde in den Himmel, ohne sich irgendeiner guten Handlung rühmen zu können. Und dennoch war er von dem Augenblick an, wo er an Jesus glaubte, zubereitet, Ihm im Paradies begegnen zu können. Und so handelt die wunderbare Gnade Gottes gegen jeden armen, verlorenen Sünder, der an Jesus glaubt. Gepriesen sei sein Name dafür! Außer Jesu bedürfen wir nichts; wir haben alles in Ihm, wir haben Ihn von dem Augenblick an, wo wir zu glauben beginnen. Hätte der Räuber noch hundert Jahre nach seiner Bekehrung gelebt, und hätte er einen Überfluss an guten Werken aufzuweisen gewusst, so würde er allerdings, als Belohnung für die dem Herrn frei geleisteten Dienste eine weit reichere Krone erlangt haben, aber nimmer würde er fähiger geworden sein für das reine Licht des Paradieses Gottes im Himmel.

Schließlich möchte ich fragen: „Ist auch mein Leser also vorbereitet – also bereit, den gegenwärtigen Schauplatz in irgendeinem Augenblick zu verlassen und emporzusteigen zu dem vollkommenen Licht der Gegenwart Gottes im Himmel? Wenn der Herr Jesus jetzt im Begriff wäre, zu kommen, oder wenn, wie in vorliegendem Fall, das Auge im Tod zu brechen und der Pulsschlag des Herzens zu stocken begönne, würde dann die Stunde des Scheidens eine glückliche oder trostlose sein?“ Diese Frage ist ernst und wichtig. Es ist eine Frage, die einmal früher oder später vor unsere Seele treten muss. In einem solchen Augenblicke ist ein bloßes Bekenntnis geringer, als gar nichts. Es ist nur ein Blendwerk und ein Zeugnis unserer Heuchelei. Christus selbst und nur Christus verleiht dem Sünder die Fähigkeit für das Paradies Gottes. Nichts anderes besaß der arme Räuber; und keines anderen bedurfte er.

Wisse denn, mein Leser, dass in uns durchaus nichts Gutes wohnt, und dass, wenn wir nicht in dem Kleid eines Ändert: vor Gott erscheinen, unser Platz für immer in der äußersten Finsternis sein wird. Stehen wir nicht in der Fülle Christi vor Gott, so haben wir alles verloren; wir haben den Himmel verloren, Christus verloren, die Seele verloren, ja alles und für immer verloren. Drum sage mir: Ist Jesus dein – dein durch den Glauben? Gibt es noch eine Ungewissheit betreffs dieser Frage in deiner Seele? O dann säume nicht, ruhe nicht, schlafe nicht, bis du dich völlig in Sicherheit siehst durch den Glauben an das Blut des Lammes, welches reinigt von aller Sünde. Hast du dich erkannt und verurteilt als einen durchaus verdammungswürdigen Sünder? Glaubst du dem Zeugnis Gottes bezüglich der Person und des Werkes Christi? Ist dieses der Fall, so bist du sicher gerettet. Christus selbst ist dann dein Eigentum. Er gab für uns sein Leben hin. Er ist jetzt der vollkommene Ruhepunkt deiner Seele. „Glaube nur“, und Er wird für immer und ewig deine Krone, deine Freude und Herrlichkeit sein. „Denn also hat Gott die Welt geliebt, dass Er seinen eingeborenen Sohn gegeben, auf dass jeder, der an Ihn glaubt, nicht verloren sei, sondern ewiges Leben habe. Denn Gott hat seinen Sohn nicht in die Welt gesandt, dass Er die Welt richte, sondern dass die Welt durch Ihn gerettet werde“ (Joh 3,16.37). „Und es geschah eine Stimme aus der Wolke, welche sagte: Dieser ist mein geliebter Sohn, Ihn hört“ (Lk 9,35).

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