Betrachtung über das Evangelium nach Lukas

Lukas 1 und 2

Betrachtung über das Evangelium nach Lukas

Diese beiden Kapitel wollen wir zusammen betrachten.

Gleich zu Beginn entdecken wir etwas auffallend Charakteristisches. Lukas schreibt seinem Freund Theophilus. Zweifellos war er sein Freund in göttlichem Sinn, sein Geliebter im Herrn, sein Genosse in der Liebe Gottes, und er redet ihn an in der Hoffnung, dass sein christlicher Freund und Bruder durch dieses Evangelium, das er zu veröffentlichen im Begriff stand, in allem, was ihn und Lukas miteinander verbunden hatte, fester gegründet werden und Fortschritte machen möchte. Aber das geschieht alles in einer für Lukas bezeichnenden Art, nämlich mit der Güte menschlicher Zuneigungen, die ihn mit Theophilus verbanden. Ferner berichtet er ihm von seiner eigenen persönlichen Kenntnis der Dinge, über die er zu schreiben im Begriff war, was kein anderer Evangelist tut, und auf diese Weise bringt er etwas von einem menschlichen Stil in diese heilige Aufgabe. Er stellt sich uns gewissermaßen vor als jemand, dessen menschliche Fähigkeiten und Zuneigungen in den ihn beschäftigenden Dingen geübt worden sind und der einen anderen über diese Dinge in derselben Weise anspricht.

Aber obgleich seine Worte diesen menschlich-vertraulichen Ton annehmen und in einem Kanal von Mitteilungen eines Freundes an den anderen zu fließen scheinen, ist der Heilige Geist in jedem Gedanken und Wort unseres Evangelisten doch gerade so klar und vollständig, als teile er etwas mit, wovon er keine persönliche Kenntnis hatte. David kannte Gottes Verheißung, dass Er den Christus erhöhen und auf seinen Thron setzen würde, und doch sprach er durch Inspiration als ein Prophet von der Auferstehung (Apg 2,30.31). Der Herr selbst gab Seinen Aposteln Befehle, und doch wird uns gesagt, dass Er es durch den Heiligen Geist tat (Apg 1,2). Das alles dient dazu, uns die gleiche, volle Inspiration des göttlichen Wortes sicher zu machen. Sei es der Herr, der Seinen Aposteln befiehlt, oder sei es Lukas, der sich seinem Freund mitteilt, das eine wird weder bloß aus der persönlichen Kenntnis des Herrn noch das andere aus der persönlichen Kenntnis des Lukas heraus getan, sondern beides gelangt zu uns unter dem Siegel des Heiligen Geistes.

Nach dieser einführenden Anrede an seinen Freund kommt Lukas auf seinen Gegenstand in aller nur denkbaren Schlichtheit zu sprechen, so groß und gesegnet dieser auch ist. Nichts kann zu seiner Zeit vollkommener sein. Die erhabene Sprache, in der Johannes seine heilige Aufgabe beginnt, den Sohn Gottes zu schildern, entspricht ganz dem Charakter eines so hohen Vorhabens. „Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott.“ Das macht sofort klar, welche Art Offenbarung kommen wird. Aber hier haben wir etwas davon ganz und gar Verschiedenes, jedoch an seinem Platz ebenso Vollkommenes – „Es war in den Tagen des Herodes, des Königs von Judäa, ein gewisser Priester.“ Es klingt wie eine einfache Erzählung, wie eine Geschichte früherer Tage, als die Wahrheit noch klar und ungeschminkt zu sein pflegte. Die Aufmerksamkeit ist im Augenblick gefesselt, entzückt von diesem ungekünstelten Bericht von Gottes geschickter Hand. Sie leitet die Gedanken, obwohl in die tiefsten und wunderbarsten Szenen, dennoch so sanft, dass das Herz wie mit starken Seilen angezogen wird. Wir mögen noch nicht wissen, wohin wir geführt werden, aber der Geist der Offenbarung hat uns fest bei der Hand, um uns zu leiten, wohin es Seiner Gnade und Weisheit gefällt.

Auch die augenblickliche Szene ist hierdurch gekennzeichnet. Sie stellt uns mitten in häusliche Verhältnisse mit ihren menschlichen Gefühlen und Zuneigungen. Wir hören von den die Geburt des Täufers begleitenden Umständen und von seinem Elternhaus. Aber so einfach dies alles ist, liegen darin doch Geheimnisse verborgen.

Zacharias und Elisabeth erscheinen vor uns wie Abraham und Sara, Isaak und Rebekka, Elkana und Hanna in früheren Tagen. Sie waren gerecht, aber kinderlos. Sie befanden sich gerade an dem Platz, an den der letzte Prophet Israels den treuen Überrest gestellt hatte: Sie gedachten des Gesetzes Moses (Mal 3) und wandelten untadelig in den Satzungen des Herrn. Dennoch waren sie kinderlos und somit Zeugen an sich selbst, dass alle ihre Kraft in Gott gefunden werden musste, der durch denselben Propheten einen Wiederhersteller verheißen hatte. Ihr gerechter Wandel in den Satzungen war ebenso sehr eine Vorbereitung auf den verheißenen „Boten“, wie die Annahme des Boten danach eine Vorbereitung auf den „Herrn des Tempels“ hätte sein sollen. Solchen wird also jetzt Elia, der verheißene Bote, gegeben, und seine Geburt leitet, wie wir hier sehen, über zur Geburt des verheißenen Herrn des Tempels (Mal 3), vor dessen Angesicht er hergehen sollte, so wie die Dämmerung das volle Tageslicht ankündigt.

In der Art dieser beiden Geburten bemerken wir demzufolge einen Unterschied. Johannes, ein Kind der Verheißung, wird durch eine besondere Gnade Gottes geboren, indem Er bei der Mutter eine natürliche Fähigkeit wiederherstellt. Der Herr Jesus jedoch, der Sohn Gottes, wird nicht durch irgendeine Begabung der Natur, sondern weit über alle Natur hinaus durch den Heiligen Geist geboren. Der eine ist das Kind eines unfruchtbaren Weibes, der Andere das Kind einer Jungfrau. Und das ist ein wunderbarer Unterschied. Elisabeth war die Mutter des Geretteten, Maria die des Retters. Elisabeths Kind war geheiligt, Marias Kind jedoch der Heiligende. Welch ein gewaltiger Abstand! Das Kind einer unfruchtbaren Frau ist immer das Symbol des Geretteten oder der Familie Gottes gewesen; denn es redet zu uns von der Gnade und der Gabe Gottes für die Unvermögenden und Bedürftigen (Jes 54,1; Joh 1,13; Röm 9,8). Aber der Herr Jesus war das erste und einzige Kind einer Jungfrau; und das zeigt uns, dass Er, obgleich Er der Kinder wegen an Fleisch und Blut teilgenommen hat, in der Fülle Seiner Person erhaben ist über alle Natur.

So ist hier die Dämmerung, und so der helle Tag. Es sind dies der Prophet des Höchsten und der Höchste selbst, der Bote und der Gott Israels. Bis jetzt war alles nur Finsternis gewesen. Die Haushaltung des Gesetzes (als ein Bund der Werke) hatte nur erwiesen, dass der Mensch Finsternis war, und hatte ihn auch dort gelassen. Sie hatte als ein Zeugnis besserer Dinge, die kommen sollten, nur deren Schatten gespendet. Sie leuchteten gleichsam wie Sterne in der Nacht und bezeugten, dass es immer noch Nacht auf der Erde war. Aber jetzt nahte ein anderer Zeitabschnitt – die Zeit, in der Gott erscheinen sollte, und „Gott ist Licht“.

Eine solche Zeit wird hier eingeleitet, und zwar mit allem ihr gebührenden feierlichen Ernst, aber auch voller Freude und Freiheit, deren sich der erhabene Gott immer bedient, wenn Er hervortritt. Die Grundlagen der ersten Schöpfung wurden mit Jubel und Jauchzen gelegt (Hiob 38,7). Und das war das Unterpfand des Himmels, dass Gott Seine Geschöpfe glücklich zu machen beabsichtigte. Diese Absicht war in der Tat notwendig, denn „Gott ist Liebe“. So ist es in diesen Kapiteln. Die Grundlagen einer anderen Schöpfung werden hier in dem Kind von Bethlehem gelegt, und wieder ist alles Freude, sowohl im Himmel als auch auf der Erde.

Gott erscheint aufs Neue, und da muss Freude sein, denn Kummer kann nicht weilen, wo Er ist. „Majestät und Pracht sind vor seinem Angesicht, Stärke und Freude in seiner Wohnstätte“ (1. Chr 16,27). Das Brot der Trauer darf nicht in Seinem Heiligtum gegessen werden; denn sowohl Freude als auch Heiligkeit wohnen dort. So ist auch hier alles Freude. Heerscharen von Engeln bringen Lob dar, die Hirten wiederholen die gute Botschaft dieser wunderbaren Ereignisse, die Lippen Marias, Zacharias' und Elisabeths werden aufgetan, um die Wunder der Gnade zu erzählen; die Erwartung des alten Simeon hat sich erfüllt, die Witwenschaft der Prophetin Anna ist vorüber – und das Kind selbst hüpft im Mutterleib vor Freude. Alte Männer und junge Mädchen, junge Männer und Kinder – alle haben in diesem Augenblick ihren Anteil an einer reicheren Freude als damals, da die Morgensterne miteinander jubelten. Die Freude der Schöpfung hörte leider bald auf, und Seufzen wurde stattdessen gehört; denn der Mensch befleckte sehr bald Gottes Werk. Und doch wurden ihre Grundlagen unter Jubel gelegt. So ist es auch hier. Wie bald mag die Freude in dieser bösen Welt zum Schweigen gebracht werden und die Tochter Zion sich als dafür nicht zubereitet erweisen! Wir können daraus lernen, dass Gesänge des Himmels, fallen sie auf ein träges Herz, keine Antwort auf der Erde erhalten; aber dennoch werden die Grundlagen dazu, wie bei dem früheren Werk Gottes, in heiliger Freude gelegt.

Wie eindrucksvoll entfalten sich diese Kapitel vor unseren Augen! Eine lange und traurige Zeit seit den Tagen der Rückkehr aus Babylon war vorüber, und der Morgen bricht nun an. Die Himmel sind geöffnet, und die Wüsten Israels werden wieder heimgesucht.

Wer hatte vorher mit einem solchen Tag gerechnet? Der Priester war an dem gewohnten Altar, die Jungfrau von Nazareth zu Hause in den üblichen Umständen des menschlichen Lebens, und die Hirten bewachten wie immer die Herde, als die Herrlichkeit des Herrn leuchtete und aufs Neue aus der Gegenwart Gottes schien. Und Gabriel kann ohne Zurückhaltung am heiligen Ort bei dem Priester stehen und ohne Hemmung in der armen Behausung der Jungfrau weilen. Ungezwungenheit und Gnade sind die Merkmale dieser himmlischen Besuche – glückliche Pfänder kommender, noch glänzenderer Tage! Aber der Bote Gabriel, obwohl er am Altar steht, steigt nicht, wie der Engel des Herrn vor alters (Ri 13,20), in der Flamme des Altars empor, noch spricht er, obwohl er im Tempel steht, von sich selbst, dass er größer sei als der Tempel, wie später Jesus-Jehova. Denn er hat nur seinen Platz als Diener auszufüllen und nimmt daher keinen höheren ein.

Das ist sehr gesegnet, wie alles andere auch. Aber diese Tage werden ein noch helleres Original in den Tagen des kommenden Reiches haben: Die Ungezwungenheit und Gnade, der Glanz und die Freude werden größer sein als bisher gekannt. Die Unterpfänder werden mehr als nur eingelöst werden, denn das ist die Weise unseres Gottes. Er wird das Tun Seiner Hände deutlich und klar machen und die Verheißungen Seiner Gnade durch Seine Segnungen weit übertreffen.

Beschäftigen wir uns auch noch mit den herrlichen Aussprüchen des Geistes durch Seine Gefäße und Kanäle in diesen Kapiteln! Welche Fülle von Gedanken und Gefühlen quillt von den Lippen Marias, Zacharias' und Simeons!1 Und wie beglückend ist es, wenn unsere Herzen in Übereinstimmung mit ihnen etwas von diesen Empfindungen ausfließen lassen und ein wenig von diesen geistlichen Zuneigungen erfüllt sind! Aber wir kennen die Trägheit unserer Herzen nur zu gut.

Das war also die Geburt dieser beiden Kinder und die sie begleitende Freude des Himmels und der Erde, wie sie in diesen ausnehmend schönen Kapiteln beschrieben wird. In ihrem weiteren Verlauf erhalten wir noch andere Mitteilungen über diese heiligen Kinder. Ihr Wachstum an Gestalt und Weisheit, während sie noch jung waren, wird nur hier erwähnt, und das ist, wie schon bemerkt, ganz in Übereinstimmung mit der Absicht des Geistes Gottes in diesem Evangelium. Denn hier wird uns der Mensch vorgestellt. Diese Blicke in die Kindheit und Jugend des Herrn Jesus sind an sich schon lieblich und rührend, aber auch in Anbetracht des Charakters unseres Evangeliums. Jetzt ist Er das Kind, wie Er später der Mann sein wird. In jedem Alter ist Er gleichmäßig und vollkommen Gott wohlgefällig, dem Er jeden Abschnitt Seines irdischen Lebens weiht. Hier sehen wir Ihn in Unterwürfigkeit gegenüber Seinen Eltern in Nazareth, aber auch in Gunst sowohl bei Menschen als bei Gott. Das alles war Frucht „zu seiner Zeit“. Noch war Er nicht berufen, für Gott gegen diese Welt zu zeugen. Wenn die Zeit dafür gekommen sein wird, werden wir Ihn auch dann in Vollkommenheit sehen, und Er wird den entsprechenden Hass erfahren, wie Er jetzt die geziemende Gunst des Menschen genießt (Joh 7,7). Aber bis jetzt ist Er nur das vollkommene Kind, Seinen Eltern zu Hause unterwürfig, geziert mit jedem göttlichen Schmuck, der einer solchen Person gebührt, und so empfiehlt Er sich den Herzen und Gewissen aller.

Auch heiliger Eifer in der Erlangung aller göttlichen Weisheit kennzeichnet dieses teure und heilige Kind. Jedes Jahr brachte ordnungsgemäß das Ihm eigene Wachstum mit sich. Aber Gott selbst war der Gegenstand Seines Herzens, Seine einzige Beschäftigung. Denn der Tempel war, wie wir hier sehen, der Schauplatz zur Entfaltung dessen, was Er mit Eifer in Seiner Jugendzeit aufgenommen hatte. Viele laufen hin und her und vermehren Kenntnisse aller Art, wie sie sie in den rührigen Schulen der Menschen erlangen können. Aber alle Kenntnis, die dieses Kind suchte und erwarb, war dem Heiligtum angemessen. Nicht in den Schulen, sondern im Tempel Gottes brachte Er die Frucht Seines eifrigen Fleißes hervor.

Indessen ist der Mensch darauf nur wenig vorbereitet, was wir hier sehen. Seine Verwandten im Fleisch verstehen dieses Kind nicht. Sie freuen sich vielleicht, dass Er als ein frommes Kind die Aufmerksamkeit auf sich zieht, und meinen, Er sei auf Wunsch anderer, die Ihn sehen und beobachten wollten, von der Reisegesellschaft festgehalten worden. Die Eitelkeit einer Mutter mag das vermuten.2 Und als sie Ihn vermissen, suchen sie Ihn, wo das Fleisch Ihn suchen würde. Aber dort war Er nicht. In all diesem offenbart sich die arme menschliche Natur. In der Eitelkeit, der irregeleiteten Suche, dem Erstaunen und dem verständnislosen Verweis Marias zeigt sich, was der Mensch ist. Jesus, das Kind, beginnt so, die verderbte Natur bloßzustellen. „Wusstet ihr nicht?“ kann Er zu ihnen sagen. Ohne Frage hätte dieses Kind sagen können: „Verständiger bin ich als alle meine Lehrer, denn deine Zeugnisse sind mein Sinnen. Mehr Einsicht habe ich als die Alten, denn deine Vorschriften habe ich bewahrt“ (Ps 119,99.100). Welch ein Trost ist das alles für uns! Es ist köstlich zu wissen, dass unser Gott auf dieser unserer Erde einen Gegenstand gehabt hat, auch einen Sohn des Menschen, an dem sich Sein ganzes Herz erfreute. Aber nur von dem Herrn Jesus kann das gesagt werden.

Fußnoten

  • 1 Die Juden schrieben oft, wie wir wissen, über ihren Messias unter dem Namen „Menachem“, d. h.“Tröster“, wie von Simeon hier gesagt wird, dass er auf den „Trost Israels“ wartete, d. h. auf den Messias. Und es liegt der Gedanke nahe, dass dies den Herrn selbst veranlasste, von dem Heiligen Geist als von dem „anderen Sachwalter“ oder „Tröster“ zu sprechen.
  • 2 Ein anderes treffendes Beispiel derselben Gesinnung Marias fin­den wir in Johannes 2, 3.
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel

Ihre Nachricht