Betrachtung über das Evangelium nach Lukas

Lukas 6

Betrachtung über das Evangelium nach Lukas

Den Inhalt des 6. Kapitels finden wir auch bei Matthäus und Markus. Was die Berufung der Apostel betrifft, so geschieht sie hier nach Gebet, was von den anderen Evangelisten nicht erwähnt wird. Auch bei anderen Gelegenheiten ist die Mitteilung, dass der Herr im Gebet war, bezeichnend für Lukas. Das zeigt uns, dass wir den Herrn Jesus hier mehr als Mensch vor uns haben, weniger als einen Juden oder als den Sohn Gottes. Denn ein Jude, unter dem Gesetz betrachtet, wurde eigentlich nicht zum Gebet aufgefordert, weil das Gesetz ihn auf seine eigene Kraft stellte. Das Gebet ist der Ausdruck der Abhängigkeit, der ersten Pflicht des Menschen als Geschöpf, der zu lernen hat, auf Gottes allumfassende Macht zu warten.

Durch diese Berufung wurden die Zwölf von nun an in besonderer Weise um die Person des Herrn geschart, denn sie sollten „bei ihm sein“ (Mk 3,14). Hierüber seien einige Gedanken geäußert, die uns zum Nutzen sein werden.

Zwischen Vertrautheit und Vertraulichkeit besteht ein großer Unterschied. Ich mag vertraut sein mit den Umständen und Verhältnissen, in denen jemand gewöhnlich lebt, wie es z. B. bei Dienern im Hinblick auf die Gewohnheiten ihres Herrn der Fall ist, ohne jedoch mit ihm innig verbunden zu sein. Das wird uns in der Geschichte des Herrn besonders treffend illustriert.

Der Hauptmann (Kap. 7), die Syro-Phönizierin oder auch Maria, die Schwester des Lazarus, waren verhältnismäßig wenig in der Umgebung des Herrn Jesus. Wir finden sie nicht in Seiner Begleitung, wo immer Er auch ging; sie kreuzten sozusagen Seinen Weg nur gelegentlich. Aber wenn sie in die Lage kommen, sich mit Ihm zu beschäftigen, tun sie es mit einem klaren und gesegneten Verständnis und zeigen, dass sie Ihn kennen, wer Er ist und was Er ist. Sie machen Ihm gegenüber keinen Fehler, während gerade die Apostel, die dem Herrn doch Tag für Tag dienten, immer und immer wieder die Unwissenheit und den Abstand der menschlichen Natur offenbarten.

Liegt darin nicht eine große Belehrung für uns? Besteht nicht die Gefahr, dass wir mehr mit den Dingen Christi bekannt sind, als dass unsere Herzen mit Ihm selbst wirklich vertraut sind? Ich mag mich mit diesen Dingen oft beschäftigen, mag viele Bücher über Ihn lesen, über Ihn sprechen, ja, sogar über Ihn schreiben, auch eine rege Tätigkeit in Seinem Dienst entfalten, während andere, wie z. B. der Hauptmann, nichts dergleichen aufzuweisen haben. Aber in ihrem Wachstum an göttlicher Erkenntnis und lebendigem Verständnis über Ihn sind sie mir weit voraus. Saul hatte an seinem Hof David als seinen Spielmann um sich, so oft er es wünschte oder ihn nötig hatte, aber er kannte David nicht.

Das ist für uns sehr lehrreich, Geliebte. Die Volksmenge, die den Herrn begleitete und Seine Schritte beobachtete, mag imstande gewesen sein, sogar einer Maria von Bethanien, wenn sie es gewünscht hätte, viele Auskünfte über Ihn zu geben. Hunderte im Land, wie auch die Zwölfe, mögen ihr über alles berichtet haben, was der Herr getan hatte, über Sein Umherwandeln, über Seine Reden, die Er gehalten, und die Wunder, die Er getan hatte. Sie hatten Erlebnisse hiervon in Fülle, Maria dagegen nur wenige. Aber es braucht wohl nicht gesagt zu werden, dass sie die Volksmenge an wahrer Erkenntnis über Ihn weit übertraf. Ist es nicht heute ebenso? Wie viele von uns können Belehrungen über die Dinge Christi geben und Fragen richtig beantworten, aber die Herzen der von uns Belehrten genießen diese Dinge vielleicht weit mehr als wir selbst. Die Kenntnisse, die eine Maria aus den Berichten der Volksmenge oder sogar aus dem Mund der Apostel erwarb, waren für sie von ganz anderem Wert, als sie es vorher für jene selbst gewesen waren. Eine arme Unbekannte in der Volksmenge, die Jesum in Bescheidenheit, aber auch in allem Ernst suchte, beschämte die Gedanken jener, die berufen waren, in Seiner allernächsten Nähe zu sein, selbst die eines Petrus (Lk 8,45).

Was wir nötig haben, ist nicht so sehr, Mitteilungen über Ihn zu sammeln, als vielmehr göttliche Kraft, um das, was wir wissen, zu verwirklichen und durch die Kraft des Heiligen Geistes umzuwandeln in eine Sache der Gemeinschaft mit Ihm, der Pflege und Belebung unserer erneuerten Zuneigungen. Dann, aber auch nur dann allein, sind wir das, was Gott aus uns machen will. Kolosser 3,16 belehrt uns, dass wir bei allem Forschen nach Erkenntnis und bei der Aufnahme des „Wortes des Christus“, des Inbegriffs aller Weisheit, darum besorgt sein sollten, die einfältigen Zuneigungen unserer Seele zu nähren. Loblieder im Herzen sollten das in uns wohnende Wort der Weisheit und Erkenntnis begleiten (Eph 5,19). Ist das nicht der Fall, wird die Erkenntnis des Wohlgeschmacks und der Kraft ermangeln, um uns selbst und andere zu erbauen.

Das soll nun nicht heißen, dass wir die Tätigkeit für den Herrn oder gar die tägliche Beschäftigung mit den Dingen des Herrn und Seines Volkes in dieser Welt aufgeben sollen. Vollkommenheit ist nur in Ihm, und in diesem lebendigen Vorbild finden wir beides: Tätigkeit im Dienst, wann und wo immer ein Bedürfnis an Ihn herantrat, aber auch allezeit durch den Geist ein tiefes Bewusstsein von der Gegenwart Gottes. Dies allein ist der Weg zu einer völligen Übereinstimmung mit unserem großen Vorbild.

Die weiteren Belehrungen dieses Kapitels finden wir in der Bergpredigt bei Matthäus. Wir brauchen nicht zu entscheiden, ob der Herr sie bei zwei verschiedenen Gelegenheiten gab oder ob uns ein und dieselbe Begebenheit von den beiden Evangelisten nur verschieden berichtet wird.1

Der Geist hat offenbar bei Lukas einen allgemeineren Zweck im Auge als bei Matthäus. In Matthäus wendet sich der Herr in besonderer Weise an jüdische Zuhörer. Daher finden wir dort Belehrungen, die sich, möchte man sagen, ausschließlich an das Gewissen eines Juden richten, indem sie ihn an das Gesetz und die Propheten erinnern. Diese sind hier weggelassen, denn der Herr spricht zum Menschen im Allgemeinen. Die Ausdrücke: „Ihr habt gehört, dass zu den Alten gesagt ist“, der Hinweis auf „das Gesetz und die Propheten“, auf die Irrtümer hinsichtlich des Fastens, der Almosen und der Gebete, die unter den Juden so verbreitet waren, fehlen hier gänzlich. Dagegen werden hier sittliche Grundsätze erwähnt, die sich ganz allgemein an das Herz und Gewissen des Menschen wenden.2

Alles das ist in völliger Übereinstimmung mit den Gedanken des vollkommenen Lehrers, dessen Belehrungen hier und dort so verschieden berichtet werden. Es ist sicher wahr, dass der Herr ein Diener der Beschneidung war und die jüdischen Grenzen in Seinem gegenwärtigen Dienst nicht überschreiten konnte, aber Er konnte in dem Juden auch den Menschen sehen. Es war das Wohlgefallen des Heiligen Geistes, uns bei Lukas zu zeigen, dass die Gedanken des Herrn sich auf den Menschen ausdehnten und Er ihn auf diesem Weg zu erreichen suchte, indem Er sich nicht nur mit dem jüdischen, sondern auch mit dem menschlichen Gewissen und Zustand beschäftigte.

Fußnoten

  • 1 Es ist von anderen darauf hingewiesen worden, dass die Predigt in Matthäus auf einem Berg und die in Lukas „auf einem ebenen Platz“ stattfand (Mt 5,1; Lk 6,17). Auch gibt es Beispiele dafür, dass der Herr dieselben Dinge zu verschiedenen Zeiten geredet bzw. getan hat (vgl. Mt 9,32–34 mit 12,22–24; auch 16,21; 17,23 und 20,17.19).
  • 2 Die Warnungen vor der Habsucht, die selbstverständlich diesen allgemeinen oder sittlichen Charakter haben, bilden hiervon eine Ausnahme, denn sie werden in Lukas nicht erwähnt, obwohl wir sie bei Matthäus finden. Aber wir werden sehen, dass sie hier nur fehlen, um sie an anderer Stelle unseres Evangeliums in Verbindung mit anderen Szenen und Wahrheiten zu erwähnen, zu denen sie in moralischer Hinsicht besser passen (siehe Kapitel 12).
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