Betrachtung über das Evangelium nach Lukas

Lukas 4

Betrachtung über das Evangelium nach Lukas

Aber Satan konnte das alles nicht zulassen. Er konnte nicht dulden, dass der Herr Jesus als Sohn Gottes anerkannt wurde, und das auch noch in Verbindung mit der menschlichen Familie, wie sie durch Adam bestand (Kap. 3,22.38). Diesen Anspruch konnte er nicht wiederaufleben lassen, ohne ihn anzufechten. Denn durch Satans List hatte der erste Mensch seine Würde verloren. Gott hatte den Menschen geschaffen und nach Seinem Gleichnis gemacht. Aber der Mensch hatte Kinder gezeugt in „seinem Gleichnis“ (1. Mo 5,3), befleckt wie er selbst, und nicht als ein Geschlecht, das wert war, „Söhne Gottes“ genannt zu werden. Aber Jesus war jetzt erschienen, um diese verloren gegangene Würde des Menschen wieder geltend zu machen. Deshalb muss der Teufel sein Recht dazu prüfen, und mit dieser Absicht kommt er jetzt, Ihn zu versuchen, indem er sagt: „Wenn du Gottes Sohn bist …“. Das war der Entscheidungspunkt zwischen dem gesalbten Menschen und dem großen Feind des Menschen. Und der Herr Jesus bestand, wie wir wissen, in der erhabenen Haltung eines Siegers.

Alles was Adam, den ersten Menschen, umgab, hatte zweifellos für Gott gezeugt, gegen den Feind. Die Lieblichkeit des ganzen Schauplatzes, die Schönheit des Gartens „der Wonne“ mit seinen Flüssen, die sich hierhin und dorthin ergossen, die Früchte und Wohlgerüche mit dem bereitwilligen Dienst Zehntausender unterworfener Geschöpfe – alles das sprach für Gott, gegen den Ankläger. Aber der Herr Jesus war in einer Wüste, die nichts bot, sondern Ihn hungern ließ, wo wilde Tiere Ihn umgaben – alles hätte von dem Ankläger als Argument gegen Gott angeführt werden können. Alles war gegen den Herrn, wie alles für Adam gewesen war, aber Er blieb standhaft, während Adam fiel. Der Mensch vom Staub versagte, obwohl alles um ihn herum ihn begünstigte, während der Mensch Gottes die Probe bestand, obgleich alles gegen Ihn war. Welch ein Sieg war das! Welch ein Wohlgefallen an dem Menschen muss das im Herzen Gottes wieder hervorgebracht haben! Diesen Sieg zu erringen war der Herr Jesus vom Heiligen Geist an diesen Ort des Kampfes geführt worden, denn Sein Auftrag war es, die Werke des Teufels zu vernichten (1. Joh 3,8). Er stand als der Verfechter der Herrlichkeit Gottes und des Segens des Menschen in dieser abtrünnigen Welt, um Seine Kraft gegenüber beider Feinde unter Beweis zu stellen und die Rechtmäßigkeit Seines Dienstes darzutun. Als der große Überwinder ist Er alles Lobes wert.

Aber für uns war Er der Überwinder, und deshalb kommt Er sofort mit der Beute jener Tage und legt sie uns zu Füßen. Im Kampf war Er allein, aber Er wollte nicht allein bleiben im Sieg. Der da sät und der da erntet, sollen sich zusammen freuen (Joh 4,36). Es war ein alter Brauch bei David, dass der, welcher in den Kampf zog, die Beute teilen sollte mit dem, der bei dem Gerät zurückblieb. Es war eine Satzung, die der Gnade des „Geliebten“ würdig war. Aber hier war ein Besserer als David, der nicht nur königliche, sondern göttliche Würde besaß. So kommt Jesus, der Sohn Gottes, aus der Wüste zurück, um Frieden zu verkündigen, Krankheiten zu heilen, den Nöten all derer zu begegnen, die Gefangene dieses Feindes waren, und sie wissen zu lassen, dass Er ihn für sie überwunden hat.

Hierdurch erfahren wir etwas über den Charakter der Segnungen, die wir Sünder aus der Hand des Sohnes Gottes empfangen. Wir erhalten sie als Siegesbeute. Durch die Sünde haben wir alle mit der Schöpfung verbundenen Segnungen verwirkt, die einst im Garten Eden unser Teil waren, und wir haben sie dort verloren. Aber jetzt sind alle Segnungen die Frucht des Sieges des Herrn Jesus. Und das gibt dem Herzen Sicherheit, wenn wir uns ihrer erfreuen, denn auf Seinen Sieg gründen wir unser Anrecht an dem Segen, den wir in Anspruch nehmen. Der Segnende hat sich selbst das Recht erworben zu segnen, denn Er hat den Segen erbeutet, bevor Er ihn verteilt. Deshalb kennen wir unser Vorrecht, von dem Herrn Jesus gesegnet zu sein, so wie Adam das seine kannte, in Eden glücklich zu sein. Können wir da noch irgendwelche Zweifel haben? Wir trinken weder „gestohlenes Wasser“ noch ist es „heimliches Brot“ (Spr 9,17), wovon wir uns nähren. Aus dem Fresser kam Fraß, und aus dem Starken kam Süßigkeit“ (Ri 14,14). Das ist der Charakter der Segnungen, die der Herr uns Sündern gibt, es ist Seine eigene wohlverdiente Beute. Und das finden wir hier. „Voll heiligen Geistes“ trat Er dem Teufel entgegen (V. 1), widerstand ihm und besiegte ihn, und noch immer „in der Kraft des Geistes“ (V. 14) begegnet Er den Sündern mit Segen, um sie zu heilen und zu erretten. Nach diesem Tag in der Wüste traf Er später auf Golgatha mit ihm zusammen, der die Macht des Todes hat, und dort hat Er ihn durch den Tod zunichte gemacht. In Auferstehungsmacht aus dem Tod hervorgekommen, teilt Er wiederum Seine Beute mit Sündern in der ganzen Welt, und wir dürfen mit Herzensgewissheit die herrlichen Segnungen überschauen und genießen.

Wo aber ist der Sünder, der die Segnungen würdigen und sich mit der Beute des siegreichen Sohnes Gottes schmücken könnte? Das ist jetzt die Frage, und zwar die einzige Frage. Der Mensch von Natur hat keinen Sinn für diese Segnungen und kümmert sich weder um einen Sieg, durch den der Gott dieser Welt gerichtet worden ist noch um dessen Früchte. Die Synagoge zu Nazareth zeigt uns nun, was der Mensch ist, so wie uns die Wüste soeben offenbart hat, wer Satan ist. Alles, womit der Mensch behaftet ist, ist seiner Meinung nach besser als die Frucht des Sieges, die unser David mit Sich bringt. Das sehen wir hier in Nazareth. Menschliches Verlangen ist für einen Augenblick geweckt. Die Menge ist über die gnadenreichen Worte des Herrn verwundert, und aller Augen sind auf Ihn gerichtet. Doch dieser Zug menschlichen Begehrens trifft auf eine sofort einsetzende Strömung menschlichen Hochmuts, und die ganze Freude an der Gnade des Herrn Jesus verschwindet. Sie hängen einen Augenblick an Seinen Lippen, aber der Stolz, der da einwendet: „Ist dieser nicht der Sohn des Zimmermanns?“ (Mt 13,55), unterdrückt nach kurzem inneren Kampf die Anziehungskraft Seiner Worte, und ihre Frömmigkeit erweist sich „wie die Morgenwolke“ und „wie der Tau, der früh verschwindet“ (Hos 6,4).

Und so ist es auch heute noch. Feindschaft gegen Gott und Seinen Gesalbten wird immer den Sieg davontragen, wann immer ein solcher Konflikt im Herzen des Menschen entsteht. Geht es nur um einen Zwiespalt zwischen bloßer menschlicher Freude oder Bewunderung für den Herrn Jesus und der Stärke der Natur, dann lehrt uns diese Szene in der Synagoge zu Nazareth, wie dieser Kampf ausgehen wird. Was im Herzen oder im Haus ist, wird mehr geschätzt als der Segen Gottes. Bis heute hat der Mensch diesen Segen für dreißig Silberlinge, ja, für ein Linsengericht verkauft. Und das ist ein ernster Gedanke: „Wer auf sein Herz vertraut, der ist ein Tor“ (Spr 28,26), denn Gott kann ihm nicht trauen. Es gibt nichts im Menschen, dem Gott trauen könnte. Einige glaubten, als sie die Wunder des Herrn sahen, aber „Jesus selbst vertraute sich ihnen nicht an“. Nichts vom natürlichen Menschen ist zu gebrauchen. „Ihr müsst von neuem geboren werden.“ – „Dies ist der Sieg, der die Welt überwunden hat: euer Glaube.“ Entschlüsse müssen den Versuchungen vorausgehen, denn alle menschlichen Beziehungen werden durch Satan zerrissen. Die Gemeinschaft mit Gott in der Wahrheit, durch den Heiligen Geist, kann allein die Seele standhaft machen, aber die natürliche Kraft des Stärksten wird zerbrechen.

Dieses Kapitel zeigt uns aber auch, dass die Liebe des Sohnes Gottes nicht ermüdet oder erschöpft werden konnte; denn nachdem Er Nazareth verlassen hatte, ging Er mit derselben Kriegsbeute hinab nach Kapernaum. Seine Liebe war stärker als jede Zurückweisung, wie sie sich später stärker als der Tod erwies. „Die Liebe vergeht nimmer.“ Und der Sohn Gottes geht noch immer durch diese Welt der Sünder mit derselben Beute, die so frisch ist, als sei sie gestern eingesammelt worden, um solche zu suchen und zu finden, die sich mit Ihm daran erfreuen möchten.

So viel über dieses Kapitel, das bei Lukas den Dienst des Sohnes Gottes eröffnet, und da Er sich in diesem Evangelium besonders mit dem Menschen beschäftigt, wird uns hier sofort überzeugend gezeigt, wie und was der Mensch ist. Er ist so, wie der Prediger ihn beschreibt: „Es war eine kleine Stadt, und wenig Männer waren darin; und gegen sie kam ein großer König, und er umzingelte sie und baute große Belagerungswerke gegen sie. Und es fand sich darin ein armer, weiser Mann, der die Stadt durch seine Weisheit rettete; aber kein Mensch gedachte dieses armen Mannes.“ Die Synagoge zu Nazareth beweist die Wahrheit dieser Worte.

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