Betrachtung über das Evangelium nach Lukas

Lukas 19,28 - Kap. 20

Betrachtung über das Evangelium nach Lukas

Der Herr Jesus betritt jetzt die Stadt mit königlicher Würde, und damit beginnt der fünfte Abschnitt unseres Evangeliums. Die Volksmenge greift die Stimmung des Augenblicks auf und erfüllt die Szene des königlichen Einzugs mit ihrer Begrüßung, ihren Palmzweigen und ihrer überschwenglichen Freude. Der Ruf des Königs erscholl in ihrer Mitte, doch die Frage war: Wird Zion jubeln? Werden die Kinder Israel über ihren König frohlocken? Wird Jerusalem sich freuen, weil sein König kommt, sanftmütig und „demütig, und auf einem Esel reitend“? (Sach 9,9).

Das war jetzt die große Frage, und wir kennen die Antwort, die uns alle Evangelisten in der einen oder anderen Form geben. „Ihr habt nicht gewollt“, wird zu den Kindern Jerusalems gesagt. „Er kam in das Seine, und die Seinen nahmen ihn nicht an“ ist erneut das Urteil über Israel, und der ganze Lauf der Ereignisse, die hier berichtet werden, gibt die gleiche Antwort. Jerusalem, der auserwählte Wohnsitz Gottes auf der Erde, hatte sich selbst entweiht. Der Tempel war verunreinigt, die Ältesten des Volkes waren im Unglauben, Heuchelei und Weltliebe kennzeichneten Priester, Schriftgelehrte und Oberste. Sie lehnten den Herrn Jesus ab, anstatt Ihn anzunehmen, und legten Fallstricke und Schlingen vor Seine Füße, statt die Krone für Sein Haupt bereitzuhalten.

Die Geschehnisse dieser Kapitel vereinigen sich so zu einem umfassenden Zeugnis gegen Jerusalem, und der Herr muss über die „Stadt des Friedens“ weinen. Er hatte sie von jeher begehrt. „Dies ist meine Ruhe“, hatte Er von ihr gesagt (Ps 132,14). Da alle Gütigkeiten und alles Rufen Gottes bei ihr keine Buße hervorbrachten, sucht Er nicht etwa Trost bei anderen Städten, sondern Er weint über diese eine treulose Stadt. Und solange Jerusalem nicht wiederhergestellt ist, bleibt die Erde von einem Ende bis zum anderen ein „Bochim“ (= „Weinende“; Ri 2,1–5) für den Geist Jesu in Seinen Heiligen. Ihre Freude ist bis zu jenem Augenblick göttlich und himmlisch, denn die Erde bietet ihnen keine Freude, solange Jerusalem ungehorsam ist.

Es ist gesegnet zu sehen, dass der Ort, den der Herr zu Seiner Wohnung erwählte, Salem, die Stadt des Friedens, war. Dort trat in alter Zeit Sein heiliger Zeuge und Diener Melchisedek auf, und als Er selbst persönlich auf die Erde herabstieg, kam Er als der „Friedefürst“ und besuchte Jerusalem. Seine Herolde verkündeten „Friede auf Erden“ (Lk 2), aber der Mensch war darauf nicht vorbereitet. Er hatte zuvor eine Stadt der Verwirrung gebaut (l. Mo 11), und die Erbauer Babels konnten kaum auf einen König von Salem vorbereitet gewesen sein. Kein „Sohn des Friedens“ war auf Erden, um den Gruß des „Friedefürsten“ vom Himmel zu erwidern. Jerusalem erkannte an ihrem Tag nicht, was zu ihrem Frieden diente, und der Herr konnte, wie wir hier sehen, nur über sie weinen. Ihre Bewohner wiesen Ihn ab und sagten, dass Er nicht über sie herrschen solle. So musste Er in jenes „ferne Land“, den erhabenen Platz und die Quelle aller Macht, zurückkehren, um Sich das Anrecht auf das Reich von Neuem bestätigen zu lassen.

Daraus ergibt sich indes, dass die Rückkehr des Herrn in einem neuen, völlig anderen Charakter erfolgen muss. Seine Wiederkunft wird in Gestalt eines Tages der Rache“ geschehen, nachdem Seine „Heimsuchung“ in „Frieden“ zurückgewiesen worden war. Gott verheißt Ihm diesen Tag der Rache bei Seiner Ankunft in jenem „fernen Land“ mit den Worten: „Setze dich zu meiner Rechten, bis ich deine Feinde lege zum Schemel deiner Füße.“ Der Stein, zunächst als der „kostbare“, „aufs festeste gegründete“ Eckstein angeboten, war von den Bauleuten verworfen worden. Er muss daher, bevor er den zuvor bestimmten Platz der Ehre einnehmen, als ein großer Berg die ganze Erde erfüllen kann, zuerst das Bild zerschlagen (Dan 2). Das Reich, das der zurückgekehrte „hochgeborene Mann“ empfangen soll, muss zunächst von allen Ärgernissen gereinigt werden. Der Unglaube und die Empörung des Menschen waren es, die so den Weg des Herrn des Himmels und der Erde gestalteten, und Sein Weg in Seine Herrlichkeit und Sein Reich führt nun über einen „Tag der Rache“.1

Mag nun die Erde eine Zeit lang noch so böse sein, so wird Er doch die Stadt des Friedens zu Seiner Wohnung machen, und Salem wird seinem Namen Ehre machen, wie Er durch den Propheten Haggai sagt: „An diesem Ort will ich Frieden geben“ (Kap. 2,9), denn das allein ist Seine „starke Stadt“ (Jes 26,1); seine Mauern werden Rettung und seine Tore Lob sein. Des Menschen „starke Stadt“ wird dann durch den Tag der Rache zu einem Trümmerhaufen gemacht sein (Ps 108; Jes 26), denn unmöglich können die Stadt der Verwirrung und die Stadt des Friedens nebeneinander bestehen. Wenn Er so nach der Beseitigung der Verwirrung des Menschen Seinen eigenen Frieden aufgerichtet hat, wird die Erde lernen, den Gruß des Himmels zu erwidern und zu sagen: „Friede im Himmel“, wovon hier die Freudenbezeugungen das Unterpfand und ein Beispiel sind (s. Kap. 2,14; 19,38).

Das alles ist leicht verständlich, denn der Inhalt dieser beiden Kapitel zeigt es uns ganz einfach und klar. Das für Jesus von Nazareth nicht zubereitete Jerusalem erweist die Notwendigkeit der zwei Kommen des Herrn und der Rückkehr des „hochgeborenen Mannes“ zu einem Tag der Rache. Beachten wir aber, dass der Herr im Bewusstsein Seiner Herrschaft über alle Dinge handelt, obwohl Ihm im Augenblick von den Menschenkindern alles verweigert wird. Er beansprucht das Fohlen von seinem Eigentümer, weil Er von Sich selbst sagen konnte: „Der Herr benötigt es.“

Es ist sehr eindrucksvoll zu sehen, dass es während Seines ganzen Lebens und Dienstes keine Seiner ursprünglichen Herrlichkeiten gab, die Er nicht angenommen hätte, obwohl Er allezeit der verworfene Galiläer war. Wir sahen bereits bei der Betrachtung des 7. Kapitels, dass der Glaube bisweilen den Vorhang beiseite zog und Er dann Seine Herrlichkeit offenbarte. Wir fragen: Welche Herrlichkeiten waren es? Nun, es waren alle von alters her bekannten und geoffenbarten Herrlichkeiten des Herrn, die das Volk Israel darüber belehrt hatten, dass ihr Gott der alleinige Herr des Himmels und der Erde war.

So heilte Er den Aussatz, das wohlbekannte alleinige Vorrecht Gottes (2. Kön 5,7), ja, Er nahm als der alte „Herr,der dich heilt“ (2. Mo 15,26) alle Krankheiten fort. Er speiste die Volksmengen in der Wüste, Er beruhigte die Wellen, als könnte Er von Neuem den Jordan und das Rote Meer spalten. Er befahl dem Fisch, Ihm Tribut zu zahlen, wie Er hier den Esel für sich beansprucht, indem Er die Erde und ihre Fülle als Sein Eigentum behandelt. Ebenso offenbarte Er Seine richterliche Herrlichkeit, wenn die Gelegenheit es erforderte, indem Er das „Wehe“ über das Volk ausrief oder die Stadt der Verwüstung überlieferte, wie Er früher immer und immer wieder Sein Volk in der Wüste und in Kanaan gerichtet und gezüchtigt hatte.

So offenbarte der Herr alle früher in Israel bekannten Herrlichkeiten: Er war der Erlöser, Führer, Arzt, Ernährer und auch der Richter Seines Volkes. Und veranlasst durch den Glauben eines Heiden, konnte Er sich als Derselbe kundtun, der im Anfang durch Sein Wort die Himmel und die Erde und alle ihre Heerscharen gemacht hatte (Kap. 7). Es ist eine erquickende Beschäftigung, diesen Beispielen von der Offenbarung Seiner Herrlichkeit während der Zeit Seiner Erniedrigung nachzuspüren.

Die beiden Gleichnisse, die wir hier haben, führen uns sehr weit durch die ganzen göttlichen Haushaltungen. Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg berichtet von Gottes Handeln mit Israel seit dem Tag, da das Volk in Kanaan gepflanzt wurde, bis zu der Zeit der Sendung und Verwerfung Christi, des Erben des Weinbergs. Mit diesem Zeitpunkt beginnt das Gleichnis von den zehn Pfunden, das die gegenwärtige Haushaltung umfasst und mit dem zweiten Kommen des Herrn und dem Reich Christi endet.

In beiden Gleichnissen lesen wir, dass der Herr in ein „fernes Land“ oder „außer Landes“ reiste (Kap. 19,12; 20,9). So tat es der Herr Israels. Nachdem Er Sein Volk in den Tagen Josuas in sein Erbteil eingeführt hatte, zog Er sich in gewissem Sinn zurück in der Erwartung, dass es das ihm gegebene Land zu Seinem Ruhm auf der Erde bebauen würde. Die Geschichte Israels wie auch dieses Gleichnis zeigen uns jedoch die völlige Enttäuschung solcher Hoffnungen, denn Christus, der Erbe des jüdischen Weinbergs, wurde verworfen. Nach Seiner Verwerfung zog Er in jenes „ferne Land“, den Himmel, hinterließ aber nicht ein irdisches Erbteil der Obhut jüdischer Arbeiter, sondern Seinen Dienern Talente, Gelegenheiten, Ihm zu dienen, und zwar mit der Verheißung Seiner Wiederkunft in vollgültigem Rechtsanspruch auf das Reich, um sie dann im Reich zu belohnen. Dieses Gleichnis berichtet uns das Ende von allem so, wie es die Geschichte des gegenwärtigen Zeitalters erweisen wird. So geben uns diese Gleichnisse in einfacher, natürlicher Weise eine Übersicht über Gottes Pläne und Ratschlüsse.

Es ist ein lieblicher Gedanke, der sich uns hier aufdrängt, dass die Gläubigen unserer Tage auf der Erde zurückgelassen sind, um ihrem Herrn da zu dienen, wo Er mit voller Überlegung abgelehnt und verworfen worden ist. Ihre Bewohner haben unmissverständlich zum Ausdruck gebracht, dass sie Ihn nicht haben wollten, und jeder Dienst für Ihn, soll er den allein richtigen Charakter tragen, muss den Gedanken an diese Verwerfung zur Grundlage haben.

Erkennen wir aus diesem Gleichnis die Natur solchen Dienstes, so erfahren wir aus der Geschichte des unnützen, bösen Knechtes seine Quelle. Dieser Mann kannte die Gnade nicht, denn er fürchtete sich. Er hielt den Herrn für einen strengen Mann und erwartete im günstigsten Fall, am Tag der Abrechnung frei auszugehen. Sein Herz war von der Knechtschaft des Gesetzes erfüllt, nicht von der Freiheit der Wahrheit. Er war kein Zachäus, in dessen Herzen durch die Freude der Gemeinschaft mit dem Herrn und die Gewissheit Seiner Liebe die Bereitwilligkeit vorhanden war, die Hälfte seiner Güter den Armen zu geben, und der Vorsatz, alles zu ersetzen, was er zu Unrecht genommen hatte, ja sogar umfassender, als das Gesetz es forderte. Der unnütze Knecht war jedoch kein Diener, denn er diente sich selbst, und nicht Christus.

So machen es alle, die ihren Dienst nicht mit der Erkenntnis beginnen, dass der Herr ihnen zuerst gedient hat, und dass sich für sie ein Dienst dankbarer Liebe geziemt. Dankbare Liebe! Welch ein glückseliger Gedanke! Paulus diente in diesem Geist. Sein Leben war ein Leben des Glaubens an den Sohn Gottes, der ihn geliebt und Sich selbst für ihn hingegeben hatte. Diese dankerfüllte Liebe in dem Bewusstsein einer in seiner Seele versiegelten vollkommenen Vergebung erklärt seinen – selbstverständlich durch die Wirksamkeit des Heiligen Geistes – so fruchtbaren Dienst, während die Fruchtleere des unnützen Knechtes gerade dem Fehlen dieser Liebe aus Unwissenheit und Geringschätzung entsprang.

Fußnoten

  • 1 Dieser Tag der Rache gilt sowohl für die Heiden als auch für Israel, für „alle Nationen“ (Jes 34,2; 63,3–6), denn Pontius Pilatus mit den Heiden und auch Herodes mit den Juden verwarfen den Eckstein (Apg 4,27).
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