Betrachtung über Lukas (Synopsis)

Kapitel 6

Betrachtung über Lukas (Synopsis)

Die im Anfang dieses Kapitels (V. 1 - 10) enthaltenen Mitteilungen, die wir schon im Vorbeigehen berührten, beziehen sich auf dieselbe Wahrheit, und zwar von einem wichtigen Gesichtspunkte aus. Der Sabbat war das Zeichen des Bundes zwischen Gott und Israel, die Ruhe nach vollendetem Werke. Die Pharisäer tadeln die Jünger, weil sie Ähren in ihren Händen zerreiben. Allein ein verworfener David hatte ebenfalls die Schranken des Gesetzes überschritten, als seine Bedürfnisse es erheischten; und der Sohn des Menschen, der Sohn Davids und gleich diesem verworfen, der erwählte und gesalbte König, war Herr des Sabbats. Gott, der diese Vorschrift gegeben hatte, war Herr des Sabbats; und der Sohn des Menschen war da mit den Rechten und der Macht Gottes. Welch eine wunderbare Tatsache! Außerdem ließ die in Gnade gegenwärtige Macht Gottes das Elend nicht bestehen, weil es der Tag der Gnade war. Indem Jesus die Rechte einer unumschränkten Güte benutzt und eine Macht entfaltet, die Seine Ansprüche darauf, diese Rechte geltend zu machen, rechtfertigt, heilt Er in der Synagoge einen Menschen mit einer verdorrten Hand. Die Anwesenden aber werden bei dieser Kundgebung der Macht, die die Dämme ihrer Selbstgerechtigkeit und ihres Hochmuts überschreitet und durchbricht, mit Wut erfüllt. Man wird bemerken, dass in der Art und Weise, wie diese Umstände zusammengestellt sind, eine vollkommene Ordnung und gegenseitige Verbindung herrscht, ohne dass jedoch auf den Zeitpunkt, in dem sie sich ereigneten, Rücksicht genommen wäre. Ihre Zusammenstellung ist im Blick auf den Gegenstand, nicht aber auf die Zeitfolge geschehen 1.

Der Herr hatte gezeigt, dass diese Gnade, die Israel nach allem, was man von dem allmächtigen, in Seinen Verheißungen treuen Gott erwarten konnte, besucht hatte, sich dennoch weder auf die engen Grenzen dieses Volkes beschränken, noch sich den Verordnungen des Gesetzes anbequemen konnte; Er hatte gezeigt, dass die Menschen das Alte wollten, dass aber die Macht und Gnade Gottes nach ihrer eignen Natur handelten. Er hatte gezeigt, dass das heiligste, das am meisten verpflichtende Zeichen des Alten Bundes sich Seinem über jede Verordnung erhabenen Titel unterwerfen und den Rechten der jetzt wirkenden göttlichen Liebe Platz machen musste. Er hatte Sich Selbst in allem, vornehmlich in der Berufung des Petrus, als den neuen Mittelpunkt gezeigt, um den sich alles, was Gott und die Segnung suchte, sammeln musste; denn Er war die lebendige Offenbarung Gottes und der Segnung in dem Menschen. In dieser Weise war Gott geoffenbart; die alte Ordnung der Dinge war abgenutzt und unfähig, diese Gnade in sich aufzunehmen. Der Überrest war abgesondert (um den Herrn her) von einer Welt, die in Ihm keine Schönheit erblickte, „so dass sie Sein begehrt hätte“. Der Herr handelte jetzt auf diesem neuen Boden; und wenn der Glaube Ihn in Israel suchte, so offenbarte diese Macht der Gnade Gott in einer neuen Weise. Als Mittelpunkt der Segnung in Christo, als Mensch, umgibt Er Sich mit Menschen; aber Er ist Liebe, und in der Tätigkeit dieser Liebe sucht Er das Verlorene. Christus war gesandt worden; jetzt sendet Er (V. 12 u. f.). Der Name „Apostel“ (oder „Gesandte“), denn Jesus nennt sie also, enthält die tiefe und wunderbare Wahrheit, dass Gott in Gnade wirksam ist. Er umgibt Sich mit Glückseligen, Er sucht elende Sünder. Und wenn Christus, der wahre Mittelpunkt der Gnade und des Glückes, Sich mit solchen umgibt, die Ihm nachfolgen, so sendet Er die Seinigen aus, um Zeugnis von der Liebe abzulegen, die zu offenbaren Er gekommen ist. Gott hat Sich im Menschen geoffenbart und sucht durch den Menschen die Sünder. Der Mensch hat teil an der unmittelbarsten Entfaltung der göttlichen Natur in dieser zwiefachen Weise. Er ist bei Christo als Mensch, und er wird durch Christum gesandt. Christus Selbst tut dieses als Mensch; es ist der mit dem Heiligen Geiste erfüllte Mensch. Auch sehen wir Ihn hier wiederum in der Abhängigkeit von Seinem Vater geoffenbart; bevor Er die Apostel erwählt, zieht Er Sich zurück zum Gebet und verharrt während der Nacht darin.

Dann geht Er, um die Erkenntnis Gottes den Menschen nahe zu bringen, über die Offenbarung Seiner Selbst als des persönlich mit dem Heiligen Geiste erfüllten Menschen hinaus. Er wird der Mittelpunkt, um den sich alle scharen müssen, die Gott suchen, sowie die Quelle einer Sendung zur Erfüllung Seiner Liebe - der Mittelpunkt der Offenbarung der göttlichen Macht in Gnade; und deshalb beruft Er den Überrest um Sich, der gerettet werden sollte. Seine Stellung findet sich in jeder Beziehung kurz zusammengefasst in dem, was nach Seinem Herabsteigen vom Berge erzählt wird. Er kommt mit den Aposteln von der Höhe herab, wo Er mit Gott verkehrt hatte. Auf einem ebenen Platze umgibt Ihn die Menge Seiner Jünger sowie eine große, durch Sein Wort angezogene Volksmenge (V.17). Die Anziehungskraft des Wortes Gottes sammelt sie um Ihn; und Er heilt die Krankheiten der Menschen und treibt die Macht Satans aus. Die durch Ihn ausgeübte Macht wohnte in Seiner Person; die Kraft, die von Ihm ausging, legte diese äußeren Zeugnisse von der Anwesenheit der Macht Gottes in Gnade ab. Vermittelst derselben wurde die Aufmerksamkeit des Volkes auf Ihn gelenkt. Jedoch schwand, wie wir bereits gesehen haben, das Alte, an das die Menge sich anklammerte, dahin. Der Herr umgab Sich Selbst mit gottgetreuen Herzen, mit den durch Seine Gnade Berufenen. Hier (V. 20 u. f.) verkündigt Er daher nicht gerade, wie in Matthäus, den Charakter des Reiches, um denjenigen der künftigen Haushaltung zu zeigen, indem Er sagt: „Glückselig die Armen im Geiste usw.“, sondern Er unterscheidet den Überrest durch dessen Anhänglichkeit an Ihn und erklärt den Jüngern, die Ihm nachfolgten, dass sie diese Glückseligen seien. Sie waren arm und verachtet, aber sie waren glückselig; sie sollten das Reich besitzen. Dies ist sehr wichtig, weil es den Überrest absondert und ihn mit dem Herrn Selbst in Verbindung bringt, um die Segnung zu empfangen. Auf eine bemerkenswerte Weise schildert der Herr den Charakter derer, die also von Gott gesegnet waren.

Die Rede des Herrn teilt sich in mehrere Abschnitte: In den Versen 20 - 26 finden wir den Gegensatz zwischen dem Überrest, dessen Glieder sich als Seine Jünger offenbarten, und der Masse, die an der Welt genug hatte, indem eine Warnung an jene hinzugefügt wird, die die Stellung eines Jüngers einnahmen und in dieser Stellung die Gunst der Welt erlangten. Wehe solchen! (V.26). Bei dieser Gelegenheit ist zu bemerken, dass in V. 22 nicht, wie in Matthäus, von Verfolgung um der Gerechtigkeit willen, sondern nur von Leiden um Seines Namens willen die Rede ist. Die Stellung eines jeden kennzeichnete sich durch seine Anhänglichkeit an die Person Jesu, die der moralische Prüfstein aller war.

In den Versen 27 - 36 finden wir den Charakter Gottes, des Vaters, in der Offenbarung Seiner Gnade in Christo, den sie nachahmen sollten.

Dieser Charakter entfaltete sich vornehmlich (V.37 u. 38) in der Stellung Christi, so wie Er zu jener Zeit auf Erden war, indem Er Seinen Dienst auf ihr erfüllte. Dies schloss die Regierung und die Belohnung von Seiten Gottes in sich - ein Grundsatz, der in Bezug auf das Leben und den Dienst Christi selbst seine Anwendung fand.

Vers 39 zeigt uns den Zustand der Leiter in Israel sowie die Verbindung zwischen ihnen und der Menge.

In V. 40 haben wir den Zustand der Jünger in Beziehung zu Christo.

In den Versen 41 und 42 wird uns das Mittel gezeigt, um in diesen Zustand zu gelangen und inmitten des Bösen klar zu sehen; dieser Zweck wird dadurch erreicht, dass man das Böse von sich selbst hinwegtut.

In V. 43 u. f. sehen wir im Allgemeinen, dass jeder Baum durch seine eigene Frucht gekennzeichnet wird. Es handelte sich nicht darum, dass man sich um Christum scharte, um Ihn zu hören, sondern dass Er dem Herzen so wertvoll wurde, dass man jedes Hindernis aus dem Wege räumte und Ihm praktisch gehorchte.

Fassen wir noch einmal kurz zusammen, was wir an Hand der beiden letzten Kapitel betrachtet haben. Christus handelt in einer Macht, die das Böse vertreibt, weil Er es vorfindet und weil Er Selbst gut ist; und Gott allein ist gut. Er erreicht das Gewissen und beruft Seelen um Sich. Er handelt in Verbindung mit der Hoffnung Israels und der Macht Gottes, um das Volk zu reinigen, ihm zu vergeben und ihm Kraft zu verleihen. Allein dies ist eine Gnade, die wir alle bedürfen; und die Güte Gottes sowie die Energie Seiner Liebe beschränken sich nicht auf dieses Volk. Die Ausübung dieser Macht passte nicht zu den Formen, auf Grund deren die Juden lebten, oder vielmehr nicht zu leben vermochten; und unbedingt musste der neue Wein in neue Schlauche gefasst werden. Die Frage betreffs des Sabbats entschied diejenige betreffs der Einführung dieser Macht: das Zeichen des Bundes wich vor dieser Macht zurück; Der, der diese ausübte, war der Herr des Sabbats. Die Güte des Gottes, der den Sabbat gegeben, war nicht gehemmt, als ob Seine Hände durch das, was Er in Verbindung mit dem Bunde angeordnet hatte, gefesselt gewesen wären. Dann sammelt der Herr nach dem Willen Gottes die Gefäße Seiner Gnade und Macht um Sich (V. 12 u. f.). Sie waren die Gesegneten, die Erben des Reiches. Auch schildert der Herr ihren Charakter. Dieser bestand nicht in der Gleichgültigkeit und dem Stolz, die durch die Unwissenheit über Gott hervorgerufen wurden (der Sich mit Recht von Israel abgewandt, weil es sich an Ihm versündigt hatte), und die die Offenbarung Seiner Gnade in Jesu verachteten. Die Jünger nahmen teil an dem Elend und dem Schmerz, den ein solcher Zustand des Volkes Gottes bei denen hervorrufen musste, die den Sinn Gottes hatten. Es war ihre Ehre, um des Sohnes des Menschen willen, der ihr Elend zu tragen gekommen war, gehasst, verfolgt und verhöhnt zu werden. Sie sollen teilhaben an Seiner Herrlichkeit, wenn die Natur Gottes durch die Ausführung aller Dinge nach Seinem Willen verherrlicht werden wird. Im Himmel werden sie nicht mehr gehasst werden; dort sollen sie ihre Belohnung finden, nicht in Israel. Das Verhalten der Ungläubigen gegen sie glich dem Verhalten ihrer Väter gegenüber den Propheten; aber wehe denen, die sich während des sündhaften Zustandes Israels und der Verwerfung und Misshandlung des Messias in Zion behaglich fühlten!

Mit einem Wort, wir haben hier den Gegensatz zwischen dem Charakter des wahren Überrestes und demjenigen der Stolzen des Volkes. Dann finden wir das Verhalten, das sich für den Überrest geziemt - ein Verhalten, das sich hinsichtlich seiner wesentlichen Elemente in einem Worte zusammenfassen lässt: es ist der Charakter Gottes in Gnade, so wie er sich in Jesu auf der Erde kundgegeben hat. Indes hatte Jesus Seinen eigenen Charakter des Dienstes als Sohn des Menschen. Die Anwendung hiervon auf die besonderen Umstände der Jünger wird, wie bereits oben bemerkt, in den Versen 37 u. 38 beigefügt, wahrend uns in V. 39 die Leiter Israels, und in V. 40 das Teil der Jünger vorgestellt werden. Gleich Jesu verworfen, werden die Jünger Sein Teil haben; und unter der Voraussetzung, dass sie Ihm gänzlich nachfolgen, sollen sie es haben in Segnung, in Gnade, in ihrem Charakter und auch in ihrer Stellung. Welch eine Gnade! Ferner war das Selbstgericht und nicht das Richten über die Brüder das Mittel, um moralisch klar zu sehen. Ist der Baum gut, so wird auch die Frucht gut sein. Das Selbstgericht wendet sich auf den Baum selbst an. Dies ist immer wahr. Beim Selbstgericht wird nicht nur die Frucht beurteilt, sondern ich selbst; und der Baum wird an seiner Frucht erkannt - nicht nur an der guten Frucht, sondern an seiner Frucht. Der Christ trägt die Frucht der Natur Christi. Auch müssen wir uns erinnern, dass es sich um das Herz selbst und den praktischen und wirklichen Gehorsam handelt.

Das Wort stellt uns daher hier die Hauptgrundsätze des neuen Lebens in seiner vollen praktischen Entwicklung in Christo vor Augen. Es ist moralisch das Neue, der Geschmack und der Charakter des neuen Weines; es ist der Überrest, der Christo, dem er nachfolgt, gleichgemacht ist - Christo, dem neuen Mittelpunkt der Regung des Geistes Gottes und des Rufes Seiner Gnade. Christus ist aus dem ummauerten Hofe des Judentums herausgetreten in der Macht eines neuen Lebens und durch die Autorität des Höchsten, der in diese Umzäunung, wo man unfähig war, Ihn anzuerkennen, Segen hineingebracht hatte. Er ist herausgetreten gemäß den Grundsätzen des von Ihm verkündigten Lebens, obwohl Er geschichtlich noch darin war.

Fußnoten

  • 1 Ich möchte hier bemerken, dass da, wo in Lukas die chronologische Reihenfolge beobachtet wird, es dieselbe ist wie in Markus, und dass die Ereignisse, nicht wie in Matthäus, zusammengestellt werden, um den Gegenstand des Evangeliums hervortreten zu lassen. In Lk 9 kommt Lukas jedoch schon zur letzten Reise nach Jerusalem, und von da an bis zu Lk 13,31 folgt eine Reihe von moralischen Belehrungen, die meistens, wenn nicht alle, während der Dauer dieser Reise gegeben wurden, und bei denen es auf den Zeitpunkt größtenteils wenig ankommt.
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