Betrachtung über Lukas (Synopsis)

Kapitel 13

Betrachtung über Lukas (Synopsis)

In diesem Augenblick erinnerte man den Herrn an das schreckliche Gericht, das etliche Galiläer getroffen hatte (V. 1). Er erklärt ihnen, dass weder dieses noch ein anderes Ereignis, an das Er sie erinnert, einen Ausnahmefall bilde; vielmehr werde ihnen allen, falls sie nicht Buße täten, dasselbe begegnen (V. 2-5). Dann fügt Er ein Gleichnis hinzu, um sie ihre Stellung verstehen zu lassen. Israel war der Feigenbaum in dem Weinberge Gottes. Schon seit drei Jahren hatte Gott ihn wegzunehmen gedroht, denn er schadete nur Seinem Weinberge; er war nur dem Lande hinderlich und bedeckte, nutzlos den Boden. Indes versuchte Jesus zum letzten Male alles Mögliche, um ihn zum Fruchttragen zu bringen; hatte auch das keinen Erfolg, so konnte die Gnade nur dem gerechten Gericht des Herrn des Weinberges Platz machen. Welch einen Zweck hatte es, noch länger etwas zu bearbeiten, was doch nur Böses hervorbrachte? (V. 6-9). Dessen ungeachtet handelt Jesus in Gnade und in Macht gegen die Tochter Abrahams (V. 10-17) den Verheißungen gemäß, die dem Volke Israel gegeben waren; allein Er beweist diesem, dass sein Widerstand, unter dem Vorgeben, das Gesetz der Gnade entgegenzustellen, nur Heuchelei sei.

Indes sollte das Reich Gottes zufolge der Verwerfung Christi eine unerwartete Form annehmen (V. 18-21). Gesät durch das Wort und nicht eingeführt in Macht, sollte es auf Erden wachsen, bis es eine weltliche Macht werden und, als ein äußeres Bekenntnis und eine Lehre, den ganzen Bereich durchdringen würde, der in den unumschränkten Ratschlüssen Gottes für dasselbe vorbereitet war. Freilich war dies nicht das Reich, aufgerichtet durch eine in Gerechtigkeit wirkende Macht, sondern als der Verantwortlichkeit des Menschen überlassen, obwohl die Ratschlüsse Gottes erfüllt wurden (vgl. Mt 13; Dan 4; Hes 31 ).

Endlich erörtert der Herr geradezu die Frage über die Stellung des Überrestes und das Schicksal Jerusalems (V. 22 u. f.). Als Er durch die Städte und Dörfer ging und trotz der Verachtung des Volkes das Werk der Gnade erfüllte, fragte Ihn jemand, ob der Überrest, d. h. die Zahl derer, die dem Gericht Israels entrinnen würden, groß sei? Der Herr gibt betreffs der Zahl keine Antwort, sondern wendet Sich an das Gewissen des Fragenden, indem Er ihn auffordert, alle seine Energie anzuwenden, um durch die enge Pforte einzugehen. Er fügt hinzu, dass nicht nur die Masse des Volkes nicht eingehen würde, sondern dass auch viele, die enge Pforte außer acht lassend, in das Reich einzugehen begehren, aber es nicht vermögen würden; und wenn der Herr des Hauses Sich einmal erhoben und die Tür verschlossen hätte, so würde es zu spät sein; Er werde zu ihnen sagen: „Ich kenne euch nicht, wo ihr her seid!“ Sie würden sich vergebens darauf berufen, dass Er in ihren Straßen gelehrt hätte. Er würde ihnen erklären, dass Er sie, die Wirker der Ungerechtigkeit, nicht kenne; „da ist kein Friede für den Gesetzlosen“. Nur durch eine wahre, innere Bekehrung sei es möglich, in das Reich einzugehen. Die große Masse Israels würde nicht in dasselbe eingehen, sondern draußen stehend unter Weinen und Zähneknirschen die Heiden bei Abraham, Isaak und Jakob, den Empfängern und Inhabern der Verheißung, sitzen sehen, während sie selbst, die Kinder des Reiches nach dem Fleische, ausgeschlossen und um so elender sein würden, da sie demselben am nächsten gestanden hatten. Diejenigen, welche anscheinend die Ersten gewesen wären, würden die Letzten, und die Letzten die Ersten sein (V. 30).

Unter dem Vorwande der Rücksicht für Jesum fordern einige Pharisäer Ihn jetzt auf, Sich hinweg zu begeben (V. 31-35). Daraufhin beruft Sich der Herr, gleichsam in letzter Instanz, auf den Willen Gottes bezüglich der Erfüllung Seines Werkes; die Macht des Menschen über Ihn kam gar nicht in Frage. Er sollte Sein Werk vollenden und dann weggehen, weil Jerusalem die Zeit seiner Heimsuchung nicht erkannt hatte. Wie oft hatte Er, ihr wahrer Herr, Jehova, die Kinder dieser rebellischen Stadt unter Seine Flügel versammeln wollen! Aber sie hatten nicht gewollt. Und jetzt? Seine letzte Anstrengung in Gnade war gemacht; jetzt sollte ihr Haus wüste gelassen werden, bis sie sich bekehren und, sich zu Jehova zurückwendend, sagen würden nach Ps 118: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Dann wollte Er erscheinen, und sie würden Ihn sehen.

Nichts könnte deutlicher sein als der Zusammenhang und die wahre Kraft dieser Gespräche des Herrn. Es war die letzte Botschaft für Israel, die letzte Heimsuchung Gottes. Israel aber hat dieses Zeugnis verworfen, und es ist von Gott verlassen (wiewohl immer noch geliebt), bis es Den anrufen wird, den es verworfen hat. Dann aber wird derselbe Jesus wieder erscheinen, und Israel wird Ihn sehen. Das wird der Tag sein, „den, Jehova gemacht hat“. Die Verwerfung des Herrn - indem Er die Aufrichtung des Reiches unter der Form eines Baumes oder des Sauerteiges während Seiner Abwesenheit zuließ - trug ihre Frucht unter den Juden bis ans Ende. Die Erweckung inmitten dieser Nation in den letzten Tagen sowie die Wiederkunft des Heilandes zur Zeit ihrer Buße werden auf jene große Tat der Sünde und Empörung Bezug haben. Doch dieses gibt Anlass zu anderen wichtigen und auf das Reich bezüglichen Belehrungen.

Bevor wir jedoch weitergehen, wollen wir den Inhalt der beiden Kapitel 12 und 13 noch einmal kurz zusammenfassen, um die darin enthaltenen Unterweisungen besser zu verstehen. In Lk 12 redet Jesus in der Absicht, die Gedanken aller von dieser Welt loszumachen, zu Seinen Jüngern, indem Er ihre Aufmerksamkeit auf Den hinlenkt, der sowohl über die Seele Macht hat als auch über den Leib, und sie ermutigt durch die Zusage der treuen Fürsorge des Vaters sowie durch Seine Absicht, ihnen das Reich zu geben (obwohl einstweilen nur Fremde und Pilgrime, sollten sie im Blick auf alles, was um sie her vorging, ohne Besorgnis sein); Er redet zu der Menge, indem Er ihr zeigt, dass der bevorzugteste Mensch sich sein Leben nicht einen einzigen Tag zu sichern vermöge. Dann aber fügt Er noch etwas Bestimmtes hinzu: Seine Jünger sollten Ihn beständig, von Tag zu Tag, erwarten; und nicht nur werde der Himmel ihr Teil sein, sondern sie werden dort alle Dinge besitzen. Sie sollen sich zu Tische legen, und Er Selbst will sie bedienen. Das ist das himmlische Teil der Versammlung bei der Wiederkunft des Herrn. Bis dahin ist der Dienst das Los der Versammlung, und dieser Dienst erfordert eine ununterbrochene Wachsamkeit. Dann aber wird an Jesu die Reihe sein, diejenigen, die während Seiner Abwesenheit treu gewesen sind, zu bedienen.

Weiterhin finden wir das Erbteil der Jünger sowie das Gericht der bekennenden Kirche und der Welt. Anstatt das Reich in Macht aufzurichten, rief die Unterweisung Jesu Trennung hervor. Aber Er musste sterben. Dies führt uns zu einem anderen Gegenstande, zu dem gegenwärtigen Gericht der Juden. Sie waren mit, Gott auf dem Wege zum Gericht. Die Regierung Gottes wollte sich nicht in der Weise offenbaren, dass sie die Bösen in Israel durch teilweise Gerichte unterschied, sondern alle sollten umkommen, wenn sie nicht Buße taten. Der Herr pflegte den Feigenbaum das letzte Jahr; wenn das Volk Gottes keine Frucht hervorbrachte, so verdarb es Seinen Garten. Das Gesetz verwenden, um gegen Gott zu streiten, der unter ihnen gegenwärtig war und ihnen sogar Selbst das Gesetz gegeben hatte, war nur Heuchelei. - Was das Reich betrifft, so sollte es nicht durch die auf der Erde entfaltete Macht des Königs aufgerichtet werden, sondern aus einem kleinen Samenkorn hervorgehen, bis es ein ungeheures System der Macht auf Erden und eine Lehre geworden wäre, die als ein System die ganze Masse durchdringen werde.

Auf die Frage, ob der Überrest zahlreich sei, dringt Jesus auf den Eingang durch die enge Pforte der Bekehrung und des Glaubens an Ihn; denn viele würden in das Reich einzugehen trachten und es nicht vermögen; wenn einmal der Hausherr Sich erhoben und die Tür verschlossen hätte, d. h. wenn Christus von Israel verworfen wäre, würden sie sich vergeblich darauf berufen, dass Er in ihren Städten gewesen sei; denn die Wirker der Ungerechtigkeit werden nicht in das Reich eingehen. Der Herr redet hier ausschließlich von den Juden. Sie werden die Patriarchen, die Propheten und sogar Heiden aus allen Ländern in dem Reiche, sich selbst aber ausgeschlossen sehen. Nichtsdestoweniger hing die Erfüllung der Verwerfung Jesu nicht von dem Willen des Menschen oder jenes falschen Königs ab, der, nach Aussage der Pharisäer, sich Seiner entledigen wollte. Die Absichten Gottes und ach! die Ungerechtigkeit des Menschen wurden miteinander erfüllt. Jerusalem sollte das Maß seiner Ungerechtigkeit voll machen. Es konnte nicht sein, dass ein Prophet außerhalb Jerusalems umkam. Aber mit der Verwerfung Jesu schließt die Zeit, während welcher der Mensch in seiner Verantwortlichkeit auf die Probe gestellt wurde.

Danach spricht der Herr in einer rührenden und herrlichen Sprache als Jehova Selbst. Wie oft hatte dieser Gott der Güte die Kinder Zions unter Seine Flügel versammeln wollen! Aber sie wollten nicht. Hätte dieses Versammeln von dem Willen des Menschen abgehangen, so wäre gänzliche Trennung und Verwüstung die Folge gewesen; und dies erfüllte sich damals auch tatsächlich. Jedes Band mit Jehova war nun von Seiten Israels zerrissen; alles war von Seiten Israels Jehova gegenüber vorüber, nicht aber von Seiten Jehovas Israel gegenüber. Das Teil des Propheten war, auf die Treue seines Gottes zu rechnen und - in der Überzeugung, dass diese nicht fehlen konnte und dass, wenn das Gericht kam, es nur für eine Zeit sein würde - zu sagen: „Herr, bis wann?“ (Jes 6, 11; Ps 79, 5 ). Das Elend ist vollständig, wenn der Glaube mangelt, und nicht einer da ist, der da sagt: „Herr, bis wann?“ (Ps 74, 9). Aber hier ist der große Prophet Selbst verworfen. Jedoch, gestützt auf Seine Gnadenrechte als Jehova, verkündigt Er ihnen ungefragt das Ende ihrer Verwüstung. „Ihr werdet mich nicht sehen, bis es kommt, dass ihr sagen werdet: „Gepriesen sei, der da kommt im Namen des Herrn!“ Diese plötzliche Offenbarung der Rechte Seiner Gottheit, und zwar Seiner Gottheit Selbst in Gnade, wenn im Blick auf ihre Verantwortlichkeit, trotz Seines gnadenreichen Wirkens, alles verloren war, ist von überwältigender Schönheit. Gott Selbst ist es, der am Ende aller Seiner Handlungen erscheint.

Aus dieser Wiederholung ersehen wir, dass Kap. 12 uns mit dem himmlischen Teil der Versammlung, dem Himmel sowie mit dem zukünftigen Leben bekannt macht, während uns Kap. 13 - mit Einschluss der Verse 54 - 59 des 12. Kapitels - die Regierung über Israel und über die Erde vor Augen stellt, und zwar mit der äußeren Form dessen, was das Reich, da Jesus verworfen und das Judentum beiseitegesetzt wurde, hienieden ersetzen sollte.

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