Das Evangelium nach Lukas

Kapitel 2

Das Evangelium nach Lukas

Der Eingangsvers dieses Kapitels zeigt, wie Gott die Großen der Erde zu benutzen vermag, um Seine Pläne auszuführen, und zwar ohne daß sie selbst es wußten. Der vorliegende Fall ist um so bemerkenswerter, insofern die Verordnung des Augustus nicht sogleich durchgeführt wurde, sondern sich verzögerte, bis Cyrenius Landpfleger von Syrien war. Die Weissagung hatte jedoch Bethlehem als Geburtsort des Messias angezeigt, und der kaiserliche Erlaß kam gerade zur rechten Zeit, um Joseph und Maria nach Bethlehem zu senden, obwohl die Einschreibung in der Folge zeitweise stockte. Die Begleitumstände der Einschreibung waren zweifellos die Ursache dafür, daß die Herberge überfüllt war. So wurde Christus in einem Stall geboren als ein Zeugnis der Armut Josephs und Marias, denn Unbequemlichkeiten konnten damals wie heute immer nur durch Geld ausgeräumt werden. Das war jedoch symbolisch für den Platz außerhalb, den Christus im Blick auf die Welt und ihren Ruhm von Anfang an einnehmen sollte.

Die Verse 8-20 schildern die mit den Hirten verbundene Begebenheit. Sie ist derart wohlbekannt geworden durch Kirchen- und Weihnachtslieder, daß wir vielleicht in Gefahr sind, ihre volle Bedeutung zu verfehlen. Die Hirten als besondere Klasse von Menschen standen in jenen Tagen in keinem hohem Ansehen. Die hier erwähnten Männer taten ihren Dienst bei Nacht und waren, verglichen mit anderen, die sich tagsüber um die Schafe kümmerten, meistens ungelernte Arbeiter. Doch diesen ungewöhnlich geringen und unbekannten Männern erschienen die Engel. Solch unbedeutenden Menschen wie diesen wurde das himmlische Geheimnis der Ankunft des Erretters enthüllt!

Das ist noch weitaus denkwürdiger, wenn wir dieses Kapitel mit Matthäus 2 vergleichen. In die Szene dort sind die Großen Jerusalems einbezogen - der König Herodes, seine Höflinge, Hohenpriester und Schriftgelehrte - und sie sind völlig unwissend über dieses wunderbare Ereignis, selbst noch Monate später, und dann hören sie nur davon durch die Weisen, die von Osten kamen und die, wenn wir an Israel als Volk denken, gänzlich außerhalb standen. Die Erklärung finden wir in den Worten des Psalmisten: „Das Geheimnis des Herrn ist für die, welche ihn fürchten“ (Ps 25,14). Gott sieht keines Menschen Person an, aber Er achtet auf Demut und Lauterkeit des Herzens vor Ihm. So übergeht Er die Jerusalemer Oberschicht, sendet aber eine Schar von Engeln zu einer kleinen Gruppe verachteter Nachtwächter, um sie in das Geheimnis der Wege göttlicher Vorsehung einzuweihen. Diese Hirten waren einige aus dem gottesfürchtigen Überrest, die den Messias erwarteten, wie ihre späteren Worte und Taten uns zeigen.

Der eine Engel verkündete zuerst die Botschaft, dann folgte der Lobpreis vieler Engel. Die große Freude der Verkündigung hatte ihren Grund in der Tatsache, daß ein Erretter geboren war. Sie hatten den Gesetzgeber und die Propheten gehabt, und jetzt war der Erretter erschienen, der so groß war, eben Christus, der Herr. Diese gute Botschaft war für „das ganze Volk“. Für den Augenblick war ein größerer Kreis als ganz Israel noch nicht in Sicht. Das Zeichen dieses wunderbaren Ereignisses hatte niemand voraussehen können. Menschen mochten erwartet haben, einen mächtigen Kriegshelden zu sehen, prächtig gekleidet und auf einem Thron sitzend. Doch das Zeichen war ein Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegend. Nun, gerade dieses Zeichen enthüllte den Menschen jener Tage die Art und Weise und den Geist Seiner Ankunft.

Der Lobpreis der Engel ist in Vers 14 zu vierzehn Wörtern verdichtet, der Anzahl nach wenig, aber tief in ihrer Bedeutung. Sie beurkunden die letzten Resultate, die aus der Ankunft des Kindes hervorgehen sollten. Gott würde verherrlicht werden in den höchsten Örtern Seiner Macht, dort, wo die geringste Befleckung Seines Namens mit äußerster Schärfe wahrgenommen und empfunden würde. Auf Erden, wo seit dem Sündenfall Krieg und Streit nie mehr aufgehört haben, soll Friede aufgerichtet werden. Gott würde an den Menschen Sein Wohlgefallen finden. Von dem Augenblick an, als die Sünde in die Welt kam, fand Gott an Adam und seinem Geschlecht kein Wohlgefallen mehr. Dank der jungfräulichen Geburt, die so

klar im ersten Kapitel dargestellt worden ist, war jetzt jemand erschienen, der, im Vergleich mit Adam, einer anderen Ordnung der Menschheit angehörte. Auf Ihm ruht das Wohlgefallen Gottes in höchstem Maß, und so wird es auch ruhen auf Menschen, die als die Frucht Seines Werkes in Ihm erfunden werden. In der Tat sind das wundervolle Resultate!

Auf all das gaben die Hirten die Antwort des Glaubens. Sie sagten nicht: „Laßt uns gehen ... und sehen, ob dieses Ereignis wohl geschehen mag“, sondern „und dieses Ereignis sehen, das geschehen ist“. Sie kamen eilends und sahen das Kind mit ihren eigenen Augen; danach gaben sie das Zeugnis an andere weiter. So konnten sie sprechen: „Gott hat es gesagt, und wir haben es gesehen.“ Das göttliche Zeugnis wurde durch die persönliche Erfahrung unterstützt. Ein solches Zeugnis bleibt nicht ohne Wirkung. Viele wunderten sich, Maria verwahrte diese Worte und erwog sie in ihrem Herzen; denn offensichtlich hatte sie selbst die volle Bedeutung von alledem noch nicht verstanden. Die Hirten hatten die Gesinnung der Engel aufgenommen, sie verherrlichten und lobten Gott. So wurden Lob und Preis auf der Erde wie im Himmel gehört, doch wir möchten annehmen, daß im Lobpreis dieser einfachen, demütigen Menschen auf Erden ein Ton mitklang, der im Lobpreis der Engel Seiner Macht droben fehlte.

Die Verse 21-24 lassen uns sehen, daß alles, was das Gesetz vorschrieb, bei dem heiligen Kind beobachtet wurde, und als es im Tempel dem Herrn dargestellt wurde, waren dort zwei altgewordene Gläubige, die in der Furcht des Herrn wandelten, und, geleitet vom Geist Gottes, traten sie herzu, um es zu begrüßen. Wir haben vorhin zur Kenntnis genommen, daß die Oberschicht Jerusalems gänzlich außerhalb einer Beziehung zu Gott stand und nichts von dem Kind wußte. Hier waren solche, die Gemeinschaft mit Gott hatten, und sehr bald wußten sie, was geschah, obwohl kein Engel ihnen erschien. Der Heilige Geist war auf Simeon, und durch den Geist wußte er nicht nur, daß er den Tod nicht sehen sollte, ehe er den Christus des Herrn gesehen habe, sondern er kam war genau in dem Augenblick in den Tempel, als das Kind Jesus dort war. So war es auch bei der alten Anna. Sie durfte es sehen „zu derselben Stunde“, weil ihr Tempelbesuch damit zeitlich völlig übereinstimmte.

Wenn wir die Verse 28-35 lesen, können wir nachempfinden, wie ergreifend diese Szene gewesen sein muß. Der alte Mann sprach zu Gott und dann zu Maria. Er war bereit, in Frieden abzuscheiden, nachdem er in dem heiligen Kind das Heil Gottes gesehen hatte. Tatsächlich ging er einen Schritt weiter als der Engel, denn er erkannte, daß Gottes Heil vor dem Angesicht „aller Völker“ bereitet worden war - das Wort wird diesmal in der Mehrzahl gebraucht. Jesus sollte nicht nur zur Herrlichkeit Israels sein, sondern auch die Nationen erleuchten. Es war ihm offenbart worden, daß die Gnade nunmehr über die engen Grenzen Israels hinaus in die Weite der Welt strömen werde.

Es war ihm offenbart worden, daß der Christus gekommen war, um Widerspruch zu erfahren. Er mochte ihn undeutlich sehen, aber er war da - der Schatten des Kreuzes, wenn das Schwert die Seele Marias durchdringen sollte. Wir sehen das aus den Worten, die er an sie richtete.

Wir mögen uns vielleicht wundem, daß Simeon so bereit gewesen sein soll, „in Frieden abzuscheiden“, nachdem er, obwohl alt geworden, den Heiland wirklich auf seinen Armen gehalten hatte. Wir können annehmen, daß er die Tatsache, Gottes Eingreifen in dieser Weise zu sehen und doch vor seinem Abscheiden die Vollendung nicht mehr zu erleben, schmerzlich empfunden haben mag. Doch offensichtlich war es ihm als einem Propheten gegeben, die Verwerfung Christi vorauszusehen, und deshalb erwartete er nicht die unmittelbare Ankunft Seiner Herrlichkeit und war auf seinen eigenen Tod vorbereitet.

Er kündigte an, daß das Kind Israel auf die Probe stellen würde. Viele, die hoch und erhaben waren, würden fallen, und viele, die niedrig und verachtet waren, würden aufstehen. Da man Ihm widersprechen und Ihn verwerfen würde, müßten die Überlegungen vieler Herzen in der Begegnung mit Ihm offenbar werden. In der Gegenwart Gottes sind alle Menschen genötigt, ihren wahren Charakter zu zeigen. Dieses bei Christus zutage tretende Kennzeichen ist eine - von Menschen oft ungewollte - Bestätigung Seiner Gottheit. Und Maria selbst würde von Kummer und Schmerz, einem durchdringenden Schwert gleich, erreicht werden. Das Wort erfüllte sich, als sie bei dem Kreuz stand.

Die in ihren Jahren weit vorgerückte Prophetin Anna rundet dieses liebliche Bild des gottesfürchtigen Überrests in Israel ab. Sie diente Gott unablässig, und als sie den Christus gesehen hatte, redete sie von ihm“.

Wir dürfen an dieser Stelle noch einmal zusammenfassend die Merkmale vorstellen, die diese frommen Leute auszeichneten. Die Hirten geben eine Illustration des Glaubens, der sie kennzeichnete. Sie nahmen das Wort, das sie durch den Engel erreichte, sofort an, fanden es dann vor ihren eigenen Augen bestätigt, und danach lobten und priesen sie Gott.

Maria veranschaulicht den nachdenklichen und besinnlichen Geist, der auf Gott wartet, um ein Verständnis zu erlangen - Vers 19.

Simeon war der Mann, der in der Belehrung und Kraft des Geistes Gottes auf den Christus wartete. Als er Ihn fand, hatte er alles, was er begehrte, und er weissagte über Ihn.

Anna war die Frau, die Gott unablässig diente und Christus bezeugte, nachdem sie Ihn gefunden hatte.

Schließlich wurde große Sorgfalt verwandt, um jede Einzelheit betreffs des Christus auszuführen, wie das Gesetz des Herrn es bestimmte. Fünfmal wird erwähnt, daß sie das Gesetz beobachteten (Verse 22.23.24.27.39). Dieses vortreffliche Merkmal müssen wir vermutlich Joseph zuschreiben, dem Mann der Maria: gewissenhafter Gehorsam dem Wort Gottes gegenüber.

Heute erwarten wir die zweite Ankunft des Herrn. Wie schön würde es sein, wenn diese ausgezeichneten Wesenszüge auch bei uns deutlich gefunden würden.

Vers 40 umfaßt die ersten zwölf Jahre des Lebens unseres Herrn. Er vermittelt uns die Tatsache, daß die gewöhnliche Entwicklung an Geist, Seele und Leib, die den Menschen eigen ist, auch von Ihm durchlaufen wurde - ein Zeugnis für Seine wahre Menschheit.

Noch verstärkt wird dieses Zeugnis durch den Bericht über Sein Verhalten im Alter von zwölf Jahren. Er unterwies nicht die gelehrten Männer, sondern Er hörte ihnen zu und stellte Fragen in einer solchen Weise, daß sie erstaunten und Ihn befragten. Wir sehen auch hier wieder ein vorbildliches Betragen, wie es für einen Knaben dieses Alters angemessen ist, während Er gleichzeitig übernatürliche Züge offenbarte. Die Antwort, die Er Seiner Mutter gab, zeigt, daß Er sich Seines Auftrags bewußt war. Noch viele Jahre vergingen, die Er in der Stellung der Unterwürfigkeit gegenüber Joseph und Maria verbrachte. Im rechten Verhältnis zu Seinem Lebensalter wurde so an Ihm jede Art menschlicher Vollkommenheit wahrgenommen.

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