Das Evangelium nach Lukas

Kapitel 3

Das Evangelium nach Lukas

Die beiden ersten Verse datieren genau den Beginn des Dienstes des Johannes. Zugleich beschreiben sie völlig ungewöhnliche Zustände. Die Regierungsgewalt lag in Händen der Heiden, und auch in Israel selbst bestanden ungeordnete Verhältnisse, denn statt eines Hohenpriesters waren zwei da. Deshalb war die Buße der Grundton seiner Predigt. Frühere Propheten hatten Israel ernstlich ermahnt und sie zu dem gebrochenen Gesetz zurückgerufen. Johannes fährt damit nicht fort, sondern fordert zur Buße auf. Sie hatten anzuerkennen, daß sie auf der Grundlage des Gesetzes hoffnungslos verloren waren. Im Wasser seiner Taufe hatten sie als dem Tod unterworfene Menschen ihren Platz einzunehmen. Es war „die Taufe der Buße zur Vergebung der Sünden.“ Wenn sie ihm zuhörten und bereuten, so wurden sie moralisch zubereitet, die Vergebung der Sünden zu empfangen, und zwar durch den, der im Begriff war zu kommen. So würde der Weg des Herrn gerade gemacht werden.

Beachten wir, daß die Anführung aus Jesaja von Jehova als dem Kommenden spricht, und wie dieses Kommen Jehovas offensichtlich in Jesus erfüllt wird. Vers 5 drückt dieselbe Wahrheit aus, die wir in den Versen 52 und 53 von Kapitel 1 fanden, ebenso in Vers 34 von Kapitel 2, nur daß sie hier in mehr bildlicher Sprache beschrieben wird. Vers 6 zeigt, daß, weil der bald Kommende kein Geringerer als Jehova selbst war, das durch Ihn bereitete Heil sich nicht auf die engen Grenzen Israels beschränken, sondern zu „allem Fleisch“ ausgehen sollte. Die Gnade war im Begriff zu kommen, und sie würde in alle Richtungen strömen. Diese Gnade ist eines der besonderen Themen des Lukasevangeliums.

Aber Johannes predigte die Buße nicht nur in einer allgemeinen Weise, sondern machte sie auch zu einer gezielten, persönlichen Sache. Volksmengen strömten zu ihm, und seine Taufe drohte zu einer volkstümlichen Veranstaltung zu werden, fast zu einer modischen, erholsamen Unterhaltung. Dieselben Erscheinungen können wir auch heutzutage beobachten. Irgendein religiöser Brauch, wie zum Beispiel die Taufe, entartet sehr leicht zu einem beliebten Fest. Offensichtlich fürchtete sich Johannes durchaus nicht, seinen Zuhörern hart zuzusetzen, ohne dabei auf sein Ansehen Rücksicht zu nehmen. Nichts könnte kraftvoller sein als seine Worte, wie sie in den Versen 7–9 berichtet werden. Er sagte den Leuten unverblümt, was sie waren; er warnte sie vor dem kommenden Zorn; er rief zu echter Buße auf, die würdige Früchte bringen müßte; er machte ihnen deutlich, daß kein Platz religiöser Vorrechte ihnen nützen würde, denn Gott würde bald im Gericht bis zu den Wurzeln vorstoßen. Die Axt sollte jetzt ihr Werk tun, nicht etwa, um die Zweige abzuhauen, sondern sie sollte die Wurzel treffen und so den ganzen Baum fällen. Wie anschaulich ist dieses Bild! Und es wurde nicht erfüllt in der Ausführung eines äußerlichen Gerichts das wird erst beim zweiten Kommen des Herrn stattfinden sondern in jener moralischen Verurteilung, die am Kreuz geschah. Das zweite Kommen hat sein besonderes Kennzeichen im Feuer, das den abgestorbenen Baum verzehren wird. Das erste Kommen führte zum Kreuz, wo das gerichtliche Verdammungsurteil gegen Adam und sein Geschlecht verkündet wurde, mit anderen Worten, der Baum wurde gefällt.

Johannes fordert nicht Worte, sondern Taten, nämlich die praktischen Früchte der Buße, und dies führte zu der Frage der Volksmenge in Vers 10. Die gleichen Fragen äußerten Zöllner und Kriegsleute. In seinen jeweiligen Antworten legte Johannes den Finger auf die besonderen Sünden, die sich bei den verschiedenen Klassen vornehmlich fanden. Obschon die Antworten den fragenden Gruppen angepaßt waren, können wir doch sehen, daß Habsucht hinter aller Ungerechtigkeit stand, gegen die er zu Felde zog. Von allen üblen Unkräutern, die im Menschenherzen aufsprießen, sitzt die Habsucht mit am tiefsten und ist am schwierigsten zu behandeln. Gleich dem Löwenzahn dringen ihre Wurzeln tief hinab. Echte Buße führt zu echter Umkehr von dem alten Sündenweg. Das wußte Johannes.

So bereitete Johannes den Weg des Herrn, und nicht nur das, er wies auch treu auf Ihn hin, und nicht für einen Augenblick erlaubte er dem Volk, von ihm selbst hoch zu denken. Er gab sich selbst nur als den demütigen Diener der großen Person aus, die kommen würde – so demütig, daß er sich nicht für würdig hielt, die Riemen Ihrer Sandalen zu lösen. Der Kommende war so groß, daß Er die Menschen mit Heiligem Geist und mit Feuer taufen würde – mit ersterem zu ihrem Segen, mit letzterem zu ihrem Gericht, wie der nächste Vers überaus deutlich macht. Wir wollen hier noch einmal daran denken, daß die beiden Kommen bisher nicht ganz klar unterschieden werden. Die Geistestaufe hat stattgefunden, wie Apostelgeschichte 2 berichtet, ein Ergebnis des ersten Kommens, doch die Feuertaufe nach Vers 17 wartet auf das zweite Kommen.

Lukas schildert den treuen Dienst des Johannes, verläßt ihn dann aber kurz mit seiner Berichterstattung, um Jesus Raum zu geben. Die Gefangennahme des Johannes hatte bei diesem Stand der Dinge noch nicht stattgefunden, aber Lukas weicht von der historischen Reihenfolge ab und erwähnt die Tatsache jetzt aus moralischen und geistlichen Gründen. Der dem Elia ähnliche Dienst des Johannes verschwindet vor dem, der das Gefäß der Gnade Gottes sein sollte, und der jetzt getauft und so in Seinen Dienst eingeführt wurde. Uns wird hier nicht einmal mitgeteilt, daß Johannes Ihn taufte, aber wir erfahren, daß Er betete, als Er getauft wurde, was sonst nirgends erwähnt wird. Offensichtlich betont dieses Evangelium die Vollkommenheit der Menschheit unseres Herrn. Die Gnade für die Menschen wird Dem verliehen, der der vollkommene Mensch ist, und das erste Kennzeichen der Vollkommenheit des Menschen ist seine Abhängigkeit von Gott. Das Gebet ist ein Ausdruck dieser Abhängigkeit, und wir werden in diesem Evangelium bemerken, daß es viele Male berichtet, daß Jesus betete. Dies ist das erste Beispiel.

Auf diesen betenden, abhängigen Menschen stieg der Heilige Geist in leiblicher Gestalt, wie eine Taube, herab, während die Stimme des Vaters kundtat, daß Er der geliebte Sohn sei, der Gegenstand aller göttlichen Wonne. So wurde schließlich die Wahrheit von der Dreieinheit offenbar. Für einen Augenblick wurde der Geist sichtbar, und der Vater wurde gehört; hier war der Sohn in Fleisch und Blut, und folglich nicht nur sichtbar und hörbar, sondern auch betastbar. Es ist wunderbar, daß der Himmel sich öffnen mußte, und seine ganze Aufmerksamkeit sich gesammelt auf einen betenden Menschen auf der Erde richtete. Doch in diesem betenden Menschen sollte Gott erkannt werden, „denn es war das Wohlgefallen der ganzen Fülle, in ihm zu wohnen“ (Kol 1, 19).

Nachdem die Stimme des Vaters sich zu Ihm als dem geliebten Sohn bekannt hatte, erwähnt Lukas jetzt Sein Geschlechtsregister über Maria, um zu zeigen, wie Er wirklich auch Mensch ist. Matthäus verfolgt Seine Abstammung zurück bis auf Abraham, den Empfänger der Verheißung, über David, den Inhaber des Königtums. Lukas führt Ihn zurück bis auf Adam und Gott, denn bei ihm geht es einfach um Seine Menschheit, und die war durch Maria, denn Joseph galt nur vermeintlich als Sein Vater. Er ist wahrhaftiger Mensch, obwohl Er der Sohn Gottes ist. Er ist der zweite Mensch, der Herr vom Himmel, das einzigartige Gefäß der überströmenden Gnade Gottes.

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