Das Evangelium nach Lukas

Kapitel 11

Das Evangelium nach Lukas

Wiederum finden wir den Herrn im Gebet, und dies erweckt in den Jüngern den Wunsch, daß Er auch sie unterweisen möge, wie sie beten sollen. Bis hierher besaßen sie noch nicht den Geist, wie wir ihn heute haben. Deshalb konnten sie ein „Beten im Heiligen Geist“ (Judas 20) und die Hilfe und ein Sichverwenden des Geistes. wovon Römer 8,26.27 spricht, noch nicht so kennen, wie wir es kennen dürfen. Zu dieser Zeit war der Herr ihr „Tröster“ und ihr Führer von außen her. Wir haben „einen anderen Tröster“, der in uns wirksam ist. Der Herr kommt der Bitte nach und gibt ihnen dieses Gebet als Beispiel. Er fügt ihm eine Illustration hinzu, die uns verstehen läßt, daß Zudringlichkeit möglich und nötig ist. Wenn ein Mann auf die flehentliche Bitte eines Freundes hin um die Mitternachtsstunde aufstehen wird, dann dürfen wir wohl mit Vertrauen zu Gott kommen.

Der Herr hatte Seine Jünger belehrt, Gott als Vater anzusprechen, und die Zusicherungen, die Er in Vers 10 gibt, passen dazu, ebenso die Hinweise und Mitteilungen in den Versen 11 - 13. Der Vater im Himmel ist nicht so zu denken, daß Er weniger interessiert und rücksichtsvoll wäre als ein irdischer Vater. Er wird als Antwort auf die Bitte um notwendige Nahrung nicht geben, was nutzlos oder schädlich ist. Noch wird Er, so dürfen wir hinzufügen, Unnützes oder Verderbliches darreichen, wenn wir törichterweise danach verlangen und darum bitten. Zweifellos ist manches unbeantwortete Gebet so zu erklären.

Der Mensch in seinem bösen Zustand weiß seinen Kindern, gute Gaben zu geben, der himmlische Vater wird denen, die Ihn bitten, die größte aller Gaben geben - den Heiligen Geist. Wir sehen hier, daß der Herr in Seiner Unterweisung auf die Entwicklungen hinlenkt, die bald eintreten werden. Der Heilige Geist wurde nicht gegeben, bis Jesus verherrlicht war, wie wir aus Johannes 7,39 wissen; doch als Er gegeben wurde, kam Er auf eine Schar von Männern und Frauen, die in Gebet und Flehen verharrten, wie Apostelgeschichte 1,14 berichtet. Wir leben in der Zeit, wo der Geist gegeben worden ist, und so dürfen wir uns an der Frucht Seiner Gegenwart ebenso erfreuen wie an der Kraft des Wortes und des Gebets.

Im nächsten Abschnitt (14-28) finden wir die endgültige Verwerfung der entfalteten Gnade und auch des Herrn selbst, der sie entfaltete. Das führt den Herrn dazu, die furchtbaren Folgen dieser Verwerfung aufzuzeigen und auch weiterhin zu betonen, wie wichtig der Gehorsam gegenüber dem Wort ist.

Nachdem der Herr den stummen Dämon ausgetrieben hatte, erfuhr der Mann, der sein Opfer gewesen war, eine eindrucksvolle und unleugbare Veränderung. Viele aus der Menge suchten jedoch zu verunglimpfen, was sie nicht bestreiten konnten. Die Bemerkung über Beelzebub wird hier nicht wie bei Matthäus den Pharisäern zugeschrieben. Zweifellos war sie von ihnen angestiftet, doch das gewöhnliche Volk unterstützte sie dabei, wie Lukas hier berichtet. Andere, die ihre Augen vor den vielen schon geschehenen Zeichen verschlossen, besaßen die Unverschämtheit, ein Zeichen aus dem Himmel zu fordern. In Seiner Entgegnung zeigte Jesus zunächst, wie unsinnig ihre Anklage war. Sie enthielt die absurde Behauptung, daß Satan wider sich selbst entzweit wäre. Zweitens machte Er deutlich, daß eine solche Beschuldigung ihre Söhne, wenn nicht gar sie selbst, treffen müßte.

Drittens, und das ist hier das Wichtigste, gab Er eine Erläuterung über Sein eigenes Tun. Als der Stärkere als Satan hatte Er den Schauplatz betreten. Vor Seinem Kommen hatte Satan seine Gefangenen in ungestörtem Frieden festgehalten. Jetzt war der Stärkere dabei, diese Gefangenen zu befreien. Sein Kommen unterzog sie alle einer Prüfung: Sie waren entweder mit Ihm oder gegen Ihn. Nicht mit Ihm sein war dasselbe wie gegen Ihn sein, eine Neutralität konnte es nicht geben. Menschen mochten sich den Anschein geben, daß sie sammelten, aber wenn sie es nicht mit Ihm taten, würde es sich erweisen, daß sie nur zerstreuten. Das ist ein Punkt, den wir gut beachten sollten. Es gibt heutzutage eine große Bestrebung, Menschen in allen Arten von Vereinigungen und Gruppen zusammenzubringen, aber wenn es nicht mit Christus ist, daß Er der Mittelpunkt ist und alles beherrscht, dann bedeuten alle diese Bemühungen Zerstreuung und werden letztlich auch als solche offenbar werden.

Die Verse 24-26 sind offensichtlich prophetisch. Zu der Zeit war der unreine Geist ihres früheren Götzendienstes aus Israel ausgegangen, doch obwohl sie äußerlich „gefegt und geschmückt“ waren, wiesen sie den ab, der von Gott gesandt war, das Haus in Besitz zu nehmen. Die Folge würde sein, daß der alte unreine Geist zurückkehren würde, und zwar mit anderen noch schlimmeren Geistern als er selbst, so daß ihr letzter Zustand ärger als der erste sein würde. Dieses Wort Jesu wird sich erfüllen, wenn das ungläubige Israel in den letzten Tagen den Antichristen annehmen wird.

Doch lehnten Ihn nicht alle ab. Eine Frau aus der Menge nahm etwas von Seiner Vortrefflichkeit wahr und sprach aus, wie gesegnet Seine Mutter sein müsse. Er ließ das gelten, denn das erste Wort Seiner Erwiderung war „Ja“. Dann sprach Er davon, was noch gesegneter sei. Der beste Segen liegt für uns darin, daß wir Gottes Wort empfangen und bewahren. Das geistliche Bindeglied, das durch das Wort geformt wird, schafft eine Beziehung, die enger und dauerhafter ist als irgendein fleischliches Band. Auf diese geistlichen Wahrheiten lenkte der Herr die Gedanken der Jünger, und das Hören des Wortes ist jenes gute Teil, wie wir es vorher bei Maria gesehen haben.

Der Herr fuhr fort in Seiner Rede über die Gleichgültigkeit des Volkes zu Seiner Zeit. Sie forderten ein Zeichen, so als ob ihnen noch kein Zeichen gegeben worden wäre. Nur noch ein Zeichen blieb ihnen übrig, von dem Er als „dem Zeichen Jonas“ sprach. Jonas predigte den Niniviten, doch war er ihnen auch selbst zu einem Zeichen, insofern er unter ihnen als jemand erschien, der aus dem Bereich des sicheren Todes aufgetaucht war. Der Sohn des Menschen stand im Begriff, in den wirklichen Tod zu gehen und in der Auferstehung wieder hervorzukommen, und das war das größte aller Zeichen. Darüber hinaus entfaltete Er unter ihnen eine Weisheit, die größer war als die Salomos, und Seine Predigt übertraf bei weitem die Predigt eines Jonas. Woran lag es, daß das Volk trotzdem nicht davon berührt wurde?

Der Grund war nicht, daß das Licht nicht geschienen hätte. Die Menschen zünden keine Kerze an, um sie dann zu verbergen, wie Vers 33 sagt. Der Herr war als das große Licht in die Welt gekommen, und Seine Strahlen erreichten die Menschen. Was verkehrt war, war verkehrt, nicht mit dem Licht, sondern mit den Augen der Menschen. Die Verse 34-36 heben das auf eindringliche Weise hervor. Objektiv ist die Sonne das Licht unserer Körper, subjektiv aber sind unsere Augen unser Licht. Wenn die Sonne nicht mehr leuchtete, gäbe es weltweite Finsternis, aber wenn mein Auge versagte, bedeutete das für mich absolute Dunkelheit. Wenn mein geistliches Sehvermögen böse ist, ist auch mein Sinnen und Denken voller Dunkel-, ist dieses aber einfältig, dann ist alles voller Licht. Mit anderen Worten, der Zustand dessen, auf den das Licht fällt, ist von ausschlaggebender Bedeutung. Das Volk war in einem verkehrten Zustand; daher rührte seine Unempfindsamkeit gegenüber dem Licht, das in Christus leuchtete.

Doch wenn auch das Volk das Licht, das ihnen den Segen gebracht hätte, nicht einließ, so würde der Herr zumindest den Scheinwerfer der Wahrheit auf ihren Zustand richten. Er begann mit den Pharisäern, und der letzte Abschnitt des Kapitels enthält Seine Anklage gegen sie. Der Pharisäer, der Ihn eingeladen hatte, war ein echter Pharisäertyp, kritisch und gefangen von zeremoniellen Äußerlichkeiten. Die Stunde hatte geschlagen, daß der Kritiker selbst kritisiert und bloßgestellt werden sollte. Nichts könnte schneidender sein als die Worte des Herrn. Wenn wir sie lesen, kann uns eine Ahnung aufgehen, wie die Menschen am Tag des Gerichts durchforscht werden.

Um ihre Heuchelei geht es in den Versen 39-41. Prahlerische Reinlichkeit, soweit die Augen der Menschen sie wahrnehmen, aber Schmutz da, wo sie nicht hinsehen. Und weiter, unter ihrer zur Schau getragenen Frömmigkeit verbarg sich ungezügelte Selbstsucht. Ihr Inneres war voller „Begierde“ und „Raub“. Das Wort „geben“ in Vers 41 steht hierzu im Gegensatz. Wenn sie doch lieber Gebende würden, statt andere Leute zu plündern, dann würden ihnen alle Dinge rein sein, drinnen wie draußen. Ein solch radikaler Wechsel würde eine wahre Bekehrung in sich schließen.

Vers 42 zeigt ihr verkehrtes Urteilsvermögen auf. Sie verlegten sich auf Dinge, die weder wichtig noch kostbar waren, und übersahen andere von höchster Bedeutung. Vers 43 gibt an, daß sie öffenfliche Bekanntheit und Schmeicheleien der Menschen über alles liebten. So wurden sie, ohne Verdacht zu erregen, zu Zentren der Verunreinigung für andere, wie Vers 44 mitteilt. Sie fügten sowohl anderen als sich selbst Schaden zu. Wahrlich eine furchtbare Anklage, die indessen traurigerweise zu allen Zeiten mehr oder weniger auf solche zutrifft, die eine bloß äußerliche und zeremonielle Religion vertreten.

An dieser Stelle verwahrte sich ein Gesetzgelehrter dagegen, daß die Worte des Herrn auch Leute wie ihn schmähten. Der Herr nahm seinen Einwand zum Anlaß einer besonders auf sie gemünzten Anklage. Diese Gesetzeslehrer befaßten sich damit, anderen schwere Lasten aufzubürden. Sie legten die Gesetze für andere fest und besaßen die Unverfrorenheit, diese für sich selbst nicht zu beachten. Außerdem setzten sie Gottes Wort beiseite und auch die Propheten, die es verkündet hatten, obwohl sie die Propheten durch den Bau von Grabmälern ehrten, nachdem sie getötet worden waren. Sie hofften so das Ansehen der Namen jener für sich selbst zu buchen, jetzt, wo deren Worte sie nicht mehr auf die Probe stellten. Welch ein schlauer Kunstgriff! Sind solche Dinge in unseren Tagen völlig unbekannt? Es ist leicht, einen Mann, dessen Zeugnis man zu seinen Lebzeiten heftig bekämpft hätte, ein Jahrhundert nach seinem Tod bis zum Himmel zu loben. Die Worte des Herrn schließen den Gedanken ein, daß der Väter Tun von den Söhnen wiederholt werden würde. Das Geschlecht, zu dem Er sprach, war nicht nur schuldig an dem Blut der früheren Propheten, sondern auch an dem Blut des Sohnes Gottes selbst.

In Vers 52 finden wir schließlich, daß geradeso, wie die Pharisäer andere Menschen befleckten (Vers 44), diese Gesetzgelehrten den Schlüssel der Erkenntnis wegnahmen. Sie taten damit ein Werk Satans, indem sie andere hinderten, zur wahren Erkenntnis Gottes zu kommen. Sie töteten die Propheten, und sie versperrten den Weg des Lebens.

Der Herr äußerte diese schrecklichen Beschuldigungen in völliger Gemütsruhe. Die Besten unter den Menschen würden anders gesprochen haben. Deshalb gilt uns die ernste Weisung: „Zürnet, und sündiget nicht!“ (Eph 4,26). Wir sündigen leicht, indem wir über Sünde zürnen. Der Herr bedurfte einer solchen Ermahnung nicht. Seine Widersacher dachten, sie brauchten Ihn nur immer noch mehr herauszufordern, und irgendwann würde Er unterliegen. Aber Er unterlag nicht, wie sie meinten, es kommen zu sehen. Das nächste Kapitel zeigt das.

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