Das Reich Gottes und das Reich der Himmel

Kapitel 6

Kapitel 6 Die heutige Phase des Reiches (Übergang)

Die heutige Phase des Reiches (im Schaubild mit P. 2 angedeutet) ist die eingeschobene und vorübergehende Verkündigung des Königsreichs, durch die bestimmte Ergebnisse hervorgebracht werden, indem durch das Evangelium der Gnade Gottes alle Menschenklassen gleich angesprochen werden. Aus der Welt werden somit Gläubige gesammelt, um unter die geistliche Regierung Christi in der Kirche zu kommen. Dabei machen lediglich bekennende Christen zusammen mit wahren Christen das aus, was heute unter dem Begriff „Christentum“ bekannt ist. Daher bilden beide einen Bestandteil der gegenwärtigen Phase des Reiches.

Diese religiösen Zustände bestanden in dieser Form zur Zeit unseres Herrn nur ansatzweise, weshalb er in seinen Reden den Stand der Dinge vorausblickend beschreibt, der nach seiner Himmelfahrt existieren würde. Die Geschehnisse und ihre Begleiterscheinungen, welche durch unseren Herrn vorausgesagt wurden, würden sich innerhalb eines besonderen Zeitintervalls ereignen und zwar zwischen der ersten Proklamation des Reiches durch den König selbst sowie Johannes den Täufer (in der jetzt bereits zurückliegenden Phase) und der Erfüllung oder Aufrichtung des Königreichs in seiner vollen Machtentfaltung im tausendjährigen Reich, der zukünftigen Phase.

Zwei sehr markante Kontrastpunkte sind zwischen dieser und der vergangenen Phase zu beachten.

  1. Einmal sehen wir, dass das Evangelium der Gnade in der heutigen Zeit unterschiedslos allen Klassen verkündigt werden sollte, weil der Befehl lautete: „Geht hin in die ganze Welt und predigt das Evangelium der ganzen Schöpfung“, wogegen das Evangelium des Reiches nur „den verlorenen Schafen des Hauses Israel“ gebracht werden sollte.
  2. Zweitens war es in der vergangenen Phase so, dass die gläubigen Juden alleine als die Heiligen oder Kinder Gottes angesehen wurden, die ins Reich eintraten, während die Heiden als außenstehende Fremdlinge und die „Fernen“ (Eph 2,17) galten. In der heutigen Zeitperiode gilt jedoch Galater 3,28: „Da ist nicht Jude noch Grieche, da ist nicht Sklave noch Freier, da ist nicht Mann und Frau; denn ihr alle seid einer in Christus Jesus“. „Denn er ist unser Friede, der aus beiden eins gemacht und abgebrochen hat die Zwischenwand der Umzäunung“ (Eph 2,14).

Diese beiden Punkte zeigen uns die markantesten Kennzeichen der beiden Zeitperioden (der christlichen und der jüdischen), durch welche wir ihre Unterschiede erkennen.

Der Fehler, diese beiden unterschiedenen Erscheinungsformen des Reiches als dieselbe religiöse Ordnung anzusehen und die heutige Phase lediglich als eine Fortsetzung der vergangenen zu betrachten hat schon viel Verwirrung in der Auslegung dieser Abschnitte im Wort Gottes geführt.

Der große Wechsel von der jüdischen zur christlichen Haushaltung wurde durch die Ausgießung des Heiligen Geistes am Pfingsttag in einer Weise bewirkt, die bis dahin unbekannt war und durch welche eine völlig neue Ordnung ihren Anfang nahm.

Es ist außerdem gut, sich daran zu erinnern, dass dieses Ereignis nicht vor der Himmelfahrt des Herrn stattfinden konnte (Joh 7,39), genauso wenig, wie die Jünger vor dem Empfang des Heiligen Geistes dazu aufgefordert wurden, ihre neue Aufgabe in Angriff zu nehmen. Deshalb gebot ihnen der Herr, dass sie sich nicht von Jerusalem entfernen, sondern auf die Verheißung des Vaters warten sollten (Apg 1,4). „Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch herabkommt; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde“ (Apg 1,8).

Das Kommen des Heiligen Geistes würde also machtvolle Folgen nach sich ziehen, wie sie sich nie zuvor ereignet hatten. Eine ganz neue Form der Verkündigung und eine neue religiöse Haushaltung sollten eingeführt werden, die wir jetzt in der gegenwärtigen Phase des Reichs wieder finden. Und so sehen wir, wie das erste Ergebnis dieser neuen Ordnung in Apostelgeschichte 2 die Aussonderung kostbarer Seelen aus dieser Welt war und in gleicher Weise Juden wie Heiden umfasste, die zum Herrn Jesus Christus geführt wurden, um den einen Leib, die Versammlung, zu bilden. Es blieb dem Apostel Paulus vorbehalten, die entsprechende Lehre in einer späteren Zeit zu entfalten (Eph 3,2-10).

Für eine kurze Zeit zeigte sich die wahre Kirche Gottes in ihrer makellosen Schönheit, die durch den Heiligen Geist bewirkt worden war. Nach einer gewissen Zeitspanne drangen jedoch falsche Bekenner ein und versuchten sich unter die wahren Gläubigen zu mischen, indem sie beanspruchten, denselben Namen zu tragen und bei allen gottesdienstlichen Handlungen der Anbetung und des Dienstes mitzuwirken.

Im weiteren Verlauf der Zeit bildeten sich immer mehr Versammlungen, die aus wahren und falschen Christen bestanden und schließlich zu dem führten, war wir heute das „Christentum“ nennen. In mehreren Gleichnissen beschreibt der Herr diese Vermischung und kennzeichnet sie als den heutigen Zustand des Reiches der Himmel.

Steht das wahre Königreich allerdings im Blickpunkt als dem göttlich gewirkten Bereich der heiligen Herrschaft Gottes, wird eine solche Vermischung an keiner Stelle anerkannt: „Denn das Reich Gottes ist nicht Essen und Trinken, sondern Gerechtigkeit und Friede und Freude im Heiligen Geist“ (Rö 14,17).

Es ist das heilige Reich der Himmel an sich, in dem Gott über allem ist und regiert (indem die wahre Kirche betrachtet wird). Von dieser Seite aus gesehen ist es das, was dazu vorgesehen war, der Ausdruck der göttlichen Weisheit, Wahrheit und Gerechtigkeit gegenüber der ganzen Welt zu sein, was sie auch ist, wenn sie dem Auftrag entspricht, Gottes Zeugnis auf dieser Erde zu sein (Eph 3,10).

Wenn wir also über die fundamentalen Grundsätze des wahren Reich Gottes nachdenken, wie sie beispielsweise in der Bergpredigt vorgestellt werden, d. h. losgelöst von ihrer äußerlichen Verwirklichung in der jetzigen Haushaltung, sehen wir ausschließlich Wahrheit, Gerechtigkeit und Heiligkeit als ihre kennzeichnenden Charakterzüge. Von diesem Gesichtspunkt aus gesehen können wir diese Grundsätze auf alle Aspekte und Zeitphasen anwenden. Als Begleiterscheinung der Proklamation des Reiches vermischten sich jedoch böse Elemente mit den guten, denn obwohl der Sohn des Menschen den kostbaren Samen fleißig aussäte, kam der Feind und säte Unkraut.

Wenn das Unkraut, bzw. die bekennenden Christen, auch nicht als ein Bestandteil des echten Reich Gottes betrachtet werden dürfen, werden die Verhältnisse, die durch ihr Bekenntnis, Christus zu folgen (und ihrem Anspruch Christen genannt zu werden, während sie äußerlich die Stellung und Verantwortlichkeiten von Knechten Christi annehmen), entstehen, bei der Darstellung des Reiches Gottes bzw. Reich des Himmels in den Evangelium sehr wohl berücksichtigt.

In den Berichten der Evangelien ist es die ganze, bekennende Christenheit, die zusammen mit den (guten oder schlechten) Resultaten, die auf dieses Bekenntnis folgen, dargelegt wird.

In den Gleichnissen unseres Herrn, besonders in Matthäus 13, bekommen wir eine klare und detaillierte Vorstellung des Reiches der Himmel, so wie es heute existiert. Dabei werden die Auswirkungen und sich anschließende Ergebnisse der Verkündigung des Reiches durch die Predigt des Evangeliums aufgezeigt. In erster Linie begann diese Verkündigung am Pfingsttag und währt bis zum Ende der heutigen Zeitperiode, trotzdem darf auch der zweite Teil des Dienstes unseres Herrn dazugezählt werden.

Nach den Worten unseres Herrn wurden die Gleichnisse mit dem Ziel gegeben, die Wahrheit Gottes bezüglich des Reiches den Jüngern völlig bekannt zu machen, denen es gegeben war, diese Geheimnisse zu verstehen, wogegen solche, die ihre Augen absichtlich vor der Wahrheit verschlossen, zum Zeugnis ihrer Herzenshärte von dem Verständnis ausgeschlossen werden sollten.

Außer dem Gleichnis vom Sämann beginnen alle mit den Worten „Das Reich der Himmel ist gleich (bzw. einem … gleich geworden)“, weshalb es auch Vergleiche des Reiches sind, d. h. Gegenüberstellungen moralischer und geistlicher Züge mit natürlichen Dingen.

In dem ersten Gleichnis ist der Sohn des Menschen der Sämann und der Acker die Welt. Die Anwendung dieses Gleichnisses scheint ihrem Charakter nach allgemeiner oder umfassender zu sein als die anderen sechs, weil es mit einem einleitenden Diskurs beginnt, der den ursprünglichen Anlass sowie die Grundlagenarbeit zeigt, die in allen übrigen Gleichnissen enthalten ist, nämlich die Verkündigung des Wortes Gottes und die dadurch hervorgebrachten Wirkungen.

Diese Effekte, die anhand der vier verschiedenen Bodenverhältnisse, auf die der Samen fiel, dargestellt werden, werden zunächst in Verbindung mit dem Dienst Christi gesehen. Heute sind wir jedoch in der Lage die zur Reife gekommenen Entwicklungen besser zu verstehen, die im Christentum stattfinden, weshalb wir nicht weiter darauf eingehen müssen.

Wie gesagt beziehen sich diese Gleichnisse größtenteils auf die heutige Epoche; weil sie aber am Ende des Dienstes unseres Herrn gegeben wurden, als er die Juden wegen der Verwerfung seiner Person als Nation aufgegeben hatte und deshalb neue Belehrungen vorstellte, sehen wir wie sich die Ergebnisse dieser neuen Ordnung, die er einführte, bereits während seiner Zeit manifestierten. Das trifft besonders auf das Gleichnis vom Sämann zu. Daher sind wir hier an einem Punkt, wo es eine leichte Überlappung zwischen der vergangenen und jetzigen Phase des Reiches gibt.

Eine Ähnlichkeit zwischen dem Gleichnis vom Sämann und einigen der übrigen Gleichnisse besteht in der Darstellung von schlechten und guten Ergebnissen (vgl. den unfruchtbaren bzw. den guten Boden) sowie einer bösen, entgegenwirkenden Kraft (vgl. die Vögel), die den guten Samen wegnimmt. „Dann kommt der Böse und reißt weg, was in sein Herz gesät war“ (Mt 13,19).

Die ersten vier der insgesamt sieben Gleichnisse zeigen uns das Königreich in seinem äußerlichen Aspekt, wobei der Mensch der Arbeiter ist. Sie wurden an die Volksmenge am See gerichtet, während die letzten drei - das Gleichnis von dem Schatz im Acker, der Perle und dem Netz - den inneren Aspekt des Reiches entfalten und damit den Wert für Gott, die Echtheit seines Wesens und das Werk Gottes vorstellt. Folglich richtete er die letzten drei ausschließlich an seine Jünger im Haus.

Das zweite Gleichnis über den Weizen und das Unkraut gibt uns einen sehr lehrreichen und weitgehenden Blick über das Reich in der gegenwärtigen Haushaltung. Es umfasst in seinen beiden Klassen die Hauptpunkte einiger der folgenden Gleichnisse, indem es die Folgen der Verkündigung des Reiches allgemein und die endgültigen Konsequenzen für die beiden Klassen am Ende der Zeit in Übereinstimmung mit den Belehrungen des Herrn vorstellt.

Wie in dem Gleichnis vom Sämann sehen wir hier, wie der gute Same durch den Sohn des Menschen ausgestreut wird, wobei davon ausgegangen wird, dass die Aussaat des Wortes Gottes durch die Apostel und ihre Nachfolger fortgeführt wird. Weiter sehen wir, wie das Reich äußerlich mit der Verwaltung des Menschen verbunden wird, weil der Acker, der die Ergebnisse trägt, die durch das Ausstreuen des guten Samens gezeitigt worden sind, nicht vor dem Bösen bewahrt wird. „Während aber die Menschen schliefen, kam sein Feind und säte Unkraut mitten unter den Weizen“. Weil dem Menschen die Verkündigung und die äußerliche Sorge für das Reich anvertraut worden ist (von außen betrachtet), wird die eingetretene Vermischung, dargestellt durch den Weizen und das Unkraut, bis zum Ende bestehen, bzw. solange, wie der Mensch in der Verantwortung steht.

Im weiteren Verlauf wird die Unfähigkeit der Knechte gezeigt, zwischen dem Guten und Bösen zu unterscheiden, da sie nicht in der Lage sind das Unkraut auszureißen ohne den Weizen zu beschädigen. Deswegen wird diese Aufgabe den Schnittern, d. h. den Engeln, zur Erntezeit überlassen.

Es darf nie vergessen werden, dass der Acker die Welt und nicht die Kirche ist, wie oft irrtümlicherweise angenommen wird. Aufgrund dieses falschen Gedankens haben viele die Vorstellung unterhalten, dass unbeständige oder lediglich bekennende Christen, selbst wenn ihre Lebensführung in offenbarem Widerspruch zu Gottes Wort steht, nicht aus der Kirche ausgeschlossen werden dürften, oder auch, dass wahre Gläubige sich nicht von ihnen trennen sollten! Hier steht jedoch nicht die Kirche, sondern das Reich, bzw. das Christentum, im Fokus.

Das Unkraut soll dann zusammengelesen werden, um erst gebündelt und anschließend verbrannt zu werden. Vielleicht denken manche zu Recht daran, dass dieses Zusammenlesen des Unkrauts in Bündel jetzt geschieht, indem sich in der Vorsehung auf natürliche Weise weltliche Bekenner zusammenfinden und gruppieren, um so für das Gericht oder Verbrennen am Ende des Zeitalters vorbereitet zu werden. Vor diesem Gericht des Unkrauts, bzw. der Spreu, wird allerdings bei der Entrückung der Weizen in die Scheune gesammelt, obwohl davon in dem Gleichnis nicht ausdrücklich die Rede ist, da es nur von dem gemischten Reich und nicht von der abgesonderten Kirche spricht.

Allem Anschein nach wird es bei der Ankunft des Herrn zum Gericht der Nationen und zur Aufrichtung seines Reiches, eine sichtbare Sammlung der Bösen dieses Tages geben, um das Urteil zu empfangen, dass sie nur dazu geeignet sind verbrannt zu werden. Anschließend werden sie zusammen mit dem Unkraut, bzw. der Spreu aus vergangenen Zeiten in den Hades geworfen, um ihr gemeinsames Schicksal des Gerichts vor dem großen weißen Thron zu erwarten. Aus der Tatsache, dass diese beiden Dinge in dem Text direkt nebeneinander stehen, darf jedoch nicht geschlossen werden, dass sie auch zur gleichen Zeit stattfinden. Wie wir aus anderen Schriftstellen lesen, wird es nämlich eine Zeitspanne von mindestens 1000 Jahren geben, die sich zwischen beide schieben wird (vgl. einen ähnlichen Abschnitt in Mt 25,46). Beim ersten Gericht wird das Urteil verkündet und die Verurteilten werden dem Abgrund übergeben, um auf das Gericht vor dem großen weißen Thron zu warten, wenn sie und alle übrigen Bösen in den Feuersee geworfen werden (Off 20,15).

Das Gleichnis vom Weizen und Unkraut enthält die wesentlichen Unterscheidungsmerkmale, die auch in den anderen vier Vergleichen vorkommen (nämlich die Vermischung des Guten und Bösen und ihre letztliche Trennung). Daher können sie als zwei charakteristische Unterteilungen angesehen werden.

Das Senfkorn und der Sauerteig stehen so für zwei weitere oder spätere Entwicklungen des bösen Elements, dem Unkraut, das ins Reich eingeführt wurde. Dagegen ist der Schatz im Acker  und die Perle dann die Darstellung der höheren Beziehungen und himmlischen Wesenszüge des guten Elements (d. h. dem Weizen). Folgen wir diesem Gedankengang weiter, sehen wir in dem Netz, das am Ende dieser Serie von Gleichnissen in natürlicher Weise eingeführt wird, schließlich die Trennung der beiden Elemente, denen es in der gegenwärtigen Zeitperiode erlaubt war, zusammen aufzuwachsen.

Das Senfkorn ist das Ergebnis des bösen Prinzips, das nach seiner Einführung zu einem großen Baum reift (dem Zeichen weltlicher Macht und Größe), „so dass die Vögel des Himmels kommen und sich niederlassen in seinen Zweigen“ (Mt 13,32).

Wie gut passt dieses Bild zu dem Christentum der heutigen Zeit! Rein äußerliche Christen finden eine trügerische Ruhe in der bekennenden Christenheit, pflegen eine äußere Gemeinschaft mit wahren Gläubigen, während sich ihre Herzen völlig in der Welt befinden. Dabei schwächen und verderben ihre weltlichen Wege und toten Formalismen das Zeugnis Gottes auf dieser Erde. Es ist eine unheilige Allianz der Kirche mit der Welt, die von wahren Gläubigen verurteilt wird. Der Baum ist vollständig böse, während echte Christen nur durch eine äußerliche Verbindung des Bekenntnisses mit ihm verbunden sind.

Der Sauerteig illustriert eine andere Entwicklung des bösen Prinzips, indem es sich über das ganze Reich hinweg ausbreitet. Dies geschieht anhand falscher Lehren und allen möglichen Irrlehren, die auf geheimem Wege eingeführt werden und die gesamte Masse der bekennenden Christenheit dazu bringt, völlig durchsäuert und verdorben zu werden, wie wir es auch in den Briefen beschrieben finden. Es ist dieser bösartige Sauerteig, „den eine Frau nahm und unter drei Maß Mehl mengte, bis es ganz durchsäuert war“ 1.

Eine andere Linie verfolgen die beiden nächsten Gleichnisse über den Schatz bzw. die Perle, in denen tiefere und verborgenere Wahrheiten des Reiches dem inneren Kreis, d. h. seinen Jüngern in der Privatsphäre des Hauses, entfaltet werden.

Die wunderbaren Gleichnisse von dem Schatz und der Perle, in denen keine Vermischung mit dem Bösen gesehen wird, scheinen die himmlische Beziehung der wahren Kirche Gottes mit Christus, ihrem Haupt, auszuführen, verbunden mit Gedanken über den Wert dieses geistlichen Verhältnisses für ihn und dem wahren und heiligem Zeugnis, dass von Seiten der Heiligen daraus entspringt.

Im Sendschreiben an Philadelphia werden Charakterzüge vorgestellt, die zu einem gewissen Maß mit denen übereinstimmen, die in diesen beiden Gleichnissen zum Ausdruck kommen, indem sie nämlich die Wertschätzung Christi über und Befriedigung in seinen Heiligen hervorheben. Diese Freude und Befriedigung des Herrn über seine Heiligen - seinem köstlichen Besitz - findet einen ganz besonderen Platz in der Verheißung an die Überwinder dieser Versammlung. „Wer überwindet, den werde ich zu einer Säule machen in dem Tempel meines Gottes, und er wird nie mehr hinausgehen; und ich werde auf ihn schreiben den Namen meines Gottes und den Namen der Stadt meines Gottes, des neuen Jerusalem, das aus dem Himmel herabkommt von meinem Gott, und meinen neuen Namen“ (Off 3,12).

Am Ende der Serie an Gleichnissen haben wir in dem Netz (das sowohl die guten als auch die schlechten Fische sammelt), ein Bild der abschließenden Trennung dieser beiden Klassen - wie wir es schon in der Erläuterung über den Weizen und das Unkraut gefunden haben - das nun am Ende des Zeitalters völlig zur Ausführung gebracht wird, indem die Bösen getrennt und weggeworfen werden, um ihr endgültiges Urteil vor dem großen weißen Thron zu empfangen. „Der Sohn des Menschen wird seine Engel aussenden, und sie werden aus seinem Reich alle Ärgernisse zusammenlesen und die, welche die Gesetzlosigkeit tun. … So wird es in der Vollendung des Zeitalters sein: Die Engel werden ausgehen und die Bösen aus der Mitte der Gerechten aussondern und sie in den Feuerofen werfen: Dort wird das Weinen und das Zähneknirschen sein“ (Mt 13,41.49.50).

Diese Aussonderung der Bösen aus der Mitte der Gerechten findet statt, wenn der Herr kommt, um die Nationen am Ende der großen Drangsalszeit zu richten (Mt 25,31.32; Off 14,14-18). Der abschließende Wurf der Bösen in den Feuersee geschieht allerdings erst tausend Jahre später, nachdem das Gericht vor dem großen weißen Thron stattgefunden hat (Off 20,11-15).

Denken wir noch einmal über die bisherigen Bemerkungen nach, können wir die hauptsächlichen Kennzeichen der heutigen Phase des Reiches in seiner Gesamtheit wie folgt zusammenfassen:

  1. Zunächst haben wir die Offenbarung bestimmter Auswirkungen und Ergebnisse, die auf die Verkündigung des Reiches der Himmel folgen und sich besonders auf die Zeitperiode beziehen, die zwischen der einleitenden Bekanntmachung (durch Christus bzw. Johannes) sowie seiner Erfüllung im tausendjährigen Reich liegt.
  2. Der zentrale Gedanke, der sich überall durchzieht ist die Herrschaft Gottes über das Herz der Menschen. Dabei unterwerfen sich die wahren Hörer des Evangeliums und lehnen die rein äußerlichen Bekenner dasselbe ab. Beide Fälle zeitigen entsprechende Ergebnisse.
  3. Die Abwesenheit des Königs - dessen Regierungsmacht nicht sichtbar ist - führt zu einer geistlichen Herrschaft in den Herzen all derer, die das Evangelium annehmen und welche durch die Neugeburt aus Gott ins Königreich eingehen, um auf diese Weise unter die Regierung Christi zu gelangen. Während der Abwesenheit des Königs nimmt der Heilige Geist als Tröster, Führer und Lehrer der Heiligen seinen Platz ein, indem er ihre Blicke auf das Haupt im Himmel lenkt (Joh 14,26; 16,13).
  4. Zwei unterschiedliche Personenklassen vermischen sich durch ihr Bekenntnis auf einer religiösen Ebene, was besonders in den ersten fünf Gleichnissen in Matthäus 13 beschrieben wird (der Weizen steht für die Guten und das Unkraut für die Schlechten). Beide Klassen bleiben bis zum Ende des Zeitalters, bzw. der Erntezeit, zusammen bestehen. Darin kann man das markanteste Unterscheidungsmerkmal der jetzigen Phase des Reiches sehen.
  5. Zur Erntezeit werden diese beiden ungleichen Klassen letztendlich voneinander getrennt und das künftige Schicksal jeder Klasse unwiderruflich durch den gerechten Richter, den Herrn Jesus Christus, bestimmt. Diese Trennung hat, allgemein gesehen, einen zweifachen Charakter der in Matthäus 3,12 zum Ausdruck kommt, jedoch keinen Zeitbezug aufweist: „Dessen Worfschaufel in seiner Hand ist, und er wird seine Tenne durch und durch reinigen und seinen Weizen in die Scheune sammeln; die Spreu aber wird er verbrennen mit unauslöschlichem Feuer“.

Die Trennung und das Gericht beider Klassen am Ende dieser Haushaltung, d. h. der Erntezeit, beziehen sich in besonderer Weise auf die dann lebenden Menschen auf der Erde, wenn der Herr kommt, um die Nationen zu richten (vgl. „die Lebendigen“ in 1. Pet 4,5).

Das sehen wir noch deutlicher, wenn wir die Erklärung des Herrn in Betracht ziehen, der davon sprach, dass die Ernte das Ende des Zeitalters sein würde und die Schnitter ein Bild der Engel sind (vgl. Mt 13,39). Weiter führt er aus, dass, wenn der Sohn des Menschen kommt, er seine Engel aussenden wird, um aus seinem Reich alle Ärgernisse „und die das Gesetzlose tun“, zusammenzulesen (Mt 13,41).

Diese bösen und rebellischen Menschen, die das Evangelium der Gnade ablehnen, das dann während der Drangsalszeit gepredigt werden wird, werden in dem schrecklichen Gericht ums Leben kommen, das in Offenbarung 19,15 Erwähnung findet, während die Gerechten, die geglaubt und das Evangelium dieser Zeit angenommen haben (vgl. die Heiligen in Offenbarung 7) während der furchtbaren Gerichtsperiode bewahrt werden. Sie werden die große Drangsal durchleben und anschließend in den vollen Genuss der tausendjährigen Segnungen auf dieser Erde kommen, in dem sie „wie die Sonne in dem Reich ihres Vaters“ leuchten werden (Mt 13,43).

Der Bericht von Matthäus 25 über die Trennung und das Gericht der Nationen am Ende des Zeitalters gibt uns einen anderen Blick auf diese Ereignisse, die uns weiter oben beschäftigt haben. Dort sagt der König zu den Schafen - der guten Gruppe - „Kommt her, Gesegnete meines Vaters, erbt das Reich, das euch bereitet ist von Grundlegung der Welt an“. Zu den Böcken - der bösen Gruppe - sagt er dagegen: „Geht von mir, Verfluchte, in das ewige Feuer, das dem Teufel und seinen Engeln bereitet ist“ (Mt 25,34.41).

Das Reich bezieht sich an diesen Stellen zweifellos auf das Millennium, in das die Heiligen nach dem Durchleben der Drangsalszeit eingeführt werden, um alle Segnungen dieser wunderbaren Herrschaft Christi zu genießen.

Ist das Gericht am Ende des Zeitalters offensichtlich auf die dann lebenden Menschen beschränkt, scheint es in den Gleichnissen und anderen Stellen auf eine Weise betrachtet zu werden, die seine Ausführung und ewigen Folgen dem Grundsatz nach auf alle wahren bzw. bekennenden Gläubigen der gesamten Haushaltung mit einschließt, obwohl die Zeit und Durchführungsart verschieden sein mögen.

Vergleichen wir diese besonderen Merkmale der heutigen Phase des Reiches mit den Verhältnissen zur Zeit des Dienstes unseres Herrn, stellen wir fest, dass sie sich nicht auf diese Zeit (der vergangenen Phase des Reiches) beziehen können. Die Rahmenbedingungen der damaligen Zeit unterschieden sich erheblich von denen, die wir in den Gleichnissen und anderen Schriftabschnitten beschrieben finden. Außerdem kann nicht behauptet werden, dass sie die Charakterzüge des tausendjährigen Reiches widerspiegeln, in welchem sich völlig andere Zustände und Beziehungen offenbaren werden.

Daher müssen wir schlussfolgern, dass sich die Veranschaulichungen in den Gleichnissen und in anderen Abschnitten ausschließlich auf die gegenwärtige christliche Phase des Reiches beziehen. Diese Tatsache hat jedoch viele zu der Annahme geführt, das Königreich selbst sei die Kirche, wobei sie beide Begriffe synonym verwendeten 2. Aber solch eine pauschale und weitreichende Folgerung kann nicht richtig sein, weil die Kirche und das Reich für zwei völlig unterschiedliche Charakterzüge und Beziehungen stehen. Das sehen wir schon durch die Betrachtung der klar umrissenen Verhältnisse, die sich bei beiden hinsichtlich des Entstehungsprozesses, Charakters sowie der Verwaltung zeigen.

Das Reich der Himmel setzt in seiner höchsten Entwicklung die Gegenwart des Königs voraus, welcher sichtbar über seine Untertanen regiert. Wenn es um die Untertanen selbst geht, werden ihr Eingehen und ihre Inbesitznahme dieses Königreichs gesehen, wobei sie von ihrem König, dem Herrn Jesus Christus auf der Erde regiert werden.

Auf der anderen Seite setzt sich die Kirche aus allen wahren Gläubigen zusammen, die aus Gott geboren sowie durch den Heiligen Geist erneuert und versiegelt worden sind, und welche sich versammeln, um mit ihrem Haupt, dem Herrn Jesus, verbunden zu sein. Sie besteht demnach aus den Gliedern seines Leibes und ist die wahre Kirche Gottes.

Weder die Definition des Reiches noch die der Kirche entspricht vollständig den Beschreibungen, denen wir in den Gleichnissen unseres Herrn und anderen Schriftstellen über die gegenwärtige Phase begegnen.

Der Grund dafür liegt darin, dass diese Schilderungen einen gemischten Zustand beschreiben, der sich nur auf die heutige Haushaltung bezieht. Wahre und falsche Bekenner vereinigen sich in einem äußerlichen christlichen Bekenntnis und beachten formale religiöse Verordnungen. Doch diese Vereinigung ist nicht die wahre Kirche Gottes, weder was ihre Beschaffenheit angeht, noch was ihre wesentlichen Kennzeichen betrifft. Dieses äußere Bekenntnis, das sowohl die Klasse der Wahren als auch die der Falschen umfasst, kennen wir heute unter dem Begriff des Christentums.

Wenn wir sagen, dass das Reich nicht die Kirche und die Kirche nicht das Reich ist, müssen wir gleichzeitig immer daran denken, dass individuelle Christen, die von einer anderen Perspektive aus betrachtet, Glieder der Kirche sind und sie ausmachen, in dem Reich eingeschlossen sind. Sie bilden sogar einen wesentlichen Teil des Reiches, obwohl ihr besonderer Charakter als Kirche und Leib Christi nicht gesehen wird, wenn ausschließlich ihre äußerliche Verbindung zum Reich im Blickpunkt steht.

Es gibt noch viel mehr Stellen, die sich auf die jetzige Phase des Reiches beziehen und die echte oder heilige Seite vorstellen, während andere wiederum eine Beschreibung des vermischten Zustands geben, den wir auch in den meisten Gleichnissen vor uns haben. Ein Beispiel für die erste Klasse ist der bekannte Vers in Kolosser 1,13, welcher direkt auf die Segnungen und Vorrechte Bezug nimmt, die der Christ heute besitzt: „der uns errettet hat aus der Gewalt der Finsternis und versetzt hat in das Reich des Sohnes seiner Liebe“. Offensichtlich handelt es sich hier sowohl um ein gegenwärtiges, wie auch um ein zukünftiges Vorrecht, in das geistliche Reich des Herrn Jesus Christus eingeführt zu sein, noch bevor wir mit ihm an der Herrlichkeit des tausendjährigen Reiches teilhaben werden.

Eine ähnliche Bedeutung bezüglich dieser ersten Klasse sehen wir in den folgenden Versen: „denn ich sage euch: Unter den von Frauen Geborenen ist kein größerer Prophet als Johannes der Täufer; der Kleinste aber im Reich Gottes ist größer als er“ (Lk 7,28); „würdig des Gottes zu wandeln, der euch zu seinem eigenen Reich und seiner eigenen Herrlichkeit beruft (1. Thes 2,12). „Als sie ihm aber einen Tag bestimmt hatten, kamen mehrere zu ihm in die Herberge, denen er die Wahrheit auslegte, indem er das Reich Gottes bezeugte und sie zu überzeugen suchte von Jesus“ (Apg 28,23.31). „Deswegen sage ich euch: Das Reich Gottes wird von euch weggenommen und einer Nation gegeben werden, die dessen Früchte bringen wird“ (Mt 21,43).

Auch für die zweite Klasse, die sich mit dem vermischten Zustand des Reiches beschäftigt, können wir einige Stellen beispielhaft anführen: „Ich werde dir (Petrus) die Schlüssel des Reiches geben“ (Mt 16,19). „Denn das Reich der Himmel ist gleich einem Hausherrn, der frühmorgens ausging, um Arbeiter für seinen Weinberg anzuwerben“ (Mt 20,1). „Das Reich der Himmel ist einem König gleich geworden, der seinem Sohn die Hochzeit machte“ (Mt 22,2; 18,23). „Dann wird das Reich der Himmel zehn Jungfrauen gleich werden, die ihre Lampen nahmen und ausgingen, dem Bräutigam entgegen“ (Mt 25,1).

Es ist gut sich daran zu erinnern, dass es darüber hinaus in der Apostelgeschichte und in den Briefen zahlreiche Anspielungen auf diese Phase des Reiches gibt, die in dieser kurzen Abhandlung nicht aufgeführt werden.

Fußnoten

  • 1 Sauerteig ist in der Bibel immer ein Bild böser Lehre oder Praxis, wie die folgenden Stellen deutlich zeigen: „Gebt Acht und hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und Sadduzäer. … Da verstanden sie, dass er nicht gesagt hatte, sich zu hüten vor dem Sauerteig der Brote, sondern vor der Lehre der Pharisäer und Sadduzäer“ (Matth. 16,6.12). „Gebt Acht, hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer und dem Sauerteig des Herodes“ (Mark. 8,15). „Hütet euch vor dem Sauerteig der Pharisäer, der Heuchelei ist“ (Luk. 12,1). „Euer Rühmen ist nicht gut. Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert? Fegt den alten Sauerteig aus, damit ihr ein neuer Teig seiet, wie ihr ungesäuert seid. … Darum lasst uns Festfeier halten, nicht mit altem Sauerteig, auch nicht mit Sauerteig der Bosheit und Schlechtigkeit, sondern mit Ungesäuertem der Lauterkeit und Wahrheit“ (1. Kor. 5,6-8).
  • 2 Das Königreich darf nicht mit der Kirche verwechselt werden. Im Reich wachsen der Weizen und das Unkraut zusammen bis zur Ernte auf. Dagegen muss in der Kirche das Böse hinaus getan werden (1. Kor. 5,13). Obwohl es eine Ähnlichkeit zwischen der bekennenden Kirche und dem Reich zu geben scheint, ist die dahinter liegende Idee nicht dieselbe. Das Königtum ist der Bereich der Herrschaft Christi, wogegen die Kirche der Wohnort Gottes durch den Geist ist. Auch hinsichtlich der Dauer auf der Erde unterscheiden sich Kirche und Reich. Das Reich wird erst nach der Entrückung der Kirche in Macht und Herrlichkeit aufgerichtet werden und wird im tausendjährigen Reich fortgesetzt. Neben den Vorrechten in der Kirche besitzt der Christ auch Privilegien und Verantwortlichkeiten, die mit dem Reich verknüpft sind. Jedem einzelnen ist ein Pfund anvertraut worden (Luk. 19,12-24), bzw., anders gesehen, ein oder mehrere Talente (Matth. 25,14-28), die er für seinen Herrn und Meister verantwortungsbewusst benutzen soll und für welche er einmal Rechenschaft ablegen wird. Und obwohl sein Platz im Himmel durch die Gnade nicht mehr von seinen Werken abhängt, wird sich seine Belohnung im Reich nach der Treue seinem Herrn gegenüber bemessen“ (Concise Bible Dictionary page 470).
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