Das Buch des Propheten Jona

5. Die Übriggebliebenen

Das Hauptziel des Buches Jona liegt - wie mir scheint - im zweiten Kapitel, das ich bisher absichtlich ausgelassen habe. Bislang haben wir gesehen, dass die Person Jona uns Charakterzüge vorstellt, die Hinweise für die Zeugen des Herrn geben, und auch ein Bild des jüdischen Propheten als Zeugen darstellt. Schließlich haben wir gesehen, dass die gleiche Person uns die Geschichte des Volkes Israel zeigt, das trotz allem der Zeuge Gottes für die Nationen gewesen ist und sein wird. Ich sage „sein wird“, da das Volk als Ganzes zwar endgültig verworfen wurde, als die Geduld Gottes ihr Ende erreichte, in Zukunft jedoch ein Überrest aus dem Volk kommen wird.

Die Übriggebliebenen werden der Kern eines künftigen Volkes sein, das wie das gesamte Volk Israel die Blutschuld zu tragen hat, das heißt die Verantwortung für den Tod des Messias zu übernehmen hat, und so die Folgen in der Drangsalszeit über sich ergehen lassen muss. Dieses Elend erzeugt jedoch im Herzen dieser Treuen eine Buße zur Rettung. Sie werden nicht versuchen, ihre eigene Verantwortung von der des Volkes, aus dem sie stammen, zu trennen. Sie werden ihre Züchtigung als verdient anerkennen, dass der Sturm, der immer stürmischer wird, die gerechte Vergeltung ihrer Schandtaten ist, und dass sie „aus dem Land der Lebendigen abgeschnitten“ (Jes 53,8) werden müssen, da sie den Sohn Gottes gekreuzigt haben.

Wenn sie jedoch durch den großen Fisch verschlungen sein werden, werden sie in ihrer Not erkennen, dass ihr Messias die gleichen Qualen durchlitten hat und dass der Herr Ihm geantwortet hat (2,3). Diese Überzeugung wird diesen Treuen eine große Sicherheit geben, so dass sie zu Gott mit der Sicherheit schreien werden, dass Er sie hört. Ihre Erfahrungen werden uns im zweiten Kapitel des Propheten wiedergegeben.

Das Gebet Jonas

Dieses Gebet Jonas enthält zwei Themen:

1. Die Erfahrungen der gläubigen Übriggebliebenen, des wahren Israel, am Tag der Bedrängnis 1  (2,3), aus der sie gerettet werden.

2. Der Tod und die Leiden Christi, die ich im nächsten Kapitel behandeln möchte.

In Verbindung mit dem ersten Thema, das uns jetzt beschäftigt, hoffen wir, dass der Leser ausreichend mit dem Alten Testament vertraut ist, um zu wissen, dass die Propheten und die Psalmen uns fast durchgehend über die gläubigen jüdischen Übriggebliebenen des Endes und die Drangsale berichten, die sie erdulden müssen. Das Gebet Jonas ist ein Beweis dafür. Die acht Verse geben eine solche Anzahl von Stellen aus den Psalmen und dem Propheten Jesaja wieder, dass es eine Überlastung dieses kurzen Betrachtungstextes sein würde, sie alle hier zu zitieren. Jeder Leser, der eine gute Konkordanz besitzt, kann für sich selbst eine Liste aufstellen. Wir beschränken uns daher darauf, einige wichtige Stellen zu zitieren.

Das Resümee

„Und Jona betete zu dem Herrn, seinem Gott, aus dem Bauch des Fisches und sprach: Ich rief aus meiner Bedrängnis zu dem Herrn, und er antwortete mir“ (2,2.3).

Es ist bemerkenswert, dass der Schrei Jonas erst nach dem der Nationen kommt. So wird es in der Tat auch mit dem Überrest sein. Das Schiff der Nationen heute, das diejenigen enthält, die durch den Glauben Anbeter des wahren Gottes geworden sind, setzt seinen Kurs fort, und diejenigen, die hinein steigen, haben auf ihr Schreien zu dem Herrn (1,14) Errettung erfahren. Israel dagegen ist von dem Völkermeer verschlungen worden, aber ein Überrest wird im Schoß des Scheols erwachen. Aus den Tiefen ihrer Not, aus dem Schoß dieser großen Drangsal, die in erster Linie auf den Treuen des alten Volkes Gottes lasten wird, rufen diese Übriggebliebenen zu Gott, an dem sie sich versündigt haben.

Dieser Vers ist in eine Form gekleidet, die wir auch aus den Psalmen kennen. Er stellt ein Resümee des ganzen Inhalts des Gebets dar und gibt im Voraus das Ergebnis an, während die folgenden Verse den Weg beschreiben, über den dieses Ergebnis erreicht wird. In die Tiefen des Abgrunds geworfen, von dem Ungeheuer verschlungen, das Gott als Mittel der Bewahrung bereitet hat, betet und ruft der Treue zu Gott. Mit welcher Freude kann er feststellen, dass die Antwort bereits eingetroffen ist. Psalm 120, der als Vorwort der kleinen Sammlung der Stufenlieder dient, spricht in den gleichen Ausdrücken. Es handelt sich in diesem Psalm um die Übriggebliebenen, die aufs Neue durch Verfolgungen aus ihrem Land hinaus geworfen worden sind, nachdem sie dorthin zusammen mit der ungläubigen Nation zurückgekehrt sind. Das ist der Tag der Drangsal Jakobs (vgl. Off 12,13-16). Daher sagen die Übriggebliebenen: „Zu dem Herrn rief ich in meiner Bedrängnis, und er erhörte mich“ (Ps 120,1). Der Herr rettet sie aus allen ihren Bedrängnissen, wie es häufig im Psalm 107 heißt, der seinerseits wie ein Vorwort des fünften Buches der Psalmen ist, zu dem die Stufenlieder gehören. „Er erhörte mich“, ist die Zusammenfassung aller Erfahrungen, welche die Treuen machen durften: eine vollständige Erlösung. Das finden wir auch in Psalm 130: „Aus den Tiefen rufe ich, Herr, zu dir“ (Ps 130,1). Dieser Psalm beschreibt die ernsten Übungen des Gewissens der Übriggebliebenen und die Ergebnisse ihrer Errettung: ewiger Segen (vgl. auch Ps 18,7; 86,7).

Die Erfahrungen der Übriggebliebenen

„Ich schrie aus dem Schoß des Scheols, du hörtest meine Stimme.“ (2,3)

Nach der Zusammenfassung, von der wir gerade gesprochen haben, finden wir in Jonas Gebet die Erfahrungen, welche die Antwort des Herrn herbeiführen. Zunächst schreit der Treue aus dem Schoß des Scheols, und Gott hört. Die Antwort ist noch nicht eingetroffen, aber der Betende hat die tröstliche Sicherheit, dass das Gebet des Glaubens zu den Ohren des Herrn gelangt ist. Das Gebet Hiskias (Jes 38,10) hat viele Ähnlichkeiten mit demjenigen Jonas, nur ist seine Not nicht so tief wie die Jonas. Hiskia geht hin zum Scheol, Jona ist dort, David wird in Psalm 30,4 von dort heraufgeführt (vgl. auch Psalm 18,5-7).

„Denn du hattest mich in die Tiefe, in das Herz der Meere geworfen, und der Strom umschloss mich; alle deine Wogen und deine Wellen fuhren über mich hin.“ (2,4)

Man findet genau den gleichen Ausspruch in Psalm 42,8. Jeder, der ein wenig mit der Prophetie vertraut ist, weiß, dass das zweite Buch der Psalmen (Ps 42 - 72) die Empfindungen und Erfahrungen des Überrestes Judas beschreibt, der während der großen Drangsal unter die Nationen verjagt wird. Genau das sind auch die Erfahrungen, die uns das Gebet Jonas vorstellt 2.

„Und ich sprach: Verstoßen bin ich aus deinen Augen; dennoch werde ich wieder hinschauen zu deinem heiligen Tempel.“ (2,5)

Auch hier treffen wir wieder das Gebet Hiskias (Jesaja 38,10.11), aber auch viele Verse aus dem zweiten Buch der Psalmen (43,2; 44,10; 60,3.12) und andere Textstellen (Ps 74,1; 77,8; 31,23; Klgl 5,22). Das Bewusstsein, verworfen zu sein, zerstört bei dem armen Überrest jedoch in der Not nicht die Sicherheit des Glaubens. Aus Jerusalem vertrieben hört er nicht auf, zum Tempel zu schauen, so wie Daniel sein Fenster nach Jerusalem hatte (Dan 6,11; vgl. auch Ps 42,5; 43,3.4; 18,7; Hab 2,20). Die Gläubigen, die diese Stelle heute auf sich anwenden, wenn sie sich in Bedrängnis befinden, wissen, dass der Tempel für sie das Vaterhaus in den Himmeln ist.

Die Erfahrung der Drangsal

„Die Wasser umfingen mich bis an die Seele, die Tiefe umschloss mich, das Meergras schlang sich um mein Haupt.“ (2,6)

Die Seele macht in dieser Drangsal die Erfahrung, was das Gericht Gottes aufgrund der Sünde in Wirklichkeit bedeutet. Im zweiten Buch der Psalmen, von dem wir bereits gesprochen haben, wird dieser schreckliche Zustand in unauslöschlichen Zügen aufgezeichnet: „Tiefe ruft der Tiefe beim Brausen deiner Wassergüsse; alle deine Wogen und deine Wellen sind über mich hingegangen“ (Ps 42,8). In Psalm 69 wird die Schwere dieser Qualen beschrieben. Das Eintreten in den tiefen Schlamm der Sünde schließt das Gericht als Konsequenz in sich: die Tiefe der Wasser, die verschlingt, und die Flut, die überschwemmt, im selben Moment, in dem sich eine Grube öffnet, die keinen Grund hat (Ps 69,3.15.16). Wir werden später sehen, dass der Treue in dieser Grube auf Christus trifft, auf den Jesus, der für ihn dort hinabgestiegen ist. Auch wir Christen haben die gleiche Erfahrung gemacht, ohne dass wir jedoch wie der Überrest diesen Abgrund kennenlernen mussten, außer in unseren Gewissen.

„Ich fuhr hinab zu den Gründen der Berge; die Riegel der Erde waren hinter mir auf ewig. Da führtest du mein Leben aus der Grube herauf, Herr, mein Gott.“ (2,7)

Die Not stößt an ihre letzten Grenzen. Der Elende kann nicht mehr weiter hinabsteigen. Hier finden wir den Tod mit seinem ganzen Schrecken. Die Türen, die den Zugang zu der Erde der Lebendigen verschließen, sind für immer verschlossen. Diese gleichen Erfahrungen finden wir auch in dem Lied Hiskias (Jes 38,10.11) und in der Antwort Gottes darauf: „Du zogst liebevoll meine Seele aus der Vernichtung Grube; denn alle meine Sünden hast du hinter deinen Rücken geworfen ... Der Herr war bereit, mich zu retten“ (Jes 38,17.20). Durch die Auferstehung Christi sind alle unsere Sünden im Abgrund zurückgeblieben, wo sie nie wieder gefunden werden können.

„Als meine Seele in mir verschmachtete, erinnerte ich mich an den Herrn, und zu dir kam mein Gebet in deinen heiligen Tempel.“ (2,8)

Im Moment der größten Angst und des größten Todeskampfes erinnert sich der Treue an den Herrn, und sein Gebet wird nicht mehr nur gehört, sondern an dem Ort, wo Gott wohnt, angenommen.

Zurück zu Gott

„Die auf nichtige Götzen achten, verlassen ihre Gnade.“ (2,9)

Hier folgt die ewige Verdammnis, die über das abtrünnige Volk ausgesprochen wird, das von Neuem durch den Dämon des Götzendienstes eingenommen wird (Mt 12,43-45) und für nichtige Götzen den ihm angebotenen Platz der Gnade verlassen wird. Besser wäre es, in tiefe Not gestürzt zu werden - aber mit einer wirklichen Hoffnung -, als das Teil derer zu besitzen, die den Antichristen als Herrn haben und anerkennen. In Psalm 31 können wir den Unterschied sehen zwischen denjenigen, „die auf nichtige Götzen achten“ (Vers 7), und denjenigen, die ihre Zuflucht zum Herrn nehmen (Vers 2), und für welche die Gnade die einzige Quelle ist.

„Ich aber werde dir opfern mit der Stimme des Lobes; was ich gelobt habe, werde ich bezahlen. Bei dem Herrn ist die Rettung.“ (2,10)

Hier findet der treue Überrest die wahre Anbetung, welche die Nationen während der Zeit seiner Untreue ausüben durften. Diese Verehrung dürfen die Christen schon heute Gott bringen. Später, in der prophetischen Zukunft, werden die Nationen unter der Herrschaft des Messias dem Herrn, dem Gott Israels, Opfer bringen und zusammen mit seinem Volk nach Jerusalem hinaufgehen, um anzubeten (Ps 116,13.14; 22,26). Es wird also sowohl für Israel als auch für die Nationen eine Zeit kommen, wo sie Gelübde bezahlen (Jona 1,16), dem Herrn freiwillig und ohne Zurückhaltung dienen als ein Volk, das freiwillig gelobt (Ps 56,13; 61,9; 66,13; 76,12; 3. Mo 7,16; 5. Mo 23,22).

Das letzte Wort dieses prophetischen Gebetes ist: „Bei dem Herrn ist die Rettung.“ Sie ist da und nur durch Ihn bewirkt. Sie ist einzig die Frucht seiner Gnade (Jes 38,20; 52,10). Israel wird am Ende der Tage diese große Wahrheit erfassen, die schon heute die Freude und die Sicherheit aller Gläubigen sein darf, und auf die jede Heilsgewissheit für immer gestützt ist. Wie wird diese Rettung bewirkt? Das ist es, was wir im nächsten Kapitel dieser kurzen Abhandlung betrachten werden.

Fußnoten

  • 1 Diese Bedrängnis wird auch „Drangsal für Jakob“ (Jer 30,7) und „die große Drangsal“ (Mt 24,21) ganz allgemein genannt. Vergleiche auch in Verbindung mit dem Wort „Bedrängnis“ oder „Drangsal“ die vielen Stellen in den Psalmen und Propheten, die diese Gedanken aufgreifen.
  • 2 Vgl. dazu auch das Buch „Betrachtungen über die Psalmen“ von Henri Rossier und hier vor allem das Kapitel „Die Stufenlieder“, erschienen im Ernst Paulus Verlag, Neustadt.
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