Betrachtungen über das erste Buch Mose

Gottes Besuch bei Abraham

Betrachtungen über das erste Buch Mose

Gemeinschaft mit dem HERRN

Kapitel 18 liefert uns ein gutes Beispiel von den Ereignissen eines Lebens der Absonderung und des Gehorsams. „Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten, und mein Vater wird ihn lieben, und wir werden zu ihm kommen und Wohnung bei ihm machen“ (Joh 14,23). Diese Stelle zeigt uns, in Verbindung mit dem Inhalt des vorliegenden Kapitels, dass eine gehorsame Seele eine Art von Gemeinschaft genießt, die demjenigen völlig unbekannt bleibt, der sich in einer weltlichen Atmosphäre bewegt.

Dies berührt jedoch in keiner Weise die Frage der Vergebung oder der Rechtfertigung. Alle Gläubigen sind mit demselben fleckenlosen Kleid der Gerechtigkeit bekleidet. Alle stehen in derselben Rechtfertigung vor dem Angesicht Gottes. Dasselbe Leben strömt vom Haupt im Himmel durch alle Glieder auf der Erde. Diese bereits wiederholt erwähnte wichtige Lehre wird in der Heiligen Schrift klar festgestellt. Aber das ändert nichts an der Tatsache, dass die Rechtfertigung und ihre Früchte zwei ganz verschiedene Dinge sind. Ein Kind zu sein und ein gehorsames Kind zu sein, ist nicht dasselbe. Ein Vater liebt ein gehorsames Kind und wird es zum Vertrauten seiner Gedanken und Pläne machen. Und sollte es nicht auch bei unserem himmlischen Vater der Fall sein? Die Worte des Herrn (Joh 14,23.24) bestätigen dies zweifellos und beweisen zugleich, dass es Heuchelei ist, wenn jemand behauptet, Christus zu lieben, und nicht „sein Wort“ hält. „Wenn jemand mich liebt, so wird er mein Wort halten“. Sein Wort nicht halten ist also der sichere Beweis, dass wir nicht in der Liebe seines Namens unseren Weg gehen. Unsere Liebe zu Christus zeigt sich darin, dass wir die Dinge tun, die Er befohlen hat, und dass wir nicht nur „Herr, Herr!“ sagen. Welchen Wert hat es, zu sagen: „Ich gehe, Herr“, wenn das Herz nicht daran denkt zu gehen?

Nun, obwohl Abraham in Einzelheiten gefehlt hat, so sehen wir doch in ihm einen Menschen, der sich im Allgemeinen durch ein erhabenes, gottverbundenes Leben auszeichnete, und in dem jetzt vor uns liegenden, interessanten Teil seiner Geschichte findet er Freude an drei besonderen Vorrechten, nämlich: Für den Herrn eine Erfrischung zuzubereiten, mit dem Herrn in völliger Gemeinschaft zu sein, und vor dem Herrn sich für andere zu verwenden. Das sind herrliche Auszeichnungen, und doch begleiten sie stets ein heiliges Leben der Absonderung und des Gehorsams. Gehorsam erfreut den Herrn, denn es ist die Frucht seiner eigenen Gnade in unseren Herzen. Wir sehen, wie der einzig vollkommene Mensch, der jemals auf dieser Erde war, den Vater ohne Unterlass erfreute und erquickte. Immer wieder gab Gott ihm vom Himmel Zeugnis, dass Er sein geliebter Sohn sei, an dem Er Wohlgefallen gefunden hatte. Das Leben Christi auf der Erde ließ einen duftenden Wohlgeruch zu Gottes Thron emporsteigen. Von der Krippe bis zum Kreuz tat Er stets das, was seinem Vater wohl gefiel. Da gab es keine Unterbrechung, keine Veränderung, keine Ungleichmäßigkeit. Er war der einzige Vollkommene. Doch wenn wir die Berichte der Heiligen Schrift verfolgen, begegnen wir hier und dort einer Seele, die gelegentlich den Himmel erfreute, wie z. B. im vorliegenden Kapitel der Fremde im Hain Mamre, als er in seinem Zelt dem Herrn selbst eine Erquickung bereitete, die in Liebe dargeboten und willig angenommen wurde (V. 8).

Dann finden wir Abraham in der Freude tiefer Gemeinschaft mit dem Herrn, während er sich zunächst wegen seiner eigenen persönlichen Interessen (V. 9–15) und dann über das Schicksal Sodoms (V. 16–21) mit ihm unterhält. Welch eine Stärkung für das Herz Abrahams lag in der Verheißung: „Sara wird einen Sohn haben!“ Bei Sara löste diese Verheißung freilich nur ein Lachen aus, wie im vorhergehenden Kapitel bei Abraham.

Bei dieser Gelegenheit möchte ich darauf aufmerksam machen, dass die Heilige Schrift von zwei Arten von „Lachen“ redet. Zunächst gibt es ein Lachen, mit dem der Herr den Mund seines Volkes füllt, wenn Er im Augenblick großer Prüfungen in besonderer Weise zu dessen Hilfe erscheint. „Als der HERR die Gefangenen Zions zurückführte, waren wir wie Träumende. Da wurde unser Mund voll Lachen, und unsere Zunge voll Jubel; da sagte man unter den Nationen: Der HERR hat Großes an ihnen getan! Der HERR hat Großes an uns getan: Wir waren fröhlich!“ (Ps 126,1–3). Dann aber gibt es ein Lachen des Unglaubens, wenn die Verheißungen Gottes zu herrlich sind, um in unseren engen Herzen Aufnahme zu finden, oder wenn die sichtbaren Mittel, die Gott zur Ausführung seiner großartigen Pläne benutzen will, unserer Meinung nach zu gering sind. Des ersten Lachens schämen wir uns niemals, noch fürchten wir uns, es einzugestehen. Die Söhne Zions schämten sich nicht zu sagen: „Da wurde unser Mund voll Lachen.“ Wir dürfen herzhaft lachen, wenn der HERR es ist, der das Lachen hervorruft. Aber „Sara leugnete und sprach: Ich habe nicht gelacht!, denn sie fürchtete sich“. Der Unglaube macht uns furchtsam und unehrlich, der Glaube macht uns kühn und wahrheitsgetreu. Er befähigt uns, mit „Freimütigkeit“ und „mit wahrhaftigem Herzen“ hinzuzutreten (Heb 10).

Die Offenbarung des Willens Gottes

Außerdem lässt Gott Abraham an seinen Gedanken und Absichten bezüglich Sodom teilnehmen. Obwohl er persönlich mit dem Schicksal Sodoms nichts zu tun hatte, stand er dem Herrn doch so nahe, dass er in seine geheimen Absichten mit dieser Stadt eingeweiht wurde. Die Absichten Gottes über die gegenwärtige böse Welt lernen wir nicht kennen durch Verbindung mit der Welt, sondern nur durch absolute Trennung von ihr. Je mehr wir in enger Gemeinschaft mit Gott leben und je mehr wir seinem Wort unterworfen sind, desto besser werden wir seine Gedanken über alle Dinge kennen. Ich muss nicht unbedingt die Zeitungen lesen, um zu erfahren, was sich in dieser Welt ereignen wird. Das Wort Gottes offenbart mir alles, was ich darüber wissen muss. Durch dieses Wort werde ich über den Charakter, den Lauf und das Schicksal dieser Welt eingehend unterrichtet. Wenn ich mich dagegen von den Menschen dieser Welt über diese Dinge informieren lasse, so brauche ich mich nicht zu wundern, wenn der Teufel sie benutzt, um mir Sand in die Augen zu streuen.

Wenn Abraham Sodom besucht hätte, um sich über die Lage der Dinge Informationen zu verschaffen, wenn er sich an die führenden Männer der Stadt gewandt hätte, um ihre Gedanken über den Zustand und die Aussichten Sodoms kennen zu lernen, dann hätten sie ohne Zweifel die Aufmerksamkeit Abrahams auf ihre wirtschaftlichen und architektonischen Unternehmungen, sowie auf die unermesslichen Reserven des Landes gelenkt und ihm ein buntes Gewimmel von Menschen gezeigt, die kauften und verkauften, bauten und pflanzten, aßen und tranken, heirateten und sich verheirateten. Die Führer Sodoms dachten zweifellos an alles andere als an Gericht, und hätte jemand darüber zu ihnen geredet, so hätten sie sicher ungläubig gelacht. Offensichtlich war deshalb Sodom nicht der Platz, wo man etwas über das Ende der Stadt erfahren konnte. Der Platz, wo Abraham vor dem Herrn stand (Kap. 19,27), war der einzige Punkt, der eine Aussicht über die ganze Szene bot. Dort stand er über all den finsteren Wolken, die sich an Sodoms Horizont zusammengeballt hatten. Dort, in der Reinheit und Stille der Gegenwart Gottes, konnte er alles verstehen lernen.

Abrahams Fürbitte für Sodom

Und wozu benutzte Abraham seine Erkenntnis und seine hohe Stellung? Womit war er in der Gegenwart Gottes beschäftigt? Er trat fürbittend für andere vor Gott ein, und dies ist das dritte Vorrecht, das dem Patriarchen in diesem Kapitel gewährt wird. Er konnte für die bitten, die sich mit dem verdorbenen Volk Sodoms vermengt hatten und nun in Gefahr standen, in das Gericht dieser Stadt hineingezogen zu werden. Das war in der Tat ein guter und heiliger Gebrauch, den er von seiner Stellung in der Nähe Gottes machte. So wird es aber stets sein. Die Seele, die in voller Gewissheit des Glaubens Gott nahen kann und die, befreit vom bösen Gewissen und mit gereinigtem Herzen, ihr Vertrauen auf Gott setzen kann, wird fähig und willig sein, für andere fürbittend einzutreten. Wer die „ganze Waffenrüstung Gottes“ angelegt hat, kann „für alle Heiligen“ beten (Eph 6,13.18). Welch ein schönes Bild gibt uns dies von der Fürbitte unseres großen Hohenpriesters, der durch die Himmel gegangen ist! (Heb 4,14). Mit welcher Wirksamkeit vertritt Er vor der göttlichen Majestät alle, die sich in dieser Welt des Verderbens abmühen! Wie glücklich und sicher sind doch die Gegenstände dieser allmächtigen Fürbitte!

So gesegnet die Fürbitte Abrahams auch war, so blieb sie dennoch begrenzt, weil der Fürbittende nur ein Mensch war. Sie erreicht nicht die Höhe des Bedürfnisses. Abraham sagt: „Möge doch der Herr nicht zürnen, und ich will nur noch diesmal reden“ (V. 32), und dann hört er auf, als befürchte er, in der Schatzkammer der unendlichen Gnade einen Wechsel über einen zu hohen Betrag vorgezeigt zu haben. Abraham wurde nicht von Seiten Gottes beschränkt. In Gott war ein Überfluss von Gnade und Geduld vorhanden. Er hätte auf seinen geliebten Diener gehört, selbst wenn dieser in seiner Fürbitte auf drei, ja, auf einen einzigen Gerechten zurückgegangen wäre. Die Schuld lag auf Seiten des Dieners. Er fürchtete die Höhe seines Kredits zu überschreiten. Er hörte auf zu bitten, und Gott hörte auf zu geben. So ist es nicht bei unserem hochgelobten Fürsprecher. Von ihm kann gesagt werden: „Daher vermag er diejenigen auch völlig zu erretten …, indem er allezeit lebt, um sich für sie zu verwenden“ (Heb 7,25).

Die zukünftigen Ereignisse und die Hoffnung der Versammlung

Bevor wir dieses Kapitel schließen, möchte ich noch eine Bemerkung machen, die mir beachtenswert erscheint. Bei der Erforschung der Heiligen Schrift ist es von großer Wichtigkeit, zwischen der Regierung Gottes über die Welt und der besonderen Hoffnung der Versammlung zu unterscheiden. Alle Prophezeiungen des Alten und ein großer Teil der Prophezeiungen des Neuen Testaments handeln von dieser Regierung Gottes, und ich brauche kaum zu sagen, dass sie deswegen für jeden Christen sehr interessant sind. Es ist sicher der Mühe wert zu wissen, wie Gott mit den Nationen der Erde handelt und handeln wird, und was seine Gedanken sind über Tyrus, Babylon, Ninive und Jerusalem, über Ägypten, Assyrien und das Land Israel. Vergessen wir jedoch nicht, dass in diesen Prophezeiungen die besondere Hoffnung der Versammlung Gottes nicht enthalten ist. Wie wäre es auch möglich? Wenn nicht einmal die Existenz der Versammlung im Alten Testament offenbart ist, wie könnte dann von ihrer Hoffnung die Rede sein? Das heißt natürlich nicht, dass die Prophezeiungen des Alten Testaments nicht eine Menge göttlicher und sittlicher Grundsätze in sich schließen, aus denen die Versammlung reichen Nutzen ziehen kann, aber das ist etwas ganz anderes, als in ihnen die Offenbarung der Existenz und der besonderen Hoffnung der Versammlung finden zu wollen. Und doch ist ein großer Teil der alttestamentlichen Prophezeiungen auf die Versammlung angewandt worden, und man hat dadurch die ganze Sache so verwirrt, dass einfache Gemüter vom Studium der Prophezeiungen abgehalten worden und dahin gekommen sind, sogar die Betrachtung dessen zu vernachlässigen, was gar nichts mit ihnen zu tun hat, nämlich der Hoffnung der Versammlung Gottes. Diese Hoffnung aber, wir wiederholen es, hat nichts zu tun mit den Wegen Gottes bezüglich der Völker der Erde, sondern besteht darin, dem Herrn entgegengerückt zu werden in die Luft, um für allezeit bei ihm und ihm gleich zu sein (siehe 1. Thes 4,13ff).

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