Betrachtungen über das erste Buch Mose

Jakob in Bethel

Betrachtungen über das erste Buch Mose

„Und Gott sprach zu Jakob: Mach dich auf, zieh hinauf nach Bethel“ (V. 1). Diese Worte bestätigen den Grundsatz, mit dem wir uns soeben beschäftigt haben. Wenn wir einen Fehler gemacht haben oder von Gott abgewichen sind, ruft der Herr die Seele zu sich zurück. „Gedenke nun, wovon du gefallen bist, und tu Buße und tu die ersten Werke“ (Off 2,5). Das ist Gottes Grundsatz der Wiederherstellung. Die Seele muss zum göttlichen Maß zurückgebracht werden. Der Herr sagt nicht: „Bedenke wo du bist“, sondern: „Gedenke der hohen Stellung, von der du gefallen bist“. Nur auf diese Weise lernen wir, wie weit wir abgewichen sind und wie wir wieder zurückkehren können, und erst dann, wenn wir so zu dem heiligen Maß Gottes zurückgebracht sind, können wir das Böse unseres gefallenen Zustandes ganz beurteilen. Wie viel Böses hatte sich in der Familie Jakobs angehäuft, ohne dass er es gerichtet hatte, bis die Seele Jakobs durch den Ruf aufgeweckt wurde: „Zieh hinauf nach Bethel“! Sichem war nicht der Platz, um Verständnis über all das Böse zu erlangen. Die Atmosphäre dieses Ortes war unrein, so dass es unmöglich war, dort den wahren Charakter des Bösen zu erkennen. Aber als Jakob nach Bethel gerufen wurde, „sprach er zu seinem Haus und zu allen, die bei ihm waren: Tut die fremden Götter weg, die in eurer Mitte sind, und reinigt euch, und wechselt eure Kleidung; und wir wollen uns aufmachen und nach Bethel hinaufziehen, und ich werde dort einen Altar machen dem Gott, der mir geantwortet hat am Tag meiner Drangsal und mit mir gewesen ist auf dem Weg, den ich gegangen bin“ (V. 2.3). Schon die Erwähnung des Hauses Gottes versetzt eine Saite in der Seele des Patriarchen in Schwingungen und lässt in einem Augenblick die Geschichte von zwanzig ereignisreichen Jahren an ihm vorüberziehen.

Nicht in Sichem, sondern in Bethel hatte er gelernt, was Gott war. Daher musste er nach Bethel zurückkehren und dort einen Altar errichten, der sich in Grundsatz und Namen völlig von seinem Altar in Sichem unterschied, denn dieser war mit einer Menge Unreinigkeit und Abgötterei verbunden.

Jakob konnte von „Gott, dem Gott Israels“, reden, während ihn Dinge umgaben, die zur Heiligkeit des Hauses Gottes überhaupt nicht passten. Nichts kann die Seele auf dem Weg beständiger und einsichtsvoller Absonderung von dem Bösen erhalten als nur das Bewusstsein davon, was das „Haus Gottes“ ist, und was diesem Haus entspricht. Wenn ich nur in Bezug auf mich selbst auf Gott schaue, werde ich kein klares Verständnis davon haben, was eine Würdigung der Beziehungen Gottes zu seinem Haus bewirkt. Manche halten es für unbedeutend, in ihrem Gottesdienst mit unreinen Dingen verbunden zu sein (wenn sie selbst nur treu und von Herzen aufrichtig sind). Sie glauben, dass man Gott auch in Sichem anbeten kann, und dass ein Altar, der den Namen „Gott, der Gott Israels“, trägt, ebenso erhaben und gottgemäß ist, wie ein Altar mit dem Namen „Bethel“ (Haus Gottes). Aber das ist ein Irrtum. Wir können einen großen Unterschied zwischen dem Verhalten Jakobs in Sichem und seinem Verhalten in Bethel feststellen, und derselbe Unterschied besteht zwischen den beiden Altären. Unsere Vorstellung vom Gottesdienst wird natürlich von unserem geistlichen Zustand beeinflusst, und unser Gottesdienst wird genau in dem Maß, wie wir den Charakter Gottes und unsere Beziehungen zu ihm verstanden haben, armselig oder erhaben sein.

Der Name unseres Altars und der Charakter unseres Gottesdienstes bringen denselben Gedanken zum Ausdruck. Ein mit dem „Gott von Bethel“ in Verbindung stehender Dienst ist erhabener als derjenige, der dem „Gott Israels“ geweiht ist. Der Erste ist mit einer höheren Vorstellung von Gott verbunden als der Zweite, bei dem Gott, anstatt als der Gott seines Hauses gekannt zu sein, nur als der Gott einer einzigen Person erscheint. Allerdings ist der Titel „Gott, der Gott Israels“, der Ausdruck einer bewundernswerten Gnade, und die Seele wird glücklich sein, wenn sie den Charakter Gottes betrachtet, der sich in Gnaden mit jedem einzelnen Stein seines Hauses und mit jedem Glied des Leibes verbindet. Jeder Stein in dem Haus Gottes ist ein lebendig gemachter Stein, und verbunden mit dem „lebendigen Stein“ (1. Pet 2,4) hat er Gemeinschaft mit dem „lebendigen Gott“ durch die Macht des „Geistes des Lebens“ (Röm 8,2). Aber wie wahr das alles sein mag, so ist Gott doch auch der Gott seines Hauses, und wenn wir fähig gemacht sind, ihn so zu betrachten, dann erhält unser Gottesdienst einen erhabeneren Charakter.

Die Berufung Jakobs nach Bethel enthält jedoch noch etwas anderes. Gott sagt ihm: „Mache dort einen Altar dem Gott, der dir erschienen ist, als du vor deinem Bruder Esau flohest“ (V. 1). Er erinnert ihn dadurch an die „Tage seiner Drangsal“ (V. 3). Es ist oft gut, in unserer Erinnerung bis zu dem Zeitabschnitt unseres Lebens zurückgeführt zu werden, da wir uns auf der untersten Sprosse der Leiter befanden. So erinnert Samuel den König Saul an die Zeit, da er „klein war in seinen Augen“ (1. Sam 15,17), und jeder von uns hat es nötig, dass die Zeit, da er „klein in seinen Augen war“, oft in sein Gedächtnis zurückkehrt. Wenn wir „klein in unseren Augen“ sind, stützt sich das Herz wirklich auf Gott. Wenn wir wieder anfangen, uns für etwas zu halten, dann ist der Herr gezwungen, uns von neuem unser Nichts fühlen zu lassen. Wenn jemand den Weg des Dienstes oder des Zeugnisses betritt, fühlt er sehr die eigene Schwachheit und Unfähigkeit, und wie sehr empfindet er daher das Bedürfnis, sich auf Gott zu stützen! Wie ernst fleht die Seele zu ihm um Kraft und Hilfe! Später bilden wir uns vielleicht ein, dass wir, weil wir schon so lange im Werk sind, auf eigenen Füßen stehen können, oder wir haben jedenfalls nicht mehr dasselbe Gefühl von unserer Schwachheit und stehen nicht mehr in derselben Abhängigkeit von Gott, und dann wird unser Dienst zu einer wertlosen Sache ohne Salbung und Kraft, weil er nicht mehr aus der unversiegbaren Quelle des Geistes schöpft.

In den Versen 9–15 erneuert Gott dem Jakob seine Verheißung und bestätigt ihm den neuen Namen „Kämpfer Gottes“ anstatt „Überlister“, und Jakob nennt wieder den Namen des Ortes „Bethel“. Vers 18 gibt uns ein interessantes Beispiel von dem Unterschied, der zwischen dem Urteil des Glaubens und dem Urteil der Natur besteht. Die Natur sieht die Dinge durch den Nebel, von dem sie umgeben ist, während der Glaube sie im Licht der Gegenwart und der Ratschlüsse Gottes betrachtet. Rahel nannte ihr Kind Benoni, als ihre Seele ausging (denn sie starb), „sein Vater aber nannte ihn Benjamin“. Die Natur nennt ihn den „Sohn meiner Not“, aber der Glaube: den „Sohn der Rechten, d. h. des Glückes“. So ist es immer.

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