Betrachtungen über das erste Buch Mose

Abram

Betrachtungen über das erste Buch Mose

Der Ruf Gottes

Das erste Buch Mose behandelt hauptsächlich die Geschichte der sieben Männer Abel, Henoch, Noah, Abraham, Isaak, Jakob und Joseph, und wir sehen in der Geschichte jedes dieser Männer eine besondere Wahrheit dargestellt. So fanden wir z. B. in Abel die große Grundwahrheit, dass der Mensch Gott aufgrund einer im Glauben angenommenen Sühnung nahen kann. Henoch zeigt uns das besondere Teil und die Hoffnung der himmlischen Familie, während Noah uns das Schicksal der irdischen Familie vor Augen stellt. Henoch wurde vor dem Gericht in den Himmel aufgenommen, Noah durch das Gericht hindurch auf eine wiederhergestellte Erde gebracht. So haben wir in jedem dieser Männer eine bestimmte Seite der Wahrheit und infolgedessen auch eine bestimmte Phase des Glaubens. Der Leser kann diesen Gegenstand in Verbindung mit Hebräer 11 weiter verfolgen, und sicher wird seine Mühe reichlich belohnt werden.

Wenn wir Kapitel 12,1 und 11,31 mit Apostelgeschichte 7,2–4 vergleichen, so lernen wir eine Wahrheit von großem praktischen Wert für die Seele. „Und der HERR hatte zu Abram gesprochen: Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und aus dem Haus deines Vaters in das Land, das ich dir zeigen werde“ (V. 1). Diese eindeutige Aufforderung Gottes war dazu bestimmt, auf das Herz und Gewissen Abrahams zu wirken. In Apostelgeschichte 7,2–4 lesen wir: „Der Gott der Herrlichkeit erschien unserem Vater Abraham, als er in Mesopotamien war, ehe er in Haran wohnte, und sprach zu ihm: ‚Geh aus deinem Land und aus deiner Verwandtschaft und komm in das Land, das ich dir zeigen werde.' Da ging er aus dem Land der Chaldäer und wohnte in Haran; und von dort siedelte er ihn um, nachdem sein Vater gestorben war, in dieses Land, in dem ihr jetzt wohnt“. Das Ergebnis dieser Aufforderung finden wir in 1. Mose 11,31.32: „Und Tarah nahm seinen Sohn Abram … und Sarai, seine Schwiegertochter, die Frau seines Sohnes Abram; und sie zogen miteinander aus Ur in Chaldäa, um in das Land Kanaan zu gehen; und sie kamen bis Haran und wohnten dort … und Tarah starb in Haran“. Nehmen wir diese Stellen zusammen, so sehen wir daraus, dass die natürlichen Bande das Herz Abrahams hinderten, dem Ruf Gottes voll zu entsprechen. Obwohl er nach Kanaan gerufen worden war, zögerte er dennoch in Haran, bis jenes Band durch den Tod zerrissen wurde. Dann erst machte er sich auf den Weg nach dem Ort, wohin der „Gott der Herrlichkeit“ ihn gerufen hatte.

Das hat eine tiefe Bedeutung. Die Einflüsse der Natur stehen der Verwirklichung und praktischen Kraft der „Berufung Gottes“ stets feindlich gegenüber. Leider sind wir so sehr geneigt, einen niedrigeren Boden einzunehmen, als den, der unserer Berufung entspricht. Es ist daher große Einfalt und Lauterkeit des Glaubens nötig, um die Seele bis zur Höhe der Gedanken Gottes zu erheben und um uns die Dinge anzueignen, die Er uns offenbart.

Das Gebet des Paulus in Epheser 1,15–22 zeigt uns, wie klar er durch den Heiligen Geist die Schwierigkeiten erkannte, mit denen die Versammlung beim Ergreifen der „Hoffnung der Berufung Gottes und des Reichtums der Herrlichkeit seines Erbes in den Heiligen“ zu kämpfen haben würde. Es ist klar, dass wir nicht fähig sind, „dieser Berufung würdig zu wandeln“ (Eph 4,1), wenn wir sie nicht kennen. Wir müssen wissen, wohin wir berufen sind, bevor wir hingehen können. Wäre Abraham sich ganz bewusst gewesen, dass Gott ihn nach Kanaan berufen hatte, und dass dort sein Erbe lag, so wäre es ihm nicht möglich gewesen, in Haran zu bleiben. So ist es auch mit uns. Wenn uns der Heilige Geist Verständnis darüber gegeben hat, dass wir eine himmlische Berufung haben, und dass unsere Heimat, unser Teil, unsere Hoffnung und unser Erbe droben sind, wo „Christus ist, sitzend zur Rechten Gottes“ (Kol 3,1), so werden wir niemals danach jagen, eine angesehene Stellung in der Welt zu bekommen oder Schätze auf der Erde zu sammeln.

Die himmlische Berufung ist kein leeres Dogma oder eine kraftlose Theorie. Sie ist entweder eine absolute Wirklichkeit oder gar nichts. War etwa die Berufung Abrahams nach Kanaan reine Theorie, die er erörtern konnte, während er gleichzeitig in Haran blieb? Nun, sie war eine göttliche Wahrheit. Abraham war nach Kanaan berufen, und Gott konnte seine Unterbrechung auf dem Weg dahin nicht billigen. Wenn wir die Anerkennung und Gegenwart Gottes wünschen, müssen wir im Glauben Gottes Ruf folgen, mit anderen Worten, wir müssen in Erfahrung, Handlungsweise und Charakter den Punkt zu erreichen suchen, zu dem Gott uns berufen hat. Und dieser Punkt ist die völlige Gemeinschaft mit seinem Sohn, Gemeinschaft mit ihm in seiner Verwerfung auf der Erde, und Gemeinschaft mit ihm in seiner Annahme im Himmel. Wie nun beiAbraham der Tod das Band zerriss, durch das die Natur ihn in Haran zurückhielt so bricht auch bei uns der Tod die Kette, die uns an die gegenwärtige Welt fesselt. Wir müssen die Wahrheit verwirklichen, dass wir mit Christus, unserem Haupt und Stellvertreter, gestorben sind, dass unser Platz in der Welt der Vergangenheit angehört, dass das Kreuz Christi für uns dasselbe ist, was einst das Rote Meer für Israel war, nämlich eine ewige Trennung zwischen uns und dem Land des Todes und des Gerichts. Nur so werden wir fähig sein, „würdig zu wandeln der Berufung, mit der wir berufen worden sind“ (Eph 4,1), würdig der hohen und himmlischen Berufung, der „Berufung Gottes in Christus Jesus“ (Phil 3,14).

Das Kreuz Christi trennt uns von der Welt

Wir wollen uns einen Augenblick mit den beiden wesentlichen Seiten des Kreuzes Christi befassen. Das Kreuz ist die Grundlage unserer Anbetung und unseres Dienstes, unseres Friedens und unseres Zeugnisses, unserer Beziehung zu Gott und unserer Beziehungen zu der Welt. Wenn ich als überführter Sünder meinen Blick auf das Kreuz des Herrn Jesus Christus richte, so erkenne ich darin die ewige Grundlage meines Friedens. Ich sehe meine „Sünde“ ihrem Grundsatz nach und in ihrer Wurzel gerichtet, und ich sehe meine „Sünden“ getragen. Ich sehe, dass Gott „für mich“ ist, und zwar gerade in dem Zustand, in dem ich mich nach der Sprache meines überführten Gewissens befinde. Das Kreuz offenbart Gott als den Freund des Sünders. Es offenbart ihn in dem wunderbaren Charakter eines gerechten Rechtfertigers des gottlosen Sünders. Schöpfung und Vorsehung hätten das niemals tun können. In beiden kann ich ohne Zweifel die Macht, Majestät und Weisheit Gottes erkennen. Aber was würde aus mir werden, wenn alle diese Dinge sich gegen mich richteten? Und für sich allein betrachtet, müssen sie gegen mich sein, weil ich ein Sünder bin.

Am Kreuz aber sehe ich, wie Gott sich in einer Weise mit der Sünde beschäftigt, dass Er sich selbst unendlich verherrlicht. Ich sehe hier die majestätische Entfaltung und die vollkommene Harmonie aller göttlichen Eigenschaften. Ich sehe eine Liebe, die mein Herz überzeugt und gewinnt und es in dem Maß wie ich diese Liebe verwirkliche von jedem anderen Gegenstand abzieht. Ich sehe eine Weisheit, die den Teufel zum Schweigen bringt und die Engel in Erstaunen versetzt. Ich sehe eine Heiligkeit, die die Sünde abschafft und zugleich den stärksten Ausdruck des Abscheus Gottes gegen sie zu erkennen gibt. Ich sehe endlich eine Gnade, die den Sünder in die Gegenwart Gottes Selbst versetzt. Wo sonst könnte ich alle diese Dinge erblicken, als am Kreuz? Nirgends finden wir die beiden Wahrheiten: „Herrlichkeit Gott in der Höhe!“ und: „Friede auf der Erde!“ (Lk 2,14) so herrlich vereinigt wie am Kreuz.

Wie kostbar ist es daher, das Kreuz von diesem ersten Gesichtspunkt aus zu sehen, als Grundlage des Friedens für den Sünder, als Grundlage seiner Anbetung und seiner ewigen Gemeinschaft mit dem Gott, der sich dort in so herrlicher und gesegneter Weise offenbart hat! Wie kostbar ist es für Gott, da es für ihn eine gerechte Grundlage geschaffen hat, auf der Er seine Vollkommenheit entfalten und mit dem Sünder nach der ganzen Fülle seiner Gnade handeln kann! Das Kreuz hat für Gott einen so hohen Wert, dass alles, was Er von Anbeginn gesagt und getan hat, nur den Beweis liefert, dass das Kreuz immer den ersten Platz in seinem Herzen einnahm. Sein teurer, vielgeliebter Sohn sollte dort hängen zwischen Himmel und Erde, als Gegenstand der Beschimpfung und der Leiden, womit Menschen und Teufel ihn überhäufen konnten, weil es seine Freude war, den Willen seines Vaters zu tun und die Kinder seiner Gnade zu erlösen. In Ewigkeit wird das Kreuz, als der vollkommene Ausdruck seiner Liebe, den großen Mittelpunkt bilden.

Auch als Grundlage unserer Jüngerschaft, unseres Dienstes und Zeugnisses erfordert das Kreuz unsere ganze Aufmerksamkeit. Dasselbe Kreuz das mich mit Gott in Verbindung bringt, trennt mich von der Welt. Ein Gestorbener kann mit der Welt nichts mehr zu tun haben, und daher ist der Gläubige, weil er mit Christus gestorben ist, fertig mit der Welt. Er ist der Welt und die Welt ist ihm gekreuzigt (Gal 6,14). Weil er mit Christus auferstanden ist, ist er mit Gott verbunden in der Macht eines neuen Lebens und einer neuen Natur. Der Gläubige, der auf diese Weise untrennbar mit Christus verbunden ist, hat teil an seiner Annahme bei Gott und an seiner Verwerfung von Seiten der Welt. Diese beiden Dinge gehen zusammen. Das Erste macht ihn zu einem Anbeter und Himmelsbürger, das Zweite zu einem Zeugen und Fremdling auf der Erde. Jenes führt ihn innerhalb des Vorhangs ein, dieses stellt ihn an den Platz außerhalb des Lagers. Das eine ist so vollkommen wie das andere. Wenn sich das Kreuz zwischen mich und meine Sünden gestellt und mir den Platz des Friedens mit Gott geschenkt hat, so hat es sich auch zwischen mich und die Welt gestellt und mir mit Christus den Platz der Verwerfung und der Feindschaft von Seiten der Welt angewiesen. Zugleich hat es in einem anderen Sinn aus mir einen demütigen und ausharrenden Zeugen von der kostbaren, unergründlichen, ewigen Gnade gemacht, die das Kreuz vor unsere Augen stellt.

Gnade und Gesetzlichkeit

Der Gläubige sollte diese beiden Seiten des Kreuzes Christi erkennen und klar unterscheiden. Er sollte nicht versuchen, die Segnungen zu genießen, während er die Pflicht versäumt. Wenn sein Ohr geöffnet worden ist, die Stimme innerhalb des Vorhangs zu hören, so sollte es auch geöffnet sein, diese Stimme außerhalb des Lagers zu vernehmen. Wenn er die am Kreuz vollbrachte Versöhnung angenommen hat, sollte er auch nicht vor der Verwerfung zurückschrecken, die sie notwendigerweise mit sich bringt. Ist es doch unser Vorrecht, nicht nur mit der Sünde, sondern auch mit der Welt abgeschlossen zu haben. Das alles ist in der Lehre vom Kreuz eingeschlossen, und darum konnte der Apostel sagen: „Von mir aber sei es fern, mich zu rühmen, als nur des Kreuzes unseres Herrn Jesus Christus, durch den mir die Welt gekreuzigt ist, und ich der Welt“ (Gal 6,14). Paulus betrachtete die Welt als eine Sache, die nur wert ist, ans Kreuz genagelt zu werden, und die Welt hat, indem sie Christus kreuzigte, alle diejenigen gekreuzigt, die sein Eigentum waren. Lasst uns diese Wahrheit mit tiefem Ernst und unter Gebet betrachten, und möchte der Heilige Geist uns die Kraft schenken, die praktische Bedeutung der beiden Seiten des Kreuzes zu verwirklichen! Doch kehren wir jetzt zu unserem Thema zurück.

Es wird uns nicht mitgeteilt, wie lange Abraham in Haran blieb. Gott wartete jedoch gnädig auf seinen Diener, bis er frei von allen Fesseln seinem Befehl völlig gehorchte. Eine Anpassung des Befehls an die natürlichen Umstände, in denen Abraham sich befand, war unmöglich. Gott liebt seine Diener viel zu sehr, als dass Er sie um den vollen Segen eines bedingungslosen Gehorsams bringen könnte. Abraham empfing keine neue Offenbarung während seines Aufenthaltes in Haran. Es ist gut, das zu beachten. Wir müssen nach dem uns gegebenen Licht handeln, dann wird Gott uns mehr geben. „Wer irgend hat, wird gegeben werden“ (Lk 8,18). Das ist Gottes Grundsatz. Jedoch wird Gott uns auf dem Weg aufrichtiger Nachfolge niemals wie etwas Lebloses im Schlepptau führen. Nein, Er zieht uns den Pfad entlang, um uns zu unaussprechlichem Segen in ihm selbst zu führen. Und wenn wir nicht verstehen, dass es zu unserem Vorteil ist, wenn wir alle Schranken der Natur durchbrechen, um Gottes Ruf zu folgen, so vernachlässigen wir die Gnade, die uns geschenkt ist. Unsere Herzen begreifen oft wenig von diesen Dingen. Wir beginnen damit, die Opfer, Schwierigkeiten und Hindernisse zu erwägen, anstatt mit Eifer den Pfad des Gehorsams zu laufen, weil wir Den kennen und lieben, dessen Ruf unser Herz erreicht hat.

Jeder Schritt auf dem Weg des Gehorsams bringt wahren Segen, weil der Gehorsam die Frucht des Glaubens ist und der Glaube uns in lebendige Verbindung und Gemeinschaft mit Gott versetzt. Wenn wir den Gehorsam von diesem Gesichtspunkt aus betrachten, so werden wir leicht erkennen, wie stark er sich von der Gesetzlichkeit unterscheidet, die den mit der ganzen Last seiner Sünden beladenen Menschen dahin bringt, Gott durch Beobachtung des Gesetzes dienen zu wollen, was zur Folge hat, dass die Seele dauernd mit Furcht erfüllt ist, und anstatt den Weg des Gehorsams zu gehen, nicht einmal den ersten Schritt auf diesem Weg getan hat. Wahrer Gehorsam dagegen ist die Offenbarung einer neuen, durch die Gnade geschenkten Natur. Gott gibt in seiner Güte der neuen Natur Richtlinien, und diese göttliche Natur wird nie in Gesetzlichkeit ausarten. Gesetzlichkeit ist es jedoch, wenn die alte Natur sich abmüht, die Vorschriften Gottes zu halten. Ja, der Versuch, die Natur des gefallenen Menschen durch das reine und heilige Gesetz Gottes zu regeln, ist nutzlos und töricht. Wie könnte die gefallene Natur in einer so reinen Luft atmen?

Aber Gott schenkt dem Gläubigen nicht nur eine göttliche Natur und leitet diese durch seine Vorschriften. Er stellt ihr auch die rechten Hoffnungen und Erwartungen vor. So war es auch bei Abraham: „Der Gott der Herrlichkeit erschien ihm“ (Apg 7,2). Und zu welchem Zweck? Um ihm einen Gegenstand von großer Anziehungskraft vorzustellen, nämlich: „das Land, das ich dir zeigen werde.“ Da war kein Zwang, sondern Anziehungskraft. Nach dem Urteil der neuen Natur und des Glaubens war das Land Gottes weit besser als Ur oder Haran, und obwohl Abraham dieses Land nie gesehen hatte, hielt sein Glaube es doch für wert, es zu besitzen, ja, nicht nur es zu besitzen, sondern seinetwegen auch das Vorhandene zu verlassen. Wir lesen deshalb: „Durch Glauben war Abraham, als er gerufen wurde, gehorsam, auszuziehen an den Ort, den er zum Erbteil empfangen sollte, und er zog aus, ohne zu wissen, wohin er komme“ (Heb 11,8), d. h. er ging seinen Weg durch Glauben, nicht durch Schauen. Obwohl er mit seinen Augen nichts gesehen hatte, glaubte er mit seinem Herzen, und der Glaube wurde die mächtige Triebfeder in seiner Seele. Der Glaube ruht auf einer weit festeren Grundlage als auf der Überzeugung unserer Sinne, und diese Grundlage ist das Wort Gottes. Unsere Sinne können uns täuschen, das Wort Gottes täuscht uns nie.

Das System der Gesetzlichkeit wirft demgegenüber die Lehre von der neuen göttlichen Natur samt den sie leitenden Vorschriften und den sie belebenden Hoffnungen über Bord. Es lehrt, dass wir die Erde aufgeben müssen, um den Himmel zu erlangen. Wie aber könnte die gefallene Natur das aufgeben, womit sie verbunden ist? Wie könnte sie durch etwas angezogen werden, was keinen Reiz für sie hat? Der Himmel hat nichts Anziehendes für die Natur. Er ist der letzte Platz, wo sie sich befinden möchte. Sie hat kein Gefallen am Himmel und an seinen Bewohnern. Wäre es für die Natur möglich, in den Himmel zu gelangen, würde sie sich dort äußerst unglücklich fühlen. Sie hat weder die Fähigkeit, die Erde aufzugeben, noch den Wunsch, den Himmel zu besitzen. Wohl möchte sie gern der Hölle und ihrer Qual und Finsternis entfliehen, aber die beiden Wünsche, der Hölle zu entrinnen und den Himmel zu erlangen, entspringen zwei ganz verschiedenen Quellen. Der erste Wunsch mag in der alten Natur vorhanden sein, aber der zweite liegt nur in der neuen Natur. Gäbe es keinen „Feuersee“ und kein „Zähneknirschen“ in der Hölle, so würde die Natur nicht so sehr vor ihr erschrecken (vgl. Off 20,15; Mt 13,50). Derselbe Grundsatz gilt für alle Wünsche und Bestrebungen der Natur. Das System der Gesetzlichkeit lehrt, dass wir die Sünde aufgeben müssen, bevor wir die Gerechtigkeit erlangen können, aber die Natur kann die Sünde nicht aufgeben, und Gerechtigkeit hasst sie aus tiefstem Grund. Allerdings liebt sie ein gewisses Maß von Religion, aber nur in der Hoffnung, dadurch dem Feuer der Hölle zu entgehen. Wahre Religion liebt sie deshalb nicht, weil diese die Seele in die gegenwärtige Freude an Gott und seinen Wegen einführt.

Wie unterscheidet sich das „Evangelium der Herrlichkeit des seligen Gottes“ (1. Tim 1,11) in jeder Beziehung von Gesetzlichkeit! Das Evangelium offenbart Gott selbst, wie Er in vollkommener Gnade herabkommt und die Sünde durch das Opfer am Kreuz wegnimmt, und zwar in absoluter Weise, auf dem Boden ewiger Gerechtigkeit, weil Christus gelitten hat, indem er für uns zur Sünde gemacht wurde. Aber außerdem gibt Gott auch ein neues Leben, das Auferstehungsleben seines verherrlichten Sohnes, ein Leben, das jeder wahre Gläubige besitzt, weil er durch den ewigen Ratschluss Gottes mit dem vereinigt worden ist, der ans Kreuz genagelt wurde, aber jetzt auf dem Thron der Majestät in den Himmeln sitzt. Diese neue Natur leitet Gott in seiner Güte durch die Vorschriften seines heiligen Wortes, wenn es durch den Heiligen Geist in Kraft angewendet wird. Auch belebt Er sie durch die Darreichung unzerstörbarer Hoffnungen und zeigt ihr als Ziel „die Hoffnung der Herrlichkeit“ (Röm 5,2), „eine Stadt, die Grundlagen hat“, „ein besseres Vaterland, das ist ein himmlisches“ (Heb 11,10.14–16), „die vielen Wohnungen im Haus des Vaters“ (Joh 14,2), „die weißen Kleider“ (Off 3,5), „ein unerschütterliches Reich“ (Heb 12,28), eine ewige Vereinigung mit ihm selbst in diesen Gebieten des Segens und des Lichts, wo Trauer und Finsternis keinen Zugang haben, sowie das Vorrecht, in Ewigkeit an „den stillen Wassern und auf den grünen Auen“ (Ps 23,2) der erlösenden Liebe zu wohnen.

Wie verschieden ist das alles von gesetzlichen Begriffen! Anstatt mich aufzufordern, durch die Lehrsätze einer äußerlichen Religion eine unheilbare, verdorbene Natur zu erziehen und zu bilden, damit sie eine Erde, die sie liebt, aufgibt, und einen Himmel, den sie hasst, erlangt, gibt Gott mir in seiner unendlichen Gnade und aufgrund des Opfers Christi eine Natur, die sich über den Himmel freuen kann, sowie einen Himmel zum Genuss für diese Natur, ja, ich empfange nicht nur einen Himmel, sondern ihn selbst, die unversiegbare Quelle aller Freude des Himmels.

Das ist der Weg Gottes. So handelte Er mit Abraham und mit Saulus von Tarsus, und so handelt Er mit uns. Der Gott der Herrlichkeit zeigte Abraham ein besseres Vaterland als Ur oder Haran. Er zeigte dem Apostel eine so prachtvolle Herrlichkeit, dass sein Auge sich für allen Glanz dieser Erde verschloss und er alles für „Dreck“ achtete, um Christus zu gewinnen, der ihm erschienen und dessen Stimme bis in das Innerste seiner Seele gedrungen war. Paulus sah einen himmlischen Christus in der Herrlichkeit, und von diesem Augenblick an erfüllte trotz der Schwachheit des „irdenen Gefäßes“ dieser himmlische Christus und diese himmlische Herrlichkeit seine ganze Seele.

Zelt und Altar

„Und Abram durchzog das Land bis zum Ort Sichem, bis zur Terebinthe Mores. Und die Kanaaniter waren damals im Land“ (V. 6). Die Gegenwart der Kanaaniter musste sich für Abraham als Prüfung erweisen, als Forderung, die an seinen Glauben und an seine Hoffnung gestellt wurde, als Herzensübung und Geduldsprobe. Er hatte Ur und Haran verlassen und war in das Land gekommen, von dem der „Gott der Herrlichkeit“ zu ihm geredet hatte, und dort fand er die Kanaaniter. – Aber er fand auch den Herrn dort. „Und der HERR erschien Abram und sprach: Deiner Nachkommenschaft will ich dieses Land geben“ (V. 7). Die Verbindung zwischen diesen beiden Mitteilungen ist berührend schön. „Die Kanaaniter waren im Land.“ Damit Abraham nicht auf die gegenwärtigen Besitzer sah, erschien ihm der HERR als der, der ihm und seinen Nachkommen dieses Land für immer geben wollte. Auf diese Weise wurden die Gedanken Abrahams auf den Herrn und nicht auf die Kanaaniter gelenkt. Darin liegt für uns eine wichtige Lehre. Die „Kanaaniter im Land“ sind der Ausdruck der Macht Satans. Aber anstatt uns mit dieser Macht zu beschäftigen, die uns von unserem Erbteil fern halten möchte, werden wir aufgefordert, die Macht Christi zu ergreifen, die uns in unser Erbe einführt. „Unser Kampf ist nicht gegen Fleisch und Blut …, sondern gegen die geistlichen Mächte der Bosheit in den himmlischen Örtern“ (Eph 6,12). Gerade der Bereich, in den wir gerufen worden sind, ist der Ort unseres Kampfes. Sollte uns das erschrecken? Durchaus nicht, denn dort ist der siegreiche Christus, in dem wir „mehr als Überwinder“ (Rö 8,37) sind. Anstatt uns daher einem „Geist der Furcht“ hinzugeben, pflegen wir vielmehr einen Geist der Anbetung. Und Abraham „baute dort dem HERRN, der ihm erschienen war, einen Altar. Und er brach auf von dort in das Gebirge östlich von Bethel und schlug sein Zelt auf“ (V. 7.8). Der Altar und das Zelt zeigen uns die beiden großen Charakterzüge Abrahams: er war ein Anbeter Gottes und ein Fremdling in der Welt. Gesegnete Charakterzüge: nichts auf der Erde, aber alles in Gott zu besitzen! Von der Erde besaß Abraham nichts, „auch nicht einen Fußbreit“ (Apg 7,5). Aber er hatte Gott, und das war genug für ihn.

Hungersnot – Aufenthalt in Ägypten

Doch Gott antwortet dem Glauben nicht nur, Er prüft ihn auch. Man darf sich nicht einbilden, dass der Mann des Glaubens, nachdem er sein Schiff vom Ufer der Umstände abgestoßen hat, immer stilles Fahrwasser findet. Vielmehr muss er immer wieder rauer See und sturmbringenden Wolken begegnen. Aber alles ist von Gott gnädig vorgesehen, um in ihm eine tiefe und gereifte Erfahrung zu bewirken über das, was Gott für ein Herz ist, das ihm vertraut. Wäre der Himmel stets wolkenlos und das Meer stets glatt, so würde der Gläubige den Gott, mit dem er es zu tun hat, sicher nicht so gut kennenlernen, denn wir wissen, wie leicht das Herz den äußeren Frieden mit dem Frieden Gottes verwechselt. Wenn uns alles nach Wunsch geht, wenn unser Geschäft blüht, wenn unsere Kinder prächtig heranwachsen, wenn unsere Wohnung gemütlich ist und unsere Gesundheit nichts zu wünschen übrig lässt, wie sehr sind wir dann geneigt, den Frieden, der sich auf solche Umstände gründet, mit dem Frieden zu verwechseln, der in der Gegenwart Christi gefunden wird! Der Herr weiß das, und wenn wir statt in ihm in den Umständen ruhen, so erschüttert Er in irgendeiner Weise unsere falschen Stützen.

Auch beurteilen wir so leicht die Richtigkeit eines Weges nach dem Fehlen oder Vorhandensein von Prüfungen. Auch das ist ein großer Fehler. Der Pfad des Gehorsams bringt oft die meisten Versuchungen mit sich. Abraham wurde nicht nur berufen, in dem Land, in das Gott ihn geführt hatte, den Kanaanitern zu begegnen, sondern es war auch eine „Hungersnot im Land“ (V. 10). Hätte er etwa daraus schließen sollen, dass er nicht am rechten Platz war? Sicher nicht, denn dann hätte er danach geurteilt, was seine Augen sahen, und das tut der Glaube niemals. Es war ohne Zweifel eine schwere Probe für sein Herz, eine unbegreifliche Sache für seine Natur, aber für den Glauben war alles einfach und leicht. Als Paulus nach Macedonien berufen wurde, war das Gefängnis zu Philippi beinahe das Erste, was ihm begegnete. Ein Herz, das nicht in Gemeinschaft mit Gott ist, hätte in dieser Prüfung den Todesstoß für die ganze Sendung gesehen. Aber Paulus bezweifelte keinen Augenblick, dass er auf dem richtigen Weg war, und er war fähig, im Gefängnis „Loblieder zu singen“, in der vollen Gewissheit, dass alles so war, wie es sein musste. Und er hatte Recht, denn in dem Gefängnis zu Philippi befand sich ein Gegenstand der Erbarmungen Gottes, jemand, der menschlich gesprochen niemals das Evangelium hätte hören können, wenn der Prediger nicht gerade dort eingesperrt worden wäre, wo er sich befand. Gegen seinen Willen diente der Teufel als Werkzeug um das Evangelium einem Auserwählten Gottes nahe zu bringen (Apg 16,19–34).

Nun hätte Abraham in der Hungersnot ebenso denken sollen, wie Paulus im Gefängnis. Er befand sich an dem Ort, an den Gott ihn gestellt hatte, und er empfing keinen Befehl, diesen Ort zu verlassen. Freilich war die Hungersnot nicht zu leugnen. Außerdem war Ägypten nahe und bot ihm Befreiung von jedem Druck. Doch der Weg des Dieners Gottes war einfach: Besser in Kanaan darben, wenn es sein soll, als in Ägypten in Überfluss leben! Besser auf dem Pfad Gottes leiden, als auf dem Weg Satans in Gemächlichkeit leben, besser arm mit Christus, als reich ohne ihn. Abram bekam „Kleinvieh und Rinder und Esel und Knechte und Mägde und Eselinnen und Kamele“ (V. 16). Beweis genug würde ein natürliches Herz sagen, dass Abraham richtig handelte, als er nach Ägypten hinab zog. Aber in Ägypten hatte er keinen Altar, keine Gemeinschaft mit Gott. Das Land des Pharaos war nicht der Ort der Gegenwart des HERRN, und Abraham verlor durch seinen Zug nach Ägypten mehr als er gewann. Nichts kann den Verlust unserer Gemeinschaft mit Gott ersetzen. Die Befreiung von einem zeitweiligen Druck und das Erlangen von Reichtum sind ein armseliger Ersatz für das, was man verliert, wenn man auch nur um Haaresbreite von dem geraden Weg des Gehorsams abweicht. Wie viele unter uns werden das bestätigen können! Wie viele sind, weil sie den Prüfungen und Mühen ausweichen wollten, die mit dem Weg Gottes verbunden sind, in den Strom des gegenwärtigen bösen Zeitlauf geraten und haben sich dadurch Dürre und Armut, Druck und Finsternis für ihre Seelen eingetragen! Vielleicht haben sie „ihr Glück gemacht“, Reichtümer aufgehäuft und Ehre in der Welt erlangt vielleicht auch eine gute Behandlung von ihrem „Pharao“ erfahren und sich einen Namen und eine Stellung in der Welt erworben. Aber können alle diese Dinge die Freude in Gott, die Gemeinschaft, ein glückliches Herz, ein reines Gewissen, einen Geist des Dankens und der Anbetung, ein lebendiges Zeugnis und einen wirkungsvollen Dienst ersetzen? Wer möchte so etwas behaupten? Und dennoch sind nur zu oft alle diese unvergleichlichen Segnungen für ein wenig Wohlleben, für ein bisschen Einfluss und für ein wenig Geld verkauft worden.

Lasst uns wachsam sein gegen die Neigung, von dem schmalen, aber sicheren, dem oft rauen, aber stets glücklichen und gesegneten Weg des aufrichtigen Gehorsams abzuweichen! Lasst uns mit Sorgfalt und Eifersucht über den „Glauben und ein gutes Gewissen“ wachen (1. Tim 1,19), die durch nichts ersetzt werden können! Wenn eine Prüfung naht, so lasst uns auf Gott warten, anstatt nach Ägypten zu gehen! Dann wird die Prüfung nicht ein Anlass zu Straucheln, sondern eine Gelegenheit, unseren Gehorsam zu zeigen. Und wenn wir versucht werden, dem Strom dieser Welt zu folgen, so lasst uns unsere Blicke auf ihn richten, der „sich selbst für unsere Sünden gegeben hat, damit Er uns herausnehme aus der gegenwärtigen bösen Welt, nach dem Willen unseres Gottes und Vaters“ (Gal 1,4). Wenn Er solche Liebe zu uns hatte und solche Gedanken über den wahren Charakter der gegenwärtigen Welt, dass Er sich selbst dahingab, um uns von der Welt zu befreien, sollten wir ihn dann dadurch verleugnen, dass wir wieder zu dem zurückkehren, wovon sein Kreuz uns auf ewig befreit hat? Gott wolle es verhüten! Möge seine mächtige Hand uns bewahren bis wir Jesus sehen, wie Er ist. Dann werden wir ihm gleich sein und ewig bei ihm bleiben!

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