Betrachtung über Johannes (Synopsis)

Kapitel 18

Betrachtung über Johannes (Synopsis)

Die Geschichte der letzten Augenblicke unseres Herrn beginnt nach den Worten, die Er an Seinen Vater richtete. Wir werden selbst in diesem Teil den allgemeinen Charakter dessen, was in diesem Evangelium erzählt wird, wieder finden (in Übereinstimmung mit alledem, was wir bisher darin gefunden haben), nämlich dass die Ereignisse die persönliche Herrlichkeit des Heilandes hervortreten lassen. Die Bosheit des Menschen wird hier sehr scharf geschildert; jedoch ist der Hauptgegenstand des Gemäldes der Sohn Gottes, nicht der Sohn des Menschen, der unter dem Gewicht dessen leidet, was über Ihn gekommen ist. Wir finden weder Seine Todesangst im Garten, noch den Ausdruck des Gefühls Seines Verlassenseins von Gott. Die Gottlosigkeit des Judas wird hier mit ebenso scharfen Zügen gezeichnet wie in Kapitel Joh 13. Er kannte den Ort jenseits des Kidron sehr gut; denn Jesus pflegte Sich dahin zurückzuziehen, um Sich mit Seinen Jüngern zu unterhalten. Welch ein Gedanke, einen solchen Ort zur Ausführung seines Verrats zu wählen! Welch eine unbegreifliche Herzenshärtigkeit! Aber ach! Judas hatte sich dem Satan gleichsam überliefert; er war das Werkzeug des Feindes, die Offenbarung seiner Macht und seines wahren Charakters.

Wie vieles hatte sich in jenem Garten zugetragen! Welche Mitteilungen waren hier einem Herzen entströmt, das mit Gottes eigener Liebe erfüllt und stets bemüht war, diese in die engen und leider nur zu gefühllosen Herzen Seiner geliebten Jünger eindringen zu lassen! Aber für Judas war alles verloren. Er kommt mit den Werkzeugen, die die Bosheit der Hohenpriester und Pharisäer gebrauchte, um sich der Person Jesu zu bemächtigen. Aber Jesus kommt ihnen zuvor. Er ist es, der ihnen entgegen tritt. Indem Er alles weiß, was über Ihn kommen sollte, geht Er hinaus und fragt: „Wen suchet ihr?“ Es ist der Heiland, der Sohn Gottes, der Sich Selbst zum Opfer darbringt. Und als jene antworten: „Jesum, den Nazaräer“, spricht Er zu ihnen: „Ich bin's!“ Auch Judas war da, der Ihn wohl kannte und dessen Ohr mit dieser Stimme so lange vertraut gewesen war. Doch niemand legt die Hände an Ihn; sobald aber Sein Wort in den Herzen derer widerhallt, die Ihn zu greifen gekommen waren – sobald sie dieses göttliche „Ich bin!“ vernehmen, weichen sie zurück und fallen zu Boden. Wer will Ihn greifen? Er hätte Sich jetzt einfach entfernen und sie zurücklassen können. Doch dazu war Er nicht gekommen; und die Stunde, Sich Selbst aufzuopfern, war genaht. Er fragt sie daher noch einmal: „Wen suchet ihr?“ Sie antworten Ihm wie vorher: „Jesum, den Nazaräer.“ Bei dem ersten Male musste sich die göttliche Herrlichkeit der Person Christi notwendigerweise entfalten, wie jetzt Seine Sorge für Seine Erkauften. „Wenn ihr denn mich suchet, so lasst diese gehen“, sagt der Herr, damit das Wort erfüllt würde: „Von denen, die du mir gegeben hast, habe ich keinen verloren.“ Wir sehen Ihn hier als den guten Hirten, der Sein Leben für Seine Schafe lässt; Er stellt Sich gleichsam vor sie hin, damit sie der ihnen drohenden Gefahr entrinnen können und alles auf Ihn komme. Er überliefert Sich Selbst; wir sehen hier in allem Seine eigene freiwillige Aufopferung.

Nichtsdestoweniger handelt Jesus – was auch die durch Ihn geoffenbarte göttliche Herrlichkeit und die Gnade eines gegen die Seinigen treuen Heilandes sein mochte – im Gehorsam und in der vollkommenen Ruhe eines Gehorsams, der alle Kosten mit Gott überschlagen hatte und alles aus Seiner Hand empfing, während die fleischliche und unverständige Energie des Petrus Kraft anwandte, um Ihn zu verteidigen – Ihn, der, wenn Er es wollte, nur wegzugehen brauchte, nachdem ein Wort von Seinen Lippen alle, die Ihn zu greifen gekommen waren, zu Boden geworfen hatte; denn das Wort, das ihnen den Gegenstand ihres Suchens offenbarte, beraubte sie aller Gewalt, sich Seiner zu bemächtigen. Während Petrus den Knecht Malchus schlägt, nimmt Jesus den Platz des Gehorsams ein, indem Er sagt: „Den Kelch, den mir der Vater gegeben hat, soll ich den nicht trinken?“ Die göttliche Person Christi war geoffenbart worden; die freiwillige Hingabe Seiner Selbst hatte stattgefunden, und zwar zur Beschützung der Seinigen; und jetzt wird zugleich auch Sein vollkommener Gehorsam entfaltet.

So ist sowohl die Bosheit eines verhärteten Herzens als auch der Mangel an Einsicht bei einem fleischlichen, wenn auch aufrichtigen Herzen ans Licht getreten. Jesus hat Seinen Platz allein und abgesondert; Er ist der Heiland. Indem Er Sich also dem Menschen unterwirft, um die Ratschlüsse und den Willen Gottes zu erfüllen, gestattet Er Seinen Feinden, Ihn zu führen, wohin sie wollen. Johannes teilt hier nur weniges von dem mit, was sich in jener Nacht zutrug. Jesus sagt beinahe nichts über Sich Selbst, obwohl man Ihn befragt. Sowohl vor dem Hohenpriester als auch vor Pontius Pilatus sehen wir Ihn in der ruhigen, sanften Überlegenheit eines Menschen, der sich freiwillig dahingab; dennoch wird Er nur wegen des Zeugnisses verurteilt, das Er von Sich Selbst ablegte. Ein jeder hatte schon gehört, was Christus lehrte. Er verwirft – nicht offiziell, aber mit Ruhe und in moralischem Sinne – die Autorität, die das Verhör führt; und wenn Er mit Unrecht geschlagen wird, verweist Er dies mit Würde und vollkommener Ruhe dem, der es getan hat, obwohl Er Sich der Misshandlung unterwirft. Allein Er erkennt den Hohenpriester in keinerlei Weise an, während Er zugleich Sich ihm durchaus nicht widersetzt. Er überlässt ihn seiner moralischen Unfähigkeit. Die fleischliche Schwachheit des Petrus offenbart sich, wie vorher seine fleischliche Energie.

Wenn der Herr vor Pilatus gebracht wird, so handelt Er mit derselben Ruhe und mit derselben Unterwürfigkeit, wiewohl Er um der Wahrheit willen bekennt, dass Er ein König war. Indes befragt und belehrt Er den Pilatus in einer Weise, dass dieser keine Schuld an Ihm finden kann. Pilatus – moralisch unfähig, auf der Höhe dessen zu stehen, was sich vor ihm ereignete, und ganz verlegen in der Gegenwart seines göttlichen Gefangenen – wünschte Ihn zu befreien, indem er von einer Gewohnheit der damaligen Regierung, beim Passahfest den Juden einen Verbrecher loszugeben, Gebrauch machen wollte. Doch die unbehagliche Gleichgültigkeit eines Gewissens, das sich, so verhärtet es auch war, vor der Gegenwart Dessen beugte, der (ungeachtet Seiner eigenen Erniedrigung) es notwendigerweise erreichen musste, entging dadurch der geschäftigen Bosheit derer nicht, die das Werk des Feindes verrichteten. Mit lautem Geschrei erheben sich die Juden gegen den Vorschlag, zu dem die eigene Unruhe den Landpfleger veranlasst hatte, und wählen einen Räuber statt Jesu.

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