Betrachtung über Johannes (Synopsis)

Kapitel 15

Betrachtung über Johannes (Synopsis)

Der Anfang dieses Kapitels und das, was auf den Weinstock Bezug hat, knüpft sich an den irdischen Teil der Stellung Jesu, d. h. an das, was Er auf Erden gewesen ist, an Seine Beziehungen zu Seinen Jüngern, als auf Erden betrachtet, und überschreitet diese Stellung nicht. „Ich bin der wahre Weinstock.“ Jehova hatte einen Weinstock aus Ägypten heraufgeführt und ihn gepflanzt (Ps 80,8). Das ist Israel nach dem Fleische; aber es war nicht der wahre Weinstock. Der wahre Weinstock war Sein Sohn, den Er aus Ägypten heraufgeführt hatte (Mt 2,15) – Jesus. 1 So stellt Er Sich Seinen Jüngern dar. Es handelt sich hier nicht um das, was Er nach Seinem Weggange sein wird; als Weinstock war Er auf der Erde und nur auf der Erde. Wir reden nicht von einem Pflanzen von Weinstöcken im Himmel, noch von einem Beschneiden der Reben dort.

Die Jünger würden den Herrn als die vortrefflichste Rebe am Weinstock betrachtet haben; aber auf diese Weise wäre Er nur ein Glied Israels gewesen, während gerade Er das Gefäß, die Quelle der Segnungen nach den Verheißungen Gottes war. Israel ist also nicht der wahre Weinstock; nein, es ist im Gegenteil Christus im Gegensatz zu Israel, jedoch Christus, der, auf der Erde gepflanzt, als der wahre Weinstock den Platz einnimmt. Der Vater pflegt diese Pflanze, selbstredend auf der Erde. Im Himmel bedarf es keines Ackerbauers. Diejenigen, die mit Christo verbunden sind, wie der Überrest Israels, die Jünger, bedürfen dieser Pflege. Auf der Erde werden Früchte gesucht, weshalb der Herr zu ihnen sagt: „Ihr seid schon rein um des Wortes willen, das ich zu euch geredet habe ... ihr seid die Reben“ (V. 3. 5). Man kann vielleicht sagen, dass Judas weggenommen worden sei wie auch die Jünger, die nicht mehr mit Jesu wandeln. Die anderen Jünger aber wurden erprobt und gereinigt, damit sie mehr Frucht brächten.

Ich zweifle nicht daran, dass grundsätzlich dieses Verhältnis noch besteht: alle diejenigen, die ein Bekenntnis ablegen, die sich Christo anschließen, um Ihm nachzufolgen, werden, wenn Leben vorhanden ist, gereinigt; wenn nicht, so wird das, was sie haben, weggenommen werden. Beachten wir daher hier, dass der Herr nur von Seinem Worte, von dem Worte des wahren Propheten sowie von dem Gericht spricht, mag dieses nun in Zucht oder im Abschneiden sich offenbaren. Demzufolge redet Er nicht von der Macht Gottes, sondern von der Verantwortlichkeit des Menschen – einer Verantwortlichkeit, der der Mensch ohne Gnade sicherlich nicht entsprechen kann, die aber hier nichtsdestoweniger diesen Charakter persönlicher Verantwortlichkeit trägt.

Jesus war die Quelle aller Kraft der Jünger; in Ihm sollten sie bleiben, und dann (das ist die Ordnung) würde Er in ihnen bleiben. Wir haben dies im vorhergehenden Kapitel gesehen. Er spricht hier nicht von der unumschränkten Ausübung der Liebe in der Errettung, sondern von der Regierung des Vaters im Blick auf Seine Kinder, so dass die Segnung von dem Wandel abhängig ist (Joh 14,21–23). Der Ackerbauer sucht Frucht; allein die hier gegebene Unterweisung setzt eine vollständige Abhängigkeit von dem Weinstock voraus als dem Mittel, um Frucht hervorzubringen. Und der Herr zeigt den Jüngern, dass sie während ihres Wandels hienieden durch den Vater gereinigt oder, falls sie keine Frucht brächten, abgeschnitten werden würden; denn hier handelt es sich nicht um jene Beziehung zu Christo im Himmel durch den Heiligen Geist, die nicht aufgelöst werden kann, sondern um das Band, das schon damals hienieden gebildet war, und das lebendig und ewig sein konnte oder auch nicht. Die Frucht sollte der Beweis sein. In dem alten Weinstock war dieses Fruchttragen nicht notwendig. Die Israeliten waren Juden von Geburt; sie waren beschnitten, sie hielten die Satzungen und blieben als gute Reben am Weinstock, ohne irgendwie Frucht zu tragen; sie wurden nur wegen einer absichtlichen Übertretung des Gesetzes von Israel abgeschnitten. Hier aber handelt es sich nicht um ein Verhältnis zu Jehova, das sich auf die Abstammung von einer gewissen Familie gründete. Was gesucht wird, ist die Verherrlichung des Vaters durch vieles Fruchttragen. Dadurch werden sie beweisen, dass sie Jünger Dessen sind, der so viel Frucht getragen hat. Christus war also der wahre Weinstock, der Vater der Ackerbauer, und die Elfe waren die Reben. In Ihm sollten sie bleiben. Dies wird dadurch verwirklicht, dass man zuerst auf Ihn blickt und nicht daran denkt, irgendwelche Frucht hervorbringen zu wollen außer in Ihm. Christus geht der Frucht voraus. Das Bleiben in Ihm besteht in der Abhängigkeit, in der praktischen und beständigen Nähe des Herzens bei Jesu und in dem Vertrauen auf Ihn, indem man mit Ihm verbunden ist durch das Bewusstsein der Abhängigkeit von Ihm. Auf diese Weise wollte Christus in Seinen Jüngern eine beständige Quelle der Kraft und der Frucht sein. Er wollte in ihnen sein. Außer Ihm konnten sie nichts tun; nur wenn sie durch das Bleiben in Ihm die Kraft Seiner Gegenwart besaßen, brachten sie viel Frucht. Wenn hingegen „jemand“ (der Herr sagt nicht: „wenn sie“; Er kannte sie als wahre Reben und als solche, die rein waren) nicht in Ihm blieb, so sollte er hinausgeworfen und verbrannt werden. Ferner, wenn sie in Ihm blieben (wenn die beständige Abhängigkeit vorhanden war, die aus der Quelle schöpft) und wenn die Worte Christi in ihnen blieben, um ihre Herzen und Gedanken zu leiten, so würden sie über die Hilfsmittel der göttlichen Macht verfügen können. Sie würden bitten, um was sie wollten, und es sollte ihnen geschehen. Doch weiterhin hatte der Vater den Sohn, während Er auf der Erde war, in göttlicher Weise geliebt; und Jesus tat dasselbe betreffs Seiner Jünger. In dieser Seiner Liebe sollten sie bleiben. In den vorhergehenden Versen hieß es: „in ihm“; hier heißt es: „in seiner Liebe“. Indem Er die Gebote Seines Vaters hielt, war Er in Dessen Liebe geblieben; indem die Jünger die Gebote Jesu hielten, blieben sie in Seiner Liebe. Abhängigkeit (die Vertrauen in sich schließt) und Gehorsam sind die beiden Hauptgrundsätze des praktischen Lebens hienieden. Also wandelte Jesus als Mensch; Er kannte aus Erfahrung den richtigen Pfad für Seine Jünger. Die Gebote Seines Vaters waren der Ausdruck dessen, was der Vater war; durch das Halten derselben wurde die Gemeinschaft Seiner Liebe, die Gemeinschaft mit Ihm Selbst unterhalten. Die Gebote Jesu während Seines Hierseins waren der Ausdruck dessen, was Er war, als göttlich vollkommen auf dem Pfade des Menschen. Dadurch, dass Seine Jünger in Seinen Geboten wandelten, blieben sie in der Gemeinschaft Seiner Liebe. Der Herr redete dieses zu Seinen Jüngern, damit Seine Freude 2 in ihnen bleiben und ihre Freude völlig werden möchte.

Wir sehen, dass hier nicht die Rede ist von dem Heil eines Sünders, sondern vielmehr von dem Pfade eines Jüngers, damit er die Liebe Christi völlig genieße und sein Herz unumwölkt dort sei, wo die Freude sich findet. Auch wird die Frage, ob ein wahrhaft Gläubiger von Gott getrennt werden könne, hier nicht behandelt, weil der Herr aus dem Gehorsam das Mittel macht, um in Seiner Liebe zu bleiben. Sicherlich konnte Er die Gunst Seines Vaters nicht verlieren, noch aufhören, der Gegenstand Seiner Liebe zu sein. Darüber konnte kein Zweifel bestehen; dennoch sagt Jesus: „Ich habe die Gebote meines Vaters gehalten und bleibe in seiner Liebe“ (V. 10). Das war der göttliche Pfad, auf dem Er diese Liebe genoss. Es handelt sich also um den Wandel und um die Kraft eines Jüngers, und nicht um das Mittel der Errettung.

Mit dem 12. Verse beginnt ein anderer Teil dieses Gegenstandes. Der Herr will – dies ist Sein Gebot –, dass sich Seine Jünger untereinander lieben möchten, wie Er sie geliebt hatte. Vorher hatte Er von der Liebe des Vaters zu Ihm geredet – von einer Liebe, die aus dem Himmel in Sein Herz hienieden 3 strömte. Er hatte Seine Jünger in derselben Weise geliebt; aber Er war auch ein Gefährte, ein Diener in dieser Liebe gewesen. Also sollten sich die Jünger untereinander lieben mit einer Liebe, die sich über die Schwachheiten der anderen erhob, und die, da sie zugleich brüderlich war, den, der sie fühlte, zum Diener seines Bruders machte. Diese Liebe ging so weit, dass sie selbst fähig war, das Leben für die Freunde zu lassen. Was Jesum betrifft, so waren alle, die Ihm gehorchten, Seine Freunde. Jesus sagt nicht, was wohl zu beachten ist, dass Er ihr Freund sein würde. Er war unser Freund, als Er Sein Leben für Sünder dahingab; wir sind Seine Freunde, wenn wir Sein Vertrauen genießen, wie Er dieses in den Worten ausdrückt: „Weil ich alles, was ich von meinem Vater gehört, euch kundgetan habe“ (V. 15). Man redet, wenn ein Anlass dazu vorliegt, von seinen Angelegenheiten mit denen, die sich dafür interessieren; meinem Freunde aber teile ich alle meine Gedanken mit. „Sollte ich vor Abraham verbergen, was ich tun will?“ fragt Jehova; und Abraham wurde der „Freund Gottes“ genannt. Gott aber teilte bei jener Gelegenheit dem Abraham nicht Dinge mit, die ihn persönlich angingen (dies hatte Er bereits als Gott getan), sondern etwas, was die Welt, was Sodom betraf. So handelt Gott hinsichtlich der Versammlung, in praktischer Weise hinsichtlich des gehorsamen Jüngers; einem solchen teilt Er Seine Gedanken mit. Überdies hatte der Herr Seine Jünger zu diesem Zweck auserwählt; nicht sie waren es, die Ihn durch die Tätigkeit ihres eigenen Willens erwählt hatten. Er hatte sie auserwählt und sie gesetzt, damit sie hingingen und Frucht brächten, und dass ihre Frucht bliebe, so dass sie, in dieser Weise von Christo für das Werk auserwählt, von dem Vater alles das empfangen sollten, um was sie bitten würden; denn der Vater würde nicht versäumen, es zu tun (V. 16). Der Herr kommt hier auf die Quelle und die Gewissheit der Gnade zu reden, damit die praktische Verantwortlichkeit, unter die Er sie stellt, die göttliche Gnade nicht verdunkeln möchte, die betreffs ihrer wirksam war und sie unter jene Verantwortlichkeit gebracht hatte.

Sie sollten also einander lieben4, dass die Welt sie hassen würde, war nur eine natürliche Folge ihres Hasses gegen Christum und besiegelte die Verbindung der Jünger mit Ihm. Die Welt liebt das, was von der Welt ist; das ist ganz natürlich. Die Jünger waren nicht von der Welt; und überdies hatte der Jesus, den diese Welt verworfen hat, sie auserwählt und von der Welt abgesondert; deswegen hasste sie die Welt, weil sie also in Gnade auserwählt waren (V. 19). Außerdem aber gab es eine moralische Ursache für diesen Hass; sie lag darin, dass sie nicht von der Welt waren; dies zeigte aber zugleich ihr Verhältnis zu Christo sowie Seine unumschränkten Rechte, kraft derer Er sie aus einer rebellischen Welt für Sich herausgenommen hatte. Sie sollten mit ihrem Meister dasselbe Los teilen, und zwar um Seines Namens willen, weil die Welt (und hier redet der Herr insbesondere von den Juden, unter denen Er gewirkt hatte) den Vater nicht kannte, der Ihn in Seiner Liebe gesandt hatte. Sich Jehovas als ihres Gottes zu rühmen, das gefiel diesem armen Volke sehr wohl. Auf diesem Boden würden sie den Messias aufgenommen haben. Aber den Vater zu kennen, so wie der Sohn Ihn nach Seinem wahren Charakter geoffenbart hatte, war eine ganz andere Sache. Nichtsdestoweniger hatte der Sohn Ihn geoffenbart, und sowohl durch Seine Worte als auch durch Seine Werke den Vater und Seine Vollkommenheiten kundgemacht.

Wenn Christus nicht gekommen wäre und zu ihnen geredet hätte, so würde ihnen Gott keine Sünde vorgeworfen haben. Sie hätten sich in ihrem unreinen Zustande noch weiter fortschleppen können, ohne den Beweis zu liefern, dass sie Gott nicht haben, dass sie sich selbst durch Barmherzigkeit nicht zur Umkehr bewegen lassen wollten. Die Frucht einer gefallenen Natur war ohne Zweifel vorhanden, nicht aber der Beweis, dass diese Natur die Sünde Gott vorziehen würde, falls Gott in Barmherzigkeit gegenwärtig war, ohne ihnen die Sünde zuzurechnen; denn in dieser Weise war Gott ihnen begegnet. Die Gnade beschäftigte sich mit ihnen, indem sie ihnen keine Sünde zurechnete. Die Barmherzigkeit hatte sie als Gefallene behandelt, nicht aber als halsstarrige Geschöpfe. Gott stellte sich nicht auf den Boden des Gesetzes, das die Sünde zurechnet, noch auf den des Gerichts, sondern auf den Boden der Gnade in der Offenbarung des Vaters durch den Sohn. Ihre Verwerfung der Worte und Werke des Sohnes, der den Vater in Gnade offenbarte, ließ sie ohne Hoffnung (vgl. Kap 16,9). Wäre Jesus nicht gekommen und hätte Er nicht zu ihnen geredet, so würde ihr wirklicher Zustand nicht völlig auf die Probe gestellt worden sein. Gott hätte noch ein anderes Mittel anwenden können; und Er liebte Israel zu sehr, um es zu verurteilen, so lange noch ein Mittel unversucht geblieben war. Hätte der Herr nicht unter ihnen die Werke getan, die kein anderer getan hatte, so hätten sie bleiben können wie sie waren; sie hätten sich weigern können, an Ihn zu glauben, ohne vor den Augen Gottes strafbar gewesen zu sein. Sie wären nach wie vor der Gegenstand der Langmut Jehovas geblieben. Allein sie hatten tatsächlich den Sohn und den Vater gesehen und gehasst (V. 22–24). Der Vater war völlig in dem Sohne, in Jesu, geoffenbart worden; und wenn sie Ihn verwarfen, nachdem diese Offenbarung Gottes völlig und in Gnade stattgefunden hatte, was anders blieb dann übrig, als sie in der Sünde, fern von Gott, zu lassen? Wäre der Vater nur teilweise geoffenbart worden, so würden sie noch eine Entschuldigung gehabt haben; sie hätten sagen können: „Ja, wenn Er Gnade gezeigt, wenn wir Ihn gekannt hätten, wie Er ist, so würden wir Ihn nicht verworfen haben.“ Jetzt aber konnten sie dies nicht mehr sagen; in Jesu hatten sie den Vater und den Sohn gesehen. Ach! und sie hatten beide gesehen und gehasst 5.

Indes war dies nur die Erfüllung dessen, was in ihrem Gesetz vorhergesagt worden war. Sowohl hinsichtlich des Zeugnisses, das das Volk für Gott hätte ablegen sollen, als auch bezüglich eines von ihm aufgenommenen Messias war alles zu Ende. „Sie hatten Ihn ohne Ursache gehasst.“

Der Herr beginnt nunmehr (V. 26 u. f.) von dem Heiligen Geiste zu reden, der da kommen sollte, um Seine Herrlichkeit, die das Volk mit Füßen getreten hatte, aufrecht zu erhalten. Die Juden hatten den in dem Sohne geoffenbarten Vater nicht erkannt. Jetzt sollte der Heilige Geist von dem Vater ausgehen, um von dem Sohne zu zeugen; der Sohn wollte Ihn von dem Vater senden. In Kapitel 14 sendet der Vater Ihn im Namen Jesu für das persönliche Verhältnis der Jünger mit Jesu. Hier sendet Ihn der aufgefahrene Jesus als den Zeugen Seiner erhabenen Herrlichkeit, Seiner himmlischen Stellung. Das war das neue Zeugnis; und es sollte von Jesu, dem gen Himmel gefahrenen Sohne Gottes, abgelegt werden. Die Jünger sollten ebenfalls von Ihm zeugen, weil sie von Anfang an bei Ihm gewesen waren. Unter dem Beistande des Heiligen Geistes sollten sie, als Augenzeugen Seines Lebens auf Erden, von der Offenbarung des Vaters in Ihm Zeugnis ablegen. Der von Ihm gesandte Heilige Geist war der Zeuge Seiner Herrlichkeit bei dem Vater, von woher Jesus Selbst gekommen war.

So erblicken wir denn in Christo den wahren Weinstock, und in den Jüngern die Reben, die schon rein waren, während Jesus noch hienieden weilte. Nach Seinem Weggange sollten sie diese praktische Verbindung unterhalten; sie sollten mit Ihm in Verbindung sein, wie Er es hienieden mit dem Vater gewesen war, und sollten untereinander so stehen, wie Er zu ihnen gestanden hatte. Ihre Stellung war außerhalb der Welt. Da nun die Juden den Vater und den Sohn gehasst hatten, so sollte der Heilige Geist von dem Sohne zeugen, als bei und in dem Vater seiend, während die Jünger dasselbe in Bezug auf das tun sollten, was Er auf Erden gewesen war.

Der Heilige Geist und, in gewissem Sinne, die Jünger nehmen den Platz Jesu und des alten Weinstockes auf der Erde ein. In dem Folgenden wird dann die Gegenwart sowie das Zeugnis des Heiligen Geistes auf der Erde entwickelt. Wir tun wohl, den Zusammenhang der vorliegenden Gegenstände zu beachten. In Joh 14  haben wir die Person, die den Vater offenbart, und den Heiligen Geist, der die Erkenntnis gibt, dass der Sohn in dem Vater ist und die Jünger in Ihm droben sind. Das war der persönliche Zustand Christi und der Jünger und steht völlig miteinander in Verbindung; nur haben wir zuerst den Vater, dann den Sohn hienieden, und endlich den Heiligen Geist, durch den Vater gesandt. In den Kapiteln 15 und 16 finden wir die verschiedenen Haushaltungen – Christum, den wahren Weinstock auf der Erde, und dann den auf die Erde gekommenen Sachwalter, der durch den erhöhten Christus hernieder gesandt ist. Im 14. Kapitel bittet Jesus den Vater, der den Geist im Namen Christi sendet; im 15. Kapitel sendet der erhöhte Christus den Geist von dem Vater als einen Zeugen Seiner Erhöhung, gleichwie die Jünger, geleitet durch den Geist, Zeugen Seines Lebens der Erniedrigung, aber als Sohn auf Erden, waren.

Es gibt indes in den Kapiteln, die wir betrachten, nicht nur einen Zusammenhang, sondern auch eine Entwicklung. In Kapitel 14 redet der Herr, obwohl Er die Erde verlässt, in Verbindung mit dem, was Er auf der Erde war. Es ist der Vater (nicht Christus Selbst), der den Heiligen Geist auf Seine Bitte sendet. Er geht als Mittler für die Jünger von der Erde zum Himmel. Er wollte den Vater bitten, und der Vater würde ihnen einen anderen Sachwalter geben, der bei ihnen bleiben und sie nicht verlassen sollte, wie Er es zu tun im Begriff stand. Von diesem Sachwalter würde ihr Verhältnis zu dem Vater abhängen. Ihnen, den an Jesum Glaubenden, und nicht der Welt, noch den Juden als solchen, würde der Heilige Geist gesandt werden. Es sollte im Namen Jesu geschehen. Zudem würde der Heilige Geist selbst sie lehren und sie an die Gebote Jesu erinnern, an alles, was Er ihnen gesagt hatte; denn Kapitel 14 teilt die ganze Stellung mit, die aus der Offenbarung 6 des Sohnes und aus derjenigen des Vaters in Ihm sowie aus dem Weggange des Herrn im Blick auf die Jünger entsprang.

Wir kommen jetzt zu Kapitel 15. Der Herr hat den Gegenstand der Gebote in Verbindung mit dem Leben, das in Ihm hienieden geoffenbart war, erschöpft; und am Ende des Kapitels betrachtet Er Sich als aufgefahren zur Höhe und fügt hinzu: „Wenn aber der Sachwalter gekommen ist, den ich euch von dem Vater senden werde ...“ (Kap. 15,26). Er kommt in der Tat von dem Vater; denn unser Verhältnis zu Ihm ist und soll ein nahes, unmittelbares sein. Christus hat uns an diesen Platz gebracht. Doch in diesem Verse ist es nicht der Vater, der auf die Bitte Jesu und in Seinem Namen den Heiligen Geist sendet. Christus hat in der Herrlichkeit Seiner Person und gemäß den glorreichen Früchten Seines Werkes Seinen Platz eingenommen, und Er sendet den Sachwalter. Demzufolge legt dieser Zeugnis ab von dem, was Christus im Himmel ist. Ohne Zweifel gibt Er uns ein Verständnis darüber, was Jesus hienieden war, wo Er in unendlicher Gnade den Vater offenbarte, und zwar ein viel besseres Verständnis, als diejenigen es hatten, die während Seines Aufenthaltes auf der Erde bei Ihm waren. Allein dies ist in Kapitel 14 enthalten. Dessen ungeachtet ist der Heilige Geist durch Christum vom Himmel gesandt worden, und Er offenbart uns den Sohn, den wir jetzt als denjenigen kennen, der vollkommen und göttlich (wiewohl als Mensch und inmitten sündiger Menschen) den Vater geoffenbart hat. Ja, wir kennen den Sohn, ich wiederhole es, als Den, der bei und in dem Vater ist. Von dort aus hat Er uns den Heiligen Geist gesandt.

Fußnoten

  • 1 Wir sehen in Jes 49, wie Christus an die Stelle Israels tritt. Er beginnt Israel gleichsam aufs Neue in Segnung, wie dies auch im Blick auf den Menschen der Fall war.
  • 2 Einige haben gedacht, dass die hier in Rede stehende Freude die Freude Christi über den Wandel eines gehorsamen Jüngers sei; ich wage nicht dies zu sagen.
  • 3 Jesus sagt nicht: „Der Vater liebt mich“, sondern: „hat mich geliebt“, d. h. Er redet nicht einfach von der ewigen Liebe des Vaters zum Sohne, sondern von der Liebe, die sich gegen Ihn, den Sohn, entfaltet, während Er als Mensch hier auf der Erde war.
  • 4 Indem Jesus die Jünger auserwählte und absonderte, um zusammen mit Ihm dieses Verhältnis außerhalb der Welt zu genießen, hatte Er sie in eine Stellung gebracht, von der die gegenseitige Liebe die natürliche Folge war; und in der Tat gehen das Bewusstsein dieser Stellung und die Liebe Hand in Hand.
  • 5 Beachten wir, dass es sich hier wieder um Sein Wort und Seine Werke handelt.
  • 6 Beachten wir hier hinsichtlich des Lebens die praktische Entwicklung dieses überaus interessanten Gegenstandes in 1.Joh 1-2. Das ewige Leben, das bei dem Vater war, ist geoffenbart worden; denn in Ihm, in dem Sohne, war das Leben; Er war auch das Wort des Lebens, und Gott war Licht (vgl. 1.Joh 1). Die Gläubigen sollten (1.Joh 2,3-5) Seine Gebote halten; es war ein altes Gebot, das sie von Anfang hatten, d. h. von Jesu hienieden, von Ihm, den ihre Hände betastet hatten. Jetzt aber war dieses Gebot in Ihm und in ihnen wahr, d. h. dieses Leben der Liebe (von der, ebenso wie von der Gerechtigkeit, jene Gebote der Ausdruck waren) wurde in ihnen hervorgebracht kraft ihrer Vereinigung mit Ihm durch den Heiligen Geist (siehe Joh 14,20). Sie blieben auch in Jesu (1.Joh 2,6). In unserem Evangelium, Kap. 1, finden wir den Sohn im Schoße des Vaters, und Er ist es, der den Vater kundmacht. Er offenbart Ihn, wie Er Ihn also gekannt hat - gemäß dem, was dieser Vater für Ihn war. Und Er hat diese Liebe (deren Gegenstand Er war) in den Schoß der Menschheit hernieder gebracht und sie in das Herz Seiner Jünger gelegt (vgl. Joh 17,26); und dies kennen wir nun dadurch in Vollkommenheit, dass Gott in uns wohnt und Seine Liebe in uns vollendet ist, indem wir in der brüderlichen Liebe bleiben (1.Joh 4,12; vgl. Joh 1,18). Das öffentliche Zeugnis, dass wir also geliebt worden sind, wird darin bestehen, dass wir in derselben Herrlichkeit mit Christo erscheinen werden (Joh 17,22+23). Christus offenbart diese Liebe durch Sein Kommen vom Vater; Seine Gebote lehren sie uns; das Leben, das wir in Ihm haben, bringt sie hervor. Seine Vorschriften geben diesem Leben seine Gestalt und leiten es durch die Wege des Fleisches und durch die Versuchungen hindurch, in deren Mitte Er ohne Sünde durch dieses Leben lebte. Der Heilige Geist ist die Kraft dieses Lebens, da Er das mächtige und lebendige Band ist, das uns mit Ihm, dem Haupte des Leibes, verbindet. Aus Seiner Fülle empfangen wir Gnade um Gnade. Aus diesem Grunde sollten wir wandeln, wie Er gewandelt hat (nicht sein, was Er war); denn wir sollten nicht im Fleische wandeln. wiewohl es in uns ist, in Ihm aber nicht war.
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