Betrachtung über Johannes (Synopsis)

Kapitel 1

Betrachtung über Johannes (Synopsis)

Das erste Kapitel stellt fest, was Er vor allen Dingen war, und bezeichnet die verschiedenen Charaktere, in denen Er, als Fleisch geworden, eine Segnung für den Menschen ist. Er ist; und Er ist der Ausdruck des ganzen Wesens Gottes, der logos; (das Wort). Im Anfang war Er. Wenn wir unsere Gedanken, so weit der Geist des Menschen es vermag, zurückwandern lassen, so finden wir, wie weit wir auch über alles das, was einen Anfang gehabt hat, hinausgehen mögen, dass Er ist. Das ist die Vollkommenste Vorstellung, die wir uns, wenn ich einen solchen Ausdruck gebrauchen darf, geschichtlich von dem Dasein Gottes oder von der Ewigkeit machen können.

„Im Anfang war das Wort“. War nichts außer Ihm? Unmöglich! Wovon wäre Er das Wort gewesen? „Das Wort war bei Gott“, d. h. ein persönliches Dasein wird Ihm zugeschrieben. Damit man aber nicht denke, dass Er etwas in Gott sei, was die Ewigkeit in sich schließe, was aber der Heilige Geist jetzt zu offenbaren Sich anschicke, heißt es weiter: „Er war Gott“. Weil Er nun in Seinem Dasein ewig, in Seiner Natur göttlich, in Seiner Person unterschieden ist, so hätte man von Ihm reden können als von einem Ausfluss in der Zeit, als ob Seine Persönlichkeit der Zeit angehöre, wiewohl Er ewig sei in Seiner Natur; deshalb fügt der Heilige Geist hinzu: „Er war im Anfang bei Gott“. Es ist die Offenbarung des ewigen Wortes vor aller Schöpfung. Das Evangelium Johannes beginnt also wirklich vor dem ersten Buch Mose. Das Buch Mose teilt uns die Geschichte der Welt in der Zeit mit – Johannes diejenige des Wortes, das in der Ewigkeit bestand, ehe die Welt war, und das, wenn der Mensch von einem Anfang reden kann, bereits war, und folglich nicht zu existieren begonnen hat. Die Sprache des Evangeliums ist so klar wie möglich; und gleich dem Schwerte des Paradieses wendet es sich nach allen Seiten hin gegen die Gedanken und Vernunftschlüsse des Menschen, um die Gottheit und Persönlichkeit des Sohnes Gottes zu wahren.

Durch Ihn ist auch alles erschaffen worden. Da sind Dinge die einen Anfang hatten; und sie alle hatten ihren Ursprung aus Ihm: „Alles ward durch dasselbe (oder 'Ihn'), und ohne dasselbe (oder 'Ihn') ward auch nicht eines, das geworden ist.“ Welch eine deutliche, bestimmte und absolute Unterscheidung zwischen allem Gewordenen und Jesu! Wenn irgendetwas geworden ist, so ist es nicht das Wort; denn alles, was geworden, ist durch dieses Wort geworden. Aber außer dieser unumschränkten Handlung der Erschaffung aller Dinge – einer Handlung, die das Wort kennzeichnet – gibt es noch etwas anderes, nämlich das, was in Ihm war. Die ganze Schöpfung ist durch Ihn geworden; aber sie existiert nicht in Ihm, sondern „in Ihm war Leben“. Hierdurch stand Er in Verbindung mit einem besonderen Teil der Schöpfung – einem Teil, der der Gegenstand der Gedanken und der Absichten Gottes war. Dieses Leben war das Licht der Menschen und offenbarte sich als ein Zeugnis von der göttlichen Natur in unmittelbarer Verbindung mit ihnen, wie es dieses anderen gegenüber durchaus nicht tat 1. Nun aber schien dieses Licht tatsächlich inmitten dessen, was ihm in seiner eigenen Natur 2 entgegen und über jede menschliche Vorstellung, hinaus böse war; denn wo Licht erscheint, da ist keine Finsternis mehr. Allein hier kam das Licht, und die Finsternis hatte keine Empfindung davon; die Finsternis blieb, da sie das Licht weder begriff noch aufnahm. Das sind die Beziehungen des Wortes zu der Schöpfung und zu dem Menschen, wenn dieses in abstrakter Weise in seiner Natur betrachtet wird. Der Heilige Geist verfolgt diesen Gegenstand, indem er uns in geschichtlicher Weise Einzelheiten über die letzte Beziehung mitteilt.

Man wird hier bemerken (und dieser Punkt ist von Wichtigkeit), wie der Geist von der göttlichen und ewigen Natur des Wortes, das vor allen Dingen war, übergeht zu der Offenbarung des in dieser Welt in der Person Jesu fleischgewordenen Wortes. Alle die Wege Gottes, die verschiedenen Haushaltungen und Seine Regierung über die Welt werden mit Stillschweigen übergangen. Wenn wir Jesum auf Erden betrachten, so befinden wir uns in unmittelbarer Verbindung mit Ihm als Demjenigen, der existierte, ehe die Welt war. Nur wird Er durch Johannes den Täufer eingeführt; und das, was sich in der Welt befindet, wird als geschaffen anerkannt. Johannes ist gekommen, um von dem Lichte zu zeugen (V. 7). Das war das wahrhaftige Licht, welches, in die Welt kommend, nicht bloß für die Juden, sondern für jeden Menschen leuchtete. Er ist in die Welt gekommen; und die Welt, in Finsternis und Blindheit liegend, hat Ihn nicht erkannt. Er kam in das Seinige, und die Seinigen (die Juden) nahmen Ihn nicht auf. Doch es gab einige, die Ihn aufnahmen; und von diesen wird zweierlei gesagt: Sie haben das Recht empfangen, Kinder Gottes zu werden, d. h. als solche ihren Platz einzunehmen, und sie sind zweitens tatsächlich aus Gott geboren; weder die Abstammung nach dem Fleische noch der Wille des Menschen kamen hierbei in Betracht. So haben wir also zunächst das Wort in Seiner Natur auf abstrakte Weise an sich gesehen (V. 1–3); dann als Leben, als die Offenbarung des göttlichen Lichtes im Menschen mit den Folgen dieser Offenbarung (V. 4. 5), und endlich, wie Er da empfangen wurde, wo diese Offenbarung stattfand (V. 10–13). Damit endet dieser allgemeine Teil hinsichtlich der Natur des Wortes. Der Geist setzt dann die Geschichte dessen fort, was der Herr ist, geoffenbart als Mensch auf der Erde, so dass wir hier (V. 14) sozusagen von neuem mit Jesu auf der Erde beginnen.

Das Wort ward Fleisch und wohnte unter uns in der Fülle der Gnade und Wahrheit (V. 14). Das ist die große Tatsache, die Quelle aller Segnung für uns 3, der volle Ausdruck dessen, was Gott ist, angepasst (indem Er die menschliche Natur annimmt) alledem, was im Menschen ist, um jedem menschlichen Bedürfnis zu entsprechen sowie der ganzen Fähigkeit der neuen Natur im Menschen, damit er den Ausdruck von alledem, was in Gott für ihn ist, genießen könne. Es ist mehr als Licht, das rein ist und alles aufdeckt; es ist der Ausdruck dessen, was Gott ist. Und, beachten wir wohl, Gott konnte nicht für die Engel sein, was Er für den Menschen ist: Gnade, Geduld, Erbarmen, Liebe, und zwar geoffenbart gegen Sünder. Und alles dieses ist Er ebenso wohl wie die Segnung Gottes für den neuen Menschen. Die Herrlichkeit, in der Christus, also geoffenbart, gesehen wurde (von denen, die Augen hatten zu sehen), war diejenige eines Eingeborenen bei Seinem Vater.

Das sind die beiden Teile dieser großen Wahrheit: das Wort, das bei Gott und das Gott war, wurde Fleisch; und Der, welcher auf der Erde gesehen wurde, besaß die Herrlichkeit eines eingeborenen Sohnes bei dem Vater.

Zwei Dinge sind das Resultat davon: Gnade (und welche Gnade könnte größer sein, da es ja die Liebe selbst ist, die sich offenbart, und zwar gegen Sünder!) und Wahrheit sind nicht angekündigt, sondern geworden in Christo Jesu. Das wahre Verhältnis aller Dinge zu Gott sowie ihre Entfernung von diesem Verhältnis wird geoffenbart. Das ist die Grundlage der Wahrheit. Alles nimmt in jeder Beziehung seinen wahren Platz, seinen wahren Charakter an, und der Mittelpunkt von allem ist Gott. Was Gott, was der vollkommene Mensch, was der sündige Mensch, was die Welt, was ihr Fürst ist – alles das stellt die Gegenwart Christi ans Licht. Gnade und Wahrheit sind also geworden. Die zweite Sache ist, dass der eingeborene Sohn im Schoße des Vaters Gott offenbart, und zwar so, wie Er von Ihm Selbst in dieser Stellung gekannt ist. So haben wir hier zunächst die Fülle, mit der wir in Gemeinschaft sind und aus der wir „alle empfangen haben“, und dann das Verhältnis.

Indes enthalten diese Verse noch andere wichtige Unterweisungen. Die Person Jesu, das fleischgewordene Wort, das unter uns wohnte, war voller Gnade und Wahrheit. Aus dieser Fülle haben wir alle empfangen – nicht Wahrheit um Wahrheit (die Wahrheit ist einfach und stellt alles moralisch und seiner Natur nach genau an seinen Platz), sondern das, was wir bedurften: Gnade um Gnade, die überströmende Gunst Gottes, göttliche Segnungen (die Frucht Seiner Liebe), gleichsam eine auf die andere gehäuft. Die Wahrheit leuchtet, und alles wird völlig geoffenbart; die Gnade wird gegeben.

Dann werden wir belehrt über die Verbindung dieser Offenbarung der Gnade Gottes in dem fleischgewordenen Worte (in dem auch die vollkommene Wahrheit sich entfaltet) mit anderen Zeugnissen Gottes. Johannes hat Zeugnis von Ihm abgelegt; der Dienst Moses hatte einen ganz anderen Charakter. Johannes ist dem Herrn in seinem Dienst auf der Erde vorangegangen, aber Jesus musste den Vorrang haben; denn in welcher Niedrigkeit Er Sich auch offenbaren mochte, so war Er doch, als „Gott über alles, gepriesen in Ewigkeit“, vor Johannes, wiewohl Er erst nach ihm kam. Moses gab das Gesetz; es war vollkommen an seinem Platz, indem es von Seiten Gottes das von dem Menschen forderte, was er hätte sein sollen. Gott war verborgen, und Er sandte ein Gesetz, um zu zeigen, was der Mensch sein sollte; jetzt aber hat Er Sich durch Christum geoffenbart, und die Wahrheit (hinsichtlich aller Dinge) und die Gnade sind geworden. Das Gesetz war weder die in jeder Hinsicht völlige und gänzliche Wahrheit 4, wie sie in Jesu ist, noch war es die Gnade; ebenso wenig war es der „Abdruck des Wesens Gottes“, sondern vielmehr eine vollkommene Richtschnur für den Menschen. Gnade und Wahrheit sind durch Jesum Christum, nicht aber durch Moses geworden.

Wir haben also bis jetzt den Charakter und die Stellung des fleischgewordenen Wortes betrachtet: das, was Jesus hienieden war, das fleischgewordene Wort; ferner Seine Herrlichkeit, wie sie durch den Glauben geschaut wurde, als die eines Eingeborenen bei Seinem Vater. Er war voller Gnade und Wahrheit. Er offenbarte Gott, so wie Er Ihn kannte als der eingeborene Sohn im Schoße des Vaters. Es war nicht nur der Charakter Seiner Herrlichkeit hienieden (vgl. V. 14 mit V. 18), sondern das, was Er war (was Er gewesen war und was Er stets ist) in dem Schoße des Vaters in der Gottheit: und also hat Er Ihn kundgemacht. Er war vor Johannes dem Täufer, obwohl Er nach Ihm kam, und Er brachte in Seiner eigenen Person das, was Seiner Natur nach ganz und gar verschieden war von dem Gesetz, das durch Moses gegeben wurde.

Wir haben hier also den Herrn, wie Er auf Erden geoffenbart worden ist. Dann folgen Seine Beziehungen zu den Menschen, die Stellungen, die Er einnahm, die Charaktere, mit denen Er Sich, den Absichten Gottes gemäß, bekleidete, und das Zeugnis Seines Wortes unter den Menschen. Zuerst macht Johannes der Täufer Ihm Platz; und man wird finden, dass er in jedem der Abschnitte 5, in die dieses Kapitel eingeteilt ist, Zeugnis von Ihm ablegt: von Vers 6 an bezüglich der abstrakten Offenbarung der Natur des Wortes; von V. 15 an bezüglich Seiner Offenbarung im Fleische; von V. 19 an hinsichtlich der Herrlichkeit Seiner Person, wiewohl Er erst nach Johannes kam; von V. 29 an im Blick auf Sein Werk und dessen Resultate; und endlich von V. 36 an haben wir das Zeugnis für die damalige Zeit, damit man Ihm nachfolge, als Dem, der gekommen war, um den jüdischen Überrest zu suchen.

Nach der abstrakten Offenbarung der Natur des Wortes und derjenigen Seiner Offenbarung im Fleische finden wir das Zeugnis, das tatsächlich in der Welt abgelegt worden ist. Die Verse 19–28 bilden eine Art Einleitung, in der Johannes auf die Frage der Schriftgelehrten und Pharisäer Aufschluss über sich selbst gibt und Gelegenheit nimmt, um über den Unterschied zwischen sich und dem Herrn zu reden, so dass – welches auch die Charaktere sein mögen, die Christus in Verbindung mit Seinem Werke annimmt – die Herrlichkeit Seiner Person stets im Vordergrunde steht. Der Zeuge ist sozusagen naturgemäß hiermit beschäftigt, bevor er sein förmliches Zeugnis von dem Dienste ablegt, den er erfüllte. Johannes ist weder Elias noch der Prophet, von dem Moses geredet hatte, noch der Christus. Er ist die von Jesajas erwähnte Stimme, die den Weg des Herrn bereiten sollte. Er geht nicht gerade vor Ihm als Messias her, obwohl der Herr das ja war; auch ist Johannes nicht Elias vor dem Tage Jehovas (Mal 4,5), sondern die Stimme in der Wüste vor dem Herrn (Jehova) Selbst. Jehova stand im Begriff zu kommen, und davon redet Johannes. Er taufte zwar zur Buße; aber schon befand Sich Einer, obwohl ungekannt, in ihrer Mitte, der, wenn Er auch nach ihm kam, doch über ihm stand, und Dessen Schuhriemen aufzulösen er nicht würdig war.

Dann finden wir das direkte Zeugnis des Johannes, als er Jesum zu sich kommen sieht. Er bezeichnet Ihn nicht als den Messias, sondern nach dem ganzen Umfang Seines Werkes, so wie wir uns desselben in dem ewigen Heil erfreuen, das Er vollbracht hat. Er ist das Lamm Gottes (das Lamm, das Gott allein vorsehen konnte), welches die Sünde (nicht die Sünden) der Weit wegnimmt. Das will sagen. Er stellt nicht alle die Bösen, sondern die Grundlagen der Beziehungen der Welt zu Gott wieder her. Seit dem Sündenfalle – welcher Art auch die Wege Gottes gewesen sein mögen – ist es die Sünde, die Gott in Seinen Beziehungen zu dieser Welt stets zu berücksichtigen hatte. Das Resultat des Werkes Christi wird darin gipfeln, dass dies nicht länger der Fall sein wird; Sein Werk wird die ewige Grundlage dieser Beziehungen bilden, indem die Sünde als solche gänzlich beseitigt ist. Wir wissen dies durch den Glauben, bevor das öffentliche Resultat in der Welt erscheint. Aber obwohl Christus ein zum Opfer bestimmtes Lamm war, so war Er doch vorzüglicher als Johannes der Täufer; denn Er war vor ihm. Das Lamm, das geschlachtet werden sollte, war Jehova Selbst.

In der Verwaltung der Wege Gottes sollte dieses Zeugnis in Israel abgelegt werden, wiewohl der Gegenstand desselben das Lamm war, dessen Opfer sich auf die Sünde der Welt erstreckte, und zugleich der Herr, Jehova. Johannes hatte Ihn nicht persönlich gekannt; aber Er war der einzige und alleinige Gegenstand seiner Sendung.

Doch dies war nicht alles. Der Herr war Mensch geworden, und als Mensch empfing Er die Fülle des Heiligen Geistes, der auf Ihn hernieder stieg und auf Ihm blieb; und der also bezeichnete und von Seiten des Vaters versiegelte Mensch sollte Selbst mit dem Heiligen Geiste taufen. Zugleich wurde Er durch das Herniederkommen des Heiligen Geistes noch in einem anderen Charakter dargestellt, von welchem Johannes infolgedessen Zeugnis ablegt. Er, der in solcher Weise auf Erden Sein Dasein hatte und daselbst gesehen und versiegelt wurde, war der Sohn Gottes. Johannes erkennt und verkündigt Ihn als solchen. Dann folgt das, was man die direkte Ausübung und Wirkung seines Dienstes zu jener Zeit nennen kann. Doch ist es stets das Lamm, von dem er redet; denn das Lamm war der Gegenstand der Absichten und des Vorsatzes Gottes und ist auch dasjenige, was wir in diesem Evangelium finden, wiewohl Israel an seinem Platze noch anerkannt wird; denn es hatte diesen Platz von Gott Selbst empfangen.

Nachdem die Jünger des Johannes das Zeugnis ihres Meisters gehört haben, folgen sie Christo nach. Die Wirkung dieses Zeugnisses ist, den Überrest an Jesum zu fesseln. Jesus weist ihn nicht ab, und die Jünger begleiten Ihn. Nichtsdestoweniger ging dieser Überrest, wie weit sich auch das Zeugnis des Johannes erstrecken mochte, in Wirklichkeit nicht über die Anerkennung Jesu als Messias 6 hinaus. So war es geschichtlich der Fall mit den beiden Jüngern. Jesus aber kannte sie durch und durch, und Er kennzeichnet den Charakter Simons, sobald dieser zu Ihm kommt und gibt ihm den für ihn passenden Namen. Dies war ein Akt der Autorität, durch den Er als das Haupt und der Mittelpunkt des ganzen Systems angekündigt wurde. Gott kann Namen geben; Er kennt alle Dinge. Er verlieh einst dieses Recht dem Adam, der es in Bezug auf alle Dinge, die ihm unterworfen waren, sowie auch hinsichtlich seines Weibes, Gott gemäß ausübte. Große Könige, die diese Macht in Anspruch nahmen, haben dasselbe getan. Auch Eva wollte es tun, allein sie irrte sich; indes kann Gott ein einsichtsvolles Herz schenken, das sich unter Seinem Einfluss in dieser Hinsicht richtig auszudrücken versteht. Sobald sich die Gelegenheit dazu darbietet, tut Christus es hier mit Autorität und vollkommener Kenntnis.

Dann folgt (V. 43 u. f.) das unmittelbare Zeugnis Christi Selbst und dasjenige der Seinigen. Indem Er Sich zunächst auf den durch die Propheten bezeichneten Schauplatz Seiner irdischen Pilgerschaft begibt, beruft Er andere zu Seiner Nachfolge. Nathanael, der damit beginnt, dem aus Nazareth Kommenden zu verwerfen, stellt, wie ich keineswegs bezweifle, den Überrest der letzten Tage vor (das Zeugnis, dem das Evangelium der Gnade angehört, geht in den Versen 29–34 voraus). Wir sehen ihn zuerst den vom Volke Verachteten verwerfen und erblicken ihn unter dem Feigenbaum, dem Bilde des Volkes Israel (der verdorrte Feigenbaum stellt Israel unter dem alten Bunde dar). Indes ist Nathanael das Vorbild eines Überrestes, der, in Verbindung mit Israel, von dem Herrn gesehen wird und von Israel gekannt ist. Er bekennt den Herrn, der Sich seinem Herzen und Gewissen also offenbarte, als Sohn Gottes und König Israels; und dies ist der Form nach der Glaube des verschonten Überrestes Israels in den letzten Tagen, nach Psalm 2. Diejenigen aber, die Jesum, als Er auf Erden war, so aufnahmen, sollten Größeres sehen als das, wodurch sie überzeugt worden waren. Überdies sollten sie hinfort die Engel Gottes auf den Sohn des Menschen auf- und niedersteigen sehen. Der, welcher durch Seine Geburt Seinen Platz unter den Menschenkindern eingenommen hatte, sollte kraft dieses Titels der Gegenstand des Dienstes seitens der vortrefflichsten Geschöpfe Gottes sein. Die Engel Gottes selbst sollten im Dienste des Sohnes des Menschen stehen, so dass der aufrichtige Überrest Israels Ihn als den Sohn Gottes und den König Israels anerkennt; überdies bezeichnet Sich der Herr Selbst als Sohn des Menschen, zwar in niedriger Gestalt, aber als Gegenstand des Dienstes der Engel Gottes. Somit finden wir in unserem Kapitel die Person und die Titel Jesu, anfangend von Seiner ewigen und göttlichen Existenz als das Wort bis zu Seinem Platze im Tausendjährigen Reiche als König Israels und Sohn des Menschen 7; denn wiewohl Er, als geboren in der Welt, dies schon war, so wird es doch erst verwirklicht werden, wenn Er in Seiner Herrlichkeit wiederkehrt.

Werfen wir indes, bevor wir weitergehen, noch einen Rückblick auf einige Punkte in diesem Kapitel. Wir finden den Herrn geoffenbart als das Wort, als Gott und bei Gott, als Licht, als Leben, als das fleischgewordene Wort, das die Herrlichkeit eines eingeborenen Sohnes bei Seinem Vater besitzt, als das Lamm Gottes, als Den, auf welchen der Heilige Geist hernieder steigen konnte, und der mit dem Heiligen Geiste taufte, als Sohn Gottes 8, als Sohn Gottes und König Israels, als Sohn des Menschen – mit einem Wort, alle Seine persönlichen Titel. Sein Verhältnis zu der Kirche oder Versammlung wird hier nicht erwähnt, noch Sein Dienst als Hoherpriester, sondern das, was Seiner Person angehört, sowie die Verbindung des Menschen mit Gott in dieser Welt. Wir haben also außer Seiner göttlichen Natur alles das, was Er war und sein wird in dieser Welt. Sein himmlischer Platz und dessen Folgen für den Glauben werden anderswo gelehrt und in diesem Evangelium bloß angedeutet, wenn es nötig ist. Bemerken wir noch, dass, wenn Christus in einer bis zu einem gewissen Grade vollständigen Weise gepredigt wird, das Herz des Hörenden wirklich glauben und Ihm anhangen kann, obwohl es Ihn mit einem Charakter bekleidet, über den der Zustand der Seele noch nicht hinauszugehen vermag, und indem es zugleich unwissend ist hinsichtlich der Fülle, in der Er geoffenbart worden ist. In der Tat, wo das Zeugnis wirklich ist, da begegnet es, wie erhaben auch sein Charakter sein mag, dem Herzen da, wo sich dasselbe befindet „Siehe, das Lamm Gottes!“ sagt Johannes. „Wir haben den Messias gefunden!“ rufen die Jünger, die auf das Zeugnis ihres Meisters hin Jesu gefolgt waren.

Der Ausdruck dessen, was in dem Herzen des Johannes vorging, übte eine stärkere Wirkung aus, als ein mehr förmliches, mehr belehrendes Zeugnis getan haben würde. Hinblickend auf Jesum ruft er aus: „Siehe, das Lamm Gottes!“ Die Jünger hören es und folgen Jesu nach. Es war dies ohne Zweifel, da Jesus gegenwärtig war, das besondere Zeugnis des Johannes von Seiten Gottes; allein es war nicht eine belehrende Erklärung wie dasjenige in den vorhergehenden Versen.

Fußnoten

  • 1 Der griechische Ausdruck ist sehr bezeichnend; er identifiziert ganz und gar das Leben mit dem Licht der Menschen als zwei Begriffe von gleicher Tragweite.
  • 2 Es ist hier nicht meine Absicht, die Art und Weise zu entwickeln in der das Wort den Irrtümern des menschlichen Geistes begegnet; allein da es die Wahrheit von Seiten Gottes offenbart, so beantwortet es auch tatsächlich in einer bemerkenswerten Weise alle die verkehrten Gedanken des Menschen. Hinsichtlich der Person des Herrn sind die ersten Verse des Kapitels ein Beweis dafür. Dort wird der Irrtum, der aus dem Prinzip der Finsternis einen zweiten Gott, gleich stark im Kampf mit dem guten Schöpfer, macht, durch das einfache Zeugnis widerlegt, dass das Leben das Licht war, während die Finsternis ein machtloser und negativer moralischer Zustand ist, in dessen Mitte jenes Leben als Licht geoffenbart wurde. Wenn wir die Wahrheit selbst besitzen, so haben wir nicht nötig, mit dem Irrtum bekannt zu werden. Kennen wir die Stimme des guten Hirten, so sind wir sicher, dass keine andere die Seinige ist. Tatsächlich aber ist der Besitz der Wahrheit, so wie diese in der Schrift geoffenbart ist, eine Antwort auf alle die unzähligen Irrtümer, in die der Mensch verfallen ist.
  • 3 Es ist in der Tat die Quelle aller Segnungen; allein der Zustand des Menschen war ein solcher, dass ohne den Tod des Herrn niemand an der Segnung teilgehabt haben würde. „Wenn das Weizenkorn nicht in die Erde fällt und stirbt, bleibt es allein; wenn es aber stirbt, bringt es viel Frucht.“
  • 4 Es sagte freilich, was der Mensch sein sollte, nicht aber was der Mensch oder irgend etwas wirklich war; und dies letztere ist streng genommen die Wahrheit.
  • 5 Man wird bemerken, dass dieses Kapitel folgendermaßen eingeteilt ist: Vers 1-18 (diese Verse teilen sich wieder in V. 1-5, 6-13, 14-18), Vers 19-28, 29-34 (diese teilen sich wieder in V. 29-31, 32-34), Vers 35 bis zum Ende des Kapitels. Diese letzten Verse sind wieder eingeteilt in Vers 35-42 und 43 bis ans Ende. Sie zeigen uns zuerst, was Christus abstrakt und wesentlich ist - das Zeugnis Johannes' von Ihm als dem Lichte; dann, was Er persönlich in der Welt ist: Johannes ist der alleinige Vorläufer Jehovas, der Zeuge der Vortrefflichkeit Christi; dann das Werk Christi: das Lamm Gottes, das die Sünde der Welt wegnimmt; Er tauft mit dem Heiligen Geiste und ist der Sohn Gottes. Johannes sammelt für Ihn, und Er sammelt für Sich Selbst. Dies wird fortgesetzt, bis der aufrichtige Überrest Israels Ihn als Sohn Gottes und als König Israels anerkennt. Dann nimmt Er den ausgedehnteren Charakter als Sohn des Menschen an. Wir haben hier sozusagen alle persönlichen Charaktere Christi und Sein Werk - nicht Seine relativen Charaktere als Christus, Priester, Haupt der Kirche, sondern das Wort, den Sohn Gottes, das Wort Gottes, das Lamm Gottes, Den, der mit dem Heiligen, Geiste tauft, und nach Psalm 2 den Sohn Gottes, den König Israels, und nach Psalm 8 den Sohn des Menschen, dem die Engel dienen, der zugleich Gott ist, das Leben und das Licht der Menschen.
  • 6 Ein Grundsatz, der als Wirkung der Gnade von hohem Interesse für uns ist. Wenn wir Jesum aufnehmen, so empfangen wir alles, was Er ist, wiewohl wir in jenem Augenblick vielleicht nur das in Ihm wahrnehmen, was den wenigst erhabenen Teil Seiner Herrlichkeit ausmacht.
  • 7 Jedoch mit Ausnahme dessen, was die Kirche und Israel betrifft. Er ist hier nicht der Hohepriester, nicht das Haupt des Leibes, und Er ist nicht geoffenbart als der Christus. Johannes teilt uns nicht das mit, was den Menschen im Himmel darstellt, sondern Gott im Menschen auf der Erde - nicht das Himmlische, das hinaufgestiegen ist, sondern das Göttliche. Im ganzen Evangelium wird Israel als gänzlich verworfen betrachtet. Die Jünger erkennen Jesum zwar als den Christus an, aber Er wird nicht als Solcher verkündigt.
  • 8 Hier wird Er als der Sohn Gottes in dieser Welt gesehen; in Vers 14 ist Er in der Herrlichkeit eines Eingeborenen bei Seinem Vater, und in Vers 18 ist Er als Solcher im Schoße Seines Vaters.
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