Einführung in das Buch Esther

8. Die praktische Bedeutung

Das Buch Esther enthält eine Vielzahl von praktischen Belehrungen für das tägliche Leben, die sich dem aufmerksamen Leser in diesem Buch erschließen. Ich möchte hier in der Einleitung auf zwei wichtige Punkte hinweisen:

a) Das Hauptthema ist die göttliche Vorsehung.1 Natürlich finden wir sie ebenso in anderen Bibelbüchern, im Buch Esther ist sie allerdings besonders präsent.2 Gott handelt zugunsten seines Volkes, doch Er tut es im Verborgenen. Er bleibt hinter den Kulissen, weil Er sich nicht öffentlich zu denen bekennen kann, die im persischen Reich geblieben und nicht nach Jerusalem zurückgekehrt sind. Wie bereits bemerkt, wird der Name Gottes in dem gesamten Buch nicht einmal genannt. Dennoch ist Gottes Wirken unübersehbar, und Gott ist überall in diesem kleinen Buch gegenwärtig. Ein alter Ausleger merkt an, dass der Name Gottes zwar nicht erwähnt wird, wohl aber der Finger Gottes.3 Es ist die Vorsehung Gottes, dass Vasti als Königin abgesetzt und Esther an ihrer Stelle Königin wird. In seiner Vorsehung sorgt Er dafür, dass Mordokai von der Verschwörung der beiden Kämmerer erfährt. In seiner Vorsehung bereitet Er dem König eine schlaflose Nacht. In seiner Vorsehung führt Er es so, dass der Vernichtungsplan Hamans nicht sofort ausgeführt wird. Gott sorgt dafür, dass Esther Gnade bei dem König findet. Der große Feind – Haman – wird vernichtet und an dem eigens von ihm errichteten Galgen erhängt, die drohende Vernichtung der Juden im gesamten persischen Reich verhindert, und die Juden werden am Ende erhöht.

Wir lernen für uns, dass Gott die Umstände im Leben der Seinen so lenkt, dass am Ende immer seine Gnadenabsichten realisiert werden. Er lässt die Feinde zuschanden werden. Er bewahrt sein Volk und erhöht es am Ende sogar. Oft erscheint uns das Handeln Gottes völlig unverständlich, und wir fragen uns, warum und wie lange Gott Prüfungen und Leid zulässt (vgl. Ps 74,10). Am Ende des Lebens von Johannes ließ Gott es zu, dass ein gottloser Tyrann (Kaiser Domitian) ihn auf eine einsame Insel verbannte, um ihn auf diese Weise aus dem Verkehr zu ziehen. Dennoch führt Er es gerade dort so, dass ihm wunderbare Dinge, die noch in der Zukunft liegen, gezeigt werden. Er schreibt das Buch der Offenbarung. Und was sieht er zuerst, als er – im Geist – im Himmel ist? Es ist ein Thron. „Sogleich war ich im Geist; und siehe, ein Thron stand in dem Himmel, und auf dem Thron saß einer“ (Off 4,2). Für die Menschen schien es so, als ob der grausame Kaiser Domitian auf dem Thron (Symbol der Regierung) saß. Doch in Wirklichkeit sitzt Gott auf dem Thron – allerdings ist der Thron im Himmel verborgen. Psalm 97 beschreibt diese Regierung mit folgenden Worten: „Der Herr regiert. Es frohlocke die Erde, ... Gewölk und Dunkel sind um ihn her; Gerechtigkeit und Gericht sind die Grundfeste seines Thrones. Feuer geht vor ihm her und entzündet seine Feinde ringsum“ (Ps 97,1–3). Wir sehen den Thron Gottes heute nicht und begreifen die Regierungswege Gottes oft nicht. Doch Gott wirkt in seiner Vorsehung und wird am Ende immer zu seinem Ziel kommen.

b) Eine zweite Unterweisung liegt darin, dass wir lernen, was Gott wirklich wichtig ist. Wir sahen schon, dass dieses kleine Buch Dinge übergeht, die für die Weltgeschichte eine große Bedeutung haben, während es andere Dinge sehr wohl berichtet, die einen säkularen Geschichtsschreiber nicht interessieren würden4. Gott sind zwei Dinge wichtig: Erstens sein Sohn und dessen Herrlichkeit; darüber spricht das Buch Esther, indem es uns Mordokai vorstellt, zweitens diejenigen, die mit seinem Sohn verbunden sind. Darüber spricht das Buch Esther, indem es uns Esther vorstellt. Gott interessiert sich für sein Volk, und zwar nicht nur kollektiv, sondern für jeden einzelnen ganz persönlich. Wir lernen daraus für uns, dass es in unserem Leben nicht in erster Linie um das politische, wirtschaftliche und kulturelle Geschehen in dieser Welt geht – obwohl auch hier unserem Gott nichts aus dem Ruder läuft – sondern dass es vor allem um den Herrn Jesus und die Seinen geht. Dieses Interesse sollten wir unbedingt mit unserem Gott teilen. H. Rossier schreibt: „Diese Wahrheit ist für uns von großer Bedeutung. Die Auseinandersetzungen zwischen Nationen und Völkern in unseren Tag beschäftigen uns häufig in so starkem Maß, dass unsere Seelen darüber die Gemeinschaft mit dem Herrn verlieren... Die größten Erschütterungen und Veränderungen der Weltreiche, die die Welt aus den Angeln zu heben scheinen, wiegen auf der Waage Gottes nicht mehr als eine Feder, es sei denn, sein Volk ist davon betroffen“.5

Fußnoten

  • 1 Siehe dazu den Anhang
  • 2 Vgl. dazu einen interessanten Artikel von F.B. Hole: „Confidence or the Hand of God“ (in Scipture Truth 1923, bzw. auf Deutsch: „Zufall oder Gottes Hand?“ in bibelstudium.de)
  • 3 Der puritanische Bibelausleger Matthew Henry (1662–1714): The book of Ezra (in: Commentary on the Whole Bible)
  • 4 Ein weiteres Beispiel dafür ist der Krieg von fünf Königen gegen vier Könige in 1. Mose 14. Die Auseinandersetzung wird nur deshalb berichtet, weil zwei von Gottes Leuten (Lot und Abraham) darin verwickelt waren.
  • 5 H. Rossier: Méditations sur le Livre d‘Esther
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