Einführung in das Buch Esther

1. Der geschichtliche Hintergrund

Zum richtigen Verständnis des Buches Esther ist es unerlässlich, den historischen Hintergrund zu kennen. Geschichtlich führt uns das Geschehen in die Zeit des persischen Reiches (ca. 550–330 v.Chr.), des zweiten großen Weltreiches (vgl. Dan 2 und 7). Es ist die Zeit der Regierung des Königs Ahasveros1 (Xerxes I), der von 485–464 v.Chr. in Susan regierte2. Er wird in Daniel 11,2 der „vierte König“ der Perser genannt. Trotz seiner militärischen Niederlage gegen Griechenland in der berühmten Seeschlacht von Salamis im Golf von Piräus (480 v.Chr.), gilt er als der mächtigste Regent des persischen Reiches.3 Sein Reichtum und seine Macht werden in Kapitel 1 eindrucksvoll beschrieben. Vor ihm war sein Vater Darius an der Macht (522–485 v. Chr.). Er wird in Esra 4,5 erwähnt. Nach ihm regierte sein Sohn Artaxerxes I. Er wird in Esra 7,1 und Nehemia 2,1 unter dem Namen Artasasta erwähnt. Die im Buch Esther beschriebenen Ereignisse fanden also in der Zeit zwischen Esra 6 und 7 statt.4 Das Buch führt uns in eine Zeit, in der die Juden vor der totalen Vernichtung standen, die nur durch das Eingreifen Gottes in Vorsehung verhindert und in einen großartigen Sieg umgewandelt wurde.

Die Bücher der Könige und Chronika berichten uns, wie das irdische Volk Gottes durch eigene Untreue und Götzendienst unter die Herrschaft der Nationen gekommen war. Gott hatte das angekündigt. Israel war ursprünglich eingesetzt, Haupt über die Nationen zu sein (5. Mo 28,13). Selbst die Grenzen der Völker und Nationen wurden nach „der Zahl der Kinder Israel“ festgestellt (5. Mo 32,8). Das war so lange der Fall, wie sich die Juden im Land Kanaan befanden und der Tempel (und damit der Thron Gottes) in Jerusalem stand (1. Chr 29,23) und sie – wenngleich zum großen Teil nur formal – Gott dienten. Doch Gott hatte nicht verschwiegen, was passieren würde, wenn sie sich von Ihm abwenden würden. Sie sollten vom Haupt zum Schwanz werden (5. Mo 28,15.43.44). Genauso ist es gekommen. Als die Israeliten trotz aller Warnungen und Geduld Gottes nicht hörten, wurden heidnische Nationen (zuerst die Assyrer, dann die Babylonier und schließlich die Perser) zum Haupt. Die Zeiten wurden nicht mehr an den Königen von Israel gemessen, sondern an den Königen der Nationen (vgl. Est 1,3; 2,16; 3,7)5. Die Schnittstelle ist der Augenblick, an dem die Herrlichkeit Gottes den Tempel verließ und er durch Nebukadnezar zerstört wurde. In diesem Moment begannen die „Zeiten der Nationen“ (Lk 21,24), die so lange dauern, bis der Herr Jesus in Macht und Herrlichkeit kommt, um sein Reich aufzurichten. Gott distanzierte sich öffentlich von seinem Volk und gab die Regierung in die Hände der Nationen. Davon spricht Daniel, wenn er Nebukadnezar das „Haupt aus Gold nennt“ und ihm sagt, dass Gott ihn zum Herrscher gesetzt hatte (Dan 2,38). Das war ein Teil des Gerichtes Gottes über sein götzendienerisches und ungläubiges Volk. Aus „Ammi“ (mein Volk) war „Lo-Ammi“ (nicht mein Volk) geworden (vgl. Hos 1,9; 2,25).

722/721 v. Chr. wurden die 10 Stämme (das Nordreich Israels) durch die Assyrer besiegt. 605 v. Chr. begann der Zerfall des Südreichs Juda durch den ersten Angriff der Babylonier und der ersten Deportation von Juden. Im Jahr 586 v. Chr. endete dieses Reich unter König Zedekia. Nahezu alle Juden wurden nach Babylon verschleppt. Was Gott angekündigt hatte (vgl. Jer 25,11; Dan 9,2), traf ein. Gott bediente sich der Babylonier als Zuchtrute, um Jerusalem in Schutt und Asche zu legen und zu einer nahezu menschenleeren Stadt zu machen.

Kurz vor dem Ende der 70-jährigen Gefangenschaft (605 -535 v.Chr.) wurde das babylonische Reich durch das persische Reich abgelöst.6 Im Jahr 536 v.Chr. gab König Kores die Erlaubnis, dass die Exiljuden in ihr Land zurückkehren konnten, um den Tempel zu bauen (Esra 1,1–4). 42 360 Juden kehrten zurück (Esra 2,64). Diese Rückkehrer sah Gott als Stellvertreter des ganzen Volkes Israel an (Esra 2,70). Es war in der Tat nur ein Überrest, denn der größte Teil der Juden zog es vor, im Exil zu bleiben und nicht nach Jerusalem zurückzukehren. Das genau sind die Juden, die wir im Buch Esther finden. Mordokais und Esthers Vorfahren (Eltern) gehörten dazu. Dies erklärt die auf den ersten Blick seltsame Tatsache, dass der Name Gottes im Buch Esther nicht genannt wird. Gott bekannte sich zu den Juden, die nach Jerusalem zurückkehrten. Er bekannte sich nicht – zumindest nicht öffentlich – zu den Juden, die das nicht getan hatten7. Dennoch handelt Er in Vorsehung zugunsten dieser Juden. W. Kelly schreibt: „Es gibt keine Situationen, in denen Er nicht wirkt, doch Er gestattet es nicht immer, dass sein Name erwähnt und seine Wege gesehen werden“.8

Die Geschehnisse im Buch Esther fallen also gerade in die Zeit zwischen der ersten Rückkehr der Juden unter Serubbabel und Jeschua und der zweiten Rückkehr unter Esra, d. h. in die Zeit, die zwischen Esra 6 und Esra 7 liegt. Das Buch Esther ist in der Tat das einzige geschichtliche Buch im Alten Testament, das etwas über die Juden schreibt, die sich in dieser Zeit außerhalb ihres Landes im Exil befinden.

Fußnoten

  • 1 Ahasveros (Hauptkönig) muss nicht unbedingt sein tatsächlicher Name gewesen sein. Es kann sich ebenso um einen Titel handeln, den er sich gab (ähnlich wie Pharao bei den Ägyptern, oder später Augustus bei den Römern).
  • 2 Susan war mit Achmeta und Babylon eine der drei Hauptstädte im persischen Reich. Der Prophet Daniel lebte dort eine Zeit lang (Dan 8,2), ebenso Nehemia (Neh 1,1).
  • 3 Diese Schlacht war der Anfang vom Ende des assyrischen Weltreiches. Es sollte allerdings noch ca. 200 Jahre dauern, bis das assyrische Reich endgültig unter Alexander dem Großen von dem griechischen Reich abgelöst wurde. Bis dahin regierten weitere Perserkönige, die jedoch nicht mehr die Macht von Xerxes I hatten.
  • 4 Das widerlegt die oft vorgebrachte These, dass Buch Esther sei das letzte historische Buch im Alten Testament. Das stimmt nur im Blick auf die Reihenfolge der Bibelbücher in unseren geläufigen Übersetzungen. Die Ereignisse in der zweiten Hälfte des Buches Esra und im Buch Nehemia haben zeitlich später stattgefunden.
  • 5 Vgl. ebenfalls die Zeitangaben in den Büchern Esra, Nehemia und Daniel, die immer nach den Königen der Weltreiche fixiert werden, während der Referenzpunkt in den Büchern der Könige und Chronika immer das Regierungsjahr des jeweiligen Königs von Juda oder Israel ist.
  • 6 Es handelt sich dabei um ein Gericht Gottes an den Babyloniern, die Gott zwar als Zuchtrute genutzt hatte, die jedoch deutlich über das Ziel hinausgeschossen waren (vgl. Jes 13,17; 21,2; Jer 25,14; 27,7; 51,22.28; Dan 5,30,6,1). Gott hatte die Macht zuerst den Babyloniern und dann den Persern gegeben. Der erste Perserkönig (Kores) wird ausdrücklich der „Gesalbte des Herrn“ genannt (Jes 45,1).
  • 7 Es versteht sich von selbst, dass es Ausnahmen gibt. Wir denken an Männer wie Daniel, Esra und Nehemia, die zum Teil aus erklärbaren Gründen (Alter, Funktion am Hof des Königs) im Exil blieben.
  • 8 W. Kelly: The Book of Esther
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