Einführung in das Buch Esther

6. Der Zweck der Niederschrift

Einführung in das Buch Esther

Das Buch Esther zeigt ganz besonders die Fürsorge und Vorsorge Gottes für sein irdisches Volk. Das gilt in diesem Zusammenhang besonders dem Teil des Volkes, der nicht der Erlaubnis des Königs Kores gefolgt und nach Jerusalem zurückgekehrt war (Esra 1,1–4), sondern es vorgezogen hatte, im Exil des persischen Reiches zu bleiben. Obwohl Gott sie nicht öffentlich als sein Volk anerkennt, hat Er doch sein Auge über sie offen. Gott sagt in einem anderen Zusammenhang: „... denn wer euch antastet, tastet seinen Augapfel an“ (Sach 2,12). Antisemitismus ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern zeigt sich deutlich in diesem alten Buch der Bibel. Obwohl Gott einerseits verborgen bleibt und nicht aktiv und sichtbar eingreift, hält Er doch andererseits die Fäden in der Hand und bewegt alle Dinge genau so, dass sie am Ende dahin führen, dass sein Volk nicht nur bewahrt, sondern sogar erhöht wird1. Als Überschrift des Buches könnte man folgende Worte Davids setzen: „Der Gottlose sinnt gegen den Gerechten, und mit seinen Zähnen knirscht er gegen ihn. Der Herr lacht über ihn, denn er sieht, dass sein Tag kommt“ (Ps 37,12.13).

Wie fast alle historischen Bücher können (müssen) wir mindestens drei Ebenen der Auslegung unterscheiden. Im Buch Esther ist das nicht anders:

a) Die historische Ebene: Wir stellen uns die Frage, welchen geschichtlichen Hintergrund die beschriebenen Ereignisse haben und was tatsächlich geschehen ist. Das gibt uns den richtigen Rahmen. Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass die Bibel kein Geschichtsbuch ist. Es geht Gott nicht um Zeitgeschichte, sondern es geht um Heilsgeschichte. Die Zeitgeschichte ist nicht mehr als der Hintergrund. Einerseits können wir sicher sein, dass zeitgeschichtliche Aussagen der Bibel immer wahr sind. Es gibt keine Aussage in der Bibel, die historisch unkorrekt ist.2 Im Buch Esther ist das wichtig. Während die Bibel das geschichtlich bedeutsame Ereignis des Krieges zwischen den Persern und Griechen (Schlacht bei Salamis) im dritten Regierungsjahr von Xerxes bewusst verschweigt, weil es für Gott nicht wichtig ist3, wird die Rettung der Juden – über die die Geschichtsbücher dieser Welt schweigen – sehr ausführlich beschrieben. Gott schreibt Geschichte immer korrekt, doch Er tut es aus seiner Sicht und in Bezug auf sein irdisches Volk. Wäre der Anschlag Hamans auf die Juden geglückt, wäre die Heilsgeschichte Gottes direkt betroffen gewesen, denn „das Heil ist aus den Juden“ (Joh 4,22)4. Genau deshalb schreibt die Bibel in diesem kleinen Buch davon, wie Gottes Heilsabsichten trotz des Widerstandes des Teufels realisiert werden. Satan widersetzt sich immer dem Handeln Gottes. Gott hingegen verwirklicht immer seine Heilsabsichten. Er lenkt alles so, dass sein Wille geschieht – selbst wenn zu einem gegebenen Moment alles dagegen zu sprechen scheint. Am Ende wenden sich die Pläne des Feindes sogar gegen ihn. Der gleiche Erlass, der die Juden ausrotten sollte, vernichtete den Feind selbst.

b) Sittliche (oder praktische) Ebene: Auf der Basis der historischen Geschehnisse stellen wir uns die Frage, was wir daraus lernen können. Gott stellt uns Ereignisse vor, die für unser Leben eine Botschaft haben. Er zeigt uns die Charaktere von Menschen, die uns entweder als Mut machendes oder als warnendes Beispiel dienen. Das Neue Testament macht unmissverständlich klar, dass wir die Bibel unbedingt unter diesem Aspekt lesen müssen. In diesem Sinn sind die Dinge im Alten Testament als Vorbild und Belehrung für uns geschehen (Röm 15,4; 1. Kor 9,10 10,6). Die große Lektion, die wir für uns aus dem Buch Esther lernen, ist die Vorsehung Gottes in allen Ereignissen, die uns betreffen.

c) Prophetische (manchmal auch typologische) Ebene: Viele geschichtliche Ereignisse im Alten Testament haben eine prophetische Bedeutung, die sich entweder mit der zukünftigen Geschichte Israels oder speziell mit der Person des Herrn Jesus beschäftigt. Einige dieser prophetischen Aussagen sind bereits erfüllt, andere werden sich in der Zukunft – in Verbindung mit dem 1000-jährigen Reich – noch erfüllen. Im Buch Esther geht es konkret um die Bedrohung der Juden in der Zeit der Drangsal sowie die Errettung und Erhöhung durch Gott. Es ist sozusagen eine geschichtliche Vorwegnahme der letzten großen Bedrohung der Juden in der Endzeit (der Zeit der Drangsal Jakobs; Jer 30,7), aus der sie durch Gottes Vorsehung und Macht gerettet werden. Esther symbolisiert den Überrest der Juden in dieser Zeit, während Mordokai auf den kommenden Messias hinweist. Das macht der Schlussvers des Buches besonders deutlich (Kap 10,3). Haman hingegen ist ein Prototyp des vom Teufel inspirierten kommenden Antichristen, der den Überrest der Juden vernichten will.

Fußnoten

  • 1 Wir können sicher sein, dass das heute nicht anders ist. Die Juden, die nach dem 2. Weltkrieg in ihr Land zurückkehrten, taten dies weitgehend im Unglauben. Sie stehen nach wie vor unter dem Urteil Gottes „Lo-Ammi“ (nicht mein Volk). Die Decke ist immer noch auf ihren Herzen (2. Kor 3,13–16). Dennoch können wir sicher sein, dass Gott ein Auge auf das hält, was aktuell in Palästina geschieht, und die Warnung aus Sacharja 2,12 gilt immer noch für alle, die sich an dem alten Volk Gottes vergreifen.
  • 2 Obwohl das vielfach behauptet worden ist, gibt es keinen einzigen Beweis dafür. Viele Behauptungen, die im Laufe der Jahrhunderte gegen die historische Korrektheit der Bibel vorgebracht worden sind, haben sich durch archäologische Funde in Nichts aufgelöst.
  • 3 In säkularen Geschichtsbüchern wird die Bedeutung dieser Seeschlacht für die Geschichte Europas betont und gemutmaßt, dass diese ganz anders ausgesehen hätte, wenn die Perser den Krieg gewonnen hätten. Für Gott hatte dieser Krieg jedoch keine besondere Bedeutung. Er wird in Daniel 10,20 – 11,2 kurz angedeutet, im Buch Esther spielt er überhaupt keine Rolle. Stattdessen wird von dem großen Gastmahl berichtet, das der König im dritten Jahr seiner Regierung – also unmittelbar vor dem Krieg – ausrichten ließ (Kap 1,2–4). In Kapitel 2,16 ist dann von dem siebten Jahr seiner Regierung die Rede, d. h. von der Zeit unmittelbar nach dem Krieg. Mordokai hingegen, der im Buch Esther eine große Rolle spielt, wird in den Geschichtsbüchern überhaupt nicht erwähnt (Esther selbst vermutlich ebenfalls nicht, obwohl einige annehmen, dass sie die Königin Amestrisa sein könnte, von der man in einigen Geschichtsbüchern lesen kann).
  • 4 Im Alten Testament hatte Gott angekündigt, dass der Messias aus dem Volk der Juden kommen sollte. Deshalb konnte der Anschlag Hamans nicht gelingen. Denn wäre er geglückt, wären alle Juden im Perserreich ermordet worden – die in Jerusalem eingeschlossen. Außerhalb des Perserreiches gab es damals wahrscheinlich überhaupt keine Juden – deshalb wären sie alle ermordet worden. So gesehen hing das Heil der Welt hier an einem seidenen Faden. Gott sorgte jedoch dafür, dass er nicht riss.
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