Einführung in das Buch Esther

4. Authentizität und Platz im Kanon der Bibel

Der Verfasser war nicht nur ein Jude, sondern er kannte die Verhältnisse am persischen Hof sehr genau und beschreibt sie exakt. Der griechische Geschichtsschreiber Herodot 1 und archäologische Funde der letzten Jahrhunderte bestätigen, was über die Gebräuche am Hof im Buch Esther ausgesagt wird2.

Obwohl es unter bibeltreuen Auslegern heute keine Frage gibt, ob das Buch Esther zum Kanon der Heiligen Schriften gehört, muss man sagen, dass das nicht immer so war. Juden und Christen haben darüber gerungen.3 Es sind verschiedene Argumente dagegen vorgebracht worden. Ein Argument ist, dass im Neuen Testament nicht aus dem Buch Esther zitiert wird. Das Argument zieht jedoch nicht, denn es gibt weitere alttestamentliche Bücher, die im Neuen Testament nicht zitiert werden (Ruth, Esra, Nehemia, Prediger, Hohelied, Nahum und Obadja). Ein weiteres Argument lautet, dass bei den Funden der Buchrollen am Toten Meer keine Fragmente dieses Buches gefunden wurden4. Daraus leitete man ab, dass die Rabbiner der sehr strengen Gruppe der Essener im 1. Jahrhundert n.Chr. das Buch nicht als kanonisch anerkannt haben. Das müsste dann allerdings ebenso für das Buch Haggai gelten. Es wird ebenfalls darauf hingewiesen, dass keiner der Kirchenväter – soweit mir bekannt – einen Kommentar über das Buch Esther verfasst hat.

Doch das Hauptargument, das angeführt wird, ist die Tatsache, dass der Name Gottes im Buch Esther nicht direkt erwähnt wird. Wir werden darauf noch zurückkommen. Es stimmt, dass Gott nicht direkt genannt wird. Dennoch redet Gott unüberhörbar in diesem Buch, selbst wenn sein Name nicht vorkommt. Deshalb haben viele Juden das Buch trotzdem zu den „Heiligen Schriften“ gezählt und schätzen es. A.C. Gabelein schreibt: „Die Juden halten dieses kleine Buch in höchsten Ehren. Sie nennen es „die Megillah“ (A.d.Ü: Buchrolle) und räumen ihm damit den Vorrang über die anderen „Megilloth“ ein. Die antiken Rabbiner räumten ihm den ersten Platz nach der Torah, dem Gesetz, ein. Maimonides beispielsweise lehrte, bei der Ankunft des Messias werde jedes andere Buch der jüdischen Schriften hinweggetan; nur das Gesetz und das Buch Ester würden für immer bleiben.5

W. Kelly schreibt: „Das Buch Esther ist einer der wenigen Teile des Wortes Gottes, die bemerkenswerterweise den Namen Gottes nicht enthalten. Diese Tatsache hat manche überrascht: Die Juden selbst konnten es nicht verstehen und auch viele Christen nicht. Das führte sogar so weit, dass auch in letzter Zeit für einige die Ansicht bestand, diesem Buch wäre mit einem gewissen Misstrauen zu begegnen, als ob das Fehlen des Namens des Herrn dazu berechtigen könnte, und als ob ein solches Buch nicht von Gott sein könnte, weil sein Name darin nicht enthalten ist ... Anstatt die Stellung des Buches Esther in der Heiligen Schrift herabzusetzen, wird vielmehr die Vollkommenheit der Wege Gottes gezeigt, selbst wenn dies in so außergewöhnlicher Weise, wie dem vollständigen Fehlen des Namens Gottes, geschieht. Wir müssen die Absichten Gottes verstehen“.6

In den hebräischen Bibelausgaben hat das Buch Esther einen anderen Platz als in den uns bekannten Bibelausgaben. Es ist dort das letzte der sogenannten fünf Rollen (Megillot), und zwar zusammen mit dem Hohenlied, dem Buch Ruth, den Klageliedern und dem Prediger. Diese fünf Bücher gelten als eine gewisse Einheit und wurden – wenn sie kopiert wurden – immer zusammen abgeschrieben. Diese Bücher werden „Festrollen“ genannt, weil sie bis heute zu bestimmten Festtagen vorgelesen werden. Das ist einer der Gründe dafür, dass das Buch Esther bei den Juden bis heute sehr bekannt ist. Es hat den Juden immer geholfen, ihre nationale Hoffnung aufrechtzuerhalten, besonders in Zeiten der Verfolgung und Bedrückung.

  • Das Hohelied wird zum Passahfest – dem ersten Fest der Juden – gelesen.
  • Das Buch Ruth wird zu Pfingsten – dem Fest der Wochen – gelesen.
  • Die Klagelieder begleiten den Gedenktag der Tempelzerstörung 586 v. Chr.7
  • Der Prediger gehört zum Laubhüttenfest, das im Herbst gefeiert wird.
  • Das Buch Esther verbindet sich mit dem Purimfest (oder Esther-Fest). Es erinnert an die Befreiung der Juden von dem bösen Haman, an der Esther und Mordokai beteiligt waren. Es zählt nicht zu den „Festen des Herrn“, die Gott seinem Volk gegeben hatte (3. Mo 23). Es war Mordokai, der die Anweisung gab, dieses Fest am 14. Und 15. des Monats Adar (Februar/März) zu feiern (Est 9,21).8

Fußnoten

  • 1 Herodot (ca. 490/480 – 430/420 v. Chr.) war ein antiker griechischer Geschichtsschreiber, Geograph und Völkerkundler. Er gilt als „Vater der Geschichtsschreibung“ und verfasste insgesamt neun Bücher über die Geschichte des Perserreichs im späten 6. Jahrhundert und die Perserkriege im frühen 5. Jahrhundert v. Chr.
  • 2 vgl. z. B. G. Maier: Das Buch Esther: in Wuppertaler Studienbibel
  • 3 Sogar der Reformator Luther hatte mit diesem Buch einige Mühe, weil ihm wichtige Heilswahrheiten fehlten. Vor allem die Tatsache, dass die Juden am Ende mordend und raubend über die Perser herfallen, war für ihn schwierig zu verstehen. Er ging so weit zu sagen, er wünschte, das Buch Esther existiere überhaupt nicht (Luthers Tischreden, Band XXII). Da das Buch jedoch im hebräischen Kanon stand, den die Reformatoren als das Alte Testament anerkannten, blieb es – zu Recht – dabei, dass das Buch Ruth Teil der Bibel ist.
  • 4 Den ersten nicht biblischen Querverweis finden wir bereits in dem nicht inspirierten 2. Buch der Makkabäer 15,36.37 (2. JH v.Chr.) Dort heißt es: „Es ward auch einträchtig von allen beschlossen, man sollte den Tag nicht vergessen, sondern feiern, nämlich den dreizehnten Tag des zwölften Monats, der Adar auf syrisch heißt, einen Tag vor des Mardochai Fest“.
  • 5 A.C. Gaebelein: The Book of Esther
  • 6 W. Kelly: The Book of Esther
  • 7 Das Fest finden wir nicht in der Bibel. Es findet im 5. Monat des jüdischen Kalenders statt. Am gleichen Tag zerstörten später die Römer den Tempel des Herodes.
  • 8 Purim (von Pur abgeleitet, vgl. Kap 3,7; 9,24) bedeutet „Los”. Das Fest wird bis heute gefeiert. Allerdings ist es zum Teil zu einer Art jüdischem Karneval verkommen, wo Menschen sich verkleiden und ausgelassen feiern. Die tiefe Bedeutung des Buches Esther ist den Juden bis heute unverständlich, weil eine Decke auf ihren Herzen (und damit auf ihrem geistlichen Auge) liegt (2. Kor 3,15.16). Sie feiern die Niederlage Hamans und seiner Familie und verwünschen sie. Jedes Mal, wenn beim Lesen der Name Haman fällt, wird Lärm gemacht. Sie sehen jedoch nicht, dass die Bedrückung der Juden im Buch Esther zugleich eine ernste Ansprache Gottes an sie selbst ist. Es führt bei ihnen nicht zu Trauer und Selbstgericht. Deshalb verstehen sie auch nicht, warum der Name Gottes in dem Buch nicht erwähnt wird.
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