Das Kommen des Herrn, Israel und die Gemeinde

Das Reich und die Kirche

Wir haben nun kurz Gottes Handeln anhand der Haushaltungen skizziert. Er entfaltete seinen Plan einer irdischen Regierung bis zum Kreuz, indem Er den Menschen prüfte – zunächst allein, später mit Christus in seiner Mitte – ob er Gottes Absichten des Segens mit der Welt ausführen konnte. Das Ergebnis war katastrophales Versagen. Der Mensch konnte weder Gottes Pläne durchführen, noch den Gesalbten, der diese schließlich erfüllen würde, empfangen. Sie erkannten Ihn noch nicht einmal! Der erste Mensch verdarb alles, womit er in Berührung kam; der zweite Mensch wurde verachtet, verworfen und gekreuzigt. Das unterbrach Gottes Pläne bis zu dem Moment, wo das Volk, das seinen Messias abgelehnt hat, Buße tun wird und Er wiederkommen wird um sie zu erretten und zu segnen. Momentan steht der prophetische Zeitlauf still und die Zeitspanne zwischen dem Tod Christi und der Wiederaufnahme der irdischen Pläne Gottes ist unbekannt.

Aber wie füllt Gott diesen Zwischenraum? Welche Absichten hat Er in dieser Zeit? Der erste Mensch wurde bis zum Kreuz versucht. Danach änderte sich jedoch alles. Der Mensch zeigte, dass er von Natur aus hoffnungslos von Gott entfremdet und noch nicht einmal in der Lage war, Segen von Ihm, in dem sich alle wunderbaren Verheißungen und Pläne Gottes erfüllen würden, zu empfangen. Das Erscheinen des zweiten Menschen reichte nicht aus. Der erste Mensch musste eine neue Natur bekommen, eine neue Schöpfung werden, bevor er die Segnungen in Empfang nehmen konnte, die der zweite Mensch bei seinem Kommen mit sich brachte.

Und wie konnte Gott diese Umwandlung bewirken? Wie konnte der Mensch aus der Grube des Verderbens gezogen werden? Dadurch, dass sein hoffnungsloses Verlorensein offenbar wurde! Das Ereignis, das bewies, dass der Mensch nichts als Verdammnis verdient hatte, brachte gleichzeitig Gottes Errettung. Das Kreuz, das den unversöhnlichen Hass des Menschen gegenüber Gott demonstrierte, enthüllte auch die unendliche Liebe Gottes gegenüber den Menschen. Eine Tat, die das Schicksal der alten Natur besiegelte, öffnete die Tür für eine neue Schöpfung. Das am Kreuz vergossene Blut bildete die Grundlage für die Versöhnung aller Dinge. Mit dem Tod Christi wurde die alte Schöpfung buchstäblich beiseitegesetzt, während seine Auferstehung den zweiten Menschen, den „letzten Adam“ und den Erstgeborenen einer neuen Schöpfung hervorbrachte, wobei Gott an jedem Glied dieser neuen Schöpfung das gleiche Wohlgefallen findet, wie bei dem auferstandenen Haupt. Anstatt des einzelnen Weizenkorns ist Er in die Erde gefallen und gestorben und bringt nun viel Frucht, wie geschrieben steht: „Siehe, ich und die Kinder, die der HERR mir gegeben hat“ (Jes 8,18).

Alle Segnungen, seien sie für die Kirche oder für die Welt, gründen sich auf den Tod und die Auferstehung des zweiten Menschen. Das Kreuz wird in der Schrift sowohl von der Seite der Schuld des Menschen als auch von der Seite der Gnade Gottes gesehen. Die Bestrafung der Juden für die Ablehnung Christi wird von allen anerkannt. Aber waren die Nationen schuldlos? Der Heilige Geist lehrt uns, dass Christus als Licht kam: „Er war in der Welt, und die Welt wurde durch ihn, und die Welt kannte ihn nicht“ (Joh 1,10). Jesus erklärt die Verdammnis der Welt dadurch, „dass das Licht in die Welt gekommen ist, und die Menschen haben die Finsternis mehr geliebt als das Licht, denn ihre Werke waren böse“ (Joh 3,19). Die Welt, d. h. die gesamte Menschheit, trägt Schuld an der Ablehnung dessen, den Gott gesandt hatte, die Welt zu segnen, und seine Verwerfung ist nach wie vor der Gegenstand des göttlichen Gerichts sowohl für die Juden als auch für die Nationen. Durch dieses Gericht wurden die Juden beiseitegesetzt und die irdischen Segnungen des Reiches, sowohl für die Juden als auch die Nationen, aufgeschoben. Die Schöpfung seufzt und sehnt sich nach Erlösung, wird jedoch in ihrem Zustand gelassen bis das Zepter Christus übergeben wird. In der Zwischenzeit verfolgt Gott andere Ziele, die sich sehr von seinen Plänen einer gerechten Regierung und irdischen Segens unterscheiden.

Diese Absichten kann man zunächst in Bezug auf das Reich, danach in Bezug auf die Kirche betrachten. Das Reich in seiner jüdischen Form wurde zurückgestellt. Es kann nicht eher nach außen hin sichtbar errichtet werden, bis Israel sagen wird: „Gesegnet sei, der da kommt im Namen des HERRN“. Doch der Herr Jesus erwähnt „die Geheimnisse des Reiches der Himmel“ und in dieser geheimnisvollen oder verdeckten Form besteht das Reich in der heutigen Zeit. Während dieser Epoche hat Christus seinen Thron noch nicht empfangen, sondern Er ist zur Rechten des Vaters gesetzt und wartet darauf, dass Gott Ihm die Nationen als Erbteil gibt. Es ist der Tag seines „Ausharrens“ und nicht seiner „Macht“. Er übt keine Vergeltung an seinen Feinden, sondern sucht sie zu versöhnen. Satan wird gestattet, Unkraut in das Feld zu säen, ohne dass dies unmittelbares Gericht nach sich zieht. Der Sauerteig durchsäuert die ganze Masse, bis alles verdorben ist. Gott handelt noch in Gnade. Er will nicht, dass irgendjemand verloren geht und sammelt sich ein Volk, das dem bevorstehenden Untergang und Gericht entgehen wird. Das ist das Reich in seiner geheimnisvollen Form. Von Gottes Seite aus zeigt sich vollkommene Gnade und beispiellose Geduld, von Seiten des Menschen zeigt sich ein trauriges Bild davon, wie schnell er sich von Gott entfernt und wie er die größten Geschenke, die ihm anvertraut werden, missachtet.

Während das Reich unter der Führung des Menschen zu einem hoffnungslosen Wrack wird, hat Gott einen anderen Gedanken auf dem Herzen. Ein Geheimnis, wie Paulus sagt: „Das in anderen Geschlechtern den Söhnen der Menschen nicht kundgetan worden ist, wie es jetzt offenbart worden ist seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geist“ (Eph 3,5). Dieses Geheimnis wurde enthüllt „damit jetzt den Fürstentümern und den Gewalten in den himmlischen Örtern durch die Versammlung kundgetan werde die mannigfaltige Weisheit Gottes, nach dem ewigen Vorsatz, den er gefasst hat in Christus Jesus, unserem Herrn“ (Eph 3,10.11). Das ist Gottes gegenwärtiges Werk. Seine Pläne des irdischen Segens sind aufgeschoben; das Reich in seiner geheimnisvollen Form ist von Verfall durchsetzt und eilt dem Gericht entgegen. Er aber verfolgt seine Absichten zur Verherrlichung Christi, die Er schon vor dem Beginn der Welt hatte. Absichten, die die Propheten nicht gehört und in die Engel hineinzuschauen begehren. Absichten, in denen ungeachtet unserer Trägheit den Fürstentümern und Gewalten in den himmlischen Örtern die mannigfaltige Weisheit Gottes kundgetan würde. Diese Absichten werden „durch die Versammlung (Kirche)“ erfüllt, die nicht nur Gegenstand des Wohlgefallens Gottes ist, sondern durch die seine Weisheit am hellsten strahlt.

Der Leerraum zwischen der Aufgabe und Wiederaufnahme Gottes irdischer Pläne wird durch das Reich in seiner gegenwärtigen Form und durch die Kirche gefüllt. Gemäß Institution Gottes sind diese deckungsgleich, aus den gleichen Personen bestehend, obwohl sie auf unterschiedliche Art betrachtet werden. Trotz der Abweichung, die durch das Versagen des Menschen hervorgerufen wurde, wird in der Schrift gelegentlich von dem Reich sowohl in engerem als auch weiteren Aspekt gesprochen – einmal unter dem Aspekt, dass es von Gott eingesetzt wurde oder aber mit Blick auf seine Verwaltung durch den Menschen. Beide Sichtweisen finden wir in der Unterredung in Matthäus 13, in der unser Herr besonders auf das Reich in seiner gegenwärtigen Form Bezug nimmt. Wenn Er zu der Volksmenge spricht, zeigt Er, was der Mensch aus dem Reich macht, Unkraut wuchert neben dem Weizen, der Sauerteig durchsäuert die ganze Masse. Danach zieht Er sich mit seinen Jüngern in das Haus zurück und offenbart ihnen die Geheimnisse, die nur sie zu wissen bekamen. Das Gleichnis von dem Unkraut erklärt Er so: „Der gute Same aber, dies sind die Söhne des Reiches, das Unkraut aber sind die Söhne des Bösen“. Hier wird das Reich in seinem engeren Blickpunkt betrachtet, als bestände es nur aus gutem Samen. Die beiden Gleichnisse, die folgen, werden im gleichen Licht gesehen: „Das Reich der Himmel ist gleich einem im Acker verborgenen Schatz, den ein Mensch fand und verbarg; und vor Freude darüber geht er hin und verkauft alles, was er hat, und kauft jenen Acker. Wiederum ist das Reich der Himmel gleich einem Kaufmann, der schöne Perlen sucht; als er aber eine sehr kostbare Perle gefunden hatte, ging er hin und verkaufte alles, was er hatte, und kaufte sie“ (Mt 13,44–46).

Die allgemein übliche Auslegung, nach der diese Gleichnisse als die Suche der Menschen nach Erlösung gesehen werden, müssen wir hier nicht erläutern. Solch eine Erklärung steht nicht nur im Widerspruch zu der Aussage dieses Kapitels, sondern auch zur Lehre der Schrift im Allgemeinen und kann nur absoluter Blindheit gegenüber dem einheitlichen Muster dieser verschiedenen Gleichnisse entspringen. Ziel dieser Unterredung ist es, folgendes zu zeigen:

1.       mit welchen Mitteln sich das Reich in seiner gegenwärtigen Form ausbreitet: durch die Aussaat des Wortes;

2.       seine Geschichte unter dem Aspekt des Bekenntnisses nach außen: Vermischung mit der Welt und Verfall;

3.       den wahren Kern, den Gott durch die riesige Hülle der Täuschung sieht und der vor dem Mensch verborgen ist.

Draußen hatte Jesus der Volksmenge gesagt, was die Hände der Menschen aus dem Reich machen würden. Seinen Jüngern erläutert Er, was nach Gottes Gedanken übrig bleibt. Der Mensch würde es zu einer durchsäuerten Masse machen. In seiner Mitte gäbe es jedoch einen Schatz, den Christus besitzen wolle und Er „verkaufte alles, was er hatte“. Er würde sein Leben geben, um diesen zu kaufen. Der Acker wurde nicht wegen seines eigenen Wertes gekauft, sondern wegen des verborgenen Schatzes. Das ist das Reich, wie es sich für Gott darstellt, wie Er allein es sieht: versteckt im Feld eines hohlen Bekenntnisses.

Und so wie von dem Reich in seinem weiteren und engeren Aspekt gesprochen wird, so auch von der Kirche. Die Kirche, die nach Gottes Gedanken herausgerufen wurde, was wir im Epheserbrief finden, und die Kirche, wie sie in Offenbarung 2 und 3 gesehen wird – ein trauriger Gegensatz. Im ersten Fall ist es die echte Kirche, die uns der Geist Gottes vor Augen führt. Sie besteht aus wahren Gläubigen die in einer lebendigen Beziehung zu Christus stehen. Im zweiten Fall sehen wir die Kirche, die den Namen Christi trägt und die in Verbindung mit diesem Namen eine Verantwortung Gott gegenüber hat, ihr ernstes Urteil empfangen. In der ersten kann es kein Versagen geben, denn sie ist aus Gott. Bei der zweiten entdecken wir, dass sie sich in Bezug auf das ihr Anvertraute genauso von Gottes Gedanken entfernt hat, wie wir es zuvor bei dem Mensch gesehen haben.

Unsere derzeitige Untersuchung beschränkt sich auf die Kirche nach Gottes Gedanken. Der Herr selbst bezieht sich in seinen Lehren nur zweimal auf sie. Da die Kirche aber eines der Dinge ist, die nur teilweise zur Zeit Christi auf der Erde offenbart wurde, werden uns diese Hinweise helfen, zu verstehen, was Gott hinterher „seinen heiligen Aposteln und Propheten im Geist“ kundgetan hat. Die erste Gelegenheit, bei der die „Versammlung“ oder „Kirche“ ausdrücklich erwähnt wird, finden wir in Matthäus 16. In Kapitel 13 wurde von dem Reich in seiner geheimnisvollen Form gesprochen, zunächst hinsichtlich seiner geschichtlichen Entwicklung in der Hand des Menschen, dann in Bezug auf diesen verborgenen Kreis, der sie für Christus kostbar machte. Kapitel 16 greift das Reich wieder in seiner administrativen Form auf und erwähnt in diesem Zusammenhang auch die neue „Versammlung“, die Christus bauen würde. Jesus fragt seine Jünger: „Ihr aber, wer sagt ihr, dass ich sei? Simon Petrus aber antwortete und sprach: Du bist der Christus, der Sohn des lebendigen Gottes. Jesus aber antwortete und sprach zu ihm: Glückselig bist du, Simon, Bar Jona; denn Fleisch und Blut haben es dir nicht offenbart, sondern mein Vater, der in den Himmeln ist. Aber auch ich sage dir: Du bist Petrus; und auf diesen Felsen werde ich meine Versammlung bauen, und die Pforten des Hades werden sie nicht überwältigen. Ich werde dir die Schlüssel des Reiches der Himmel geben; und was irgend du auf der Erde binden wirst, wird in den Himmeln gebunden sein, und was irgend du auf der Erde lösen wirst, wird in den Himmeln gelöst sein. Dann gebot er den Jüngern, niemand zu sagen, dass er der Christus sei. Von da an begann Jesus seinen Jüngern zu zeigen, dass er nach Jerusalem hingehen müsse und von den Ältesten und Hohenpriestern und Schriftgelehrten vieles leiden und getötet und am dritten Tag auferweckt werden müsse. Und Petrus nahm ihn beiseite und fing an, ihn zu tadeln, indem er sagte: Gott behüte dich, Herr! Dies wird dir nicht widerfahren! Er aber wandte sich um und sprach zu Petrus: Geh hinter mich, Satan! Du bist mir ein Ärgernis, denn du sinnst nicht auf das, was Gottes, sondern auf das, was der Menschen ist. Dann sprach Jesus zu seinen Jüngern: Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge mir nach“ (Mt 16,15–24).

Dieser Abschnitt zeigt einen bedeutenden Wechsel in den Haushaltungen: Die Vorstellung Jesu in einem neuen Charakter und das Verlassen des bisherigen Zeugnisses. Nachdem Johannes ins Gefängnis geworfen wurde, hatte Jesus begonnen „zu predigen und zu sagen: Tut Buße, denn das Reich der Himmel ist nahe gekommen“ (Mt 4,17). Die öffentliche Verkündigung des Reiches gegenüber den Juden würde nun aufhören. Anstatt sich selbst der Nation als ihr Messias oder Christus zu zeigen, „gebot er den Jüngern, niemand zu sagen, dass er der Christus sei“. Anstelle von nationaler Anerkennung und irdischer Krone, spricht Er von nationaler Verwerfung und irdischem Kreuz. Gegenüber der alten Hoffnung des prophetischen Reiches, erwähnt Er nun etwas Neues, das Er errichten würde: die Versammlung bzw. Kirche. Und statt der Bezeichnung Messias, der Ihn mit dem Thron Davids verband, verwendet Er, bezugnehmend auf die Kirche, den neu verkündeten und unendlich größeren Titel „Sohn des lebendigen Gottes“.

Das Reich wurde also in seiner prophetischen und nationalen Form nicht länger gegenüber dem Volk bezeugt noch war es das unmittelbare Ziel Gottes. Es wurde zwar nicht aufgegeben, jedoch verschoben und sollte zwischenzeitlich in anderer Form errichtet werden. In dieser Form wurde es unter die Verwaltung der Menschen gestellt, die Schlüssel wurden Petrus übergeben, der auch Macht zum Binden und Lösen empfing. Die Schlüssel waren allerdings nicht die der Kirche und noch viel weniger die des Himmels, sondern „die Schlüssel des Reiches der Himmel“. Mit einem Schlüssel erhält man Zugang. Petrus wurde also ermächtigt zuzulassen, nicht zur Kirche, sondern zum Reich. Wie er damit umging, sehen wir in der Apostelgeschichte. Er war es, der Jesus entschieden sowohl als „Herrn“ wie auch als „Christus“ verkündete, die Juden aufforderte, seine Rechte anzuerkennen und in seinem Namen taufte. Die Tür zu den Juden war damit geöffnet und so gingen durch sie an einem Tag dreitausend Seelen in das Reich ein. Die Kirche war jedoch zu keiner Zeit dem Menschen anvertraut und die Schilderung endet mit den Worten: „Der Herr aber fügte täglich hinzu, die gerettet werden sollten“ (Apg 2,47). Danach wurde eine weitere Tür für die Nationen geöffnet. Die Gebete Kornelius‘ wurden erhört. Man möchte annehmen, dass der Apostel der Nationen ihn einführen würde, aber nein: Christus hatte die Schlüssel Petrus gegeben und die verschlossene Tür für die Nationen konnte nur durch ihn rechtmäßig geöffnet werden. Von Gott belehrt, dass in der neuen Form des Reiches die irdische Unterscheidung zwischen rein und unrein aufgehoben war, ging er nach der ersten Aufforderung los und sah „dass auch auf die Nationen die Gabe des Heiligen Geistes ausgegossen worden war“ und er befahl „dass sie getauft würden in dem Namen des Herrn“ (Apg 10,44–48).

Die Macht, der Kirche hinzuzufügen, gehört „dem Herrn“ allein. Die Gewalt über die Schlüssel, d. h. über die Zulassung zum Reich, wurde Petrus gegeben. Und damit geht Petrus‘ Geschichte schon fast zu Ende. Er hatte die Tür für die Nationen geöffnet, ein anderer brachte sie herein. Nachdem Kornelius hinzugefügt wurde, nimmt Petrus nicht länger den ersten Platz ein und Paulus, der Apostel der Nationen, wird zur führenden Person in der weiteren Geschichte der Werke Gottes. Es gibt noch eine weitere Sache, die in wunderbarer Harmonie damit einhergeht: Petrus, der besonders mit den Schlüsseln des Reiches betraut wurde, predigt die Tatsache, „dass Gott ihn sowohl zum Herrn als auch zum Christus gemacht hat, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt“ (Apg 2,36). Das heißt, er bringt die Titel und Herrlichkeiten Jesu mit dem Reich in Verbindung. Im Gegenzug dazu verkündet Paulus, dem das „Geheimnis“ der Kirche mitgeteilt worden war, unmittelbar nach seiner Bekehrung in den Synagogen, dass „Jesus, ... der Sohn Gottes ist“ (Apg 9,20). Das ist, wie wir gesehen haben, der besondere Titel, den Er für die Gründung der Kirche angenommen hat. Petrus‘ spezieller Bereich ist, im Gegensatz zu Paulus, das Reich und in Verbindung mit dieser Tatsache werden ihm allein die Schlüssel anvertraut. Die Macht zu binden und zu lösen wiederum, wird zwar in der oben zitierten Stelle Petrus gegeben, später jedoch auf einen weit größeren Personenkreis ausgedehnt.

Aber lasst uns einmal betrachten, was hier über die Kirche gesagt wird. Jesus sagt: „Auf diesen Felsen werde ich meine Versammlung bauen“ (Mt 16,18). Das zeigt, dass die Kirche noch nicht gegründet worden war. Es hatte natürlich schon errettete Menschen gegeben und es gab sie auch zu diesem Zeitpunkt, aber da die Kirche noch nicht existierte, sind sie eindeutig kein Teil von ihr. Somit finden wir im Brief an die Hebräer die „Versammlung (Kirche) der Erstgeborenen“ und die „vollendeten Gerechten“ als zwei unterschiedliche Gruppen (Heb 12,23). Auch in der Offenbarung, wo die Kirche in ihrer Herrlichkeit gesehen wird, lesen wir, dass es neben der „Braut, die Frau des Lammes“ noch andere gibt, von denen es heißt: „Glückselig, die geladen sind zum Hochzeitsmahl des Lammes!“ (Off 19,7–9). Offensichtlich bestand die Kirche, die Jesus bauen wollte, nicht aus der Gesamtheit der Gläubigen, sondern war eine besondere Gruppe, die sich durch bestimmte Merkmale von den anderen – den alttestamentlich Gläubigen, deren Seelen jetzt im Paradies sind – unterschied. Wie wir noch sehen werden, gehören sie auch nicht zu den Heiligen, die an den Segnungen der irdischen Herrschaft Christi teilhaben werden.

Das geht eindeutig aus der Tatsache hervor, dass die Gründung der Kirche etwas Neues war und nicht etwas, was bereits für die Gläubigen des Alten Testaments existiert hätte. Simon, der diese Gruppe repräsentiert, hatte auf „den Christus des Herrn“ gewartet und als er Ihn gesehen hatte, konnte er sagen: „Meine Augen haben dein Heil gesehen“ (Lk 2,30). Wenn also das Reich in seiner äußeren Herrlichkeit errichtet wird, wird der Name „Christus“ wieder die Grundlage des Segens sein – der Gesalbte Gottes wird der Retter seines Volkes und das Licht der Nationen sein. Aber diese Titel werden jetzt fallengelassen. Jesus erscheint, mit neuer Würde bekleidet und eine andere Grundlage für den Bau der Kirche wird gelegt.

Was ist denn dann die Grundlage? Die römische Kirche legt diesen Text so aus, dass Petrus selbst die Grundlage bilde. Was den Aufbau dieses Abschnitts angeht, gibt es eine Wahl zwischen Petrus und Jesus in seinem neu enthüllten Charakter als „Sohn des lebendigen Gottes“. Nun, Jesus sagt nicht, dass die Kirche auf Petrus (petros – Stein), sondern auf Petra (Felsen) gebaut werden wird: „Du bist Petrus (petros); auf diesen Felsen (petra) werde ich meine Versammlung bauen“. Die Verwendung unterschiedlicher Wörter – sowohl unnötig als auch falsch, wenn Petros oder Petrus die Grundlage gewesen wäre – zeigt, dass nicht er, sondern das, was Jesus zuvor erwähnt hatte, der wahre Felsen (Petra) war, auf den die Versammlung gegründet werden sollte. Solche Wortspiele wie hier mit Petrus – ein Name, den er bereits lange zuvor bekommen hatte – finden wir häufiger in der Schrift, wo Namen oft in Bezug auf ein wichtiges Ereignis verwendet werden. Als die Bundeslade weggenommen wurde, nannte beispielsweise die israelitische Mutter ihr Kind Ikabod (Nicht-Herrlichkeit). Als Jakob seine Söhne segnete, sagte er: „Juda (Gegenstand des Preises), dich werden deine Brüder preisen“ (1. Mo 49,8). Auch Esau ruft in seiner Verbitterung über seinen Bruder: „Ist es nicht, weil man ihm den Namen Jakob (Überlister) gegeben hat, dass er mich nun zweimal überlistet hat?“ (1. Mo 27,36). Und so ist es auch hier bei Petrus, der nur die Grundlage kundgetan hatte, auf die der Herr bauen würde, dass der Herr zu sagt: „Du bist Petrus, genannt Stein, denn du hast den lebendigen Stein oder Felsen gezeigt, auf den die Kirche gegründet werden wird.“

Die Grundlage ist also nicht Petrus, sondern Jesus. Das zeigt dieser Abschnitt und an anderer Stelle weist Petrus in Bezug auf Jesus ausdrücklich auf folgendes hin: „Zu welchem kommend, als zu einem lebendigen Stein, von Menschen zwar verworfen, bei Gott aber auserwählt, kostbar, werdet auch ihr selbst als lebendige Steine aufgebaut, ein geistliches Haus, zu einer heiligen Priesterschaft, um darzubringen geistliche Schlachtopfer, Gott wohlangenehm durch Jesus Christus“ (1. Pet 2,4.5). Auch Paulus schreibt: „Einen anderen Grund kann niemand legen, außer dem, der gelegt ist, welcher ist Jesus Christus“ (1. Kor 3,11) und an anderer Stelle sagt er, die Kirche sei „aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, indem Christus Jesus selbst Eckstein ist“ (Eph 2,20). Die Bilder unterscheiden sich zwar im Detail etwas, aber in allen genannten Stellen ist es Jesus Christus, auf dem der gesamte Bau ruht und an keiner Stelle wird erwähnt, dass Petrus sich von anderen Gläubigen unterscheide. Die Grundlage ist jedoch nicht einfach Jesus, sondern Jesus in dem neuen Charakter, wie er hier vorgestellt wird. Er lässt den Titel Messias fallen, die Grundlage der jüdischen Hoffnungen und der Pläne Gottes hinsichtlich einer irdischen Regierung. Stattdessen nimmt Er den Namen „Sohn des lebendigen Gottes“ an und verkündet, dass Er darauf seine Kirche bauen will. Es ist in der Heiligen Schrift immer so, dass der Name, mit dem Gott sich offenbart, den Charakter seines Handelns zu diesem Zeitpunkt beschreibt. Bei der Schöpfung ist es Elohim, Gott der Allmächtige gegenüber den Patriarchen, Jahwe in Bezug auf Israel, Vater bei denen, die nun an seinen Sohn glauben. Und so ist Christus David gegenüber Herr (Adonai), Er ist der Sohn des Menschen als Vollstrecker Gottes gerechter Absichten, bei Israel nennt Er sich Messias, und der Kirche präsentiert Er sich als der „Sohn des lebendigen Gottes“.

Das Wörtchen „lebendig“ ist sehr bedeutungsvoll. Wenn Jesus von sich selbst spricht als „das lebendige Brot, das aus dem Himmel herabgekommen ist“, fügt Er hinzu: „Wenn jemand von diesem Brot isst, wird er leben in Ewigkeit“ (Joh 6,51). Und etwas weiter sagt Er: „Wie der lebendige Vater mich gesandt hat und ich lebe des Vaters wegen“ (V. 57). Hier wird der Gedanke des Verleihens und des Besitzens von Leben vermittelt. Es ist die Beschreibung dessen, der in sich selbst das Leben und die Macht darüber hat, der sich somit außerhalb des Machtbereichs des Todes befindet und anderen Leben geben kann. So sagt der Herr von sich in Bezug auf das Leben, Er „habe Gewalt, es zu lassen, und habe Gewalt, es wiederzunehmen“ (Joh 10,18) und auch, dass Er „die Auferstehung und das Leben“ sei und dass die, die an Ihn glauben, nicht sterben werden. Der Titel „lebendiger Gott“ ist also überaus wichtig an dieser Stelle. Denn Jesus sprach gerade mit seinen Jüngern über seinen Tod und sagte ihnen, dass sie ihr Kreuz tragen und seinetwillen ihr Leben lassen müssten. Was für einen Halt gab ihnen die Tatsache, dass sie es mit dem „lebendigen Gott“ zu tun hatten, dass sie Teil eines Gebildes sein würden, das die Pforten des Hades nicht überwältigen könnten, dass sie ein Leben haben würden, über das der zweite Tod keine Macht haben würde!

Und das bringt uns zu einer anderen Offenbarung. Sobald Jesus seinen messianischen Charakter verlässt und im Hinblick auf die Gründung der Kirche den Titel „Sohn des lebendigen Gottes“ annimmt, beginnt Er, von seinem Tod und seiner Auferstehung zu reden. Es ist wohl wahr, dass sich darauf der Segen sowohl für die Juden als auch für die Kirche gründet. Dennoch gibt es einen großen Unterschied. Israel verdankt seine Segnung dem Tod Christi, ist aber auf Grund seiner Berufung mit irdischer Herrlichkeit verbunden. Was die Erde betrifft, wird Israel Ihn als den kennen, der die Krone trägt, die Kirche kennt Ihn als den, der das Kreuz trägt. Israel wird Ihn „mit Kraft umgürtet“ besitzen, die Kirche besitzt Ihn „in Schwachheit gekreuzigt“. Und so auch seine Auferstehung. Seine irdische Macht wird Er zweifellos als der Auferstandene ergreifen. Dennoch wird diese Tatsache nicht vorrangig mit der Herrlichkeit des Reiches in Verbindung gebracht, sondern sie ist vor allem in Bezug auf die Kirche von Bedeutung. Er ist „erwiesen ... als Sohn Gottes in Kraft dem Geist der Heiligkeit nach durch Toten-Auferstehung“ (Röm 1,4). Zu Johannes sagt Er: „Ich bin ... der Lebendige, und ich war tot, und siehe, ich bin lebendig von Ewigkeit zu Ewigkeit“ (Off 1,18). Gläubige sind mit Christus gestorben und mit Ihm auferweckt. Sie sollen sich selbst Gott darstellen „als Lebende aus den Toten“ (Röm 6,13). Der Tod und die Auferstehung Christi haben somit zwar für alle eine Bedeutung, die Kirche ist damit jedoch auf besonders ausgeprägte Weise verbunden.

Wie sie damit verbunden ist, können wir folgenden Worten entnehmen: „Wenn jemand mir nachkommen will, so verleugne er sich selbst und nehme sein Kreuz auf und folge mir nach. Denn wer irgend sein Leben erretten will, wird es verlieren; wer aber irgend sein Leben verliert um meinetwillen, wird es finden“ (Mt 16,24). Vollkommen andere Worte als gegenüber Israel! Denn die Juden kennen Jesus als ihren Messias, auf den Thron irdischer Macht gesetzt und die Krone irdischer Herrlichkeit tragend. Christen kennen Ihn als den Sohn „in Schwachheit gekreuzigt“; aber Er lebt durch die Macht Gottes. Wie kann ein Jude etwas anderes als Segnung auf der Erde erwarten, wo sein Messias als oberster Herrscher regiert? Und wie kann der Christ von der Welt etwas anderes als Ablehnung erwarten, wo es für seinen Herrn nur das Kreuz eines Schwerverbrechers gab? Der Jude hofft auf den Herrscherstab, der seine irdischen Rechte hochhalten wird. Der Christ ist in seinem Leben mit dem verbunden, der den Tod überwunden hat. Er ist somit auf einen Felsen gesetzt, dem die Pforten des Hades nichts anhaben können.

Dieser Abschnitt zeigt also, dass das Reich in seiner äußerlich sichtbaren Form verschoben und zwischenzeitlich in einer anderen Form unter menschlicher Verwaltung bestehen wird. In dieser Zeit zeigt sich Jesus unter einem neuen Namen. Auf diesen baut Er das neue Gebäude der Versammlung oder Kirche, die, gegründet auf seine Sohnschaft und Gottheit, außerhalb des Machtbereichs des Hades liegt. Diese Kirche ist mit Christus in seinem Tod und seiner Auferstehung verbunden. Die Erde ist kein Ort des Segens, sondern der Erprobung und die Nachfolger Christi müssen ihr Kreuz auf sich nehmen. Wie wunderbar passt dieser Charakter der Kirche zu der besonderen Hoffnung, die ihr vor Augen gestellt wird: das Kommen des Herrn für die Seinen! Die Welt, unter der Herrschaft der Nationen, kann nur schrecklichem Gericht entgegengehen. Das dem Menschen anvertraute Reich kann nur zu einer durchsäuerten Masse werden. Die Kirche, die in dem beißenden Wind der gottlosen Welt und der anhaltenden Finsternis eines leblosen Bekenntnisses ausharrt, erwartet die Wohnungen im Vaterhaus und den Moment, wenn sein Ruf ertönt und alle Erlösten Christus gleich gemacht und zu Ihm entrückt werden, um „allezeit bei dem Herrn (zu) sein“. Wenn Christus sein Reich auf der Erde errichten wird, wird Er sich mit einem irdischen Volk verbinden, den Teilhabern seiner irdischen Herrlichkeit und dem Gegenstand seines irdischen Wohlgefallens. Jetzt ist Christus jedoch der von der Erde Verworfene und die Freude des Himmels. Deshalb hat Er sich mit einem himmlischen Volk verbunden, den Teilhabern seiner irdischen Verwerfung, die jedoch der Gegenstand seiner himmlischen Freude sind. Hier unten sind sie in der Welt, aber nicht von ihr und Er hat sich selbst zur Rechten Gottes gesetzt, damit Er in der gegenwärtigen Zeit Gegenstand ihrer Liebe, ihrer Beschäftigung und ihrer Hoffnung sei. Ist unser Herz in dieser wunderbaren Haltung?

Das ist es also, was uns der Herr bei der ersten Erwähnung dieses neuen Gebäudes lehrt. Danach gibt Er seinen Jüngern weitere Belehrungen über das gleiche Thema, indem Er ihnen sagt, wie sie im Fall eines bösen Verhaltens durch einen Mitgläubigen handeln sollen. Wenn sich alle anderen Wege der Gnade als unwirksam erweisen, so „sage es der Versammlung“. Und dann ergänzt der Herr: „Wenn er aber auch auf die Versammlung nicht hört, sei er dir wie der Heide und der Zöllner. Wahrlich, ich sage euch: Was irgend ihr auf der Erde binden werdet, wird im Himmel gebunden sein, und was irgend ihr auf der Erde lösen werdet, wird im Himmel gelöst sein. Wahrlich, wiederum sage ich euch: Wenn zwei von euch auf der Erde übereinkommen werden über irgendeine Sache, welche sie auch erbitten mögen, so wird sie ihnen zuteil werden von meinem Vater, der in den Himmeln ist. Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“ (Mt 18,17–20).

Hier wird die Macht zu binden und zu lösen, die zuvor Petrus verliehen wurde, allen Jüngern gegeben. Die Versammlung soll in bestimmten Fällen Zucht ausüben, beispielsweise, wenn ein Bruder gegen einen anderen sündigt und sein Fehlverhalten nicht einsieht. Zuerst muss sich die Gnade und Güte Christi erweisen. Wenn dadurch kein Einsehen herbeigeführt wird, soll sich die Versammlung im Hinblick auf die Verunehrung seines Namens reinigen, indem sie den Bösen aus ihrer Mitte wegtut. Das ist die Macht zu binden und zu lösen, die nicht den Aposteln, sondern der Kirche oder Versammlung gegeben wird. Es ist die Macht zum Ausschluss und zur Wiederzulassung derer, die gesündigt haben. So zumindest in dem hier erwähnten Fall, obwohl der Ausdruck an sich ein größeres Spektrum einschließt, womit zweifellos auch die Aufnahme Gläubiger in die Versammlung gemeint ist. Die eingehendere Autorität, und damit die Verantwortung im Umgang mit Fragen der Sünde, wird ihnen nach der Auferstehung Christi zuteil, wo Er seinen Jüngern sagt: „Empfangt den Heiligen Geist! Welchen irgend ihr die Sünden vergebt, denen sind sie vergeben, welchen irgend ihr sie behaltet, sind sie behalten“ (Joh 20,22–23). Diese Autorität wird nicht den Aposteln, sondern den Jüngern gegeben, d. h. den Gläubigen insgesamt. Es geht dabei nicht um die Macht, Sünden zu vergeben, diese gehört allein Gott, sondern damit ist gemeint, ein göttlich geleitetes Gericht über Vergehen auszuüben, die den Ausschluss des Schuldigen oder eine andere Maßnahme, die zur Wiederherstellung nötig ist, erfordern. Diese Macht wird in Verbindung mit dem Heiligen Geist gegeben und kann nur unter seiner Leitung richtig ausgeübt werden. In dem Moment, wo man seine Leitung verlässt, wird dieser Autorität ihre einzige Grundlage entzogen.

So ruht auch im Matthäusevangelium die Macht zu binden und zu lösen und das Recht zu empfangen, was irgend sie erbitten, allein auf der Gegenwart Jesu in ihrer Mitte: „Denn wo zwei oder drei versammelt sind in meinem Namen, da bin ich in ihrer Mitte“. Im Neuen Testament zeigt der Name den Charakter, in dem die Person handelt. So sagt der Herr: „Ich habe deinen Namen (den des Vaters) den Menschen offenbart, die du mir aus der Welt gegeben hast“ (Joh 17,6). Und an anderer Stelle: „Wer an ihn glaubt, wird nicht gerichtet; wer aber nicht glaubt, ist schon gerichtet, weil er nicht geglaubt hat an den Namen des eingeborenen Sohnes Gottes“ (Joh 3,18). Die Versammlung in Philadelphia wurde gelobt: „Du hast ... meinen Namen nicht verleugnet“ (Off 3,8). Zum Namen des Herrn versammelt zu sein, bedeutet, zu seiner Person zusammenzukommen, seine Autorität anzuerkennen und in Übereinstimmung mit seinen Gedanken zu sein. Wenn man jedoch offiziell zu seinem Namen hin zusammenkommt, in Wirklichkeit aber einen anderen Mittelpunkt hat, eine andere Autorität anerkennt oder sich im Gegensatz zu seinen Anweisungen befindet, ist seine Gegenwart nicht verheißen. Zweifellos kann selbst in diesem Fall der Heilige Geist zugegen sein und wirken, die Predigt bzw. Lehre des Wortes segnen und wo Aufrichtigkeit des Herzens ist, wird Unwissenheit und Versagen mit Nachsicht behandelt. Es kann daher großen Segen geben, auch wenn wir uns weit von Gottes Gedanken entfernt haben, denn wir haben es mit einem Gott zu tun, der unsere Schwachheiten kennt und Mitleid mit unserer Unwissenheit hat. In den Tagen des Verfalls Israels lesen wir von solchen, die sich durch Unwissenheit „nicht gereinigt (hatten), sondern aßen das Passah nicht so, wie es vorgeschrieben ist. Doch Jehiskia bat für sie und sprach: Der HERR, der Gütige, möge jedem vergeben, der sein Herz darauf gerichtet hat, Gott zu suchen, den HERRN, den Gott seiner Väter, wenn auch nicht der Reinheit des Heiligtums entsprechend! Und der HERR erhörte Jehiskia und heilte das Volk“ (2. Chr 30,18–20). Die Gnade kann und möchte unserem Versagen begegnen, sofern es durch Unwissenheit verursacht wurde und das Herz Gott aufrichtig zugeneigt ist. Wir können jedoch sicher sein, dass die Wege des Herrn besser sind als die des Menschen und die Gnade, die angesichts von Unwissenheit trotzdem zu Segen führt, kann Gleichgültigkeit gegenüber Gottes wahren Gedanken nicht entschuldigen. Mit dem Wirken des Heiligen Geistes soll nicht die Unwissenheit, die aus schuldhafter Nichtbeachtung entstanden ist, gutgeheißen werden, genauso wenig bedeutet es, dass Vorsätzlichkeit und Ungehorsam solcher gebilligt werden, die seinen Namen zur Umsetzung ihrer eigenen Ideen benutzen.

Wir stehen in der Verantwortung, zu lernen, was mit dem Versammeln zum Namen des Herrn gemeint ist. Das ist für alle Gläubige eine höchst interessante und wichtige Angelegenheit. Die Macht, auf der Erde zu binden und zu lösen, so dass es im Himmel gebunden ist, ist eine mit großem Ernst verbundene Aufgabe. Eine derartige Aufgabe ohne göttliche Legitimation auszuüben, birgt eine schreckliche Verantwortung. „Meine Ehre gebe ich keinem anderen“, sagt der Herr und es ist klar, dass Christus in der Versammlung nicht seiner eigenen Ehre und Rechte beraubt werden will. Ist es deshalb möglich, dass die oben erwähnte feierliche Aufgabe in die Hand einiger Gläubiger, die sich in freiwilligem Zusammenschluss und nach ihren eigenen Regeln versammeln, übergeben wird? Wo Christus anwesend ist, muss es Raum geben für alle, die Christus angehören – natürlich unter der Voraussetzung gottgemäßer Lehre. Seine Autorität muss die höchste und einzige sein, die alle Anordnungen und Satzungen, jede Beschränkung und Bestimmung der Menschen beiseitesetzt. Nur bei denen, die sich auf diese Weise versammeln, wird der Herr Jesus gegenwärtig sein, nur ihnen wird die Kraft Gottes gegeben, und nur sie erhalten die Macht zu binden und zu lösen. Wenn wir verstehen, was es bedeutet, zu seinem Namen versammelt zu sein, werden uns diese wunderbaren Verheißungen und mächtigen Gaben mit Staunen erfüllen. Wenn Gläubige wirklich im Gehorsam gegenüber den Anweisungen Gottes und mit Herzen, die sich seiner Autorität unterordnen, versammelt sind, wenn sie in schlichtem Glauben seine Gegenwart in ihrer Mitte besitzen, wo bleibt da noch Raum für Eigenwillen? Wo ist dort die Möglichkeit für Fehlverhalten? Wie könnte dort irgendetwas gebunden oder gelöst werden, was nicht in Übereinstimmung mit seiner Führung ist? Wie sollten hier Fragen aufkommen, die nicht seinen Gedanken entsprächen?

Die Missachtung dieser Bedingungen, vorsätzlich oder aus Unwissenheit, hat die weltweite Trennung zwischen Reich und Kirche verursacht. Menschen haben sich angemaßt zu binden und zu lösen, zu behalten und zu erlassen, ungeachtet der Bestimmungen, auf Grund derer sie diese Macht erhalten hatten. In der Schrift wird an den Stellen, wo diese Macht erteilt wird, die Kirche und das Reich als Einheit betrachtet, so wie Gott es vorgesehen hatte. Solange wie die Versammlung in einem Zustand war, dass sie die Gegenwart Jesu und die Leitung des Geistes genoss, blieben die Kirche und das Reich, das durch Menschen verwaltet wurde, nebeneinander bestehen. In dem Moment, wo Eigenwille, Unabhängigkeit oder eigene Interessen Einzug hielten, war ihr Handeln nicht mehr durch die Gegenwart Christi und die Leitung des Geistes geprägt. Die Anordnungen des Leibes auf der Erde wurden nicht länger im Himmel anerkannt. Die Kirche und das Reich nach den Gedanken Gottes wurden von dem Reich unter der Ordnung bzw. Unordnung des Menschen getrennt. Dem Ich, der Welt und Satan standen nun Tür und Tor offen. Der Name Christi wurde als Rechtfertigung für jede Art von Gräueltaten und Lästerung missbraucht, die sich menschliche oder teuflische Boshaftigkeit nur ausdenken kann. Obwohl der Schatz nach wie vor vorhanden und für Gott gleich kostbar war, wurde die Christenheit, das Feld, in dem er versteckt war, zu einer abscheulichen Sache, deren Geschichte ein ungläubiger Historiker ganz recht als „Annalen der Hölle“ beschreibt.

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