Das Kommen des Herrn, Israel und die Gemeinde

Direkte Belehrungen bezüglich der Wiederkunft des Herrn für die lebenden Gläubigen

Von unmittelbarem Interesse für den Gläubigen ist die Bedeutung des Ausdrucks „Das Kommen des Herrn”: Spricht die Schrift hier vom Tod des Christen oder von Christus, der am Ende der Welt kommt um die Toten aufzuerwecken und zu richten? Oder enthalten diese Worte eine völlig andere Hoffnung? Ich schlage vor, dass wir in diesem ersten Teil einmal untersuchen, was das Wort Gottes über das Kommen des Herrn sagt, zuerst hinsichtlich der Auswirkungen für die lebenden Gläubigen und als nächstes in Bezug auf die Toten. Das Alte Testament ist voll vom Kommen des Messias in Herrlichkeit und Macht. Die Juden waren so beschäftigt mit diesen Prophezeiungen, dass sie übersahen, was über sein Kommen in Schwachheit und Niedrigkeit vorhergesagt wurde. Der Herr Jesus spricht selbst häufig von seinem Kommen in Macht und auch seine Jünger erwähnen dieses Ereignis des Öfteren in Unterredungen untereinander.

Sie fragen: „Was ist das Zeichen deiner Ankunft?“ (Mt 24,3) Es wird ihnen gesagt zu wachen, „denn ihr wisst nicht, an welchem Tag euer Herr kommt“ (V. 42) und sie werden durch die Frage ermahnt: „Wird wohl der Sohn des Menschen, wenn er kommt, den Glauben finden auf der Erde?“ (Lk 18,8). Das zweite Kommen des Herrn wurde daher von seinen Jüngern erwartet und nahm in den Belehrungen des Herrn einen bedeutenden Platz ein. In den Briefen finden wir schließlich eine andere Tatsache, ein „Geheimnis“, das vor den Propheten des Alten Testaments verborgen war und worauf nur der Herr Jesus selbst einen Hinweis gab. Es geht darum, dass das Kommen des Herrn aus zwei unterschiedlichen Ereignissen besteht. Die Propheten sagen fast ausnahmslos die Ankunft des Messias selbst voraus und obwohl einer von ihnen sagt: „Und kommen wird der Herr, mein Gott, und alle Heiligen mit dir“ (Sach 14,5), finden wir weder hier noch an einer anderen Stelle im Alten Testament einen Hinweis darauf, wer diese Heiligen sind. Das Neue Testament jedoch zeigt uns nicht nur, dass dieses wunderbare Ereignis der Ankunft Christi in Begleitung seiner Heiligen stattfindet, sondern macht deutlich, dass diese Heiligen Gläubige sind, dargestellt mit verherrlichten Leibern, gleich wie der auferstandene Herr selbst. Bevor der Herr Jesus kommt um über die Erde zu herrschen müssen jedoch seine Heiligen in den Himmel aufgenommen werden. Dementsprechend finden wir in den Briefen, dass der erste Teil des Kommens des Herrn darin besteht, die Gläubigen zu sich zu holen und der zweite seine Wiederkehr mit ihnen auf die Erde beinhaltet. Als unser Herr auf der Erde war, war die Zeit für die Enthüllung dieses Geheimnisses noch nicht gekommen, weshalb Er üblicherweise allgemein von seinem Kommen spricht, ohne diese Unterscheidung in zwei Teile machen. Wir können deshalb nur anhand der Briefe verstehen, was Er uns über diesen Gegenstand lehren will und in ihrem Licht wird die göttliche Vollkommenheit offenbar.

Vor allem in den ersten drei Evangelien sind diese beiden Teile, obwohl sie erwähnt werden, so verborgen, dass es empfehlenswert ist, die Untersuchung von diesen erst dann vorzunehmen, wenn wir den Schlüssel zu ihren verborgenen Schätzen entdeckt haben. Im vierten Evangelium wird das Geheimnis zwar nicht explizit enthüllt, das Kommen des Herrn für die Seinen wird jedoch als Hoffnung vor die Herzen der Jünger gestellt. In der Nacht seiner Überlieferung sagt der Herr: „Euer Herz werde nicht bestürzt. Ihr glaubt an Gott, glaubt auch an mich! In dem Haus meines Vaters sind viele Wohnungen; wenn es nicht so wäre, hätte ich es euch gesagt; denn ich gehe hin, euch eine Stätte zu bereiten. Und wenn ich hingehe und euch eine Stätte bereite, so komme ich wieder und werde euch zu mir nehmen, damit, wo ich bin, auch ihr seiet“ (Joh 14,1–3). Diese Worte werden zum Trost seiner Jünger im Hinblick auf seinen Weggang ausgesprochen. Der Herr sagt ihnen, dass er einen Platz für sie bereiten wird und bald zurückkommen wird, um sie zu sich zu nehmen, damit sie bei ihm sein sollen. Dieser Abschnitt wird oft auf den Tod von Gläubigen angewendet. Eine derartige Auslegung wird jedoch nicht durch andere Schriftstellen gestützt und ist offensichtlich widersprüchlich. Die Jünger wussten nämlich nicht nur von einer Auferstehung, sondern hatten auch Kenntnis über die Existenz einer vom Körper getrennten Seele. Diese konnte, wie bei Lazarus, in Glückseligkeit sein oder in Qualen wie bei dem reichen Mann. Wenn der Herr Jesus ihnen also damit hätte sagen wollen, dass ihre Seelen dann bei Ihm im Paradies wären, hätte Er ihnen nur das gesagt, was sie ohnehin wussten. Was den Tod angeht, heißt es außerdem immer nur, dass der Gläubige zum Herrn geht, nicht, dass der Herr für den Gläubigen kommt.

In einer derart schweren Lage wäre den Jüngern auch nicht die Hoffnung gegeben worden in ein unvollkommenes Stadium überzugehen wie das der Seele im Paradies. Der Abschnitt impliziert Vollständigkeit, vollkommene Wiedervereinigung, die nur dann stattfindet „wenn aber dieses Verwesliche Unverweslichkeit anziehen und dieses Sterbliche Unsterblichkeit anziehen wird“. Die Hoffnung des Gläubigen ist nicht der Tod, sondern die Erlösung des Körpers. „Wenn unser irdisches Haus, die Hütte, zerstört wird“, hoffen wir auf „ein Haus, nicht mit Händen gemacht, ein ewiges, in den Himmeln“. Paulus jedenfalls wollte lieber „ausheimisch von dem Leib und einheimisch bei dem Herrn sein“, sein. Sein Wunsch ist es „nicht entkleidet, sondern überkleidet“ zu werden, „damit das Sterbliche verschlungen werde von dem Leben“ (2. Kor 5,1–9). Dieser vollkommene Zustand ist die wahre Hoffnung des Christen. In den tröstlichen Abschiedsworten an seine Jünger, als Er verspricht wiederzukommen und sie zu sich zu nehmen, war die Absicht des Herrn sicherlich nichts weniger als die Erfüllung dieser Hoffnung.

Dass diese Worte eine neue Zukunftsaussicht offenbaren (anders als dass die Seele nach dem Tod beim Herrn ist) wird in den Schlussversen dieses Evangeliums deutlich. In diesen sagt der Herr Petrus' Tod voraus und nachdem Er gefragt wird, was dann aus Johannes wird, antwortet er: „Wenn ich will, dass er bleibe, bis ich komme, was geht es dich an?“ (Joh 21,22). Das konnte nicht bedeuten, dass Johannes bis ans Ende der Welt leben würde. Es konnte aber auch nicht bedeuten, dass Johannes nach seinem Tod bei dem Herrn Jesus sein würde. Wenn das so wäre, warum hätte er dann einen Unterschied zwischen Petrus oder einem der anderen Jünger gemacht? Eine solche Auslegung würde den Worten ihre Bedeutung nehmen und gleichbedeutend sein mit der Aussage „wenn ich will, dass er lebt bis er stirbt, was geht es dich an?“ Das Kommen, worauf sich hier bezogen wird, meint daher weder das bei Christus Sein nach dem Tod, noch sein Erscheinen am Ende der Welt.

Die wahre Bedeutung ist nicht weit weg zu finden. Die Rede ist nicht von einer unendlichen Anzahl ähnlicher Ereignisse, wie der Tod jedes einzelnen Gläubigen, sondern es wird von einem einzigen Vorgang gesprochen, von dem die Jünger bereits gehört hatten. Solch ein Ereignis hatte der Herr erst kürzlich erwähnt, als Er versprach für seine Jünger wiederzukommen. Es ist wahr, dass Er es nicht von dem anderen Teil seines Kommens unterscheidet, aber Er hat es als besonderes Merkmal herausgestellt und auf Grund dessen war Johannes' Herz bewegt als diese Worte ausgesprochen wurden. Was kann einfacher sein? In einem feierlichen Moment erzählt der Herr den Jüngern, dass Er kommt um sie zu Ihm zu holen. Kurz danach bittet Er sie nicht überrascht zu sein, wenn einer von ihnen bleibt, bis Er kommt. Wie wenig die Jünger auch in der Lage waren zwischen den beiden Teilen seines Kommens zu unterscheiden, kann dennoch kein Zweifel daran bestehen, dass diese Aussagen dazu gedacht waren, ihnen die gleiche wunderbare Hoffnung vorzustellen. Diese beiden Abschnitte lehren uns also: erstens, der Herr Jesus wird für seine Heiligen zurückkommen, nicht bei deren Tod oder am Ende der Welt, sondern zu einem bestimmten, jedoch unbekannten Zeitpunkt, wobei alle zusammen zu der Stätte gebracht werden, die Er für sie bereitet hat. Zweitens, dass dieses Wiederkommen, obwohl zeitlich unbekannt, vor dem Tod zumindest einer der Apostel stattfinden könnte. So verstanden es die Jünger, denn „es ging nun dieses Wort unter die Brüder aus: Jener Jünger stirbt nicht“ (Joh 21,23). Obwohl der Heilige Geist diese Annahme korrigierte, wird uns nicht gesagt, dass der Fehler darin bestand, zu glauben, der Herr käme während Johannes noch lebt und noch weniger, dass wenn Er käme, Johannes nicht sterben würde. Die Worte des Herrn unterstützen ausdrücklich die genannte Sicht und andere Stellen der Schrift machen deutlich, dass Gläubige, die bei dem Kommen des Herrn auf der Erde leben, umgestaltet werden ohne durch den Tod gehen zu müssen. Der Fehler der Jünger bestand darum nicht darin, dass sie das aus den Worten des Herrn verstanden hatten, sondern darin, dass sie etwas hinzugefügt hatten und somit die Möglichkeit, dass Johannes bleiben könnte, in eine Vorhersage, dass er bleiben würde, umwandelten.

Es wird auch nichts über eine außergewöhnliche Lebensdauer von Johannes gesagt. Der Zeitpunkt des Kommens des Herrn wird bewusst außer Acht gelassen. Das einzige Ereignis, das nach der Schrift vor dem versprochenen Kommen des Herrn für seine Jünger geschehen musste, war Petrus‘ Märtyrertod, eine Sache, die in Zeiten der Verfolgung nahezu jederzeit hätte geschehen können. Wenn dieser stattgefunden hatte, gab es nach diesen Abschnitten keinen Grund anzunehmen, warum die Rückkehr des Herrn nicht jeden Moment erwartet werden könnte. Lasst uns einen Blick auf die Situation der frühen Jünger werfen und daran denken, dass das die gesamte Erkenntnis war, die sie über dieses Thema hatten. Von den beiden, über deren weiteren Lebensweg gesprochen wurde, wird dem einen gesagt, dass er den Tod erleiden muss und dem anderen, dass er möglicherweise bleibe bis der Herr käme. Wäre es für Johannes nicht eine vollkommen natürliche und richtige Sache in der Erwartung des Kommens des Herrn zu leben? Hätte er nicht Unglauben gezeigt, wenn er nicht auf die Verwandlung gehofft, sondern stattdessen den Tod erwartet hätte? Wäre es für die anderen Jünger, Petrus ausgenommen, nicht auch nur richtig, den Herrn zu ihren Lebzeiten zu erwarten und ständig die belebende Hoffnung vor ihren Herzen zu haben, dass der Eine, den sie liebten und der von ihnen gegangen war, bald zurückkäme um sie zu sich zu nehmen?

Es ist wichtig, den berechtigten Effekt, den diese Worte unseres Herrn auf die Herzen der Jünger hatten, festzustellen, denn diese waren für sie das einzige Licht über diesen Gegenstand. Es stimmt zwar, dass Er noch andere Prophezeiungen über sein Kommen äußerte. Darin wird jedoch bewusst der große Aspekt des Kommens des Herrn für seine Heiligen, getrennt von und zeitlich vor seinem Kommen in Macht und Herrlichkeit, verhüllt. An keiner anderen Stelle erwähnt der Herr Jesus die Hoffnung seiner Wiederkehr für seine Jünger ohne auf andere Ereignisse Bezug zu nehmen, die sein Kommen in diese Welt betreffen. Diese Hoffnung wird in wenigen Worten und kaum missverständlich zum Ausdruck gebracht. Es ist eine ernste Sache festzustellen, dass eine Aussage, die so klar und präzise formuliert ist, missinterpretiert wird, dass die Schlussfolgerung, die die Jünger aus den Worten unseres Herrn ziehen, von Ihm keineswegs so beabsichtigt war. Die Jünger sollten ihre Hoffnung nicht auf eine falsch verstandene Verheißung des Herrn setzen. Wir sollten sicherlich eher den Schluss ziehen, dass es Gott in seiner Weisheit gefallen hat, den Zeitpunkt zu verschweigen und in seiner Barmherzigkeit hat es ihm auch gefallen, dieses Ereignis zu verzögern und damit, obwohl es für die Gläubigen eine wunderbare Sache ist, die Zeit der Gnade gegenüber der Welt zu verlängern. Seine Absicht ist es, das Kommen seines Sohnes als beständige kostbare Hoffnung vor die Herzen der Seinen zu stellen.

Obwohl die Sprache unseres Herrn klar und eindeutig zu sein scheint, mag man sich fragen, ob sie in Übereinstimmung mit anderen Teilen des Wortes Gottes ist. Die Lehre des Christus berührt, wie schon erwähnt, dieses spezielle Thema seiner gesonderten Wiederkunft für seine Heiligen nur wenig. Er überlässt es dem Geist der Wahrheit, der sie in allem unterweisen sollte und ihnen alles, was er ihnen gesagt hatte, in Erinnerung bringen sollte, den Jüngern die volle Bedeutung dieses Kommens vor die Herzen zu stellen. Was lehrt uns also der Heilige Geist über das wunderbare Thema, was wir hier betrachten?

Die Frage wird in der Apostelgeschichte nicht lange behandelt, obwohl wir hier auch einen Abschnitt finden, der eindeutig von der Wiederkehr des Herrn, in der einen oder anderen Form, vor dem Ende der Welt spricht. Unmittelbar nach seiner Himmelfahrt, während die Jünger „unverwandt zum Himmel schauten, als er auffuhr, siehe, da standen zwei Männer in weißen Kleidern bei ihnen, die auch sprachen: Männer von Galiläa, was steht ihr da und seht hinauf zum Himmel? Dieser Jesus, der von euch weg in den Himmel aufgenommen worden ist, wird ebenso kommen, wie ihr ihn habt auffahren sehen in den Himmel“ (Apg 1,10.11). Hier wird kein Zeitpunkt erwähnt und wenn dieser Abschnitt für sich selbst stehen würde, könnte man annehmen, er würde sich auf das Ende der Welt beziehen. Der Vergleich mit anderen Schriftstellen jedoch macht diese Annahme unmöglich. Denn, erstens: von seinem erneuten Kommen heißt es, dass es „ebenso“ sein wird wie seine Himmelfahrt und nichts kann diesem Ereignis unähnlicher sein als das Erscheinen des Richters auf dem großen weißen Thron. Zweitens: wenn der Richter erscheint, kommt er nicht in die Welt, da „vor dessen Angesicht die Erde entfloh und der Himmel, und keine Stätte wurde für sie gefunden“ (Off 20,11–15). Drittens: unser Herr hatte selbst dauernd von seinem Kommen gesprochen und erst kurz zuvor die Bedeutung dessen für seine Jünger erwähnt als Ermunterung und Hoffnung für sie, als den einen kostbaren Trost, der während seiner Abwesenheit in ihren Herzen bleiben sollte. Was ist wohl natürlicher als dass Er nun, nachdem Er sie gerade nach seiner letzten irdischen Gemeinschaft mit ihnen verlassen hatte, ihnen noch einmal das Versprechen seiner Wiederkehr vor ihre Herzen stellt? Es ist wahr, dass die beiden Teile seines Kommens nicht eindeutig herausgestellt werden, noch wird die besondere Hoffnung, die seine Wiederkehr für seine Heiligen hat, als ein eigenes Ereignis hier offenbart. Dennoch ist das Kommen, von dem wir nun dieses Merkmal gezeigt bekommen, als eine allgemeine Hoffnung vorgestellt um die Herzen der Jünger zu ermuntern und ruhig zu machen.

Es ist in den Briefen, wo der Geist völlig offenbar macht alles „was Jesus anfing, sowohl zu tun als auch zu lehren“ während seiner Zeit hier auf der Erde, d. h. das „Geheimnis“ seines gesonderten Kommens für die Heiligen, was bis hierhin in den Ratschlüssen Gottes verborgen war, wird hier erstmalig enthüllt. Der frühste dieser Briefe, da sind sich fast alle Bibelausleger einig, ist der erste Brief an die Thessalonicher.

Paulus war etwa drei oder vier Wochen in Thessalonich – „und unterredete sich an drei Sabbaten mit ihnen aus den Schriften“ (Apg 17,2). Die ganze Unterweisung, die die Gläubigen hatten, hatten sie durch diesen kurzen Besuch empfangen, dem wenig später der erste Brief folgte. Es ist daher interessant, die Wahrheit zu beachten, die sie empfingen und ihre praktischen Auswirkungen. Über beide dieser Aspekte hatte der Heilige Geist umfassende Angaben gemacht. Der Apostel freute sich an ihnen „gedenkend eures Werkes des Glaubens und der Bemühung der Liebe und des Ausharrens der Hoffnung auf unseren Herrn Jesus Christus“ (1. Thes 1,3). Sie waren Vorbilder für die Gläubigen. Nicht nur in Mazedonien und Achaja, sondern auch an allen anderen Orten, wo von den Thessalonichern berichtet wurde „wie ihr euch von den Götzenbildern zu Gott bekehrt habt, um dem lebendigen und wahren Gott zu dienen und seinen Sohn aus den Himmeln zu erwarten“ (1. Thes 1; 9; 10). Das waren also die zwei Merkmale der Versammlung in Thessalonich. Können wir sagen, dass dies die unterscheidenden Kennzeichen der Christen heutzutage sind? Man könnte darauf antworten, dass alle Gläubigen den Herrn Jesus aus den Himmeln erwarten und das ist zweifellos auch wahr. Mit Sicherheit wird jedoch kein Mensch beim Blick auf die Christen heutzutage annehmen, dass dies ein Hauptmerkmal ihres Glaubens sei. Der Vers ist offenbar ein Hinweis darauf, was der Rest des Briefes eindeutig zeigt: unter den Thessalonichern wurde etwas gefunden, das viel mehr war als nur eine entfernte Erwartung des Kommens des Herrn am Ende der Welt. Es war eine gegenwärtige Hoffnung, die all ihre Gedanken, Empfindungen und ihr praktisches Leben beeinflusste. Eine Hoffnung, die so lebendig und kraftvoll war, dass sie die Beachtung fand von „allen Gläubigen in Mazedonien und in Achaja“.

Wenn dies eine fälschliche Annahme auf Grund fehlenden Wissens gewesen wäre, wie kann es dann sein, dass der Apostel sie nicht korrigiert, sondern stattdessen über diese wartende Haltung berichtet? Er erwähnt diese im direkten Zusammenhang mit ihrer Hinwendung zu Gott als Teil des strahlenden Zeugnisses, das sie trugen. Im nächsten Kapitel erwähnt er diese Hoffnung erneut und zwar wieder ohne im Geringsten anzudeuten, dass die Thessalonicher sich geirrt hatten oder sich unbegründeten Erwartungen hingaben. Im vierten Kapitel, auf das wir bald noch näher eingehen werden, spricht der Apostel vom Kommen des Herrn in diesen bemerkenswerten Worten: „Denn dieses sagen wir euch im Wort des Herrn, dass wir, die Lebenden, die übrig bleiben bis zur Ankunft des Herrn, den Entschlafenen keineswegs zuvorkommen werden. Denn der Herr selbst wird mit gebietendem Zuruf ... vom Himmel herabkommen; danach werden wir, die Lebenden, die übrig bleiben, zugleich mit ihnen entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft; und so werden wir allezeit bei dem Herrn sein. So ermuntert nun einander mit diesen Worten“ (1. Thes 4,15–18). Der Herr hatte seinen Jünger gesagt, dass einer von ihnen möglicherweise bis zu seiner Rückkehr bleiben würde. Hier erwähnt der Heilige Geist die Möglichkeit, dass zu dieser Zeit lebende Gläubige ebenfalls bis zu dieser Zeit übrig bleiben. Er macht eine Gegenüberstellung zwischen „wir, die Lebenden“ und „den Entschlafenen“. Was bedeutet das Wörtchen „wir“ an dieser Stelle? Ein Redner kann zu seinem Publikum sagen „wir, die wir bis ans Ende dieses Jahrhunderts leben.“ Das bedeutet nicht, dass irgendeiner von ihnen solange leben muss, es ist lediglich die Möglichkeit, dass es so sein kann. Es wäre jedoch unsinnig zu sagen „wir, die wir bis ans Ende des nächsten Jahrhunderts leben.“ Hier offenbart der Heilige Geist nicht den Zeitpunkt der Wiederkehr Christi, sondern, indem er diesen Punkt unbestimmt lässt, nährt er die Hoffnung, von der Gott möchte, dass sich die Gläubigen ihr hingeben. Wenn Er nicht gemeint hätte, dass sie in der Zeit ihres Lebens das Kommen des Herrn erwarten sollten, wäre der Gebrauch der ersten Person nicht nur bedeutungslos, sondern sogar falsch.

Vergleichen wir diese Aussage mit den Worten unseres Herrn. Der Herr Jesus sagt „so komme ich wieder“, Paulus sagt: „der Herr selbst wird … vom Himmel herabkommen.“ Der Herr sagt: „ich werde euch zu mir nehmen“, Paulus sagt, dass die lebenden Gläubigen „entrückt werden in Wolken dem Herrn entgegen in die Luft.“ Der Herr gibt als Begründung an „damit, wo ich bin, auch ihr seiet“, Paulus erklärt: „so werden wir allezeit bei dem Herrn sein.“ Der Herr verspricht, dass die Herzen der Jünger nicht betrübt werden, Paulus ermahnt die trauernden Gläubigen: „So ermuntert nun einander mit diesen Worten.“ Es steht außer Frage, dass diese Schriftstellen, die so nah beieinander liegen, sich auf das gleiche Ereignis beziehen. Und um welches Ereignis handelt es sich? Nicht um das Ende der Welt, denn es könnte zur Zeit der damals auf der Erde lebenden Generation stattfinden. Nicht der Tod, denn die Lebenden werden entrückt, ohne den Tod zu sehen. Es kann nichts anderes sein als das Kommen des Herrn für die Seinen, gemäß der wunderbaren Verheißung, die Er seinen Jüngern vor seiner Himmelfahrt gegeben hatte.

Sehr ähnlich und in gewisser Hinsicht sogar noch stärker sind die Worte des gleichen Apostels an die Versammlung in Korinth: „Siehe, ich sage euch ein Geheimnis: Wir werden zwar nicht alle entschlafen, wir werden aber alle verwandelt werden, in einem Nu, in einem Augenblick, bei der letzten Posaune; denn posaunen wird es, und die Toten werden auferweckt werden unverweslich, und wir werden verwandelt werden“ (1. Kor 15,51.52). Es wird uns hier ausdrücklich etwas gesagt, was wir aus dem anderen Abschnitt durchaus ableiten können: diejenigen, die bei dem Kommen des Herrn für die Seinen leben, werden nicht sterben, sondern umgestaltet werden. Aber ist das nicht das Kommen am Ende der Welt? Lasst uns den Text genau betrachten. Die Auferstehung der Ungläubigen wird hier nicht erwähnt. Die zwei gegensätzlichen Gruppen sind zum einen die Gläubigen, die bei seinem Kommen leben und Gläubige, die gestorben sind. Zu welcher dieser Gruppen zählt der Apostel sich nun selbst und die Empfänger seines Briefes? Nicht zu den Toten, sondern zu den Lebenden. Hätte er gemeint, dass sowohl er als auch sie bereits im Grab wären, hätte er gesagt „posaunen wird es, und wir werden auferweckt werden unverweslich, und die Lebenden werden verwandelt werden.“ So stellt es die moderne Theologie dar. Der Heilige Geist kehrt diese Annahme um, indem er die derzeitig Lebenden der Gruppe zuordnet, die bis zum Kommen des Herrn leben könnten. Wenn behauptet würde, dass der Geist, der „auch die Tiefen Gottes“ erforscht, gewusst hätte, dass die Thessalonicher vor der Rückkehr des Herrn sterben würden, und er ihnen deshalb nicht das Warten auf sein Kommen als Hoffnung vorgestellt hätte, gibt es darauf folgende Antwort: Christus selbst hatte es so vor Johannes gestellt, obwohl Er wusste, dass dieses Ereignis erst nach Johannes' Tod stattfinden würde. „Das Törichte Gottes ist weiser als die Menschen.“ Diese Worte wurden so gewählt, damit die Hoffnung auf das Kommen des Herrn dem Gläubigen immer vor Augen steht. Aber sagt die Schrift nicht ausdrücklich: „Es ist den Menschen gesetzt, einmal zu sterben?” Lasst uns einmal den Abschnitt untersuchen, in dem diese Worte stehen. Sprechen wir von dem einen Opfer Christi heißt es: „Jetzt aber ist er einmal in der Vollendung der Zeitalter offenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer. Und ebenso wie es den Menschen gesetzt ist, einmal zu sterben, danach aber das Gericht, so wird auch der Christus, nachdem er einmal geopfert worden ist, um vieler Sünden zu tragen, zum zweiten Mal denen, die ihn erwarten, ohne Sünde erscheinen zur Errettung“ (Heb 9,26–28).

Diese Verse zeigen eindeutig, dass mit dem Sündenfall der Tod das natürliche Ende eines Menschen ist. Warum aber wird das hier erwähnt? Nur um die Tatsache hervorzuheben, dass Christus den Platz des Menschen eingenommen hat und an seiner Stelle Tod und Gericht getragen hat. Als Folge der Sünde erwartet den Menschen Tod und Gericht. Bei seinem ersten Kommen hat Christus als Stellvertreter für den Glaubenden Tod und Gericht erduldet. Bei seinem zweiten Kommen zur Errettung der Seinen hat Er nichts mehr mit der Sünde zu tun. Das ist in Übereinstimmung mit der ganzen Erörterung des Kapitels, welches das unvollständige und vorübergehende Ergebnis der levitischen Opfer mit dem vollkommenen Werk Christi vergleicht, „jetzt aber ist er einmal in der Vollendung der Zeitalter offenbart worden zur Abschaffung der Sünde durch sein Opfer.“ Anstatt herauszustellen, dass Tod und Gericht unbedingt auf die Menschen kommen muss, finden wir hier, dass auf den Gläubigen weder Tod noch Gericht als Strafe für Sünde warten.

Das wird auch von einer anderen Überlegung her offensichtlich. Die Schrift sagt, dass es „den Menschen gesetzt ist einmal zu sterben, danach aber das Gericht.“ Wenn sich somit herausstellt, dass der Gläubige sterben muss, heißt es, dass er auch gerichtet werden muss; und wenn nicht erwiesen ist, dass er gerichtet werden muss, muss er auch nicht sterben. Aber unser Herr sagt selbst: „Wer mein Wort hört und dem glaubt, der mich gesandt hat, hat ewiges Leben und kommt nicht ins Gericht“ (Joh 5,24). Im Originaltext steht das gleiche Wort wie im Hebräerbrief. Der Gläubige hat somit den in diesem Vers beschriebenen Zustand verlassen und ist dem Gericht (die eine Strafe für Sünde) und somit auch dem Tod (die andere Strafe für Sünde) entkommen.

Wenn das so ist, warum sterben dann Gläubige? Nicht als Bestrafung für Sünde, denn, wenn der Gläubige auch nur einen Teil der Sündenstrafe selbst tragen müsste, wäre das Versöhnungswerk Christi kein vollkommenes Werk. Doch obwohl die Strafe für Sünde weggetan wurde, sind die Folgen der Sünde noch nicht vollständig beseitigt. Das wird erst mit der „Erlösung unseres Leibes“ der Fall sein. Wie bei dem „ersten Menschen”, ist der Körper „von der Erde, von Staub“ und somit dem natürlichen Verfall unterworfen. Er ist rechtmäßig vom Tod befreit und sollte der Herr kommen bevor seine Kraft zu Ende ist, wird er sofort umgestaltet ohne durch den Tod zu gehen, vom „Bild des Staubes“1 zum „Bild des Himmlischen.“ Der Körper unterliegt aber natürlicherweise dem Verfall. Sofern der Herr nicht kommt bevor seine Kräfte am Ende sind, entschläft er und erwartet seine Erlösung und das Kommen des Herrn im Grab anstatt auf der Erde. Vom Tod des Gläubigen wird somit bildlich gesprochen hinweisend auf seinen vorübergehenden Zustand – „durch Jesus Entschlafene“, „wenn unser irdisches Haus, die Hütte, zerstört wird“ oder „gesät in Schwachheit“ – und dessen wunderbares Ende „auferweckt in Kraft.“

Fußnoten

  • 1 Wörtlich:„Bild dessen von Staub“ , 1. Kor 15,49
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