Einführender Vortrag zum Jakobusbrief

Kapitel 5

Einführender Vortrag zum Jakobusbrief

Danach finden wir in Jakobus 5 ein ernstes Wort an die Reichen. Sie sollen „weinen und heulen“ wegen des Elends, das über sie kommen wird. Will immer noch jemand behaupten, daß es sich hier um Erlöste Gottes handelt? Sind sie diejenigen, welche „weinen und heulen“ sollen wegen des Elends, das über sie kommt? Werden  sie aufgefordert, zu „weinen und zu heulen“? „Euer Reichtum ist verfault, und eure Kleider sind mottenfräßig geworden. Euer Gold und Silber ist verrostet, und ihr Rost wird zum Zeugnis sein wider euch und euer Fleisch fressen wie Feuer; ihr habt Schätze gesammelt.“ (V. 2-3). Wir lesen nicht: „für die letzten Tagen.“ 1 Das wäre kaum zu verstehen. Der Heilige Geist will uns zweifellos sagen: „Ihr habt Schätze gesammelt  in den letzten Tagen.“  Das macht ihr selbstsüchtiges Handeln und ihre Gleichgültigkeit gegen andere nur um so schwerwiegender. Es ist schlimm genug, überhaupt Schätze anzusammeln. Doch das Aufhäufen derselben in den letzten Tagen fügt in den Augen des Herrn nicht wenig zu ihrem Bösen hinzu. „Ist es Zeit“, sagte der unwillige Prophet zu seinem habsüchtigen und unaufrichtigen Diener, „Silber zu nehmen und Kleider zu nehmen, und Olivenbäume und Weinberge, und Kleinvieh und Rinder, und Knechte und Mägde?“ (2. Könige 5,26). War damals nicht eine Zeit, in der Gott in ungewohnter Macht und Gnade sogar für Heiden wirkte? War es die Zeit für einen Israeliten, mit Lügen daraus Vorteil und Gewinn zu ziehen? So ist es auch hier. Nachdem Gottes Wort in ernsten Warnungen die letzten Tage ausgerufen hat, ist das Anhäufen von Schätzen in einer solchen Zeit wirklich sehr mißfällig für Gott.

„Siehe, der Lohn der Arbeiter, die eure Felder geschnitten haben, der von euch vorenthalten ist, schreit, und das Geschrei der Schnitter ist vor die Ohren des Herrn Zebaoth gekommen. Ihr habt in Üppigkeit gelebt auf der Erde und geschwelgt; ihr habt eure Herzen gepflegt wie an einem Schlachttage. Ihr habt verurteilt, ihr habt getötet den Gerechten.“ (V. 4-6).  Welch eine unerwartete sittliche Verbindung! Der Apostel zeigt, daß der Geist des Anhäufens von Reichtümern in den letzten Tagen derselbe ist, der in anderen Umständen Jesus Christus, den Gerechten, ermordet hat. Eine solche Beziehung hätten wir nicht vorausgesetzt. Aber der Heilige Geist, der stets auf die Herrlichkeit des Herrn bedacht ist, entdeckt genau diese Verbindung; und wenn wir darüber nachdenken, müssen wir Ihm zustimmen. Diese Selbstsucht war es, die in unmittelbarer und persönlicher Weise mit dem Herrn der Herrlichkeit zusammenprallte, Der, „da er reich war, um euretwillen arm wurde, auf daß ihr durch seine Armut reich würdet.“ (2. Korinther 8,9). Wir können verstehen, daß diejenigen, deren einziges Trachten auf ihre eigene Bedeutung, ihre Herrlichkeit und ihr Wohlleben in dieser Welt gerichtet war, fühlten, wie ein solcher Mensch ein lebendiges Zeugnis gegen sie verkörperte. Er überführte sie von ihrem empörenden Widerstand gegen die Gnade Gottes, welche durch Jesus in Wort und Tat verkündigte, daß Geben seliger ist als Nehmen (vgl. Apostelgeschichte 20,35!). Auf eine solche Lehre und Praxis waren die Pharisäer ganz und gar unvorbereitet (siehe Lukas 16!). Folglich wuchs ihr Haß immer mehr an, bis daraus die Kreuzigung des Herrn hervorging. Das ist einer der Gründe, wenn auch natürlich nicht der einzige, welcher das Gericht Gottes auf die Erde herabruft. So sieht es auch der Heilige Geist in unserer Stelle. „Ihr habt getötet den Gerechten.“  Er spielt auf den Herrn Jesus an und nicht auf den Gerechten im allgemeinen; denn der  Gerechte, nämlich Christus, „widersteht euch nicht.“

„Habt nun Geduld, Brüder, bis zur Ankunft des Herrn. Siehe, der Ackersmann wartet auf die köstliche Frucht der Erde und hat Geduld ihretwegen, bis sie den Früh- und Spätregen empfange. Habt auch ihr Geduld, befestiget eure Herzen, denn die Ankunft des Herrn ist nahe gekommen.“ (V. 7-8).

Dann ruft Jakobus sie erneut und um so mehr auf, keinem murrenden Geist gegeneinander Raum zu geben, da der Richter vor der Tür steht. Er ermahnt sie zu Ausharren und Geduld. Das erscheint noch einmal als abschließender Appell. Wir hatten es schon am Anfang des ersten Kapitels. Wir finden es hier noch einmal, damit wir unter allen Umständen immer wieder daran denken. „Nehmet, Brüder, zum Vorbild des Leidens und der Geduld die Propheten, die im Namen des Herrn geredet haben. Siehe, wir preisen die glückselig, welche ausgeharrt haben. Von dem Ausharren Hiobs habt ihr gehört, und das Ende des Herrn habt ihr gesehen, daß der Herr voll innigen Mitgefühls und barmherzig ist.“ (V. 10-11).

Noch einen anderen Fallstrick sollen wir in diesem Zusammenhang vermeiden. „Vor allem aber, meine Brüder, schwöret nicht, weder bei dem Himmel, noch bei der Erde, noch mit irgend einem anderen Eide; es sei aber euer Ja ja, und euer Nein nein, auf daß ihr nicht unter Gericht fallet.“ (V. 12). Was steht vor dem Apostel? Der Eid vor einer Obrigkeit? - Die Schrift schwächt an keiner Stelle diese ernste Verpflichtung ab. Der Herr selbst respektierte die Beschwörung des Hohenpriesters; und in keiner Schriftstelle, sei es in der Bergpredigt oder in dem, was Jakobus hier sagt, noch in irgendeinem anderen Teil der Bibel, finden wir eine herabmindernde Anspielung auf einen rechtlichen Eid. Im Gegenteil! Der Herr sprach jüdische Jünger an; Jakobus schreibt an die zwölf Stämme Israels in der Zerstreuung. Beide richten ihre Blicke auf die Gewohnheit, jeden Tag religiöse Bestätigungen zur Bekräftigung ihrer Worte vorzubringen. Zudem entweihten sie damit den Namen des Herrn in Angelegenheiten dieses Lebens. Das schwächt tatsächlich das Gesagte eher ab, als das es dasselbe bekräftigt; denn offensichtlich dient alles Ungeforderte nicht unbedingt zur Erhärtung einer Aussage, sondern ist vielmehr eine Frucht und ein Beweis von Schwäche. Wo einfachste Wahrhaftigkeit vorhanden ist, wird nichts weiter benötigt, als eine ruhige Aussage über eine Angelegenheit.

Kein Volk neigte so sehr zum alltäglichen Schwören wie die Juden. Darum habe ich nicht den geringsten Zweifel, daß der Herr und Sein Knecht das Vorbringen eines Schwurs in einem normalen Gespräch tadeln; und das ist offensichtlich nicht auf einen Eid vor einem Staatsbeamten anwendbar. Tatsächlich scheint es mir in sich selbst sündhaft zu sein, wenn ein Mensch einen Eid ablehnt (vorausgesetzt, seine Formel ist in jeder Hinsicht einwandfrei), obwohl er von einer berechtigten Autorität gefordert wird. Für mich ist das im Grunde genommen eine Leugnung der Autorität Gottes in der bürgerlichen Verwaltung hier auf der Erde. Ich glaube daher, daß es eine auferlegte Pflicht ist für jeden Menschen, der unter Eid gestellt wird, einen solchen in der Furcht des Herrn abzulegen. Ich gebe zu: Es muß durch eine zuständige Autorität geschehen. Deshalb dürfen wir nicht voraussetzen, daß der Abschnitt in Matthäus 5 und dieser Teil des Jakobusbriefs den geringsten Bezug zum rechtlichen Schwören hat. Müssen wir annehmen, daß jene, die solchen Gedanken anhangen, damit irgendein wahres Verständnis bezüglich des Wortes Gottes zeigen? Sicherlich offenbaren sie eine echte Sorge für ein gutes Gewissen. Das sei keinesfalls geleugnet. Wir sollten indessen Sorge tragen, von Gott geleitet zu werden in diesen Dingen, welche sehr bedeutsam sind in der gegenwärtigen Zeit. Denn wir wissen, daß der Geist des Zeitalters versucht, Gott aus allem auszusperren, was den Menschen hier auf der Erde betrifft. Der Herr schwieg, bis Er vom Hohenpriester beschworen wurde. Stand Sein Verhalten etwa nicht in vollkommener Übereinstimmung mit Seinem Lehren? Ein Eid sollte demnach nicht verweigert werden, wenn er von einer Amtsperson gefordert wird. Ich setze natürlich voraus, daß in den Redewendungen des Eids sich nichts befindet, was falsche Lehre oder den Anschein von Aberglauben enthält. Zum Beispiel mag man sich in römisch-katholischen Ländern auf die Jungfrau oder Engel oder Heilige beziehen. Ich denke nicht, daß ein christlicher Mensch die Freiheit hat, einen solchen Eid abzulegen. Statt dessen setze ich jetzt voraus, daß von einer Person im Namen Gottes verlangt wird, vorzubringen, was sie für die Wahrheit in einer Angelegenheit hält, von der sie Zeuge war - und zwar die Wahrheit, die ganze Wahrheit und nichts als die Wahrheit. Mir scheint, daß ein Mensch, weit von irgendeiner Freiheit zur Zurückweisung des Eids, im Gegenteil durch Unwissenheit einer nicht sehr kleinen Sünde schuldig wird, wenn er in dieser Angelegenheit Einwände erhebt.

Der Rest des Kapitels nimmt ein anderes Thema auf, nämlich den Fall einer Zuchthandlung seitens Gottes. Es geht dabei um Seine Regierungswege. „Leidet jemand unter euch Trübsal? er bete. Ist jemand gutes Mutes? er singe Psalmen.“ (V. 13). Damit sind nicht ausdrücklich die inspirierten Psalmen gemeint. Die Menschen neigen dazu, an die Psalmen Davids zu denken, wo immer dieses Wort eingeführt wird. Zweifellos leiten alte Gewohnheiten und Beziehungen zu dieser Vorstellung. Wir finden indessen in der Bibel keine Grundlage dafür. Die Stelle besagt nichts weiter, als daß jemand, der glücklich ist, seiner Freude im Preisen des Herrn freien Lauf lassen sollte. Mehr nicht!

„Ist jemand krank unter euch? er rufe die Ältesten der Versammlung zu sich, und sie mögen über ihn beten und ihn mit Öl salben im Namen des Herrn.“ (V. 14). Das war, wie wir wissen, eine alte Sitte. Sie wurde selbst von solchen gepflegt, die mit übernatürlichen Kräften bekleidet waren. Als die Apostel von unserem Herrn ausgesandt wurden, wies Er sie an, die Kranken mit Öl zu salben. (Markus 6) 2. So sollten auch hier die Ältesten in derselben bemerkenswerten Weise handeln. Ich leugne keineswegs, daß es sehr beeindruckende Antworten auf Gebete gibt. Aber ich nenne diese Antworten nicht „übernatürliche Kräfte“. Die wahre Gewalt letzterer wird nämlich von einer Person ausgeübt, welche der Herr zu diesem Zweck erweckt hat und die weiß, daß sie auf dieselben in jenen Fällen rechnen darf, in denen der Herr sie zeigen will. Beim Warten auf die Beantwortung eines bestimmten Gebets hingegen finden wir eine Prüfung und Übung des Glaubens diesbezüglich, wie wir es bei jenen sehen, die für Petrus in seiner Gefangenschaft beteten (Apostelgeschichte 12). Soweit es diese Gläubigen betraf, gab es nichts Übernatürliches in ihrer Handlungsweise. Sie wandten sich in bemerkenswert direkter Weise an Gott. Das stand jedoch in keinster Weise mit irgendeiner Wundergabe in Verbindung, die den Betenden mitgeteilt worden war. „Und das Gebet des Glaubens wird den Kranken heilen, und der Herr wird ihn aufrichten.“ (V. 15). Es geht hier um ein Gericht Gottes. Die Person wurde wegen irgendwelchem Bösen mit Krankheit gezüchtigt.* Das Gericht ist zu Ende, die Gnade tritt für sie ein, und Gott heilt.

Danach folgt der allgemeine Geist des Bekennens. „Bekennet denn einander die Vergehungen und betet füreinander, damit ihr geheilt werdet.“ (V. 16). Wahre Liebe beschäftigt sich nicht allein mit dem Guten, sondern sogar mit dem, was, ach!, als die Frucht ungerichteten Bösen dasteht. Es wird jedoch sorgfältig vermieden, ein Bekenntnis vor den Ältesten zu fordern. Das beruht, ich kann es nicht bezweifeln, auf der weitblickenden Weisheit Gottes, Der die Seelen liebt und Aberglaube haßt. „Das inbrünstige Gebet eines Gerechten vermag viel.“ Um diese Aussage zu stützen, wird Elia angeführt. Zuletzt lesen wir: „Meine Brüder, wenn jemand unter euch von der Wahrheit abirrt, und es führt ihn jemand zurück, so wisse er, daß der, welcher einen Sünder von der Verirrung seines Weges zurückführt, eine Seele vom Tode erretten und eine Menge von Sünden bedecken wird.“ (V. 19-20). Das wird zweifellos in einer allgemeinen Form gesehen. Gleichzeitig bestätigt es nur, wie mir scheint, das, was wir von dem umfassenden Charakter dieses Briefes schon gezeigt haben.

Im nächsten Vortrag werden wir, wenn der Herr will, einen Bereich betreten, der mehr zur normalen Linie unserer christlichen Beziehungen gehört. 

Fußnoten

  • 1 wie in der englischen „Authorized Version“. (Übs.).
  • 2 Anm. d. Übers.: Ich bin nicht sicher, daß diese Bibel­stelle diesen Gedanken stützt.
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