Einführender Vortrag zum Jakobusbrief

Kapitel 4

Einführender Vortrag zum Jakobusbrief

Ach! In Jakobus 4 finden wir das Gegenteil hiervon, nämlich Kriege und Streitigkeiten. Woher kommen sie? - Nicht aus der neuen Natur, von der Gott die gesegnete Quelle ist, sondern aus der alten! Kommen sie „nicht daher, aus euren Lüsten, die in euren Gliedern streiten? Ihr gelüstet und habt nichts; ihr tötet und neidet und könnet nichts erlangen; ihr streitet und krieget; ihr habt nichts, weil ihr nicht bittet; ihr bittet und empfanget nichts, weil ihr übel bittet, auf daß ihr es in euren Lüsten vergeudet. Ihr Ehebrecherinnen, wisset ihr nicht, daß die Freundschaft der Welt Feindschaft wider Gott ist?“ (V. 1-4). Ich hoffe doch, daß niemand die Ansicht verficht, hier handle es sich um aus Gott geborene Menschen. Mir scheinen die Aussagen, die am Anfang der gegenwärtigen Untersuchung gemacht worden sind, ein wichtiger Schlüssel für die Deutung gewisser Ausdrücke zu sein. Auf der anderen Seite, wenn wir vergessen, an wen diese Worte gerichtet sind, und voraussetzen, daß Jakobus sich mit niemand anderen als nur aus Gott Geborenen beschäftigt, sind wir gezwungen, die Kraft des göttlichen Wortes wegzuerklären. Nimm seine Aufforderungen mit der Einfalt des Glaubens an und du wirst finden, wie jedes Wort Gottes dem Verständnis etwas zu sagen hat! Du brauchst nicht den geringsten Ausdruck abzuschwächen! Jakobus beschäftigt sich mit Christen, aber nicht ausschließlich mit Christen. Wie er selbst sagt, schreibt er an Menschen israelitischer Abstammung und nicht allein an jene aus Israel, die glauben. Ausdrücklich redet er die ganzen zwölf Stämme Israels an. Ob sie glauben oder nicht - sie werden alle in diesem Brief angesprochen. Folglich enthält er Aussagen an jene, welche offensichtlich nicht aus Gott geboren sind, sowie an die Wiedergeborenen.

Unter diesem Eindruck lese ich: „Wer nun irgend ein Freund der Welt sein will, stellt sich als Feind Gottes dar. Oder meinet ihr, daß die Schrift vergeblich rede? Begehrt der Geist, der in uns wohnt, mit Neid?“ ... 1  Das verbindet sich, wie ich es sehe, mit dem, was folgt: „Er gibt aber größere Gnade.“  (V. 6). Weit davon entfernt, mit Neid zu begehren, handelt Gott in Güte. Allein die Gnade hat die Natur Gottes mitgeteilt. Allein die Gnade kräftigt die neue Natur durch die Gabe des Heiligen Geistes, der in uns wohnt; und noch mehr: „Er gibt aber größere Gnade; deshalb spricht er: „Gott widersteht den Hochmütigen, den Demütigen aber gibt er Gnade.““  Wer mit Gott verwirklicht, was diese Welt und was die menschliche Natur sind, demütigt sich vor Ihm. Einem solchen wird auch mehr Gnade gegeben. Das Empfinden von all dem, was rund herum und in ihm selbst ist, führt den Erlösten ins Selbstgericht vor Gott.

Das ist also, wie ich vermute - obwohl ich nicht wage, mit größerer Entschiedenheit zu reden - das praktische Ergebnis. „Unterwerfet euch nun Gott. Widerstehet dem Teufel, und er wird von euch fliehen.“ (V. 7). Was wird nicht alles von diesen beiden Ermahnungen abgedeckt! Die eine ist die Quelle von allem Guten, die andere ein Schutz gegen alles Böse. „Nahet euch Gott, und er wird sich euch nahen. Säubert die Hände, ihr Sünder.“ (V. 8). Streitet jemand dafür, daß „Sünder“ „Heilige“ meint? - Sie sind völlig verschieden. Es herrscht unter zu vielen evangelischen Christen eine unglückliche Gewohnheit, von „erlösten Sündern“ zu sprechen. Meiner Meinung nach ist diese Bezeichnung nicht nur ungenau, sondern auch fehlleitend und gefährlich. Die Schrift kennt kein Geschöpf wie einen „erlösten Sünder“. Wir dürfen uns über die Erlösung eines Sünders freuen, wenn wir die Barmherzigkeit in unserer eigenen Seele kennen. Falls wir jedoch den Ausdruck „erlöster Sünder“ zulassen, erlaubt das die sittliche Folge, daß er, auch wenn und obwohl er errettet ist, weiter sündigen darf. Natürlich leugnet niemand, der mit der Wahrheit vertraut ist, daß auch eine erlöste Seele noch das Fleisch in sich hat und zum Sündigen neigt, wenn sie nicht wachsam ist. Trotzdem hat ein Erlöster ein neues Leben und den Heiligen Geist empfangen, sodaß eine Sünde für ihn nicht selbstverständlich ist. Er ist verpflichtet, genauso im Geist zu wandeln, wie er im Geist lebt. Sündigen ist offensichtlich gegen seine neue Natur und seine Stellung - und auch gegen jene gesegnete Befreiung, welche Gott ihm in Christus gegeben hat.

So liegt häufig sogar in der Form, wie die Wahrheit vorgetragen, wird, eine große Bedeutung. Die Art und Weise, eine Wahrheit auszudrücken, so gut gemeint sie auch sei, kann manchmal für Seelen zum Fallstrick werden. Das geschieht durch unseren Mangel an Unterwürfigkeit unter die kostbare Wahrheit und wunderbare Weisheit Gottes in Seinem Wort. Anstatt zur Heiligkeit zu fördern, kann ein nachlässiges Wort im Gegenteil der alten Natur die Zügel lockern. So handelt kein Abschnitt der Heiligen Schrift. Es stimmt natürlich uneingeschränkt, daß Gott mit einem Menschen als einem Sünder beginnt, wenn Er sich mit ihm beschäftigt. Doch dort endet Er niemals. Ich bin mir nicht bewußt, daß in irgendeinem Teil des Wortes Gottes ein Gläubiger als Sünder gesehen wird, abgesehen vielleicht in einer Art Übergangszustand. Zweifellos bezeichnete sich der Mann, welcher an der Spitze aller Erlösten und Diener Gottes stand, als Erster der Sünder, wenn er darauf zurückblickte, was er gewesen war, als er sich selbst vor dem Gesetz und seinem eigenen Wesen nach lobte. Dabei dachte er vor allem an die unermeßlichen Reichtümer der Gnade Gottes, die er, so begünstigt, anderen Seelen mitteilen durfte. Daran sollen und dürfen wir in unserem Maß teilhaben. Andererseits ist es offensichtlich ein eindeutiger Widerspruch, wenn wir gleichzeitig von uns als Erlöste und Sünder reden.

Kurz gesagt: Die Heilige Schrift billigt eine solche Verknüpfung nicht; und je eher wir uns von solchen Phrasen befreien, welche keine bessere Bezeichnung als „fromme Redensarten“ verdienen - um so besser für alle! Es würde Zeitvergeudung sein, über diese Dinge jetzt zu sprechen, wenn sie nicht von praktischer Bedeutung wären. Doch davon bin ich überzeugt. Diese und andere schablonenhafte Ausdrücke der religiösen Welt fordern dringend eine Überprüfung anhand der Heiligen Schrift, wobei sie eine solche nicht bestehen werden. Die Überlieferungen der Protestanten und Evangelikalen sind nicht besser als die der Römisch-Katholischen sowie der Juden, welche allen anderen vorangegangen sind. Für uns ist der weiseste Weg, jede unschriftgemäße Floskel, welche wir verbreitet und einflußreich erleben, zu verwerfen.

Ich bestehe also nachdrücklich darauf, daß mir der Ausdruck „Sünder“ an dieser Stelle offensichtlich zeigt, daß der Heilige Geist in diesem Brief einen umfassenderen Bereich vor Augen hat, als die meisten zugeben. Außerdem ist es keine geringe Bestätigung für das, was wir schon bei Jakobus gefunden haben. „Säubert die Hände, ihr Sünder, und reiniget die Herzen, ihr Wankelmütigen. Seid niedergebeugt, und trauert und weinet; euer Lachen verwandle sich in Traurigkeit und eure Freude in Niedergeschlagenheit. Demütiget euch vor dem Herrn, und er wird euch erhöhen. Redet nicht widereinander, Brüder. Wer wider seinen Bruder redet“, spricht in Wirklichkeit böse über Gottes Gesetz und richtet es.

Doch am Ende unseres Kapitels besteht Jakobus zudem auf die Notwendigkeit der Abhängigkeit von Gott in einer anderen Form. Das heißt, wir werden vor Entschlüssen und Plänen hinsichtlich unser zukünftiges Handeln und ähnlichem gewarnt. Auch das ist ein praktischer Gegenstand. Wir alle sollten wissen, wie wachsam wir sein müssen, daß wir nicht auf diese Weise den Gott über uns und das Kommen des Herrn mißachten. So sagt er hier: „Wohlan denn, die ihr saget: Heute oder morgen wollen wir in die und die Stadt gehen und daselbst ein Jahr zubringen und Handel treiben und Gewinn machen; (die ihr nicht wisset, was der morgende Tag bringen wird)“ (V. 13-14) - ja, nicht einmal der   morgige Tag! „(Denn was ist euer Leben? Ein Dampf ist es ja, der eine kleine Zeit sichtbar ist und dann verschwindet); statt daß ihr saget: Wenn der Herr will und wir leben, so werden wir auch dieses oder jenes tun. Nun aber rühmet ihr euch in euren Großtuereien. Alles solches Rühmen ist böse.“  Jakobus schließt indessen nicht ohne einen anderen Appell an das Gewissen. „Wer nun weiß, Gutes zu tun, und tut es nicht, dem ist es Sünde.“ (V. 17)]. Das ist das Gesetz der Freiheit und der unbegrenzten Reinheit und Kraft. Sünde besteht nicht allein darin, Böses zu tun, sondern auch darin, das Gute, das wir kennen, nicht zu tun. Vergessen wir niemals, was die neue Natur liebt und Christus gemäß als wahrhaftig und heilig empfindet!

Fußnoten

  • 1 Anm. d. Übers.: Kelly geht in dem oben Ausgelassenen auf ein Problem ein, das wir im Text der englischen Bibel („Authorized Version“, „King-James-Bible“), aber auch in der „Lutherbibel“ bis heute und den meisten deutschen und englischen Übersetzungen, einschließlich der „Revi­di­erten Elberfelder“, finden. Bekanntermaßen sind in den griechischen Urmanuskripten des Neuen Testaments we­der Wortenden noch Satzzeichen markiert. Sie müssen demnach in den Text hineingelesen werden und beruhen auf dem Verständnis des jeweiligen Lesers bzw. untersu­chenden Bibelwissenschaftlers. So gibt der allgemein ak­zeptierte griechische Text des Neuen Testaments den zweiten Teil des Verses als Zitat unbekannter Herkunft wieder, wie die „Rev. Elberfelder“ in einer Anmerkung sagt. Der Vers lautet dann so: „Oder meint ihr, daß die Schrift vergeblich rede: Der Geist, der in uns wohnt, be­gehrt mit Neid?“ Daß diese Übersetzungsweise, wie sie die englische „Authorized Version“ gibt, nicht so ganz passen kann, sehen auch die moderneren Übersetzer ein. Daher umschreiben sie die Aussage über den Neid in folgender Weise: „Luther Übs.“ von 1912: „Oder lasset ihr euch dünken, die Schrift sage umsonst: Der Geist, der in euch wohnt, begehrt und eifert?“; „Rev. Luther Übs.“ von 1984: „Oder meint ihr, die Schrift sage umsonst: Mit Eifer wacht Gott über den Geist, den er in uns hat wohnen lassen?“ Das „Kleine(s) Wörterbuch zum Neuen Testa­ment – Griechisch-Deutsch“, 3., verbesserte Aufl. 2001, von Rudolf Kassühlke in der Datei-Version im Rahmen der „Stuttgarter Elektronische Studienbibel“ gibt an, daß die Bedeutung des Wortes für Neid im Zusammenhang mit Jakobus 4, 5 unsicher sei, d. h. also, daß es keinen Beleg dafür gibt, daß man auf diese Weise übersetzen darf. Im folgenden die im Haupttext weggelassenen Ausfüh­rungen von Kelly zur Begründung und Erklärung des Problems und seiner Lösungsmöglichkeit: „Muß gesagt werden, daß dieser Vers für viele Menschen ein Anlaß für große Schwierigkeiten gewesen ist? Obwohl ich keines­wegs bereit bin, über seine Aussage bestimmte Erklärun­gen festzusetzen, scheint es mir dennoch eine voreilige Ansicht zu sein, die hier voraussetzt, daß es sich bei dem beschriebenen Geist um nicht mehr als den Geist des Menschen handelt.* Ich wüßte nicht, wie vom menschli­chen Geist angemessen gesagt werden könnte, daß er in einem Menschen wohnt. Wir können den Ausdruck „der Geist des Menschen, der in ihm ist“ verstehen, wie der Apostel Paulus den menschlichen Geist in 1. Korinther 2 [V. 11] beschreibt, aber kaum von ihm als einem Geist reden, der im Menschen wohnt. Wenn es hier indessen nicht um den Geist des Menschen geht – der einzige Geist von dem anderswo gesagt wird, daß er im Menschen (d. i. dem Gläubigen) wohnt, ist der Geist Gottes. Das ist es, was die Schwierigkeit hervorruft. Wie kann der Geist Got­tes an dieser Stelle in einen solchen Zusammenhang gestellt werden? Müssen wir die Satz­zeichen so setzen, wie sie in unserem gewohnten griechi­schen Testament und der englischen Bibel stehen? Da­rum sind viele der Meinung (und dazu sehe ich mich auch veranlaßt, ohne daß ich wage, mehr zu sagen), daß der Vers so eingeteilt werden sollte: „Meinet ihr, daß die Schrift vergeblich rede? Begehrt der Geist, der in uns wohnt, mit Neid?“** Sicherlich wird solches vom Wort Gottes verurteilt; und der Heilige Geist leitet genau in die entgegengesetzte Richtung. (Vergleiche Galater 5!). Der natürliche Geist des Menschen begehrt zweifellos mit Neid; der Geist, der in uns wohnt hingegen widersteht dem Fleisch in allen Punkten, wie es auch, wie wir wissen, die Heilige Schrift tut.“ * Fast alle evangelikalen Kommentatoren folgen dieser Interpretation, da sie sich auf den akzeptierten Text stüt­zen. (Übs.). ** Auch William MacDonald (1997): Kommentar zum Neuen Testament, S. 1288, hält diese Einteilung für mög­lich. (Übs.).
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