Einführender Vortrag zum Jakobusbrief

Kapitel 2

Einführender Vortrag zum Jakobusbrief

„Meine Brüder, habet den Glauben unseres Herrn Jesus Christus, des Herrn der Herrlichkeit, nicht mit Ansehen der Person. Denn wenn in eure Synagoge ein Mann kommt mit goldenem Ringe, in prächtigem Kleide, es kommt aber auch ein Armer in unsauberem Kleide herein, und ihr sehet auf den, der das prächtige Kleid trägt, und sprechet: Setze du dich bequem hierher, und zu dem Armen sprechet ihr: Stehe du dort, oder setze dich hier unter meinen Fußschemel, - habt ihr nicht unter euch selbst einen Unterschied gemacht und seid Richter mit bösen Gedanken geworden? Höret, meine geliebten Brüder: Hat nicht Gott die weltlich Armen auserwählt, reich zu sein im Glauben, und zu Erben des Reiches, welches er denen verheißen hat, die ihn lieben? Ihr aber habt den Armen verachtet.“ (V. 1-6). Anscheinend erfahren wir hier den genauen Grund für die Schreibweise des Jakobus. Wir lesen von der Notwendigkeit, dem Wert und der Weisheit dessen, was bisher geschrieben wurde, aber auch von seinem Anlaß: Für Israel bestand vornehmlich die Gefahr, die Lehren des Christentums wie ein System zu übernehmen. Als ein Volk, welches einen außergewöhnlichen religiösen Standpunkt einnahm, waren sie diesem Risiko, anders als die übrigen Nationen, besonders ausgesetzt. Die jüdische Denkart war ihrerseits genauso geneigt, das Christentum zu einem Gesetzbuch (Kodex) zu machen, wie die Nichtjuden es mit der Philosophie verbinden wollten. Die griechische Gesinnung wünschte über das Christentum zu spekulieren und zu theoretisieren, der Jude hingegen auf seine Weise einen Quasi-Talmud 1 daraus zu machen. Letzterer neigte dazu, es als eine Gedankensammlung aufzufassen und somit zu einem äußeren System herabzumindern.

Genau auf dieser Ebene bewegt sich unser Brief, nämlich dem der Trennung von Lehre und Praxis. Gegen dieses Verhalten schleudert der Heilige Geist im übrigen Teil des Kapitels seine ernsten und erforschenden Worte. Das führt zu einer Anspielung auf das Gesetz: „Wenn ihr wirklich das königliche Gesetz erfüllet nach der Schrift: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst“, so tut ihr wohl. Wenn ihr aber die Person ansehet, so begehet ihr Sünde, indem ihr von dem Gesetz als Übertreter überführt werdet.“ (V. 8-9). Danach folgt eine bedeutsame und tiefgehende Betrachtung für jene, welche viel über das Gesetz reden: „Wer irgend das ganze Gesetz halten, aber in  einem straucheln wird, ist aller Gebote schuldig geworden. Denn der da sprach: „Du sollst nicht ehebrechen“, sprach auch: „Du sollst nicht töten“. Wenn du nun nicht ehebrichst, aber tötest, so bist du ein Gesetzesübertreter geworden.“ (V. 10-11). Von der Anwendung dieser beiden Gegenstände, nämlich dem königlichen Gesetz, welches sich um den Nächsten kümmert, und dem Gesetz im allgemeinen, wendet sich der Schreiber dem Gesetz der Freiheit zu, das er schon vorher erklärt hat. „Denn das Gericht wird ohne Barmherzigkeit sein gegen den, der nicht Barmherzigkeit geübt hat. Die Barmherzigkeit rühmt sich wider das Gericht.“

Das führt jenen bekannten Abschnitt ein, der schon so viele Menschen verwirrt hat: „Was nützt es, meine Brüder, wenn jemand sagt, er habe Glauben, hat aber nicht Werke? kann etwa der Glaube ihn erretten?“ (V. 14). Augenscheinlich kann er nicht. Ein fruchtloser Glaube hat keine Verbindung zu Gott. Welches Gute hat ein Glaube, der aus einer bloßen Zustimmung zu noch so vielen Lehren besteht und dadurch seine menschliche Quelle nachweist? Der Glaube, den Gott uns gegeben hat, errettet und nicht der, welcher der menschlichen Natur entwächst. Das haben wir schon gesehen; und so führt uns also der große Grundsatz des ersten Kapitels so einfach, wie möglich, in die Anwendung desselben im zweiten. Hier wird alles in einer klaren, aber treffenden Weise verdeutlicht. „Wenn aber ein Bruder oder eine Schwester nackt ist und der täglichen Nahrung entbehrt, und jemand unter euch spricht zu ihnen: Gehet hin in Frieden, wärmet euch und sättiget euch! ihr gebet ihnen aber nicht die Notdurft des Leibes, was nützt es?“ (V. 15-16). Offensichtlich nichts! „Also ist auch der Glaube, wenn er nicht Werke hat, an sich selbst tot. Es wird aber jemand sagen: Du hast Glauben, und ich habe Werke; zeige mir deinen Glauben ohne Werke, und ich werde dir meinen Glauben aus meinen Werken zeigen. Du glaubst, daß Gott  einer ist, du tust wohl; auch die Dämonen glauben und zittern.“ (V. 17-19). Wenn es einen Unterschied geben sollte, dann liegt der Vorzug eigentlich auf seiten jener Verführer der armen, verdorbenen Menschen. Sie jedenfalls empfinden etwas. Folglich wird in ihnen eine größere Wirkung erzeugt, als bei diesen vernünftelnden Juden. „Willst du aber wissen, o eitler Mensch?“, schreibt er. Nicht nur die Korinther waren selbstgefällig in ihren Spekulationen, sondern nicht weniger die Juden, welche so sprachen und handelten. „Willst du aber wissen, o eitler Mensch, daß der Glaube ohne die Werke tot ist?“ (V. 20).

Einen bemerkenswerten Gesichtspunkt müssen wir hier beachten, wenn auf solche Weise Werke eingeführt werden: Unsere Aufmerksamkeit wird nämlich auf Beispiele gelenkt, die unabhängig vom Glauben völlig wertlos sind. Nein, sie sind sogar schlechter als wertlos, nämlich wirklich böse, und müßten die strengste Strafe auf sich ziehen. Blik-ken wir auf Abraham oder Rahab! Unabhängig vom Glauben - falls wir die hier zitierten Handlungen unter dem Gesichtspunkt menschlich guter Werke betrachten - wer in der Welt würde jemals das, was Abraham oder Rahab taten, als „gutes Werk“ bezeichnen? Es ist vollkommen klar, daß nach menschlichen Grundsätzen Abraham in Gefahr stand, seine Freiheit, wenn nicht sogar seinen Kopf zu verlieren für seine Absicht, Isaak zu töten. Und ohne jede Frage mußte das Verhalten Rahabs nach dem Urteil ihrer Landesgesetze sie für das böseste politische Verbrechen der schlimmsten Strafe aussetzen. Das wäre jedoch ein Richten ihrer Taten ohne Gott, indem vorausgesetzt wird, daß sie aus sich selbst und unabhängig vom Glauben gehandelt haben. Letzterer allein gab diesen Werken ihr Leben und Wesen. Sonst wäre Abraham in den Augen der Menschen ein Vater gewesen, der bereit war, seinen Sohn zu ermorden. Was könnte böser sein? Kurz gesagt, falls wir sein Werk getrennt vom Glauben betrachten, handelt es sich um das finsterste vorstellbare Verbrechen. Und was war Rahabs Tat anders als Verrat an ihrem Land und ihrem König? War sie nicht bereit, die Stadt, in welcher sie geboren und aufgewachsen war, jenen auszuhändigen, die es bis auf die Grundlagen schleifen wollten?

In dem Augenblick, in dem wir Gott, Seinen Willen und Seine Absichten vor die Blicke stellen, ist es nicht mehr nötig, darauf hinzuweisen, daß diese beiden bemerkenswerten Taten mit dem Licht des Himmels bekleidet da stehen. Die eine zeigt die bewundernswerteste Unterwerfung unter Gott - verbunden mit vorbehaltlosem Vertrauen auf Ihn, daß Seine Verheißung bestehen bleiben würde, selbst wenn nicht zu erkennen war, wie das unter diesen Umständen geschehen könnte. Abraham war ein Mann, der unmittelbar zu Gott aufsah und schnell zum Hören und langsam zum Reden war. In ihm war die laute Stimme der Natur völlig zum Schweigen gebracht worden, damit Gottes Wille und Wort allein seine Seele regieren konnte. Obwohl Isaak sein einziger Sohn von Sara war und daher um so mehr seinem Herzen verbunden und außerdem in einzigartiger Weise durch die Gunst Gottes empfangen, wollte er ihn dennoch aufgeben. So war er bereit, mit eigener Hand die schreckliche Tat auszuführen. Ja, falls es jemals ein Werk des Glaubens gab, seitdem die Welt begann, so ist es jenes Werk, zu dem Abraham bereit war - an das er schon seine Hand gelegt hatte. So brauche ich bei Rahabs Geschichte nicht zu verweilen, außer daß ich darauf hinweise, wie bemerkenswert Jakobus durch die göttliche Weisheit zu diesen Anspielungen geführt wurde. Wie wahrhaftig tragen sie den Stempel der Inspiration! Das gilt um so mehr, weil wir wissen, daß der Apostel Paulus sich letztendlich zu einem ganz anderen Zweck auf Abraham bezieht. Doch Paulus war nicht tiefer inspiriert, indem er Abrahams Glaube und auch Abrahams Tat in diesen abschließenden Umständen seines Lebens vorstellte (wir können sie als großen und letzten Test seines Glaubens bezeichnen) - nicht tiefer war Paulus in seiner [geistlichen; Übs.] Anwendung dieser Tat geleitet als Jakobus in dem, was gerade vor uns stand.

Anscheinend liegt der große Gesichtspunkt darin, daß Werke vorhanden sind. Aber die Werke, auf die Jakobus besteht, sind solche, denen der  Glaube seinen besonderen Glanz mitteilt und die ausschließlich durch ihn gerechtfertigt werden. Wird damit den Werken ohne Glauben irgendein Wert zugeschrieben? Im Gegenteil! Jakobus fordert Werke und ist nicht einfach mit Glauben zufrieden. Es handelt sich indessen um Werke, welche ihren ganzen Wert dem Glauben verdanken.

Die unauflösliche Einheit von Glaube und Werke wird demnach nirgendwo so gesegnet aufrecht erhalten wie gerade in den Umständen, welche Jakobus so vor uns stellt. Er ist weit davon entfernt, den Grundsatz des Glaubens zu erschüttern. Er setzt ihn voraus; und die Werke, welche er herausstellt, sind vom Glauben in eindringlichster und auffallendster Weise geprägt.

 

Fußnoten

  • 1 d. h. eine Art jüdisches Gesetz- und Religionslehrbuch, wie der Talmud es im nachbiblischen Judentum darstellt. (Übs.).
Nächstes Kapitel »« Vorheriges Kapitel