Kommentar zum Jakobusbrief

Kapitel 2

Die ersten 13 Verse dieses Kapitels bilden den zweiten Teil des Buches. Er beschäftigt sich mit dem Glauben Christi. Dieser steht über allen persönlichen Überlegungen und ist vollkommen objektiv und unparteiisch. Jakobus warnt nachdrücklich davor, den Glauben Christi mit parteiischem Respekt für einen Menschen zu mischen. Christus ist der Herr der Herrlichkeit. Wir sind Ihm direkt verantwortlich und nicht den Menschen, seien sie reich oder arm.

Vers 2 zeigt uns, dass jüdische Gläubige zu dieser Zeit immer noch mit der Synagoge verbunden waren. Ein hohes Ansehen und Wohlstand führen in der Welt immer zu einer bevorzugten Behandlung. Das soll unter denen, die den Herrn Jesus kennen, nicht der Fall sein. Auch heute noch können wir unser Verhalten prüfen, wenn ein offenbar Reicher oder ein erkennbar Armer eine Zusammenkunft besuchen. Kümmern wir uns um beide gleich gut? Und ist das auch der Fall in unserem täglichen Umgang mit Menschen?

Wenn wir aber tatsächlich einen dem anderen vorziehen, dann wird uns die ernste Frage gestellt, ob wir nicht unter uns selbst parteiisch und Richter mit bösen Gedanken geworden sind. Ein Richter, der nicht gerecht urteilt, hat unweigerlich böse Gedanken.

Jakobus macht uns darauf aufmerksam, dass Gott die Armen der Welt auserwählt hat, reich im Glauben zu sein. Das bedeutet natürlich nicht, dass Gott die Reichen benachteiligt. Sein Evangelium richtet sich uneingeschränkt an alle. Es sind jedoch die Armen, die es annehmen, während die Reichen im Allgemeinen keine Notwendigkeit dafür sehen. Infolgedessen werden die Armen dadurch gesegnet. Gott belohnt den Reichtum ihres Glaubens, indem sie Erben des Reiches werden, weil sie Ihn lieben. Wie unglaublich viel wichtiger sind Glaube und Liebe als aller Reichtum dieser Welt!

Jakobus wirft den Empfängern seines Briefes jedoch vor, die Armen verachtet zu haben. Er sagt natürlich nicht, dass jeder Einzelne von ihnen in dieser Sache schuldig geworden war, aber die Haltung war weit verbreitet. Er gibt zu bedenken, dass die Reichen häufig ihre Unterdrücker waren, unter denen sie selbst gelitten hatten. In der Tat können Menschen oft scharf die Reichen für ihre Gier kritisieren. Das tun sie jedoch hinter deren Rücken, und in Wirklichkeit werden die gleichen Menschen Reiche gegenüber Armen bevorzugen.

Reiche Menschen neigen auch eher dazu, den kostbaren Namen des Herrn Jesus zu verachten. Unter den Juden konnte man das deutlich sehen. Können solche den geringeren Armen vorgezogen werden?

In Vers 8 wird „das königliche Gesetz“ nach der Schrift zitiert: „Du sollst deinen Nächsten lieben wie dich selbst.“ Das fasst die letzten sechs der zehn Gebote zusammen: Die ersten vier sind in ihrem Charakter zweifellos eher priesterlich als königlich, denn sie sind auf Gott ausgerichtet. „Königlicher“ Charakter betrifft immer das Zeugnis gegenüber Menschen. Wahre Liebe zu dem Nächsten wird immer das Beste für ihn suchen. Sie ist unparteiisch und auf das vollkommene Wohlergehen ihres Gegenübers bedacht. Nur meinen reichen Nächsten zu lieben, ist keinesfalls wirkliche Liebe, sondern eine Darstellung meiner eigennützigen Motive. Das Ansehen von Personen ist sowohl Sünde als auch eine Übertretung des Gesetzes, das die Juden doch sehr hoch schätzten.

Wer in einem Punkt dem Gesetz ungehorsam war, wurde schuldig, das ganze Gesetz gebrochen zu haben. Das Gesetz ist eine Einheit, obwohl es in zehn Geboten wiedergegeben wurde: Wenn ein Glied einer Kette zerbricht, ist die ganze Kette kaputt. Es ist ein und derselbe Gott, der sowohl Ehebruch als auch Mord verbietet. Auch wenn jemand in einem der beiden Punkte nicht schuldig geworden ist, sondern nur in dem anderen, ist er Gott ungehorsam gewesen und hat das Gesetz übertreten.

Vers 12 ermahnt dann, dass wir sowohl im Reden als auch im Handeln so tun sollten, als erwarteten wir, durch das Gesetz der Freiheit gerichtet zu werden. In Kapitel 1 Vers 25 finden wir diesen Ausdruck als Gegensatz zu dem Gesetz Moses, das ein Gesetz der Knechtschaft war. Das Gesetz der Freiheit ist mehr das herrschende Prinzip der neuen Natur, die durch das Wort Gottes gezeugt ist. Christus selbst ist die vollkommene Offenbarung dieser Natur und der Maßstab für bereitwilligen, freiwilligen, uneingeschränkten Gehorsam.

Barmherzigkeit gegenüber anderen war bei Christus ein kostbares Kennzeichen dieses Lebens. Seine Gesinnung war weit entfernt von Gesetzlichkeit. Wer selber keine Barmherzigkeit zeigt, kann selbst nur ein Urteil ohne Barmherzigkeit erwarten. Das gilt auch, wenn Menschen einander richten oder beurteilen. „Die Barmherzigkeit rühmt sich gegen das Gericht.“ Barmherzigkeit hat einen kostbaren Adel, der, wenn Barmherzigkeit erwiesen werden kann, das Gericht übertrifft. Selbst Gott richtet nicht, bevor Er nicht jede Möglichkeit ausgeschöpft hat, gerechterweise Barmherzigkeit zeigen zu können. Wenn das so ist, was ist dann mit uns? Wir haben in keinster Weise die Aufgabe zu richten, sondern sind Empfänger der unendlichen, wunderbaren Barmherzigkeit Gottes, obwohl wir durchaus unwürdig waren, diese zu empfangen.

Mit Vers 14 beginnt ein weiterer Teilabschnitt des Buchs. Hier geht es darum, dass der Glaube durch Werke offenbar wird. Der Glaube wird dabei in keiner Form geschmälert, sondern seine Echtheit wird in Frage gestellt, wenn er nicht mit fruchtbringenden Werken einhergeht. Wenn ein Mensch sagt, er habe Glauben, so ist das wertlos, wenn er nicht entsprechende Werke tut. Diese Art von Glauben wird ihn nicht davor bewahren, in dieselben Fallen zu tappen wie die Heuchler.

Welche Art von Werken der Glaube hervorbringt, wird uns in der zweiten Hälfte von Kapitel 2 deutlich gezeigt. Werke der Barmherzigkeit sind ganz normal und in der Tat elementar, wie die Verse 15 und 16 zeigen. Sogar Ungläubige fühlen sich oft verantwortlich, Armen und Hungernden zu helfen. Sollte ich dann Gläubigen in Notlage sagen, dass ich den Glauben habe, dass für sie gesorgt wird, wenn ich selbst ihnen nichts gebe? In genau diesen Dingen wird mein Glaube bewiesen. Wenn er nicht mit guten Werken einhergeht, ist ein solcher Glaube tot: Er trägt keine Frucht, sondern ist allein, isoliert und fern der Realität.

Man könnte vielleicht sagen, dass der eine Glauben hat und ein anderer Werke, als handle es sich bloß um unterschiedliche Gaben Gottes. Das ist allerdings eine falsche und sündige Ansicht. Keiner kann seinen Glauben ohne Werke zeigen, sondern Jakobus sagt: „Ich werde dir meinen Glauben aus meinen Werken zeigen.“ Sicher kann Gott bei einem Menschen sehen, ob sein Glaube echt ist. Menschen können das nur an den Werken der Person sehen. Vor Gott sind wir ausschließlich durch Glauben gerechtfertigt, ohne Werke (Röm 4,1–5). Anderen können wir unseren Glauben allerdings nur durch unsere Werke zeigen.

Vers 19 zeigt uns die Leere eines sogenannten Glaubens, der nur gewisse Fakten für wahr hält. Dieser ist in sich ohne Bedeutung, wenn keine dementsprechenden Resultate sichtbar sind. Die Dämonen glauben, dass Gott einer ist, doch sie zittern vor dem kommenden sicheren Gericht. Juden und Muslime glauben, dass es einen Gott gibt, finden aber keine Errettung in dieser Tatsache. Glaube, der nicht durch Werke untermauert wird, ist tot. Er bringt keine Frucht.

In den Versen 15 und 16 haben wir gesehen, dass der Glaube Werke der Barmherzigkeit gegenüber anderen hervorbringt. In den Versen 21–23 sehen wir nun Abrahams Werke des Gehorsams gegenüber Gott. Bei Rahab (V. 25) sind die Früchte ihres Glaubens Werke der Heiligung gegenüber der Welt.

Lange bevor Abraham Isaak opferte, rechnete Gott ihm seinen Glauben zur Gerechtigkeit (1. Mo 15,6). Er wurde von Gott durch Glauben allein gerechtfertigt. Später aber wurde er – für alle sichtbar – durch Werke gerechtfertigt, als er bereitwillig Isaak, seinen geliebten Sohn, opferte. Nur durch wirklichen tätigen Glauben konnte er dies tun. Seine Tat fügte seinem Glauben nichts hinzu, sondern war nur ein Beweis dafür. Hätte Gott ihm nicht den Befehl gegeben, seinen Sohn zu opfern, wäre diese Tat eine grobe Sünde gewesen. Er vertraute jedoch Gottes Wort, obwohl es im Widerspruch stand zu jeder natürlichen Empfindung. Der Glaube wirkte zu seinen Werken mit, und durch seine Werke wurde Glaube in seiner Reife sichtbar.

Interessanterweise spricht Vers 23 von der Erfüllung der Schriften, wenn es heißt, dass Abrahams Glauben ihm zur Gerechtigkeit gerechnet wurde. Dass Gott recht hatte in Bezug auf den Glauben Abrahams, wird in dem späteren Ereignis bewiesen. Kostbar ist auch, dass er „Freund Gottes“ genannt wird, denn sein Handeln zeigt, dass er vollkommenes Vertrauen in Gottes Treue hatte.

Indem Rahab die Kundschafter aufnahm, war sie in den Augen der Welt des Verrats schuldig geworden. Sie anerkannte jedoch die weitaus höhere Autorität des Gottes Israel und handelte im Glauben an Ihn. Ihr Glaube zeigt sich darin, dass sie die Kundschafter beschützte, obwohl ihre Lüge gegenüber den Männern des Königs die Schwachheit ihres Glaubens zeigt. Gott fand für all das Verwendung. Wir wissen jedoch nicht, welch ein Wunder Gott für sie gewirkt hätte, wenn sie mutiger im Glauben gewesen wäre.

Vers 26 erklärt, was der Tod ist: Der Körper ohne Geist ist tot, hilflos, nutzlos, abstoßend – ohne die Kraft, die ihn einst belebt hat, ist er allein gelassen. So ist das auch bei dem sogenannten Glauben, der ohne entsprechende Werke ist.

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