Kommentar zum Jakobusbrief

Kapitel 3

Von hier an bis zum Ende von Kapitel 4 finden wir einen vierten Abschnitt des Buchs. Hier wird unser Leben durch Umstände der Welt auf den Prüfstand gestellt. Sicherlich wird auch bereits in den vorangegangenen Kapiteln die Praxis unseres Lebens angesprochen, dort jedoch im Zusammenhang mit dem eigentlichen Motiv: dem Glauben an den lebendigen Gott. Der Glaube wird hier nicht weiter erwähnt, sondern es geht um unser äußeres Verhalten.

Nicht alle sind Lehrer, d. h. nicht alle haben diese besondere Gnadengabe. Es ist gefährlich, wenn jemand sich selbst als Lehrer sieht, der es nicht ist und dann dem schwereren Urteil unterliegt. Natürlich werden die älteren Frauen aufgefordert, „Lehrerinnen des Guten“ zu sein (Tit 2,3). Jeder Gläubige kann lehren in dem Maß, wie er zuvor gelernt hat. Das gibt aber niemandem das Recht anzunehmen, er habe die Gabe des Lehrers. Es ist nur richtig, dass ein Lehrer hier auf der Erde einer strengen Beurteilung unterliegt – sowohl im Blick auf seine Lehre als auch im Blick darauf, ob seine Praxis mit seiner Lehre übereinstimmt.

„Denn wir alle straucheln oft.” Nicht, dass das nötig wäre! Aber es braucht Selbstgericht und Weisheit, um zu lehren, ohne Anstoß zu geben. Unsere Natur neigt dazu, Anstoß zu geben, insbesondere mit Worten. Jemand, der in dieser Hinsicht keinen Anstoß gibt, ist „vollkommen“ im Sinn von gereift und fähig, seinen gesamten Körper unter Kontrolle zu haben. Das sollte auf jeden Lehrer zutreffen und auch auf jeden erfahrenen Gläubigen. Im Allgemeinen bedarf es dazu jedoch einiger schmerzlicher Erfahrungen.

Zwei bemerkenswerte Veranschaulichungen werden uns zu dem Beherrschen der Zunge genannt: Ein Gebiss, das in das Maul eines Pferdes gelegt wird, reicht aus, um ein so großes und starkes Tier zu lenken. Zumindest kann dadurch der Reiter sicherstellen, dass das Tier ihm gehorcht. So sollten auch wir in der Lage sein, ein so kleines Körperteil wie unsere Zunge zu zügeln. Auch große Schiffe können durch ein sehr kleines Steuerruder gelenkt werden. Dazu reicht es aus, dass der Steuermann das Rad nur mit einem Finger dreht. Das Fahren ist dank der beinahe mühelosen Steuerung durch das Rad auch bei starkem Wind möglich.

Sobald der Reiter oder der Steuermann jedoch die Kontrolle abgeben und Pferd oder Schiff sich selbst überlassen, ist das Unglück praktisch vorprogrammiert. Gerade so kann die Zunge, wenn sie nicht von dem Menschen, zu dem sie gehört, beherrscht wird, eher schrecklichen Schaden anrichten als Gutes bewirken. Lässt man ihr nach der menschlichen Natur freien Lauf, wird sie mit großen Dingen prahlen. Ungezügelt wird sie zu einem kleinen Feuer, das sich schnell in alle Richtungen ausbreitet.

Die Zunge ist ein sicherer Beweis für das unheilbar Böse im menschlichen Herzen. Es müssen nicht immer scharfe Worte sein, aber selbst der ehrenhafteste Christ hat Anlass, Äußerungen zurückzunehmen oder zumindest zu bedauern. Vers 6 zeigt uns, was die ungezügelte Zunge ist – ein Feuer, eine Welt der Ungerechtigkeit, die den ganzen Körper befleckt und das Böse in der menschlichen Natur anzündet. Der Ausdruck „von der Hölle angezündet“ spricht sehr ernst zu uns. Mit dieser einzigen Ausnahme wird der Begriff „Gehenna“ (das griechische Wort für „Hölle“) nur von dem Herrn verwendet, während Er auf der Erde war. Es bezieht sich auf die ewige Qual des Feuersees. Wie ernst ist eine solche Warnung, die von einer derart grausamen Qual durch eine unbedachte Zunge spricht.

Ein Gläubiger kann in der Kraft des Geistes Gottes seine Zunge in Zaum halten, das heißt sie beherrschen. Natürlich ist das eine ernste Verantwortung. Aber keiner sollte von sich denken, er habe seine Zunge gezügelt, denn dann wird er sicherlich die schmerzliche Erfahrung machen, dass sie nach wie vor „ein unstetes Übel, voll von tödlichem Gift“ ist. Ständige Wachsamkeit und Beherrschung sind deshalb nötig.

Wie wenig denken wir darüber nach, dass wir mit ein und derselben Zunge Gott von Herzen loben und doch schlecht über den Menschen reden, den Gott nach seinem Bild geschaffen hat. Diese Widersprüchlichkeit sollte uns beschämen. Aber wer macht sich nicht manchmal solcher Dinge schuldig? Lasst es uns zu Herzen nehmen, dass so etwas bei uns nicht gefunden wird. Stattdessen sollten wir Gnade suchen und unbedachtes Reden mit unseren Lippen uneingeschränkt verurteilen. Mose durfte deshalb nicht mit in das Land einziehen (4. Mo 20,12; Ps 106,32.33).

In den Versen 11 und 12 nimmt Jakobus das Beispiel der Schöpfung, um deren Beständigkeit im Gegensatz zu dem verräterischen Verhalten der Zunge zu zeigen. Aus einer Quelle sprudelt immer das gleiche Wasser, der Feigenbaum bringt ausschließlich Feigen hervor, und ein Weinstock trägt ebenfalls nur die ihm entsprechenden Früchte. Dabei sollten wir beachten, dass Jakobus bei allem nur davon spricht, was nach außen hin sichtbar ist. An anderer Stelle wird uns der Grund dafür genannt, dass aus einer Person Gutes und Böses kommt. Der Geist Gottes, der jedem Gläubigen gegeben wurde, bringt nur Gutes hervor. Das von Adam stammende Fleisch jedoch bringt Böses hervor. Das entschuldigt jedoch nicht, dass wir dem Fleisch erlauben zu handeln, denn der Geist ist dem Fleisch unendlich überlegen. Wir müssen uns der Autorität des Herrn unterstellen und „im Geist“ wandeln (Gal 5,16), dann wird die Kraft des Geistes in uns wirksam sein. Jakobus spricht nicht davon, stellt uns aber unter Verantwortung. Da wir die Zunge nicht sprichwörtlich zügeln können, werden wir ermahnt, sie zu beherrschen.

Das führt uns zu der Frage nach Weisheit, denn der Gebrauch der Zunge ist eines der ersten Kennzeichen von Weisheit oder Torheit. Ist jemand klug und weise? Dann soll er das in seinem Lebenswandel zeigen, der über Worte hinausgeht und seine ganze Lebensweise einschließt. Hier wird von seinen Werken gesprochen. So wie bei David, dem alle seine Wege gelangen (1. Sam 18,14). Das wird von Salomo nicht gesagt, obwohl er große Weisheit hatte. Der Ausdruck „in Sanftmut der Weisheit“ fällt auf, da Wissen im Allgemeinen den Stolz eines Menschen aufbläht. Wahre Weisheit jedoch bringt Sanftmut hervor. Sie geht einher mit einem Selbstgericht, das keine Selbsterhöhung sucht, sondern Gottes Rechte als die höchste Autorität über uns anerkennt.

Wieviel Erkenntnis jemand auch haben mag, wenn es bitteren Neid und Streitsucht in den Herzen gibt, ist diese Weisheit nicht von oben. Wahre Weisheit bringt uns dazu, solche Empfindungen schonungslos zu verurteilen. Es gilt auch zu bedenken, dass Neid und Streitsucht zu Prahlerei und Lügen gegen die Wahrheit führen. Diese Dinge haben ihren Ursprung im Stolz, während sich die Wahrheit entschieden gegen Selbsterhöhung ausspricht. Daher: Wenn ich meinen Stolz rechtfertige, lüge ich gegen die Wahrheit.

Die natürliche Weisheit des Menschen ist immer vermischt mit seinem Stolz. Diese Weisheit ist irdisch im Gegensatz zu himmlisch, sinnlich im Gegensatz zu geistlich, teuflisch im Gegensatz zu christlich. Da sie irdisch ist, bedeutet das, dass sie vergänglich ist; da sinnlich, wird sie überwiegend von bloßen menschlichen Wünschen und Gefühlen angetrieben; da teuflisch, ist sie betrügerisch und birgt tödliche Gefahr.

Neid beinhaltet sowohl Selbstsucht als auch schlechte Gefühle anderen gegenüber. Er wird deshalb von Streitsucht begleitet. Das wiederum bringt alles aus dem Gleichgewicht: Unordnung kommt auf und ist der Türöffner für „jede schlechte Tat“. Das sind die Mittel, durch die teuflische Handlungen Erfolg haben.

Wie schön ist dazu der Gegensatz in den Versen 17 und 18. Hier finden wir Weisheit, die jedem Kind Gottes zur Verfügung steht – eine Weisheit, wie wir sie in Ihm sehen, der vom Himmel kam, dem geliebten Sohn Gottes. In Vers 17 wird von den sieben Säulen der Weisheit gesprochen, die sonst nur noch in Sprüche 9 Vers 1 erwähnt werden. Weisheit ist erstens rein, das heißt vollkommen frei von Verschmutzung und ohne Beimischung von Unreinheit. Sie ist friedsam, mit der friedlichen Sanftheit der Eintracht, die alle Streitigkeiten vertreibt. „Milde“: In Niedriggesinntheit sieht sie die Empfindungen und Nöte anderer. „Folgsam“, d. h. Bescheidenheit und Nachgiebigkeit statt sturer Selbstsicherheit. Weisheit besteht nicht auf dem persönlichen Recht, sie gibt nach, aber niemals gibt sie die Wahrheit Gottes auf.

Die sieben Säulen der Weisheit in diesen Versen werden vervollständigt durch „voll Barmherzigkeit“, das ist von Herzen kommende Fürsorge für Menschen in Not, und „gute Früchte“: Diese Tugenden zeigen sich freiwillig, ohne Zwang. „Unparteiisch“: Keiner wird dem anderen vorgezogen, es werden keine Angehörigen oder besonderen Freunde begünstigt. Und schließlich finden wir noch „ungeheuchelt“. Damit ist einfache Ehrlichkeit gemeint, ohne den Versuch, einen falschen oder zweifelhaften Eindruck zu erwecken.

Die Frucht der Gerechtigkeit kann nur aus richtigem Säen hervorkommen. Frucht wird nicht durch Zwang oder unvermittelt hervorgebracht. Jemandem, der aufrichtig Frieden stiftet, wird „gute Frucht der Gerechtigkeit in Frieden“ versprochen. Andererseits wird bloßes Beharren auf Gerechtigkeit niemals tatsächlich Gerechtigkeit hervorbringen. Wie gut ist es daher, Frieden zu suchen, allerdings nicht auf Kosten der Gerechtigkeit. Das ist Weisheit von oben.

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