Der Brief des Jakobus

4. Die Übel des Fleisches (Kapitel 3-4)

Der Brief des Jakobus

In Kapitel 2 hat uns der Apostel verschiedene Prüfsteine an die Hand gegeben, mit deren Hilfe wir die Echtheit des Glaubens derer testen können, die bekennen, an unseren Herrn Jesus Christus zu glauben. In den Kapiteln 3 und 4 werden wir vor sieben unterschiedlichen Formen des Bösen gewarnt, die für das reine Bekennertum der Christenheit charakteristisch sind, in die aber jeder Gläubige zeitweilig ebenso fallen kann.

  1. Die ungezügelte Zunge (3,1–12)
  2. Neid und Streit (3,13–18)
  3. Die ungezügelte Lust (4,1–3)
  4. Die Freundschaft der Welt (4,4)
  5. Der Hochmut des Fleisches (4,5–10)
  6. Das schlechte Reden über andere (4,11–12)
  7. Eigenwille und Selbstvertrauen (4,13–17)

1. Die ungezügelte Zunge (3,1–12)

(V. 1). Der Apostel stellt der Warnung hinsichtlich der ungezügelten Zunge die Ermahnung voran, nicht zu viele Lehrer zu sein. Der Apostel spricht nicht von der richtigen Verwendung der Lehrgabe (Röm 12,7), sondern von dem Hang des Fleisches, sich daran zu erfreuen, andere zu belehren, und von dem Eifer, an dem Dienst der Wortverkündigung teilzuhaben. Diese Neigung gibt es bei uns allen ob wir diese Gabe besitzen oder eine andere. Selbst wenn uns die Lehrgabe geschenkt ist, dann kann das Fleisch, wenn es ihm gestattet wird, die Gabe dazu missbrauchen, seine eigene Eitelkeit zu unterstützen (wie bei den Korinthern). Abgesehen davon stehen wir alle jedoch ebenso in Gefahr, andere zwar das Richtige zu lehren, aber dabei zu vergessen, dass wir selbst in den einfachsten Dingen, vor denen wir andere warnen, versagen. Jemand hat einmal gesagt: „Es ist viel einfacher, andere zu belehren, als sich selbst unter Kontrolle zu haben.“ Und weiter: „Demut im Herzen bringt den Menschen dazu, langsam im Reden zu sein.“ Andere zu belehren und selbst zu straucheln erhöht unser Gericht.

(V. 2). Lasst uns daher bedenken, dass wenn wir andere korrigieren, wir vielleicht selbst gerade fallen, denn „wir alle straucheln oft“, selbst wenn wir es manchmal unwissentlich tun. In keiner anderen Weise ist dies einfacher, als mit den Worten, die wir sprechen. Derjenige, der seine Zunge zügeln kann, ist ein erwachsener Christ, ein vollkommener Mensch, der in der Lage ist, auch jedes andere Glied seines Körpers zu kontrollieren.

(V. 3–5). Dies führt den Apostel zu Warnungen in bezug auf die ungezügelte Zunge. Das Gebiss im Maul eines Pferdes ist klein, aber wir können es damit zwingen, uns zu gehorchen. Ein Steuerruder ist ebenfalls klein, aber selbst große Schiffe können damit gelenkt werden – im Gegensatz zu „heftigen Winden“. Genauso ist die Zunge nur ein kleiner Teil des Menschen. Wenn wir sie unter Kontrolle halten, können wir auch den ganzen Körper beherrschen. Wenn wir die Zunge jedoch nicht zügeln, so wird sie zum Ausdruck der Eitelkeit unserer Herzen, indem sie andere verdammt und uns selbst erhöht, denn sie kann sich großer Dinge rühmen. Dadurch richtet sie großen Schaden an, da sie, obwohl sie nur ein kleines Glied ist, einem Feuer gleicht, das einen ganzen Wald zerstören kann.

Hand und Fuß mögen den Willen des Fleisches vollbringen. Kein anderes Glied unseres Körpers jedoch drückt so schnell und einfach unseren Willen aus, entlarvt unsere Schwachheit und offenbart den wahren Zustand unserer Herzen, wie die Zunge. Sie wird leicht durch die Bosheit des Herzens angesteckt und verbrennt andere, indem sie durch ein nutzloses und böses Wort nachhaltigen Schaden anrichtet.

(V. 6). Der Apostel beschreibt die Zunge als ein Feuer, das nicht nur Unruhe anstiftet, sondern diesen Unfrieden auch weiterhin erhält. Sie ist in der Lage, jede Form des Bösen anzufachen und wird so zu einer Welt der Ungerechtigkeit. Durch ihre bösartigen Andeutungen kann sie jedes Glied des Körpers verunreinigen und den ganzen Lauf der gefallenen Natur in Tätigkeit bringen. Die bösen Geister der Hölle finden in der Zunge ein geeignetes Instrument für ihr fürchterliches Werk, so dass Jakobus sagt, dass „die Zunge von der Hölle angezündet wird“.

(V. 7–8). Die Zunge ist durch die Natur nicht zähmbar. Jedes Lebewesen der Schöpfung ist durch den Menschen gezähmt worden, nicht aber die Zunge. Sie ist ein unstetes Übel voll tödlichen Giftes und befleckt nicht nur den Körper, sondern auch die Gesinnung. Jemand hat trefflich gesagt: „Viele, die fleischlich handeln, würden vermeiden, handgreiflich zu werden, sie können jedoch ein leidenschaftliches oder hartes Wort gegen ihren Nächsten nicht zurückhalten.“ Wie einfach kann doch ein gedankenloses oder unpassendes Wort die Gesinnung und Atmosphäre unter Brüdern vergiften.

(V. 9–12). Darüber hinaus handelt die Zunge manchmal auf solch gegensätzliche Weise, indem sie einmal Gott preist und dann Menschen flucht, die im Bild Gottes geschaffen wurden. Aus demselben Mund kommen somit Segen und Fluch hervor. Das jedoch widerspricht der Natur, denn keine Quelle bringt sowohl süßes als auch bitteres Wasser hervor. Auch trägt kein Feigenbaum Oliven oder Trauben. Durch die ordnende Hand Gottes bringt die Natur der Dinge nur Resultate hervor, die dieser Natur entsprechen. So sollten auch Christen, die aus Gott geboren sind und moralischer Weise Teilhaber der göttlichen Natur sind, in Wort und Tat mit den Wegen Gottes in Übereinstimmung sein.

Der Apostel spricht nicht von der Zunge, die von der Gnade und unter der Zucht des Geistes benutzt wird, sondern von derjenigen, die unter dem Einfluss des Fleisches steht und durch den Teufel angetrieben wird. Nur die Kraft des Geistes, die das Herz mit der Gnade des Christus füllt, ist in der Lage, die Zunge zurückzuhalten. Wenn sich das Herz der Gnade und Liebe des Christus erfreut, dann wird auch die Zunge Worte der Gnade aus der Fülle des Herzens sprechen.

2. Neid und Streit (Kapitel 3,13–18)

Nachdem der Apostel in scharfen Worten das Böse einer ungezügelten Zunge dargestellt hat, warnt er uns nun vor Neid und Streit. In dieser Verbindung zeichnet er einen auffallenden Kontrast zwischen dem weisen Menschen und denen, die Neid und Streit im Herzen pflegen.

(V. 13). Der weise Mensch, der die Gedanken Gottes versteht, wird nicht durch rühmende Worte oder überhaupt durch Worte seine Verständigkeit belegen, sondern durch einen guten Wandel und durch Werke in Sanftmut zeigen, dass er wirklich weise ist. Leider sucht das Fleisch durch große Worte und protzige Taten auf sich aufmerksam zu machen. Der Weise handelt jedoch nicht auf diese Art.

(V. 14–15). Im Gegensatz zum Weisen gibt es solche, die in ihren Herzen bitteren Neid und Streitsucht aufkommenlassen. Das Böse beginnt immer im Herzen. Der Neid im Herzen eines Menschen führt dazu, dass er sich selbst rühmt und durch dieses Rühmen dann gegen die Wahrheit lügt. Wie häufig versucht ein neidischer Mensch, seine Eifersucht zu verstecken, indem er dagegen protestiert, Bitterkeit in seinem Herzen zu haben, und meint, nur das Böse zurückweisen und für die Wahrheit einstehen zu wollen. Wenn wir jedoch lediglich vorgeben, etwas Böses entlarven zu wollen, indem wir meinen, dem Bruder die volle Wahrheit zu seinem Guten vorstellen zu sollen, dann sagen wir mit freiem Willen Worte, die böse und abstoßend sind. Wir können absolut sicher sein, dass dahinter die Wurzel des Bösen in unseren Herzen bereits vorliegt. Wie oft sind schon schreckliche Worte durch Zitate aus der Schrift entschuldigt worden. „Besser offener Tadel als verhehlte Liebe. Treu gemeint sind die Wunden dessen, der liebt.“. Wenige nur berücksichtigen die Worte, die dem unmittelbar voraus gehen und die uns davor warnen, die Schrift leichtfertig zu benutzen, indem sie sich die Fragen stellen: „Wer aber kann bestehen vor der Eifersucht?“ (Spr 27,4–6).

Wie leicht ist es doch, uns selbst zu betrügen, indem wir uns entschuldigen. Wie leicht ist es, dem Bösen nachsichtig gegenüber zu sein, wenn man es zur Glaubenstat umdefiniert. Bosheit ist ein Unkraut, welches sich sehr leicht in unseren Herzen einnistet. Und doch sind wir so selten bereit zu bekennen, dass wir einen bösen Gedanken im Herzen erwägen oder ein boshaftes Wort ausgesprochen haben.

Erbitterter Neid und Streit sind nicht die Folge der Weisheit, die von oben kommt. Sie sind irdisch nicht himmlisch und drücken die Empfindungen der alten Natur des Menschen aus, nicht der neuen. Und sie kommen vom Teufel, nicht von Gott.

Zudem tun wir gut daran, uns zu erinnern, dass Neid immer ein Eingeständnis von Unterlegenheit ist. Einen Menschen mit großem Einkommen zu beneiden heißt zuzugeben, dass meines kleiner ist. Genauso ist der Neid gegenüber jemanden, der eine geistliche Gabe hat, das Bekenntnis davon, dass meine Gabe geringer ist.

(V. 16). Wenn Neid und Streit im Herzen zu prahlerischen und lügnerischen Worten führen, in dem Bemühen, den Neid zu entschuldigen und zu verstecken, dann führen die prahlerischen und heuchlerischen Worte zu Unordnung und Zerrüttung, die die Tür für jede schlechte Tat öffnen. Wir finden hier in klaren und herzerforschenden Worten die Wurzel für jede Unordnung, die im Volk Gottes anzutreffen ist. Neid und Streitsucht, die sich in prahlerischen Worten ausdrücken, führen so zu „Zerrüttung und jeder schlechten Tat“.

Ach, wieviel Herzen wurden gebrochen,
Wieviel Ströme von Blut vergossen
Durch ein Wort, das in Bosheit gesprochen,
Durch ein einziges, bitteres Wort!

(V. 17–18). In bemerkenswertem Gegensatz zu den Aktivitäten des alten Menschen, der durch Neid und Streitsucht gekennzeichnet ist, stellt uns der Apostel in den Schlussworten dieses Kapitels das schöne Bild des neuen Menschen vor, der durch die Weisheit von oben gekennzeichnet ist. Wir wissen, dass Christus droben ist, in der Herrlichkeit weilend. Er ist uns von Gott Weisheit geworden. Christus ist das Haupt des Leibes, und alle Weisheit des Hauptes steht uns zur Verfügung. Jemand hat trefflich gesagt: „Er findet dasselbe Wohlgefallen daran, Haupt für den einfachsten Gläubigen wie für den Apostel Paulus zu sein. Er war Haupt und Weisheit für den Apostel, aber er ist genauso bereit, Haupt und Weisheit für den unbelehrtesten Christen zu sein.“ Wie wahr sind doch diese Worte, denn genau in der Stelle, in der es heißt, dass Gott „das Törichte der Welt“ auserwählt hat, folgt unmittelbar: „Aus ihm aber seid ihr in Christo Jesu, der uns geworden ist Weisheit von Gott“ (1. Kor 1,27; 30). Leider aber hindert uns unsere eigene selbstgefällige Weisheit oft daran, die Weisheit von oben zu genießen – die Weisheit unseres Hauptes. Gut ist es, wenn wir unsere eigene Torheit zugeben und uns die Weisheit, die in Christo, unserem Haupt, ist, zunutze machen. Dann werden wir feststellen, dass wir Weisheit für jede Einzelheit unseres Lebens und Dienstes erhalten, wie wenig intelligent wir auch menschlich gesehen sein mögen.

Wenn wir durch die Weisheit von oben gekennzeichnet sind, werden wir die schönen Charakterzüge Christi tragen. „Die Weisheit von oben aber ist aufs erste rein, dann friedsam, gelinde, folgsam, voll Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch, ungeheuchelt.“ Was ist dies anderes als eine herrliche Beschreibung Christi, wie er in dieser Welt gewandelt ist?

Die Weisheit des Hauptes beginnt in unseren Herzen. Sie wird uns dahin bringen, das verborgene Böse zu richten, damit unsere Herzen rein sind. Dann lehrt sie uns, im Umgang mit anderen friedsam zu sein. Sie wird unsere Zungen zurückhalten und den natürlichen Hang zur Streitsucht zügeln, so dass wir den Frieden suchen. Wenn wir somit Friedensstifter sind, werden wir uns gelinde und nicht in fleischlicher Härte ausdrücken. Anstelle der Aggressivität des Fleisches, das sich immer durchsetzen will, werden wir bereit sein, anderen zuzuhören und in dem zu folgen, was sie sagen. Darüber hinaus übt die Weisheit von oben Barmherzigkeit und ist nicht hastig im Verurteilen. Schließlich ist sie unparteiisch und ungeheuchelt. Sie gibt nicht den Anschein großer Weisheit, indem sie endlose Fragen stellt. Vielmehr ist sie durch Einfachheit und Ernsthaftigkeit gekennzeichnet. Auf diese Weise bringt sie die Frucht der Gerechtigkeit hervor, die in einem Geist des Friedens gesät wird von denen, die den Frieden suchen. Die Weisheit des Hauptes wird nie Unordnung und Streit hervorbringen. Daher wird derjenige, der durch Weisheit gekennzeichnet ist, Frieden stiften und in diesen friedvollen Umständen die Frucht der Gerechtigkeit ernten.

Ach, wieviel harte Herzen wurden gebrochen,
Wieviel Ströme von Liebe vergossen
Durch ein Wort, das in Weisheit gesprochen,
Durch ein einziges, sanftmütiges Wort!

3. Die ungezügelte Lust (4,1–3)

(V. 1–3). Der Apostel hat bereits von Unordnung und Streit unter dem bekennenden Volk Gottes gesprochen. Nun fragt er: „Woher kommen Kriege und woher Streitigkeiten unter euch?“ Er führt die Kriege unter dem Volk Gottes auf die Lüste in den Herzen zurück, die von den Gliedern des Leibes nicht gezügelt werden. Um die Lust zu befriedigen, ist das Fleisch bereit zu kämpfen und sogar zu töten. In ganz buchstäblicher Weise ist dies in Bezug auf die Welt und ihre Kriege wahr. In einem moralischen Sinn gilt, dass wenn wir unseren eigenen Willen unbedingt ausführen wollen, das Fleisch nicht ruhen wird, bis nicht jeder, der sich der Erfüllung unserer Wünsche entgegenstellt, schlecht gemacht und überrannt worden ist. Wenn unsere Wünsche berechtigt sind, dann gibt es keinen Grund, unter unseresgleichen zu kämpfen, um die Wünsche durchzusetzen; wir können Gott darum bitten. Es ist auf der anderen Seite ebenso wahr, dass wir auf unsere Gebete keine Antwort erhalten, weil wir mit der falschen Gesinnung bitten, indem wir unsere Lust erfüllen wollen.

4. Die Freundschaft der Welt (4,4)

(V. 4). Der Gedanke der Lust des Fleisches führt den Apostel nun dazu, vor der Freundschaft dieser Welt zu warnen, die jede Möglichkeit bietet, unsere Lüste zu befriedigen. Diese Welt ist gekennzeichnet durch die Lust des Fleisches, die Lust der Augen und den Hochmut des Lebens. Sie hat ihre Feindschaft gegen Gott dadurch unter Beweis gestellt, dass sie den Sohn Gottes verworfen und gekreuzigt hat. Wenn jemand, der sich zum Glauben an den Herrn Jesus bekennt, eine Freundschaft mit der Welt eingeht, die den Sohn Gottes gekreuzigt hat, so begeht er geistliche Hurerei. „Die Freundschaft dieser Welt ist Feindschaft wider Gott.“ Unsere Einstellung dieser Welt gegenüber offenbart sehr klar unsere Einstellung Gott gegenüber. „Die aber in Üppigkeit lebt, ist lebendig tot“, sagt der Apostel Paulus (1. Tim 5,6). Gewohnheiten weltlicher Selbstbefriedigung bringen den Tod zwischen die Seele und Gott. „Wenn jemand die Welt liebt, so ist die Liebe des Vaters nicht in ihm“, schreibt Johannes (1. Joh 2,15). „Wer nun irgend ein Freund der Welt sein will, stellt sich als Feind Gottes dar“, schreibt Jakobus.

5. Der Hochmut des Fleisches (4,5–10)

(V. 5–6). Der Apostel führt den Gedanken weiter, indem er aufzeigt, dass hinter der Freundschaft mit der Welt der Hochmut des Fleisches liegt. Da es gerne etwas sein möchte, wendet sich das Fleisch natürlicherweise an die Welt. In ihrem Reichtum, in der guten sozialen Stellung und der Ehre findet es das, was sein Sehnen nach Zerstörung und Diskriminierung befriedigt. Die Schrift warnt uns nicht umsonst vor der Welt. Auch erweckt nicht der Geist Gottes, der in jedem Gläubigen wohnt, die Lust nach den Dingen dieser Welt. Sondern der Geist gibt uns im Gegensatz dazu gerade die Gnade, der Welt und dem Fleisch zu widerstehen, wie geschrieben steht: „Gott widersteht dem Hochmütigen, dem Demütigen aber gibt er Gnade.“ Er reicht uns Kraft und Gnade dar, dem Fleisch und der Welt zu widerstehen, wenn wir damit zufrieden sind, klein und nichts in dieser Welt zu sein.

Um dem Hochmut des Fleisches richtig zu begegnen, folgen sieben Ermahnungen. Alle sind dem natürlichen Stolz unserer Herzen so entgegengesetzt, dass nichts als die Gnade, die durch den Geist geschenkt wird, uns fähig machen wird, sie zu verwirklichen.

(V. 7). 1. „Unterwerfet euch nun Gott.“ Nur Gnade führt zur Unterwerfung. Das Verständnis der Gnade und Güte Gottes wird solches Vertrauen zu Gott schenken, dass die Seele gerne ihren eigenen Willen aufgibt und sich Gott unterwirft. Anstatt jemand und etwas in der Welt sein zu wollen, wird der Glaube die Umstände freudig anerkennen, die Gott zulässt. Der Herr Jesus ist auch hier das vollkommene Vorbild in der vertrauensvollen Unterwerfung unter den Willen Gottes. Selbst in den traurigsten Umständen, als er z.B. aus den Städten geworfen wurde, in denen er Wunder der Liebe gewirkt hatte, sagte er: „Ja, Vater, denn also war es wohlgefällig vor dir“ (Mt 11,26).

2. „Widerstehet dem Teufel und er wird von euch fliehen.“ Wenn wir uns Gott unterordnen und mit den Umständen zufrieden sind, dann werden wir fähig sein, den Versuchungen des Teufels zu widerstehen, uns selbst durch die Dinge der Welt zu erhöhen. Wie in den Versuchungen des Herrn wird uns der Teufel vielleicht durch natürliche Bedürfnisse, durch religiösen Aufstieg und durch weltliche Besitztümer versuchen. Wenn wir diesen Versuchungen jedoch durch das Schwert des Geistes begegnen, welches das Wort Gottes ist, dann werden seine Listen entlarvt und er wird nicht fähig sein, vor der Gnade des Geistes in uns zu bestehen. Der Herr Jesus hat Satan besiegt, und in seiner Gnade können wir dem Teufel so widerstehen, dass er fliehen muss.

(V. 8). 3. „Nahet euch Gott, und er wird sich euch nahen.“ Wenn wir dem Teufel widerstehen, muss er fliehen, und die Seele ist frei, Gott zu nahen. Sie wird empfinden, dass er uns sehr nahe ist. Wenn wir Gott immer vor uns stellen, wie es der Herr Jesus in Vollkommenheit während seines Erdenlebens getan hat, dann werden wir feststellen, dass er zu unserer Rechten ist, und weil er nahe ist, werden wir nicht wanken (Ps 16,8). Gott zu nahen ist der Ausdruck des aktiven Vertrauens und der Abhängigkeit von Gott durch ein Herz, das durch die Gnade angerührt ist und deshalb Gottes Thron als Thron der Gnade empfindet.

4. „Säubert die Hände, ihr Sünder.“ Wenn wir Gott nahen wollen, dann müssen wir jede Tat richten, die seiner heiligen Gegenwart nicht entspricht, indem wir auch unsere Hände vor jeder Beschmutzung bewahren.

5. „Reiniget die Herzen, ihr Wankelmütigen.“ Es reicht nicht aus, allein die Hände zu waschen. Wir müssen auch das Böse in unseren Herzen richten. Die Pharisäer konnten eine große Schau veranstalten, wenn es um die äußere Reinigung der Hände ging, aber der Herr musste über sie sagen: „Ihr Herz ist weit entfernt von mir“ (Mk 7,3+6). Derjenige, der den Berg des Herrn besteigt und an seiner heiligen Stätte steht, muss unschuldige Hände und ein reines Herz besitzen (Ps 24,3–4). Das Herz ist der Sitz der Zuneigungen eines Christen. Diese müssen von allem gereinigt werden, was nicht in Übereinstimmung mit Gottes Willen ist.

(V. 9). 6. „Seid niedergebeugt und trauert und weinet.“ Wenn wir durch die Gnade des Geistes Gottes geleitet werden, so spüren wir den ernsten Zustand unter dem bekennenden Volk Gottes und finden darin keinen Grund zur Freude. Tatsächlich hat der Christ seine Freuden, die ihm kein Mensch rauben kann. Er erfreut sich der Gnade Gottes, die auch inmitten des Bösen der letzten Tage wirksam ist. Dennoch werden das hohle, unechte Lachen der bekennenden religiösen Welt und ihre falschen Freuden, durch die sie sich selbst betrügt und eine Abwechselung von dem alltäglichen Jammern sucht, das von der Gnade ergriffene Herz eines Gläubigen nur zur Trauer und zum Weinen bringen.

(V. 10). 7. „Demütiget euch vor dem Herrn, und er wird euch erhören.“ Wir sollen uns in Bezug auf den Zustand unter dem bekennenden Volk Gottes zweifellos demütigen. Vor allem jedoch sollte sich unsere Demütigung auf das beziehen, was wir in unserem eigenen Herzen vorfinden. Außerdem sollte die Demütigung in der Gegenwart des Herrn geschehen. Es handelt sich um ein Werk im Innern, durch welches sich die Seele ihrer Kleinheit angesichts der Größe Gottes bewusst wird. Unser natürliches Begehren ist, uns selbst über den anderen zu erheben. Nur Gnade wird uns dahin führen, uns vor dem Herrn zu demütigen. Wenn wir dazu bereit sind, wird er uns zu seiner Zeit erheben. Wenn wir dagegen versuchen, uns selbst zu erheben, dann werden wir gedemütigt werden.

Es sei hier noch einmal angemerkt, dass diese sieben Ermahnungen voraussetzen, dass wir inmitten eines riesigen Bekenntnisses leben, das durch eben diese Bosheiten gekennzeichnet ist, vor denen wir gewarnt werden. Weit entfernt davon, sich Gott unterzuordnen und dem Bösen zu widerstehen, rebelliert die Christenheit zunehmend gegen Gott und unterwirft sich dem Bösen. Die Christenheit geht auf sorglose Weise und durch die Lüste getrieben voll Lachen und Vergnügen ihren Weg, anstatt niedergeschlagen und betroffen zu sein. Sie ist stolz auf jede Errungenschaft, anstatt durch ihren Zustand gedemütigt zu sein. Zudem ist es nur in der Kraft und Gnade des Geistes, der in uns wohnt, möglich, diesen Ermahnungen zu entsprechen (V. 5). Für diejenigen, die durch den Geist geleitet werden, wird der Zustand dieses Bekennertums jeden Stolz vertreiben, so dass sie sich vor Gott demütigen, um inmitten all dieses Versagens Gnade zu finden. In Zukunft werden sie dafür Herrlichkeit ernten, wenn dann die Demütigen erhoben werden, denn „viele Erste werden Letzte, und Letzte Erste sein“ (Mk 10,31).

6. Das schlechte Reden über andere (4,11–12)

Der Apostel hat vor dem Hochmut des Fleisches gewarnt, das sich selbst zu erhöhen sucht. Nun warnt er uns davor, andere zu erniedrigen, indem wir schlecht über sie reden. Schlecht über andere zu reden ist ein indirekter Versuch, sich selbst zu erhöhen. Somit ist schlechtes Reden das Resultat von Selbstüberschätzung. Liebe kann und will nicht übel reden. Aus der Fülle des Herzens redet der Mund. Daher ist dieses schlechte Reden ein sicherer Hinweis darauf, dass Stolz und Bosheit und nicht die Liebe im Herzen Raum gefunden haben.

Zudem hat derjenige, der übel über seinen Bruder spricht, das königliche Gesetz vergessen, dass uns ermahnt, den Nächsten wie sich selbst zu lieben. Auch sagt das Gesetz ausdrücklich: „Du sollst nicht falsches Zeugnis wider deinen Nächsten reden.“ Gemäß dem Standard des Gesetzes soll der Bruder nicht herabgesetzt werden, sondern vielmehr der Gegenstand unserer Liebe sein und sein Ansehen nicht durch uns beeinträchtigt werden. Wenn es anders ist, dann leben wir nicht einmal gemäß dem Standard des Gesetzes. Wenn wir also böse gegen unseren Bruder sprechen, sprechen wir offensichtlich gegen das Gesetz. Anstatt Täter des Gesetzes zu sein, handeln wir, als ständen wir über dem Gesetz. Wir richten das Gesetz, statt dem Gesetz zu erlauben, uns zu richten. Außerdem bedeutet diese Übertretung des Gesetzes eine Beleidigung des Gesetzgebers und eine widerrechtliche Aneignung seines Platzes. Wenn unser Bruder etwas Falsches getan hat, so ist der Gesetzgeber fähig zu erretten oder zu richten, gemäß seiner vollkommenen Weisheit. Wer sind wir, dass wir meinen, einander richten zu können?

Sollten wir denn dem Bösen, das sich bei unserem Nächsten offenbart, gleichgültig gegenüberstehen? Überhaupt nicht. Andere Schriftstellen belehren uns deutlich darüber, wie wir mit diesem Bösen umgehen müssen, wenn die traurige Notwendigkeit da ist. Diese Schriftstelle hier warnt uns davor, böse zu sprechen. Derjenige, der böse über seinen Bruder spricht, behandelt nicht das Böse und will es offenbar auch nicht. Er spricht einfach übel, um seinen Bruder herabzuwürdigen. Es ist gut, uns bewusst zu sein, dass, wenn wir dem unversöhnlichen Bösen ein wenig nachgeben, indem wir übel über unseren Bruder sprechen, wir nicht nur unter das sinken, was sich für einen Christen gehört, sondern wir erfüllen nicht einmal die Gerechtigkeit des Gesetzes.

7. Eigenwille und Selbstvertrauen (4,13–17)

Schließlich warnt uns der Apostel vor zwei bösen Dingen, die häufig zusammen auftreten: der Eigenwille, der Gott aus den Lebensumständen heraushält (V. 13–14) und das Selbstvertrauen, durch das wir uns in unseren Tätigkeiten unser selbst rühmen (V. 15–17).

(V. 13–14). Ohne Berücksichtigung Gottes und der Brüder kann das Fleisch sagen „wir wollen“ in die und die Stadt gehen, dort ein Jahr verweilen, kaufen und verkaufen und Gewinne machen. Der Eigenwille entscheidet, wohin zu gehen, wie lange zu bleiben und was dabei zu tun ist. Es muss an den Dingen an und für sich nicht unbedingt etwas falsch sein. Das Falsche daran ist jedoch, dass Gott nicht alle unsere Gedanken beherrscht. Das Leben des Eigenwillens ist ein Leben ohne Gott. Man betrachtet das Leben so, als stünde es zu unserer persönlichen Verfügung. Wir vergessen, dass wir gar nicht wissen, was der morgige Tag mit sich bringen wird, und dass unser Leben nichts als ein Dampf ist, der vergeht.

(V. 15–17). Angesichts der Unsicherheit unserer Umstände und des vergänglichen Charakters des Lebens sollten wir weise wandeln, indem wir uns in demütiger Abhängigkeit von dem Herrn leiten lassen und immer sagen: „Wenn der Herr will.“ Leider rühmt sich das Fleisch nicht allein, seines eigenen Willens, sondern es findet auch noch Freude an seinem Rühmen. Wir werden daher noch einmal gewarnt. Wenn wir wissen, was wir Gutes tun könnten und ziehen im Eigenwillen dennoch vor, es nicht zu tun, dann ist es Sünde. Der Apostel sagt also hier nicht nur, dass Böses zu tun, Sünde ist. Sondern, wenn wir nicht das Gute tun, obwohl wir es kennen, ist das Sünde.

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