1 Timotheus 2 - eine Vers-für-Vers-Auslegung

Vers 6

„... der sich selbst gab zum Lösegeld für alle, wovon das Zeugnis zu seiner Zeit verkündigt werden sollte, ...“ (Vers 6) 

Zum Lösegeld gegeben

Jetzt kommt eine dritte Aussage vor uns. Der eine Mittler – der Mensch Christus Jesus – hat sich selbst zum Lösegeld für alle gegeben. Ein Lösegeld zu zahlen, war damals kein ungewöhnlicher Vorgang. Es wurde zum Beispiel für den Freikauf eines Sklaven bezahlt. Hier jedoch geht es nicht um eine Summe Geld, sondern darum, dass der Herr Jesus sich selbst als ein Lösegeld gegeben hat. Gott brauchte eine Grundlage, auf der er dem sündigen, verlorenen und geknechteten Menschen gegenüber handeln konnte. Diese Grundlage hat er gefunden. Der Herr Jesus hat nicht nur ein Lösegeld bezahlt, sondern er hat sich selbst zum Lösegeld gegeben. Er hat nichts zurückgehalten. Das ist die Einzigartigkeit des Preises, der bezahlt worden ist. Was das für ihn bedeutete sehen wir am Kreuz von Golgatha.

Das gegebene Lösegeld lässt uns an drei Dinge denken:

  • a) Von Natur aus befindet sich jeder Mensch in der Gewalt und in dem Machtbereich Satans. Kein Mensch kann sich daraus selbst befreien. Wir brauchen einen Erlöser, der diese Ketten bricht.
  • b) Von Natur aus steht jeder Mensch unter dem Fluch der Sünde und damit unter einem schrecklichen Gerichtsurteil. Der Lohn der Sünde ist der Tod. Auch hier besteht unsererseits keine Möglichkeit, diesem Urteil zu entgehen. Wir brauchen einen Erlöser, der dieses Gerichtsurteil auf sich nimmt.
  • c) Von Natur aus hat jeder Mensch Schuld aufgehäuft, die er nicht bezahlen kann. Wir sind vor Gott schuldig geworden und haben keine Möglichkeit, davon befreit zu werden. Wir brauchen einen Erlöser, der diese Schuld bezahlt.

Während in Vers 4 Gott der „Initiator“ ist, sehen wir hier den Herrn Jesus als den Handelnden. Er hat „sich selbst“ gegeben. Beide Seiten werden im Neuen Testament gezeigt. Es ist einerseits Gott, der seinen Sohn gab. Es ist andererseits der Sohn, der sich selbst gegeben hat. Das eine zeigt uns seinen Gehorsam und seine Hingabe an Gott, das andere seine Freiwilligkeit. Christus hat sich selbst gegeben. Er hat alles bezahlt und nichts zurückgehalten. Er ist nicht nur der Kaufmann, der alles verkaufte, was er hatte (Mt 13,44), sondern er tat mehr. Er gab sich selbst. Als er auf dieser Erde kam, hat er nicht nur alle seine berechtigten Ansprüche (als Schöpfer, als Messias, als Herr) zurückgestellt, sondern er hat sich selbst als Opfer gegeben.

Wir können nie genug mit dem Werk unseres Herrn am Kreuz beschäftigt sein. Paulus erwähnt den Tatbestand, dass der Herr Jesus „sich selbst“ gegeben hat, nicht nur hier, sondern auch an anderen Stellen (Gal 1,4; 2,19–20; Eph 5,2.25; Tit 2,14). Jedes Mal ist seine Hingabe mit einer besonderen Konsequenz verbunden. Dass er es „selbst“ tat, unterstreicht in allen Fällen, was Christus getan hat. Niemand anders hätte dieses Werk tun wollen. Niemand anders aber hätte dieses Werk auch tun können. Niemand anders als nur „er selbst“ hätte unser Erlöser sein können. Deshalb lag dieses heilige „muss“ über seinem Leben. „Der Sohn des Menschen muss in die Hände sündiger Menschen überliefert und gekreuzigt werden und am dritten Tag auferstehen“ (Lk 24,7). Es gab keinen anderen Weg. Dass er sich „gab“, weist ohne jeden Zweifel auf Golgatha hin.

Für alle gegeben

Von der Reichweite des Lösegeldes ist niemand ausgeschlossen. Es wurde im Hinblick auf alle Menschen bezahlt, wird aber nur im Fall derer wirksam, die es tatsächlich für sich in Anspruch nehmen. Erneut gebraucht Paulus das Wort „alle“. An dieser Stelle müssen wir sorgfältig zwischen dem Gedanken der Sühnung einerseits und dem der Stellvertretung andererseits unterscheiden. Die Bibel zeigt uns beide Seiten.

Sühnung bedeutet, dass der Herr Jesus durch sein Werk am Kreuz eine Grundlage geschaffen hat, auf der Gott befriedigt worden ist und allen Menschen Errettung zusprechen kann. Sühnung geschieht im Hinblick auf Gott. Durch unsere Sünden haben wir den heiligen Gott beleidig und verunehrt. Diese Verunehrung ist durch das Sühnungswerk des Herrn Jesus weggenommen worden – unabhängig davon, ob ein einziger Mensch errettet wird oder nicht. Gott ist durch das Werk am Kreuz völlig befriedigt und verherrlicht worden. Sühnung hat es also mit der Beschwichtigung des Zornes Gottes im Blick auf die Sünde zu tun. Wir sollten nicht gering darüber denken, wie sehr die Sünde Gott beleidigt hat. Wir sehen oft nur unsere Seite, aber wir sollten mehr die Seite Gottes sehen. Jede Sünde ist eine Verunehrung Gottes. Diese musste zuerst weggenommen werden. Die Sühnung allein aber rettet noch keinen Menschen. Sie ist die notwendige Voraussetzung. Um gerettet zu werden, muss jeder einzelne Mensch das Werk der Erlösung für sich persönlich in Anspruch nehmen. Er muss den Herrn Jesus als seinen Stellvertreter annehmen und glauben, dass er an seiner Stelle das Gericht getragen hat und in den Tod gegangen ist.

Der Herr Jesus hat sein Leben nicht zur Erlösung aller Menschen gegeben, sondern als Lösegeld. Dieser Unterschied ist wichtig. Das Lösegeld ist bezahlt. Damit ist die Grundlage gelegt, auf der Gott Sünder annehmen kann. Jeder kann kommen. Sühnung hat es mit allen zu tun. Stellvertretung hingegen nur mit denen, die den Herrn Jesus im Glauben annehmen und sein Werk als stellvertretend für sie in Anspruch nehmen.

Eine wichtige Parallelstelle zu unserem Vers ist Markus 10,45. Dort haben wir die Seite der Stellvertretung vor uns. Der Herr Jesus sagt von sich selbst: „Denn auch der Sohn des Menschen ist nicht gekommen, um bedient zu werden, sondern um zu dienen und sein Leben zu geben als Lösegeld für viele“. Der Unterschied zu unserem Vers ist augenfällig. Einmal heißt es „für alle“ und einmal heißt es „für viele“. Was dem deutschen Leser entgeht, ist die unterschiedliche Präposition „für“ im Grundtext. In 1. Timotheus 2 bedeutet die Präposition „im Hinblick auf“ während sie in Markus 10 „anstelle von“ bedeutet. „Im Hinblick auf“ kann man alternativ übersetzten „zum Besten oder zum Vorteil eines anderen“. „Anstelle von“ hingegen drückt „Ersatz“ oder „Gleichwertigkeit“ aus. Das erste ist Sühnung. Das zweite ist Stellvertretung. Der Herr Jesus ist „im Hinblick auf alle Menschen“ gestorben (Sühnung), aber er ist nicht „für alle Menschen gestorben“ (Stellvertretung). Das zu behaupten steht im völligen Gegensatz zu der Belehrung des neuen Testamentes. Es ist die böse und falsche Lehre der Allversöhnung.

In Römer 3,22 bringt Paulus diese beiden Seiten sehr schön zusammen. Er schreibt: „… Gottes Gerechtigkeit aber durch Glauben an Jesus Christus gegen alle und auf alle, die glauben“. „Gegen alle“ zeigt den Gedanken der Sühnung. Wieder werden „alle“ genannt. „Auf alle, die glauben“ zeigt uns den Gedanken der Stellvertretung. Der Sünder muss kommen. Er muss glauben.

Ein Zeugnis zu seiner Zeit

Eine vierte Aussage folgt. Sie bezieht sich darauf, dass von den herrlichen Heilstatsachen, die Paulus beschrieben hat, Zeugnis gegeben werden sollte. Was Gott im Herzen hatte, bleibt in Alten Testament verborgen. Erst nachdem der Herr Jesus auf die Erde kam und das Werk am Kreuz vollbrachte, konnte davon geredet werden, dass der Heiland Gott will, dass alle Menschen errettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen. Erst danach konnte davon geredet werden, dass der Herr Jesus als der eine Mittler durch sein Sühnungswerk die Grundlage gelegt hat, dass verlorene Menschen jetzt mit Gott versöhnt werden können. Diese Zeit war vorher nicht gekommen. Aber jetzt ist diese Zeit da. Wir nennen sie oft – und zu Recht – die Zeit der Gnade. Es ist eine Zeit, die durch Gnade gekennzeichnet ist. 2. Korinther 6,2 spricht von der „wohlangenehmen Zeit“, von dem „Tag des Heils“. Das ist die Zeitperiode, in der jetzt die Gnade Gottes zu allen Menschen ausgeht, um die zu retten, die das Werk vom Kreuz für sich persönlich in Anspruch nehmen. Es ist eine einzigartige Zeit – von allen anderen Zeitperioden (Heilszeitaltern) im Handeln Gottes mit den Menschen deutlich unterschieden.

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