1 Timotheus 2 - eine Vers-für-Vers-Auslegung

Vers 1

„Ich ermahne nun vor allen Dingen, dass Flehen, Gebete, Fürbitten, Danksagungen getan werden für alle Menschen, ...“ (Vers 1)

Eine wichtige Ermahnung

Dieser Vers macht die herausragende Bedeutung des Gebets - speziell des öffentlichen Gebets - klar. Paulus ermahnt „vor allen Dingen“. Das bedeutet: „als erstes“. Paulus spricht von einer Rangordnung und zeigt, dass diese Ermahnung besonders wichtig ist. Das gilt nicht nur speziell für das Gebet für alle Menschen, sondern generell für das Gebet. Das Gebet ist grundsätzlich ein wesentliches Element des christlichen Lebens. Es ist das Atmen der Seele und eines der ersten Kennzeichen geistlichen Lebens. Als Saulus von Tarsus zum Glauben an den Herrn Jesus gekommen war, konnte von ihm gesagt werden: „Siehe, er betet“ (Apg 9,11). Immer wieder fordert Paulus in seinen Briefen die Gläubigen zum Gebet auf. Dem Gebet kommt eine herausragende Bedeutung zu.

Das Wort „Ermahnung“ trägt hier nicht - wie an anderen Stellen - den Charakter einer Zurechtweisung, sondern den Charakter einer Ermunterung. Paulus gebraucht ein Wort, das auch mit „Trost“ oder „Zureden“ übersetzt werden kann. Es geht darum, dass die Gläubigen motiviert werden, der Aufforderung dieses Verses zu folgen. Gleichwohl ist es ein dringender Appell an das Gewissen. Es gibt kaum etwas das wichtiger ist als das Gebet. Die Formulierung „getan werden“ in der Gegenwartsform macht deutlich, dass man etwas gewohnheitsmäßig immer wieder tut. Das soll für das Gebet zutreffen.

Für alle Menschen

Konkret geht es um das öffentliche Gebet für „alle Menschen“. Wir müssen lernen, nicht nur unsere eigenen Bedürfnisse und die des Volkes Gottes im Auge zu haben, sondern die Bedürfnisse aller Menschen. Hier ist die Reichweite des Gebetes universal. Alle Menschen sind eingeschlossen - unabhängig welcher Rasse, Nationalität, Herkunft oder Geschlecht sie sind. Gott möchte nicht, dass wir unser Gebet einschränken. Die Gnade Gottes, die in der Person des Herrn Jesus erschienen ist, kann nicht auf bestimmte Menschen beschränkt sein. Sie richtet sich an alle Nationen. Wir dürfen nicht vergessen, dass Gott ein Interesse an allen Menschen hat. In 1. Mose 28 finden wir einen ersten Hinweis auf das Haus Gottes. Jakob war in Bethel und sah im Traum eine Himmelsleiter. Als er wach wurde, fürchtete er sich. Er spürte, dass dieser Ort Gottes Haus war. Dann fügt er die bezeichnenden Worte hinzu: „Dies ist nichts anderes als Gottes Haus, und dies die Pforte des Himmels“ (1. Mo 28,17). Er hatte das Empfinden, dass Gottes Haus die Pforte (Tür) des Himmels ist. Das ist der Gedanke, der hier vor uns steht. Gott möchte alle Menschen zu sich ziehen.

Das zu begreifen, war vor allem für Christen schwierig, die ursprünglich aus dem Judentum kamen. Für sie waren die „Unbeschnittenen“ (also die aus den Nationen) Feinde Gottes. Dieses Problem haben wir heute weniger. Dennoch kann falsch verstandene Isolation bis heute dazu führen, dass wir in der Praxis vergessen, welch eine gewaltige Reichweite das Evangelium Gottes hat. Es ist „Gottes Kraft, zum Heil jedem Glaubenden“ (Röm 1,16). Es entspricht dem Willen Gottes und dem Charakter seines Hauses, dass für „alle Menschen“ gebetet wird.

Für „alle Menschen“ zu beten bedeutet nicht einfach, dass wir in unseren Gebeten die Formulierung „wir beten für alle Menschen“ gebrauchen, sondern dass wir es konkret tun. Wir dürfen keine Schicht von Menschen in unseren Gebeten ausnehmen. Wir sollen nicht nur für die Männer beten, sondern auch für die Frauen. Wir sollen nicht nur für die Gläubigen, sondern auch für die Ungläubigen beten. Eltern und Kinder, Ältere und Jüngere, Verheiratete und Unverheiratete sind in unsere Gebete eingeschlossen. Paulus selbst war darin ein Vorbild. Immer wieder erinnert er seine Briefempfänger daran, wie er ein Mann des Gebets war und nicht nur das: er tat das Gebet für andere mit Freuden (Phil 1,3-4).

„Für alle Menschen“ bedeutet wörtlich „über alle Menschen“ oder „zugunsten von allen Menschen“. Es bedeutet nicht, dass wir „anstelle von“ allen Menschen beten sollen. Der Grundtext verwendet für die Präposition „für“ unterschiedliche Worte. Es geht darum, dass das Gebet im Hinblick auf alle Menschen geschieht. Es ist dieser universale Blickwinkel auf „alle Menschen“, den wir unbedingt im Auge behalten müssen. In Epheser 6,18 weist Paulus auf das Gebet „für alle Heiligen“ hin. Das steht nicht im Widerspruch zu unserem Vers hier. Der Epheserbrief zeigt uns den Ratschluss Gottes in Bezug auf Christus und seine Versammlung. Da ist das Gebet „für alle Heiligen“ (die diese Versammlung bilden) angemessen. Im 1. Timotheusbrief hingegen geht es um den Heiland-Gott und das Haus Gottes. Da ist das Gebet für „alle Menschen“ angemessen.

Flehen, Gebete, Fürbitten und Danksagungen

Paulus gebraucht vier verschiedene Ausdrücke für das Gebet:

  1. Flehen: Flehen ist ein bittendes Gebet und hat mit speziellen Nöten zu tun. Es ist das inständige Rufen zu Gott in einer konkreten Notsituation. Das tun wir nicht nur persönlich, sondern auch gemeinsam. Das kann in der örtlichen Versammlung der Fall sein. Es kann ebenso sein, wenn wir einfach als Geschwister zusammen kommen, um den Herrn eine besondere Notlage im Gebet vorzulegen. Das gilt z.B. für besondere Nöte im Volk Gottes und darüber hinaus oder bei besonderen Diensten, die getan werden. Flehen ist also das Rufen zum Herrn in einer speziellen Not. Es ist eine gesteigerte Form des Bittens.
  2. Gebete: Mit Gebet wird im Allgemeinen das Reden des Menschen mit Gott bezeichnet. Das Wort bedeutet, dass wir mit unseren Bitten vor Gott hintreten und sie ihm vorlegen. Gebet und Flehen sind eng miteinander verbunden. In Epheser 6,18 spricht Paulus von „allem Gebet und Flehen in dem Geist“. In Philipper 4,6 fordert er die Gläubigen auf, durch „Gebet und Flehen“ ihre Anliegen vor Gott kundwerden zu lassen. Das tun wir sowohl persönlich als auch gemeinsam. Was immer auf unserem Herzen liegt, können wir vor Gott ausbreiten.
  3. Fürbitten: Mit Fürbitte ist nicht in erster Linie - wie das deutsche Wort anzudeuten scheint -, das Beten für andere gemeint. Fürbitte ist vielmehr der freie Umgang mit Gott. Wörtlich könnte man übersetzen: „eine Begegnung mit jemanden haben“ oder „eine vertrauliche Unterhaltung haben“. Dazu sind wir durch die Gnade Gottes fähig. Wir reden ganz natürlich mit Gott - für uns selbst und für andere. Dazu braucht es keine gewählte und besondere Ausdrucksweise. Dennoch tun wir es immer in Ehrerbietung, Würde und Ehrfurcht. Petrus spricht davon, dass wir den als Vater anrufen, der ohne Ansehen der Person richtet (1. Pet 1, 17). Darin kommt beides zum Ausdruck. Einerseits Vertrauen und andererseits Ehrfurcht. Das nimmt natürlich nichts davon weg, dass wir im Gebet nicht nur an uns, sondern auch an andere denken sollten. Wir bitten für andere. Oft konzentrieren wir uns so sehr auf unsere eigenen Interessen, dass wir die Not anderer im Gebet hinten anstellen.
  4. Danksagungen: Danksagung ist Dankbarkeit, die vor Gott ausgesprochen wird. Sie ist die innere Haltung eines Gläubigen, der seinem himmlischen Vater vertraut, dass er ihm alles geben wird, was er braucht. Danksagung sollte in keinem Gebet fehlen. Viele Menschen sind undankbar. Der Christ hingegen sollte durch Dankbarkeit gekennzeichnet sein und diese sollte er im Gebet aussprechen. Eine Überprüfung unseres Gebetslebens würde vermutlich aufzeigen, dass wir häufig wesentlich intensiver bitten als danken. Oftmals danken wir gar nicht oder vielleicht einmal, wenn Gott uns erhört hat. Aber sooft wir gebeten haben, sooft können wir auch danken.

Was konkret wir beten sollen, bleibt in diesem Vers offen. Paulus spricht nicht über den eigentlichen Gebetsinhalt. Wenn es um Flehen, Gebete und Fürbitten geht, ist das allerdings nicht sehr schwierig. Wie aber steht es mit den Danksagungen? Vielleicht stellt sich die Frage, wie wir denn im Hinblick auf alle Menschen danken könnten. Die Antwort lautet, dass Gott seine guten Gaben über alle Menschen kommen lässt. Er ist ein gütiger Heiland Gott, der seine Geschöpfe mit dem versorgt, was sie zu Leben brauchen. Seine Wohltaten gelten allen Menschen. In der Bergpredigt weist der Herr Jesus darauf hin, dass Gott die Sonne über Böse und Gute aufgehen lässt und dass es über Gerechte und Ungerechte regnet (Mt 5,45). Für diese Gnade im Blick auf alle Menschen können wir z.B. unserem Gott „Danke“ sagen.

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