Der zweite Brief an die Korinther

Kapitel 3

Der zweite Brief an die Korinther

Einführung

Bereits in den Tagen des Apostels finden wir den Beginn von zwei großen Übeln innerhalb des christlichen Bekenntnisses.

  1. Es gab solche, die er nennt: „falsche Apostel, betrügerische Arbeiter, die die Gestalt von Aposteln Christi annehmen“ (2. Kor 11,13).
  2. Als eine Folge davon wurde das Wort Gottes verfälscht (2. Kor 2,17). Verderbliche Arbeiter führten zur Verfälschung des Dienstes.

Das, was seinen Anfang in den apostolischen Tagen nahm, hat heute sein Vollmaß erreicht. Um diesen beiden Übeln zu begegnen, stellt uns der Apostel Paulus in Kapitel 3 den wahren Dienst und seine Ergebnisse vor sowie in den Kapiteln 4 und 5 den wahren Diener und seine Kennzeichen. Wenn wir den Maßstab Gottes vor uns haben, sind wir in der Lage, das traurige Abweichen des christlichen Bekenntnisses zu erkennen, während wir uns selbst zugleich prüfen sollten, inwieweit wir den göttlichen Gedanken entsprechen.

Zuerst lernen wir nun in Kapitel 3,

  • dass die christliche Gemeinschaft ein Brief Christi ist,
  • wie sie durch den Dienst des Evangeliums dazu wird, und
  • wie dieser Brief lesbar bleibt, so dass alle Menschen Christus in seinem himmlischen Volk heute „lesen“ können.

Beweggrund von Paulus

„Fangen wir wieder an, uns selbst zu empfehlen? Oder benötigen wir etwa, wie einige, Empfehlungsbriefe an euch oder von euch?“ (Vers 1).

Bevor Paulus von diesem großen Thema spricht, macht er deutlich, dass er dies nicht aus egoistischen Motiven heraus tut. Falsche Lehrer hatten ihn herausgefordert und seine Apostelschaft in Frage gestellt. Falsche Belehrungen hatten den Dienst verdunkelt. Das zwang ihn dazu, den wahren Dienst und echte Diener zu verteidigen. Wenn er das hier tut, dann jedoch nicht, um sich selbst zu empfehlen oder die Empfehlung der Korinther zu suchen, aber auch nicht als jemand, der ihnen gegenüber empfohlen werden müsste.

„Ihr seid unser Brief, eingeschrieben in unsere Herzen, gekannt und gelesen von allen Menschen;“ (Vers 2).

Um einen solchen Gedanken zu zerstreuen, wendet sich der Apostel in sehr feinfühliger Weise an die Korinther und sagt ihnen sozusagen: „Wenn wir uns selbst empfehlen wollten, sollten wir nicht über unseren Dienst oder uns reden, sondern über Euch.“

Ihr seid unser Brief“, sagt er ihnen. Sie besaßen einen solch festen Platz in seinen Zuneigungen, dass wenn irgendjemand seine Apostelschaft anzweifeln würde, er sie alle auf die Versammlung in Korinth verweisen würde. Sie würden sowohl ihn selbst als auch seinen Dienst empfehlen.

Ein Brief Christi

„von euch ist offenbar, dass ihr ein Brief Christi seid, angefertigt durch uns im Dienst, geschrieben nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes, nicht auf steinerne Tafeln, sondern auf fleischerne Tafeln des Herzens“ (Vers 3).

In welcher Hinsicht aber konnte die Versammlung in Korinth Paulus empfehlen? Waren diese Gläubigen nicht der lebendige Ausdruck des Charakters Christi, den Paulus gepredigt hatte? Sie waren in ihrem praktischen Leben ein Brief zugunsten des Apostels, denn sie waren ein Brief, der Christus allen Menschen empfahl.

Paulus predigte den Korinthern die Person Christi. Der Geist Gottes nun benutzte diesen Dienst, um Christus diesen Gläubigen aus Korinth wertvoll zu machen. Er war es, der Christus auf ihre Herzen schrieb. So wurde diese Person - Christus -, der auf ihre Herzen geschrieben wurde, in ihrem Leben sichtbar ausgedrückt. Dadurch wurden sie zu Zeugen Christi - sie waren sozusagen ein Brief, gekannt und gelesen von allen Menschen. Und indem sie Christus empfahlen wurden sie zugleich zu einem Brief, der Paulus empfahl, das auserwählte Gefäß, durch das sie von Christus gehört hatten.

Wir finden also in diesen Versen eine schöne Beschreibung der wahren christlichen Gemeinschaft, die aus den einzelnen Gläubigen besteht, auf deren Herzen Christus geschrieben worden ist, nicht mit Tinte, sondern mit dem Geist des lebendigen Gottes. Auch nicht auf steinernen Tafeln, sondern auf fleischernen Tafeln des Herzens. Wie die Menschen im Alten Testament die zehn Gebote auf steinernen Tafeln lesen konnten, so können die Menschen heute Christus durch die Gläubigen lesen. Das Gesetz jedoch wurde auf steinerne Tafeln geschrieben, die tote Materie waren. Es bildet ein Zeugnis davon, was der Mensch sein und tun sollte, lässt aber das Herz unberührt. Durch den Dienst des Evangeliums dagegen schreibt der Geist des lebendigen Gottes Christus auf Herzen lebendiger Menschen, die ein Zeugnis von dem sind, was Christus ist.

Wir sind ein Brief Christi

Manchmal hört man: „Wir sollten Briefe Christi sein.“ Der Apostel sagt jedoch nicht: „Seid ein Brief Christi!“, sondern: „Ihr seid ein Brief Christi“. Paulus kann sogar noch etwas hinzufügen, da er gehört hatte, dass die Versammlung in Korinth zu einem guten, geistlichen Zustand wiederhergestellt worden war: „Von euch ist offenbar, dass ihr ein Brief Christi seid.“ Der Apostel unterscheidet also, dass man ein Brief Christi geworden ist auf der einen Seite, und dass man als solcher auch offenbar geworden ist auf der anderen Seite, gekannt und gelesen von allen Menschen. Wenn wir den falschen Gedanken in uns aufnehmen, dass wir ein Brief Christi sein sollen, werden wir daran arbeiten und uns selbst bemühen, ein solcher durch eigene Anstrengungen zu werden. Das aber würde uns nicht nur in eine gesetzliche Beschäftigung mit uns selbst führen, sondern auch das Werk des Geistes des lebendigen Gottes ausschließen.

Tatsächlich werden wir ein Brief Christi nicht durch eigene Bemühungen, sondern durch den Geist Gottes, der Christus auf unsere Herzen schreibt. Wenn wir keine Briefe Christi sind, sind wir überhaupt keine Christen. Ein Christ ist jemand, dem Christus wertvoll geworden ist durch das Werk, das der Geist Gottes in seinem Herzen vollbracht hat. Ein Mensch wird nicht durch die verstandesmäßige Kenntnis Christi zu einem Christen, denn diese kann auch ein unbekehrter Mensch haben. Es geht darum, dass Christus auf das Herz geschrieben wird. Als Sünder entdecken wir, dass wir Christus nötig haben, aber wir sind mit unseren Sünden belastet. Wir finden Erleichterung in der Erkenntnis, dass Christus durch sein Sühnungswerk für unsere Sünden gestorben ist und dass Gott das Werk angenommen und Christus in der Herrlichkeit zu seiner Rechten gesetzt hat. Unsere Zuneigungen werden zu dem Einen gebracht, durch den wir gesegnet worden sind. Er wird uns wertvoll. Das ist der Weg, wie Christus auf unsere Herzen geschrieben wird.

Unsere Verantwortung besteht nicht darin, so gut wie möglich unser Leben zu führen, um ein Brief Christi zu werden, sondern in dem Bewusstsein, dass wir ein Brief Christi sind. Unsere Aufgabe ist, ein solches Leben zu führen, dass dieser Brief von allen Menschen gelesen werden kann. Es ist klar, dass wenn irgendjemand einen Brief schreibt, er das mit dem ausdrücklichen Willen tut, dass dieser auch gelesen wird. Wenn es sich um einen Empfehlungsbrief handelt, soll er die Person empfehlen, die in dem Brief genannt wird. Wenn also der Geist Gottes Christus auf die Herzen der Gläubigen schreibt, dann tut Er das mit dem Ziel, dass sie zusammen ein Empfehlungsbrief werden, um Christus der sie umgebenden Welt zu empfehlen. Durch ihren heiligen und abgesonderten Lebenswandel und durch ihre gegenseitige Liebe, ihre Demut und Sanftmut, ihre Freundlichkeit und Gnade sollen sie den wunderbaren Charakter Christi offenbaren.

Gemeinsam sind wir ein Brief Christi

Es fällt auf, dass der Apostel nicht von „Briefen Christi“ schreibt, sondern davon, dass sie „ein Brief Christi“ sind. Er betrachtet also die Gläubigen zusammen und schreibt, dass sie gemeinsam den Charakter Christi offenbaren. Wir können zu Recht geübt sein, was unseren persönlichen Lebensweg betrifft, zugleich jedoch leider gleichgültig, was den geistlichen Zustand der Versammlung angeht.

So war es bei den Gläubigen in Korinth. Sie führen ihr Leben in unordentlicher Weise. Aber aufgrund des ersten Briefes von Paulus hatten sie sich von dem Bösen gereinigt, so dass er nicht nur sagen kann, dass sie als Versammlung ein Brief Christi waren, sondern dass sie ein Brief waren, „gekannt und gelesen von allen Menschen“.

Inschrift eines Grabes

Aber auch das Geschriebene kann undeutlich werden. Ein befleckter und verwischter Brief hört nicht auf, ein Brief zu sein. Christen gleichen oft der Schrift auf alten Grabsteinen. Sie sind nur noch schwache Hinweise auf eine Inschrift. Ein großer Buchstabe hier und da zeugt davon, dass einmal ein Name auf diesen Stein geschrieben worden ist. Aber er ist so verwittert und verdreckt, dass es nahezu unmöglich ist, die Schrift zu entziffern. So kann es auch bei uns werden. Als der Geist Gottes am Anfang Christus auf das Herz schrieb, waren die Zuneigungen vorhanden und das Leben sprach deutlich von Christus. Als die Schrift neu und klar war, konnten wir von allen Menschen erkannt und gelesen werden. Aber nach einer gewissen Zeit ist es möglich, dass die Welt wieder ins Herz hineinrutscht. Dann verschwindet Christus mehr und mehr aus unserem Leben. Die Schrift wird immer undeutlicher, bis die Menschen schließlich viel von der Welt und meinem Fleisch sehen können, dagegen wenig - wenn überhaupt etwas - von Christus.

Dennoch sind und bleiben Christen trotz ihres Versagens Briefe Christi. Zugleich bleibt es Gottes großer Wunsch, dass die Menschen den Charakter Christi in dem Leben seines Volkes kennenlernen. So, wie es bei den steinernen Tafeln im Alten Testament war, als die Menschen lesen konnten, was die Gerechtigkeit Gottes von dem Menschen unter Gesetz forderte, so sollte die Welt heute in dem Leben der Gläubigen lesen können, was die Liebe Gottes dem Menschen unter Gnade bringt.

„Solches Vertrauen aber haben wir durch Christus zu Gott:“ (Vers 4).

Die Folge der Predigt des Apostels kam in dem veränderten Leben der Korinther zum Ausdruck. Dieser Lebenswandel war durch den Geist Gottes bewirkt worden und bringt den Apostel dazu, von seinem Vertrauen im Blick auf seinen Dienst zu sprechen. Er hatte das Vertrauen, dass durch die Gnade Gottes, die ihm durch Christus gegeben worden war, sein Dienst die Wahrheit war, die der Geist benutzte, um Leben zu geben.

Nicht die Kraft von Paulus

„... nicht, dass wir von uns selbst aus tüchtig sind, etwas zu denken als aus uns selbst, sondern unsere Tüchtigkeit ist von Gott, der uns auch tüchtig gemacht hat zu Dienern des neuen Bundes, nicht des Buchstabens, sondern des Geistes. Denn der Buchstabe tötet, der Geist aber macht lebendig“ (Verse 5.6).

Zugleich lehnt Paulus sorgfältig jeden Gedanken an eine in ihm selbst wohnende Fähigkeit ab. Er war vollkommen abhängig von Gott und seiner Gnade, die ihn fähig machte, die Wahrheit zu verkündigen. Seine Tüchtigkeit war von Gott, der die Apostel fähig gemacht hatte, Diener des neuen Bundes zu werden.

Der neue Bund wird uns vom Propheten Jeremia vorgestellt (Jer 31,31–34). Die beiden großen Segnungen des neuen Bundes sind Vergebung der Sünden und die Kenntnis Gottes. Diese Segnungen kommen - wie auch alle anderen - auf der Grundlage des Blutes Christi zu dem Menschen. Daher sagt der Herr Jesus bei der Einsetzung des Gedächtnismahls: „Dieser Kelch ist der neue Bund in meinem Blut“ (Lk 22,20).

Der neue Bund

Die Wahrheit, dass die Heiligen ein Brief sind - geschrieben auf dem Herzen - im Gegensatz zu der Gesetzesschrift auf steinernen Tafeln führt den Apostel dazu, sich auf den neuen Bund zu beziehen. Denn auch der neue Bund wird auf Herzen geschrieben: „Ich werde mein Gesetz in ihr Inneres legen und werde es auf ihr Herz schreiben“ (Jer 31,33).

Wenn Paulus auch von sich als dem Diener des neuen Bundes spricht, ist es ihm doch wichtig hinzuzufügen, „nicht des Buchstabens, sondern des Geistes“. Denn er schreibt Gläubigen aus dem Heidentum. Sie würde der Buchstabe des neuen Bundes „töten“, oder, um es in anderen Worten zu sagen, sie von allem Segen ausschließen. Denn was den Buchstaben betrifft, bezieht sich auch der neue Bund nur auf das Haus Israels und Judas. Der Geist des neuen Bundes bzw. der Segen, den Gott mit dem neuen Bund im Sinn hat, ist dagegen für alle Menschen. Das ist in Übereinstimmung mit dem Auftrag des Herrn an seine Jünger, dass „in seinem Namen Buße und Vergebung der Sünden gepredigt werden sollte allen Nationen“ (Lk 24,47).

Paulus geht dann von dem Geist des neuen Bundes weiter zum Heiligen Geist und fügt hinzu: „Der Geist aber macht lebendig.“ Der Heilige Geist gibt Leben durch ein Werk in Seelen, durch das sie zur Kenntnis des Herrn und der Vergebung ihrer Sünden gebracht werden (vgl. Heb 8,10–12).

Alter und neuer Bund

„(Wenn aber der Dienst des Todes, mit Buchstaben in Steine eingegraben, in Herrlichkeit begann, so dass die Söhne Israels das Angesicht Moses nicht unverwandt anschauen konnten wegen der Herrlichkeit seines Angesichts, die weggetan werden sollte, wie wird nicht viel mehr der Dienst des Geistes in Herrlichkeit bestehen? Denn wenn der Dienst der Verdammnis Herrlichkeit hat, so ist noch viel mehr der Dienst der Gerechtigkeit überströmend in Herrlichkeit. Denn auch das Verherrlichte ist in dieser Beziehung nicht verherrlicht, wegen der überragenden Herrlichkeit. Denn wenn das, was weggetan werden sollte, mit Herrlichkeit eingeführt wurde, wie viel mehr wird das Bleibende in Herrlichkeit bestehen!“ (Verse 7-11).

In den Versen 7 bis 16 spricht der Apostel in einer langen Einschaltung vom Gegensatz zwischen dem alten und dem neuen Bund. Diesen Unterschied deutlich zu machen war deshalb sehr nötig, da in Korinth, wie wir schon in dem Schlussvers des vorherigen Kapitels gesehen haben, falsche Lehrer arbeiteten, die das Wort Gottes verfälschten. Das Ergebnis ihrer Arbeit war, dass die Heiligen in Gefahr standen, von der Grundlage der Gnade zu einer Vermischung von Gesetz und Gnade geführt zu werden. Der Apostel möchte nun bis zum Ende des Kapitels zeigen, dass wir in unseren Seelen nur dann bewusst auf der Grundlage der Gnade bewahrt werden können, wenn wir unsere Augen auf Christus in der Herrlichkeit gerichtet halten, auf den Einen, durch den alle Gnade Gottes zu uns fließt. Zuerst spricht Paulus vom Charakter des alten Bundes und seinen Auswirkungen auf diejenigen, die unter diesen Bund kommen.

Der Dienst des Todes und der Verdammnis

1. Das Gesetz ist der Dienst der Verdammnis und des Todes. Wir müssen uns daran erinnern, dass das Gesetz „heilig und gerecht und gut“ war (Röm 7,12). Es war eine von Gott gegebene Regel für das Verhalten der Menschen auf Erden, nicht jedoch ein Mittel, um den Weg zum Himmel zu zeigen. Aber es wurde auf den Menschen angewandt, der ein Sünder war. Es bewies diesem, dass er Sünden beging, indem es genau die Dinge verbot, die er tat. Darüber hinaus bewies das Gesetz das Vorhandensein einer bösen Natur, die gerade die Dinge zu tun begehrte, die verboten waren. Während sich neun der zehn Gebote auf einen äußerlichen Lebenswandel bezogen, hat das zehnte mit einer inneren Haltung zu tun: „Du sollst nicht begehren …“ (2. Mo 19,17). Ein Mensch mag äußerlich tadellos in seinem Verhalten sein, aber die Anwendung des Gesetzes auf seine inneren Gedanken beweist, dass bei ihm ein Begehren vorhanden ist und er daher das Gesetz bricht.

Das Gesetz überführt somit im Blick auf wirkliche Sünden und beweist die böse Natur des Menschen. So wird es zu einem Dienst der Verdammnis, und diese Verdammnis ist nichts anderes als der Tod. Das heilige Gesetz Gottes, das auf einen Menschen angewendet wird, der bereits Sünder ist, wird für diesen also zu einem Dienst der Verdammnis und des Todes.

2. Das Gesetz war geschrieben und in Steine eingegraben worden. Das Gesetz schrieb nichts auf die Herzen von Menschen. Es sagte dem Menschen nicht auf direkte Weise, was er war, sondern eher, was er sein sollte, sowohl in seinem Herzen als auch im Blick auf seinen äußerlichen Lebenswandel. Aber das Herz des Menschen berührte es nicht. Es sagte ihm, wie sein Leben aussehen sollte, gab ihm aber nicht Leben oder Kraft dazu, oder eine neue Natur. Das auf die Steine Geschriebene ist ein vollkommener Zeuge dafür, was ich als Kind Adams sein sollte, sowohl was meine Beziehung zu Gott betrifft als auch zu meinem Nächsten. Wenn es aber ein Zeuge für mich ist, ist es zugleich auch ein Zeuge gegen mich, denn es beweist, dass ich nicht das bin, was ich eigentlich sein sollte. Das, was auf Steine geschrieben wurde, sagt: „Tu dies und du wirst leben!“ Aber ich weiß, dass ich das Gesetz nicht gehalten habe. Daher wird das Gesetz, das auf Steine eingeschrieben wurde, für mich ein Dienst des Todes.

Das Gesetz ist vergänglich

3. Das Gesetz vergeht. Der Apostel spricht von dem Gesetz als etwas, das „weggetan werden sollte“. Es muss Platz machen für das, was bleibt. Es kam „daneben ein“ (Röm 5,20), bis der Nachkomme erscheinen sollte. Das Gesetz bewies den vollständigen Ruin des Menschen und bereitete dadurch den Weg Gottes dafür vor, seine Gnade zu offenbaren. Nachdem sich der Mensch in seinem wahren Charakter vollkommen entlarvt hatte, war das Werk des Gesetzes getan, und es musste der Gnade und Wahrheit, die durch Jesus Christus gekommen ist, Platz machen.

4. Das Gesetz wurde mit Herrlichkeit eingeführt. Um die Aussage richtig zu verstehen, dass der alte Bund „mit Herrlichkeit eingeführt wurde“, müssen wir uns daran erinnern, dass Herrlichkeit die Offenbarung Gottes ist. Die Herrlichkeit Gottes verkündet, wer Gott ist. Wir haben auch zu bedenken, dass das Gesetz zweimal gegeben worden ist. Der Apostel bezieht sich hier auf das zweite Geben des Gesetzes. Bei der ersten Gelegenheit kam Mose von dem Berg herunter, mit den beiden Steintafeln in seiner Hand. Aber bei diesem Mal leuchtete sein Angesicht nicht voller Herrlichkeit (2. Mo 32,15). Es war das reine Gesetz, das dem Menschen Bedingungen auferlegte. Es wurde nicht begleitet von irgendeiner Offenbarung der Herrlichkeit Gottes in Barmherzigkeit zugunsten des Menschen. Als sich Mose dann dem Lager näherte, traf er auf ein Volk, das in Götzendienst gefallen war und somit das erste Gebot bereits gebrochen hatte. Wenn Mose jetzt das reine Gesetz in die Mitte einer solchen gefallenen Gesellschaft gebracht hätte, wären sie an dem sofortigen überwältigenden Gericht Gottes gestorben. Daher „warf Mose die Tafeln aus seinen Händen und zerbrach sie unten am Berg“ (2. Mo 32,19). So kommt er in die Mitte des Volkes ohne die zwei Tafeln. Reines Gesetz kam nie in dem Lager Israels an.

Daraufhin ging Mose ein zweites Mal auf den Berg und flehte Gott für das Volk an. Gott antwortete auf diese Bitten in Gnaden und gab eine teilweise Offenbarung seiner selbst in Güte und Gnade und Barmherzigkeit. Das lässt uns einen Blick auf seine Herrlichkeit tun: Es ist nicht das Gesetz, das vom Menschen fordert, wie er sein muss, sondern die Herrlichkeit, die offenbart, wer Gott ist. „Und der Herr ging vor seinem Angesicht vorüber und rief: Herr, Herr, Gott, barmherzig und gnädig, langsam zum Zorn und groß an Güte und Wahrheit, der Güte bewahrt auf Tausende hin, der Ungerechtigkeit, Übertretung und Sünde vergibt - aber keineswegs hält er für schuldlos den Schuldigen, der die Ungerechtigkeit der Väter heimsucht an den Kindern und Kindeskindern, an der dritten und an der vierten Generation“ (2. Mo 34,6.7). Es wird ganz deutlich, dass hier nicht reines Gesetz spricht. Aber es ist auch nicht reine Gnade - die souveräne Gnade Gottes, die in Christus offenbart wurde. Es handelt sich vielmehr um die Güte Gottes, die sich in seiner Regierung zeigt: Gott wird keineswegs den Schuldigen ungestraft lassen, während Er allein auf der Grundlage von Gnade den Gottlosen rechtfertigen kann.

Die Folge dieser teilweisen Offenbarung der Herrlichkeit Gottes bestand darin, dass das Angesicht Moses leuchtete, als er das zweite Mal von dem Berg herab kam (2. Mo 34,29–35). Das Volk konnte die Widerspiegelung dieser teilweisen Offenbarung der Herrlichkeit Gottes im Angesicht Moses jedoch nicht ertragen. Sie konnten ihn wegen der Herrlichkeit seines Aussehens nicht unverwandt anschauen. Kein Mensch ist in der Lage, die Offenbarung Gottes zu ertragen, selbst wenn es sich nur um eine teilweise Enthüllung handelt, wenn diese mit dem Gesetz verbunden ist. Die Reaktion auf solch eine Verbindung wird sein, wie J. N. Darby einmal gesagt hat: „Entweder wird man versuchen, sich vor Gott zu verbergen, wie Adam das im Garten Eden getan hat, oder man wird versuchen, Gott von sich fern zu halten, wie Israel es tat, als sie Mose anflehten, eine Decke auf sein Gesicht zu legen“.

Auf diese Weise wird bewiesen, dass wir nicht das geringste Zeugnis der Herrlichkeit Gottes in seiner Heiligkeit, Gnade und Güte ertragen können, wenn es verbunden ist mit dem, was wir in eigener Anstrengung tun müssten, um dieser Herrlichkeit begegnen zu können. Nein, je mehr von der Herrlichkeit Gottes offenbart wird, die mit solchen Bedingungen verknüpft wird, desto unmöglicher ist es für uns, diese Herrlichkeit zu ertragen.

Nachdem Paulus den Charakter und die Folgen des Gesetzes gezeigt hat, stellt er im Kontrast dazu den Dienst der Gnade vor. Er spricht von diesem Dienst als vom „Dienst des Geistes“, dem „Dienst der Gerechtigkeit“, dem „Bleibenden“ und schließlich von dem Dienst, der nicht nur an Herrlichkeit überragender ist, sondern auch in Herrlichkeit bestehen bleiben wird (Verse 8-11).

Der Dienst des Geistes

Das Gesetz war „mit Buchstaben in Steine eingegraben“ (vgl. auch 2. Mo 32,16); das Evangelium ist der Dienst des Geistes Gottes, durch den Christus auf das Herz geschrieben wird. Zudem hängt die Existenz, der Beginn und die Fortdauer des Dienstes des Geistes von der Herrlichkeit Christi ab. Die Herrlichkeit, in der Christus jetzt thront, ist der Zeuge der unendlichen Befriedigung Gottes im Blick auf Christus und sein Werk. Gott ist so vollkommen befriedigt, dass es nun einen Menschen in der Herrlichkeit gibt - einen, der vollkommen passend ist für die volle Offenbarung Gottes. Das Kommen des Geistes ist die Antwort auf diese Herrlichkeit. Nachdem Christus in die Herrlichkeit aufgefahren war, konnte der Geist kommen und in den Herzen von Sündern wirken. Er offenbart ihnen alles das, was Gott ist und wie wir es im Angesicht Christi anschauen dürfen.

Der Dienst der Gerechtigkeit

Wir lernen weiter, dass das Evangelium der Herrlichkeit Christi „der Dienst der Gerechtigkeit“ ist. Das Gesetz war ein Dienst der Verdammnis, weil es Gerechtigkeit von Sündern verlangte und den Menschen wegen seiner Ungerechtigkeit verdammte. Das Evangelium dagegen, anstatt Gerechtigkeit von Sündern zu verlangen, verkündet diesen Sündern die Gerechtigkeit Gottes. Es sagt uns, dass Christus als Sühnung für unsere Sünden gestorben ist und dass Gott seine vollkommene Befriedigung über das, was Christus getan hat, dadurch gezeigt hat, dass er Ihn zu Recht verherrlicht hat, und dass nun durch Christus Gott zu Recht Vergebung der Sünden einer Welt von Sündern verkündigt und darüber hinaus zu Recht den Sünder, der an Jesus glaubt, umsonst rechtfertigt (Röm 3,24.26). So verkündet uns das Evangelium der Herrlichkeit Christi nicht nur die Liebe und Gnade Gottes, sondern auch die Gerechtigkeit Gottes selbst.

Der bleibende Dienst

Im Gegensatz zu dem Gesetz ist der Dienst der Gnade etwas, das bleibt. Das Gesetz kam daneben ein, um den Menschen zu entlarven. Damit sollte jedoch nur der Weg gebahnt werden für das Kommen Christi. Nachdem Christus gekommen ist, haben wir jemanden vor uns, der nicht vergehen kann, noch kann seine Herrlichkeit verdunkelt werden oder sein Werk seine Wirkung verlieren. Daher müssen alle Segnungen des Evangeliums der Herrlichkeit, die von der Herrlichkeit Christi abhängen, genauso bleibend sein wie Christus es ist.

Der Dienst, der in der Herrlichkeit fortbestehen wird

Das Gesetz, das weggetan wurde, wurde zusammen mit einem Blick auf die Herrlichkeit eingeführt. Das, was bleibt, übertrifft diese Herrlichkeit nicht nur bei weitem, sondern bleibt in der Herrlichkeit bestehen. Es hängt in seiner Existenz von der vollen Offenbarung der Herrlichkeit Gottes in Christus ab. Nachdem nun Christus und sein Werk eine vollkommen befriedigende Antwort auf die Herrlichkeit Gottes gegeben haben, kann die Herrlichkeit Gottes vollständig in dem Evangelium der Herrlichkeit offenbart werden.

„Da wir nun eine solche Hoffnung haben, so gebrauchen wir große Freimütigkeit und tun nicht wie Mose, der eine Decke über sein Angesicht legte, damit die Söhne Israels nicht das Ende dessen anschauen sollten, was weggetan werden sollte“ (Verse 12.13).

Nachdem wir den Segen des Dienstes des Evangeliums gesehen haben, der uns einen bleibenden Platz in der Herrlichkeit gibt, können wir mit großer Freimütigkeit reden. Wir müssen nicht wie Mose eine Decke über die Herrlichkeit legen. Die Herrlichkeit Gottes in seiner Heiligkeit und Liebe kann völlig verkündet werden. Denn sie wird in dem Angesicht Jesu sichtbar, des Einen, der gestorben ist, um alles wegzutun, das im Gegensatz zu dieser Herrlichkeit steht. Die Herrlichkeit im Angesichts Moses wurde verhüllt, so dass Israel weder das Ausmaß der Herrlichkeit des Gesetzes sehen konnte noch das Ausmaß der Herrlichkeit Christi, der „das Ende“ ist, auf welches das Gesetz hinwies.

„Aber ihr Sinn ist verhärtet worden, denn bis auf den heutigen Tag bleibt beim Lesen des alten Bundes dieselbe Decke unaufgedeckt, die in Christus weggetan wird. Aber bis auf den heutigen Tag, wenn irgend Mose gelesen wird, liegt die Decke auf ihrem Herzen. Wenn es aber zum Herrn umkehren wird, so wird die Decke weggenommen.)“ (Verse 14-16).

Israels Sinn ist verhärtet worden und bleibt noch immer in diesem Zustand. Wenn sie das Gesetz lesen, können sie nicht den Einen sehen, auf den das Gesetz hinweist. Denn ihre Herzen verharren im Unglauben. Die Decke, die auf dem Gesicht Moses lag, ist nun auf den Herzen der Juden. Wenn Israel am Ende zum Herrn umkehren wird, wird die Decke weggetan werden. Letztlich ist das auch für uns wahr: Nur dann, wenn wir uns zu dem Herrn wenden, werden wir erleben, dass die Blindheit und Finsternis unserer Herzen weggetan wird.

Der Geist des neuen Bundes

„Der Herr aber ist der Geist; wo aber der Geist des Herrn ist, ist Freiheit. Wir alle aber, mit aufgedecktem Angesicht die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bild von Herrlichkeit zu Herrlichkeit, als durch den Herrn, den Geist“ (Verse 17.18).

Nachdem der Apostel die Einschaltung der Verse 7 bis 16 zu Ende geführt hat, führt er das Thema von Vers 6 weiter. Dort hatte er von dem Geist des neuen Bundes gesprochen, der im Blick auf alle wirkt, während der Buchstabe sich nur auf den neuen Bund für Israel beschränkt.

Der Apostel knüpft an diesen Gedanken an und sagt nun: „Der Herr aber ist der Geist.“ Das Wort Geist bezieht sich hier wahrscheinlich nicht auf den Heiligen Geist, wie W. Kelly in seiner Auslegung über diesen Brief schreibt. Die Bedeutung scheint zu sein, dass der Herr der Geist oder das Wesen des alten Bundes ist. Alle seine Formen, Opfer und Feiern sind ein Hinweis auf Christus. Das Gesetz war ein Schatten der künftigen, besseren Dinge, aber Christus ist das Ebenbild, der eigentliche Körper (vgl. Heb 10,1; Kol 2,17). Der Unglaube will Christus nicht in der ganzen Schrift sehen, aber der Glaube versteht, dass in jedem Teil des Wortes auf den Herrn hingewiesen wird, ganz besonders in der Stiftshütte, in den Opfern und den verschiedenen Diensten.

Nachdem der Apostel von dem Herrn als Geist gesprochen hat, der die wahre innere Bedeutung dessen angibt, was im Alten Bund verkündigt worden war, spricht er jetzt von dem Geist des Herrn. Hier geht es zweifellos um den Heiligen Geist. Der Apostel sagt aus, dass „wo der Geist des Herrn ist, Freiheit ist“. Diejenigen, auf die Kapitel 2,17 hinweist, wollten die Heiligen dadurch in Knechtschaft führen, dass sie die Gläubigen mit sich selbst beschäftigten. Der Geist dagegen führt zur Freiheit, indem Er die Seele zu Christus in der Herrlichkeit lenkt. Solche Gläubigen haben keine Furcht, die Herrlichkeit des Herrn anzuschauen. Sie können diese Herrlichkeit in dem Angesicht Jesu ohne Decke anschauen, denn der Eine, in dessen Angesicht die Herrlichkeit scheint, hat alle Ansprüche der Herrlichkeit erfüllt.

Die verändernde Kraft der Herrlichkeit Christi

Zudem gibt es eine verändernde Kraft, wenn man den Herrn in der Herrlichkeit anschaut. Diese verändernde Kraft steht allen Gläubigen zur Verfügung - dem jüngsten wie dem ältesten Christen. „Wir alle“ - nicht nur „wir Apostel“ - „die Herrlichkeit des Herrn anschauend, werden verwandelt nach demselben Bild“. Diese Veränderung wird nicht durch unsere eigenen Anstrengungen bewirkt, auch nicht indem wir kämpfen, wie der Herr zu werden. Dieser Wandel wird auch nicht dadurch erreicht, dass wir versuchen, einige hingebungsvolle Heilige zu imitieren. Es geschieht einfach dadurch, dass wir die Herrlichkeit des Herrn anschauen. Es gibt keine Decke auf seinem Gesicht. Wenn wir Ihn anschauen, wird nicht nur jede Decke der Finsternis von unseren Herzen weichen, sondern wir werden in moralischer Hinsicht Ihm immer ähnlicher, indem wir von Herrlichkeit zu Herrlichkeit verwandelt werden.

In diesem Sinn schreibt der Heilige Geist Christus nicht nur auf unsere Herzen, so dass wir zu Briefen Christi werden, sondern insoweit wir unsere Herzen mit Christus in der Herrlichkeit beschäftigen, verändert Er uns in sein Bild und bewahrt diese Schrift klar und deutlich lesbar. So sind wir nicht nur Briefe Christi, sondern werden zu Briefen, die gekannt und gelesen werden von allen Menschen.

Der Heilige Geist beschäftigt uns nicht mit unserem Scheinen für Christus. Mose sah etwas von der Herrlichkeit Gottes und fing sofort an zu leuchten. Aber wir lesen: „Mose wusste nicht, dass die Haut seines Angesichts strahlte“ (2. Mo 34,29). Er war nicht mit seinem leuchtenden Gesicht beschäftigt, sondern mit der Herrlichkeit Gottes. Diese Herrlichkeit ist in Christus. Und nur, wenn wir mit Ihm beschäftigt sind, werden wir ein wenig seiner Herrlichkeit widerspiegeln.

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